Telemedizin: Im Landeanflug auf die Praxis

11. September 2014
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Telemedizinische Innovationen sind längst Teil der medizinischen Versorgung geworden. Jetzt zeigen Hersteller im Showroom der Bayerischen TelemedAllianz, wie sich Arztpraxen, Kliniken und Wohnungen digital vernetzen lassen.

Ingolstadt hat eine Attraktion mehr: Im „Showroom.Telemedizin.Bayern“ informieren Hersteller und Forscher, wie Telemedizin-Geräte funktionieren und wie sich damit Prozessketten aufbauen lassen. Intelligente Lösungen decken weite Bereiche der medizinischen Versorgung ab, vom Notfall bis hin zur ambulanten medizinischen Versorgung.

Bessere Zusammenarbeit im Notfall

Die Rundreise durch technologische Welten beginnt beim Unfallchirurgen. Mit TKmed® steht ein leistungsfähiges, bundesweites Netzwerk zur Verfügung, um Daten schnell und sicherheitskonform auszutauschen. Technische Expertise kam von der AUC GmbH, der CHILI GmbH und der Pegasus GmbH. TKmed® optimiert und beschleunigt im Kliniknetz (TraumaNetzwerk) die Versorgung von jährlich etwa 35.000 Schwerverletzten. Beispielsweise muss der Neurotraumatologe nicht physisch anwesend sein, um mit dem Chirurgen im OP Befunde zu besprechen – ein internetfähiger Computer und ein Telefon reichen aus. Das Netzwerk ist aber nicht nur für Unfallchirurgen geeignet. Es handelt sich vielmehr um eine Gesamtlösung, von der grundsätzlich alle medizinischen Fachdisziplinen profitieren. Tauschen Kollegen jenseits dieser Infrastruktur große Datenmengen aus, steht ihnen mit Case.io eine leicht bedienbare Plattform zur Verfügung. Der Transfer gelingt auch über Ländergrenzen hinweg, wenn beispielsweise deutsche Patienten im Urlaub schwer erkranken.

Vernetzte Versorgung nach der Entlassung

Ein Schritt weiter: Am Ende ihrer stationären Behandlung haben Patienten laut dem V. Sozialgesetzbuch, Paragraph 11, Anrecht auf ein Versorgungs- und Entlassmanagement. Fresenius Kabi präsentiert sektorenübergreifende Lösungen, die Kliniken, Hausärzte, Apotheken und Pflegedienste engmaschig vernetzen. Haben alle Akteure den gleichen Wissensstand, lassen sich Fehler erfolgreich vermeiden. Speziell bei Palliativpatienten erleichtert PalliDoc® von StatConsult die Koordination, Dokumentation und Qualitätssicherung aller Vorgänge.

Reha digital für das eigene Wohnzimmer

Im neuen Showroom zeigen IT-Labors auch, wie sie die ambulante und stationäre Pflege digital optimieren, etwa bei der Rehabilitation. Das Tool MyRehab vom Fraunhofer-Institut für Offene Kommunikationssysteme FOKUS bietet telemedizinisch assistierte Therapien, um in den eigenen vier Wänden erfolgreich zu trainieren. Ein Avatar zeigt Patienten, welche Übung sie machen sollen. Durch Sensoren im Brustgurt und in einer Gymnastikmatte sowie durch eine Webcam erfolgt ein Abgleich mit dem idealen Bewegungsmuster. Gleichzeitig werden medizinische Daten erfasst. Therapeuten haben die Möglichkeit, entsprechende Parameter auszuwerten. Per Videokonferenz bleiben sie mit Patienten in Kontakt, um gegebenenfalls Optimierungen zu besprechen.

Elektronische Wächter für chronisch Kranke

Bei chronisch kranken Menschen spielen telemedizinische Techniken ebenfalls ihre Stärken aus. Biotronik Home Monitoring unterstützt Patienten mit Herzschrittmachern, ICDs oder mit CRT-Systemen. Ihr Implantat sendet über eine Antenne regelmäßig Daten an den CardioMessenger®. Dieses externe Gerät bereitet Informationen auf und ermöglicht Ärzten über eine gesicherte Website, darauf zuzugreifen. Ein Versand per E-Mail, Fax oder Kurznachricht ist ebenfalls möglich. Studien zeigen, dass sich durch intelligente Tools Krankenhauseinweisungen (TRUST) und Schlaganfälle (COMPAS) vermeiden lassen. Auch sank die Sterblichkeit bei Herzinsuffizienzpatienten um mehr als 50 Prozent (IN-TIME). Von telemedizinischen Innovationen profitieren nicht nur Menschen mit kardiovaskulären Erkrankungen. Mit Respiva® gelingt es Pneumologen, die Behandlung chronisch-obstruktiver Lungenerkrankungen (COPD; Chronic Obstructive Pulmonary Disease) zu optimieren. Das funktioniert folgendermaßen: Patienten erhalten von ihrem Arzt ein mobiles Spirometer, eventuell ein Pulsoximeter, eine Konsole mit Touchscreen und ein Modem. Sie übertragen alle Messwerte an ein telemedizinisches Zentrum. Bei Abweichungen außerhalb vorgegebener Grenzen werden Patienten und mit deren Einverständnis auch behandelnde Ärzte informiert.

Im Alltag: Digitale Helfer für Arzt und Patient

Niedergelassene Ärzte haben noch weitere Helfer an ihrer Seite. Bei Patienten mit Rückenschmerzen kommt Epionics SPINE zum Einsatz. Das System zeichnet Funktionalitäten und Defizite im Patientenalltag auf und liefert Kollegen hoch aufgelöste Daten. Orthopäden können Therapieerfolge objektivieren. Gleichzeitig bekommen sie Hinweise auf eine drohende Chronifizierung. Ähnlich hilfreich ist die Telemedizin, um Patienten mit diabetischem Fußsyndrom zu versorgen. Als Tool zur einheitlichen Wunddokumentation gibt es Synaptor® von TWO Health Professionals und vom Fußnetz Bayern. Damit haben alle Beteiligten den gleichen Kenntnisstand, und Ressourcen werden geschont. Auch lässt sich ein Therapiepfad festlegen, um leitliniengerecht zu behandeln.

Telemedizin: Vom Elfenbeinturm in die Praxis

Die Praxisbeispiele zeigen: Telemedizinische Lösungen haben universitäre Elfenbeintürme längst verlassen. Sie unterstützen Kollegen und geben Patienten mehr Freiheiten. Wer sich eingehender mit telemedizinischen Lösungen befassen möchte, wird auf der MEDICA 2014 ebenfalls fündig: Hersteller präsentieren Technik zum Anfassen.

28 Wertungen (4.21 ø)

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3 Kommentare:

Interessant ist dass die Elektronische Gesundheitskarte (EGK) seit Jahren ausgebremst wird, bereits Milliarden Euro versenkt wurden und über den Status eines Adressenträgers mit Versichertennummer nicht hinauskommt. Wo sind denn hier die überfürsorglichen Datenschützer geblieben?

#3 |
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Gast
Gast

@Dr. med. Andreas Witthohn, Ihren Einwand verstehe ich nicht ganz.
“Teleradiologie” gibt es doch schon recht lange.
Sie ist “bequemer” und preiswerter für den Radiologen,
aber eher ein Nachteil für den Patient gegenüber einem Radiologen vor Ort.
Ist nur ein Beispiel, dass man immer beide Seiten betrachten muss.
Die simple EDV in der Medizin, ich kenne vorwiegend nur Krankenhaus-EDV, ist doch ein Musterbeispiel für insuffiziente EDV. Es ist offensichtlich extrem schwierig, hier anwenderorientiert, oder gar patienten-orientiert zu “programmieren”!
Den Grund kann sich eigentlich jeder denken.
Ich kenne hier nichts vernünftiges.
Das ist in der “Praxis-EDV” (hoffentlich) besser.
Das immer wieder auftauchende Wort: VEREINHEITLICHUNG, NORMIERUNG
zeigt das Hauptproblem.
Krankheit ist individuelle Abweichung von der Norm.
Der Mensch ist kein Auto.
Klar ist es toll, wenn ein toller Chirurg (medial) einem Anfänger über die Schulter sehen kann. Nur, dann ist es wieder nicht die EDV, sondern ein Mensch, der hilft
und der hat meist besseres zu tun
und kann das gleichzeitig auch nur bei einem einzigen Anfänger machen.
Will sagen, die EDV vermehrt nicht die Zahl der Experten.
In der Radiologie habe ich eher die gegenteilige Erfahrung die, überspitzt, darauf hinausläuft, dass der anfordernde Arzt sich doch die Bilder bitte selbst ansehen möchte (nachts die Regel).

mfG

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Leider gibt es außerhalb von Selektivverträgen oder Pilotprojekten keine geregelte Refinanzierung von telemedizinischen Lösungen, was einen enormen Hemmschuh in der Einführung darstellt.

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