KHK: Nachtfluglärm verschlechtert Gefäßfunktion

25. August 2014
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Eine neue Studie belegt nun, dass Fluglärm - bei Patienten mit einer koronaren Herzerkrankung (KHK) bzw. einem hohen Risiko für eine KHK - zu einem deutlichen Gefäßschaden, erhöhtem Blutdruck und zu einer verminderten Schlafqualität führt.

Im Rahmen der Studie wurden 60 Patienten mit einer koronaren Herzerkrankung oder einem erhöhten Risiko für eine Herzerkrankung während des Schlafs mit simuliertem Nachtfluglärm beschallt. Das Durchschnittsalter der Probanden lag bei 61,8 Jahren. „In einem Feldversuch wurden die Patienten zu Hause einer Lärmbelastung ausgesetzt, bei der in einer Versuchsnacht insgesamt 60 Nachtflüge mit einem mittleren Schallpegel von 46 dBA simuliert wurden. Zur Kontrolle hatten wir auch ein lärmfreies Nacht-Szenario“, erklärt Dr. Frank Schmidt aus der II. Medizinischen Klinik und Poliklinik der Universitätsmedizin Mainz, der die Studie durchgeführt hat.

Die Wissenschaftler stellten fest, dass Nachtfluglärm bei den Patienten die Gefäßfunktion, die mit hochauflösenden Ultraschallgeräten gemessen wurde, deutlich verschlechterte. „Die Verschlechterung der Gefäßfunktion war so ausgeprägt, dass nach einer Zwischenanalyse von 60 Patienten die Studie vorzeitig beendet wurde“, berichtet Dr. Schmidt. „In unserer ersten Studie konnten wir bereits belegen, dass Nachtfluglärm bei gesunden Probanden die Gefäße schädigt. Gemessen wurde dabei die Erweiterungsfähigkeit der Arterien – die Endothelfunktion –, die unter Nachtfluglärm deutlich abnahm. In unserer aktuellen Studie zeigte sich, dass dieser Effekt bei Patienten mit einer koronaren Herzerkrankung (KHK) noch deutlich stärker ausgeprägt war“, ergänzt Dr. Schmidt.

Von prognostischer Bedeutung

„Bemerkenswert ist, dass der Lärm die Gefäße schädigte, obwohl die Patienten ihre Herz-Kreislauf-Medikamente einnahmen, die die Gefäßfunktion vor Schäden schützen“, betont Univ.-Prof. Dr. Thomas Münzel, Direktor der II. Medizinischen Klinik und Poliklinik, Vorstandsmitglied der Stiftung Mainzer Herz und Leiter der Studie. „Weiterhin verschlechterte sich die Gefäßfunktion unabhängig davon, ob sich die Patienten über den Lärm geärgert haben oder nicht. Auch die Lärmempfindlichkeit der Patienten spielte keine Rolle. Die Verschlechterung der Gefäßfunktion hat bei Patienten mit einer KHK prognostische Bedeutung, da diese mit einem erhöhten Auftreten von Tod durch Herzinfarkt und Schlaganfall verbunden ist“, ergänzt Professor Münzel. „Nächtlicher Fluglärm muss damit als wichtiger, neuer Risikofaktor für Herz-Kreislauf-Erkrankungen bewertet werden. Wir Ärzte können Bluthochdruck, erhöhtes Cholesterin und Diabetes effektiv behandeln. Patienten können mit dem Rauchen aufhören. Lärm ist somit der einzige Herz-Kreislauf-Risikofaktor, den nur die Politik nachhaltig beeinflussen kann“, so Münzel.

Originalpublikation:

Nighttime aircraft noise impairs endothelial function and increases blood pressure in patients with or at high risk for coronary artery disease
Thomas Münzel et al.; Clinical Research in Cardiology, doi: 10.1007/s00392-014-0751-x; 2014

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Kardiologie, Medizin

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7 Kommentare:

Dr.Bayerl
Dr.Bayerl

Ich sehe das schon etwas differenzierter, man kann auch keine Autobahnen verbieten,
solange man keine akzeptablen Alternativen bietet.
Eine tolle Alternative wäre z.B. die Magnetschwebebahn, die den ganzen innerdeutschen Flugverkehr ersetzen könnte.
Aber in einer so technikfeindlichen “grünen” Gesellschaft war das leider nicht drin, China, du hast es besser.
Dafür sind wir unbestritten Weltmeister in exzellent organisierter Verkehrsbehinderung auf der Straße.

#7 |
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Psychotherapeut

Eigentlich ein Trauerspiel, dass es erst solcher Studien bedarf, damit verständlich wird, wie wichtig Nachtruhe ist. Die Evolution ist bekanntlich eher im Schneckentempo unterwegs, sodass kaum zu erwarten ist, dass sich der Mensch an den von ihm selbst produzierten Lärm anpassen kann. Vielleicht erinnern ich einige, dass Ex-Bundeskanzler Helmut Kohl es abgelehnt hat, seinen Urlaub kostenlos in der Einflugschneise eines großen dt. Flughafens zu verbringen. Sinnvoll wäre es durchaus, auch für die Bahn eine Nachtruhe einzuführen. Doch wie so oft muss wohl der gesamtgesellschaftliche Schaden so groß werden, dass über die Zunahme des Krankenstandes sich etwas bewegt. Im übrigen sind wir inzwischen weit hinter Virchow zurück gefallen. Der wurde im 19. Jh. von der Preussischen Regierung nach Oberschlesien gesandt, weil dort eine Typhusepidemie grassierte. Virchow hatte noch eine klare medizinpolitische Stellungnahme: Die Krankheiten kann die Medizin zu Teilen heilen, aber wo die Lebensbedingungen Kranheiten auslösen, da braucht es eine politische Medizin.

#6 |
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Gast
Gast

Wo lassen Sie denken, Verehrteste? Nun ja, die Eisenbahnlobby nimmt auch zu wenig Rücksicht auf die Bewohner der benachbarten Häuser.

#5 |
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Dr. Christiane Riedel
Dr. Christiane Riedel

Was die Existenz von Bahnhöfen mit berechtigter Kritik an Flugwirtschaftslobbyismus zu tun haben, erschließt sich mir aus dem Kommentar nicht.
Es zeigt eher, dass die Arbeit der Lobbyisten Früchte trägt und nicht jeder die Substanz und die Tragweite des oben stehenden Artikels erfassen kann.

#4 |
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vergeßt die Motorräder nicht, die dürfen nachts mit 100 Dzb – so laut wie ein startender Düsenjäger – durch die Orte fahren. Von der Autobahn her können sie einen großen Lärmteppich – auch nachts – legen. Also bitte, mehr Aufmerksamkeit für die lauten Motorräder

#3 |
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Gast
Gast

Flughäfen sind ebenso wichtig wie Bahnhöfe,
das Wort “Lobby” ist hier fehl am Platz.

#2 |
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Dr. Christiane Riedel
Dr. Christiane Riedel

Wichtige Studie, die endlich auf die bestehenden Problemen in der Nähe von Flughäfen hinweist. Die Lobbyisten der Flugwirtschaft haben es lang genug geschafft, die Probleme abzuwiegeln.

#1 |
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