Postpartale Depression: Vom Vater zum Pfleger

29. August 2014
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Etwa 10 bis 15 Prozent der Mütter in westlichen Ländern erkranken peripartal an einer Depression. Über die betroffenen Frauen wird viel berichtet. Doch wie geht es ihren Partnern? Dieser Frage gingen Leah Beestin und Kollegen der University of Leeds nach.

Die postpartale Depression beginnt zumeist innerhalb der ersten drei Monate nach der Geburt. Ein hoher Anteil der Frauen leidet länger als zwei Jahre daran. Das Gewicht verändert sich, die Frauen haben keine Energie, sind pessimistisch und angespannt. Nachts können sie nicht schlafen und tagsüber werden sie von Müdigkeit geplagt. Viele haben Sorge, sie könnten sich oder ihrem Baby etwas antun.

Besonders gefährdet sind die Frauen, die vor der Schwangerschaft bereits an Depressionen oder einer Angststörung litten. Auch die psychische oder physische Abwesenheit des Vaters erhöht das Risiko für eine Depression. Die Gefahr dabei: Dem Baby fehlt die emotionale Zuwendung, die es braucht.

Studien haben gezeigt, dass die postpartale Depression der Mutter die Entwicklung des Kindes beeinträchtigen kann. Einige Studien ergaben, dass der Vater die Schieflage kompensieren kann, andere zeigten, dass er es nicht kann. In jedem Fall aber lastet ein großer Druck auf den Schultern der Väter.

Väter müssen Lücke schließen

Leah Beestin und Kollegen interviewten 14 Väter im Alter von 25 bis 50 Jahren (Durchschnittsalter 33,9 Jahre), deren Frauen an einer postpartalen Depression erkrankt waren. Acht dieser Väter waren mit der Mutter des Kindes nicht verheiratet, fünf waren verheiratet und ein Mann war geschieden. Die Partnerinnen waren zwischen 21 und 48 Jahren alt (im Durchschnitt 29,6 Jahre). Zum Zeitpunkt des Interviews hatten sich sieben Mütter bereits von ihrer Depression erholt, während die sieben übrigen Frauen noch depressiv waren.

11 der 14 Väter berichteten, dass die Depression der Mutter ihre Vaterschaft beeinflusste. Während üblicherweise die Frauen die Abwesenheit der Männer beklagen, war hier die emotionale oder physische Abwesenheit der Mutter das Thema Nummer Eins. Die Väter hatten das Gefühl, dass sie eine Lücke schließen mussten und investierten besonders viel Kraft, um ein “guter Vater” zu sein.

Schützt traditionelles Rollenverständnis?

Nur drei Männer fühlten sich durch die Depression ihrer Partnerin nicht beeinträchtigt. In diesen Fällen war die Mutter entweder nur leicht depressiv oder die Väter hatten ein stark traditionelles Rollenverständnis, nach dem die Frau allein für den Haushalt und die Pflege des Kindes zuständig ist. Auch wurde das Argument genannt, dass andere Probleme – z.B. finanzielle – schwerer wogen als die Depression der Frau.

Die Depression als „Sache“

Erstaunt stellten die Interviewer fest, dass die Väter die Depression der Frau wie eine Sache betrachteten: Die Depression war das “postpartale Ding”. Die Männer formulierten es ganz ähnlich: “Es ist immer noch bei uns” sagte Del. “Das ist ein direktes Ergebnis der Depression” (David), “Die Depression macht, dass du so handelst” (George), “dieses Depressions-Dingen, dass macht das” (Bill). Matthew sagte: “Es ist wie so eine kleine Einheit, die daher kam und unser Haus für sechs Monate niederdrückte (…) es war wie eine schwere Wolke, die sich auf unser Haus gesetzt hatte.”

Die Väter betonen, dass sie völlig unerwartet von der Depression der Partnerin getroffen wurden. Es kam ihnen vor wie ein unausweichliches Schicksal. Viele berichten von einer plötzlichen, unerwarteten Einsamkeit. Die Väter litten darunter, dass sie das Erlebte nicht mit ihrer Frau teilen konnten. Mit den normalen Problemen des Kindes wie Schlaflosigkeit oder Trotz standen sie alleine da, sodass sich die Probleme verstärkten.

Partnerin desinteressiert anwesend

Einer der Väter, Bill, litt besonders unter der “desinteressierten Anwesenheit” seiner Partnerin. Er empfand sie stark als Hindernis und war einmal kurz davor, ihre Tasche zu packen, als ihm ihre Ablehnung und ihre unberechtigten Schuldzuweisungen zu viel wurden.

Einige Väter litten sehr unter dem Zerfall der Familie. Manche waren sehr darauf bedacht, die Familie vor äußeren Urteilen zu schützen. Einige empfanden Panik. Ein Vater kam regelmäßig von der Arbeit nach Hause, um zu helfen und danach wieder zur Arbeit zu gehen. Es fehlte den meisten Familien an Kraft, um Hilfe zu suchen.

Depression stellt Paarbeziehung infrage

Besonders schlimm empfanden einige Väter die “vereitelte Vaterschaft”. Die Rolle des Vaters wurde durch die Depression der Frau infrage gestellt. Bill und Jasper erklärten, dass sie darunter litten, keine Paarbeziehung auf Erwachsenenebene mehr gehabt zu haben. Sie sahen sich als Pfleger, während ihre Frau die Patientin war.

David hatte vor der Depression der Partnerin das Gefühl, dass alles in die richtige Richtung ging. Doch als die Partnerin depressiv wurde, war es für ihn so, als sei er auf einmal gegen eine Ziegelwand gestoßen. David litt sehr unter dem Gefühl, die Kontrolle verloren zu haben. Er trauerte darüber, dass “die guten Zeiten” in der Familie vorbei sind und spürte den enormen, destruktiven Einfluss, den die Depression auf die Familie hatte. Er hatte den Wunsch, nur noch weg von dieser Feindseligkeit zu sein.

Viele Männer empfanden ihr Vatersein als nicht erfüllend und enttäuschend. Sie hatten keinen Spaß daran, weil sie nicht der Vater sein konnten, der sie sein wollten. Del sagte, dass er sich der Chance, ein guter Vater zu sein, beraubt fühlte. Er fühlte sich regelrecht hereingelegt.

“Nur das Kind und ich”

Allerdings gab es auch Väter mit einer großen Resilienz. Charlie fühlte sich durch die Situation herausgefordert. Er empfindet es so, dass er mehr Fähigkeiten entwickeln konnte als die Väter, die “nur gute Zeiten” erlebt hatten. Er fühlte sich aktiv und entwickelte Vertrauen in seine Fähigkeiten als Vater. Einige Väter sagten, dass sie diese “geschützte Zeit”, die sie allein mit ihrem Kind verbringen konnten, wie beispielsweise die abendliche Badezeit, als sehr wertvoll empfanden. “Nur meine Tochter und ich….in unserer eigenen kleinen Welt”, beschrieb es ein Vater. Das habe er sehr genossen.

Auch Leighton sagt, dass er eine gute Vater-Sohn-Beziehung genieße, die unabhängig von der Mutter ist und getrennt vom Familienleben. Er genießt es, wenn sein Sohn ihn anlacht und wenn er bei ihm sein will. “We’re just happy with each other.”

Auch Sean erzählt, dass er zwar den Untergang der Familie sehr bedauerte, aber er bemerkt auch, dass er eine “perfekte” Vater-Kind-Beziehung aufbauen konnte, die ganz unabhängig von der Mutter-Kind-Beziehung ist.

Resilient schienen also die Männer zu sein, denen es gelang, eine exklusive Vater-Kind-Beziehung aufzubauen, die unabhängig von ihrer Beziehung zur Partnerin war. Obwohl diese Art des Vaterseins vorher eigentlich nicht in ihrer Vorstellung lag und obwohl es sich von ihren früheren Idealen und Erwartungen unterschied, so empfanden sie diese neue Vaterschaft doch als sehr positiv, als “nährend” und erneuernd.

74 Wertungen (4.19 ø)

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11 Kommentare:

Gast
Gast

@Dunja Voos, viel schwerer ist es ja für einen Mann resilient zu bleiben,
wenn die Frau MIT Kind (und seinem Geld) abhaut.

#11 |
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sylvia baumann
sylvia baumann

#8 Gast, Sie meinen also, Frau M. meint was anderes, als ich meine, Sie meint?

Nun, wenn Sie das Wort Kinderfeindlichkeit stört, kann ich das ja auch “falsch verstandenen Feminismus mit Ablehnung der Mutterolle” nennen, das werden Sie sicher eher akzeptieren?
Ihre Frage an mich:
was mich etwas schockiert, ist die gigantische Zahl von 10-15 %, das ist einfach nicht mehr biologisch nachvollziehbar und nur noch durch diesen Modefeminismus erklärbar. In Südamerika gibts die Krankheit nicht (vielleicht bei den ganz Reichen).
Einzelfälle wird es sicher immer wieder geben:
Ich habe selbst in einem Gb.-Praktikum mit ca. 20 Geburten in Folge eine Frau erlebt, nach normaler natürlicher Geburt,
die hat ihren Kopf abgewendet und wollte das eigene Baby partout nicht ansehen.
Sie wollte es auch nicht anfassen. Shocking,
nun, man weis ja nicht was im Einzelfall dahinter steckt.
Na klar braucht die Familie grad jetzt auch den Papa,
einer muss ja das Geld für das idyllische Häuschen mit Garten verdienen.

#10 |
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Gast
Gast

@sylvia baumann Sie haben übersehn, Fr.M. kommentiert die Meinung von
#4 | 30. August 2014 um 09:03 .
Da steht nichts was sie da hinein interpretieren.
Ich bin auch der Meinung, dass beide Partner(Eltern) die Verantwortung tragen.Wenn ein Part nicht kann, dann muss der andere selbstverständlich die Aufgabe übernehmen.
Fr. Baumann, ihre Meinung scheint ja zu sein: die vermeintliche Kinderfeindlichkeit aus ihrer Sicht, führt gleich zur postpartale Depression???

#9 |
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Gast
Gast

auffällig ist jedenfalls die Prävalenz der “westlichen” Welt.
Trotzdem finde ich es süß wenn die Männer Mutter spielen.

#8 |
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sylvia baumann
sylvia baumann

@Monika Maiwieden, Sie meinen, die Frau soll sich gefälligst zusammenreißen
und das nicht noch auf die Männer schieben, egal wie kinderfeindlich die Welt auch ist.
Bravo

#7 |
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Monika Maiwieden
Monika Maiwieden

14 Männer… naja wieder so ein Mikrovergleichstest .

@ #4 | 30. August 2014 um 09:03 Wenn 2 ein Kind zeugen und es ist dann da, haben BEIDE die Verantwortung!!!
Und wer nach gleich nach der Geburt bläärt die Welt ist kinderfeindlich, hat sich vorher wohl vorher keinen Kopp um die Konzeqenzen gemacht. Und die sind nun mal nicht Werbeclip-rosarot. Emma hin oder her.

#6 |
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Gast
Gast

Liebe Frau Brigitte Gotter, kann es nicht auch sein, dass der böse Zeitgeist (Kinderfeindlichkeit) zur “peripartalen Depression” beiträgt?
Unsere verehrte (Bundesverdienstkreuz) kinderlose Alice schimpft ja immer auf die Mutterrolle.
Da ist es doch wunderbar, wenn auch Männer helfend in die Bresche springen.

#5 |
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dr. med.dent. Wolfgang Stute
dr. med.dent. Wolfgang Stute

es sind sicherlich die Hormone , inbs. aber ein echter Mangel an Progesteron bzw zumindest ein relativer” Absturz” aus dem Progesteronhimmel der Schwangerschaft .
Auch sind die Interleukin- Cytokinmuster geändert u. müssen erst wieder einreguliert werden

#4 |
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Angelika Oetken
Angelika Oetken

Frühere traumatische Erfahrungen erhöhen das Risiko nach der Geburt eines Kindes schwer psychisch zu erkranken sehr
http://www.frauengesundheit-wien.at/frauengesundheit/schwangerschaft/postpartale_depression.html
http://www.lwl.org/527-download/pdf/Vortraege/Postpartale_Depression_u_MuKiBehandl_Turmes.pdf

Ein PTBS wiederum kann neben psychosozialen auch verschiedenste physische Schäden zur Folge haben. Darunter auch Herz-Kreislauf-Erkrankungen und endokrinologische Störungen
http://www.uni-giessen.de/cms/fbz/fb11/pressearchiv/gaz050911a

Zur Mutter-/Eltern-Kindbindung
http://homepage.uibk.ac.at/~c720126/humanethologie/ss/medicus/block2/BindungLoesung.pdf

Hier noch ein spezieller Artikel mit Verweisen auf bereits vorliegende Forschung
http://www.aerzteblatt.de/archiv/36056/Schwangerschaft-und-Mutterschaft-nach-sexuellen-Missbrauchserfahrungen-im-Kindesalter-Auswirkungen-und-Ansaetze-zu-einer-verbesserten-Betreuung-bei-Schwangerschaft-Geburt-Still-und-frueher-Neugeborene?src=search
Hier gibt es für Forscher noch viel zu tun. Hoffentlich erkennen das deren Sponsoren auch!

Besonders schlimm: allein gelassen geben die betroffenen Mütter (und Väter!) eigene traumatische Erfahrungen an ihre Kinder weiter
http://www.aerzteblatt.de/archiv/128386/Transgenerationale-Traumatisierung-Den-Teufelskreis-durchbrechen

Um so wichtiger ist es, dass Eltern so früh wie möglich professionelle Unterstützung erhalten. Häufig bewirkt bereits eine fundierte “Erste Hilfe” viel. Genug jedenfalls, damit die Eltern aus der Spirale von Scham, Sorgen und Ratlosigkeit herausfinden.

Nicht nur, um ihre Kinder vor Schaden zu bewahren, sondern auch sich selbst etwas Gutes zu tun.

Angelika Oetken, Berlin-Köpenick, eine von 9 Millionen Erwachsenen in Deutschland, die in ihrer Kindheit und/oder Jugend Opfer schweren sexuellen Missbrauchs wurden

#3 |
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Heilpraktikerin Brigitte Gotter
Heilpraktikerin Brigitte Gotter

Eigentlich sollten alle Frauen nach der Geburt eine Schilddrüsenüberprüfung erhalten. Oft liegt hier die Ursache – deshalb auch Gewichtsprobleme usw. Die hormonelle Umstellung in dieser Zeit ist immens. Wenn die Schilddrüse dann gut eingestellt wird, können die Depressionen verschwinden und die Frau braucht keinen “Pfleger” in Form des Ehemanns mehr, kann sich also alleine gut um das Kind und alles weitere kümmern.

#2 |
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henry nosbusch, Arzt
henry nosbusch, Arzt

Danke Frau Dunja Voos!

#1 |
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