Tuberkulose: Über Meeressäuger nach Amerika

22. August 2014
Teilen

Die Tuberkulose ist offenbar nicht von spanischen Eroberern, sondern zuvor bereits von Meeressäugern nach Amerika eingeschleppt worden. Wie ein internationales Forscherteam nun feststellen konnte, kam der Erreger deutlich vor der Ankunft der Europäer in die Neue Welt.

Wahrscheinlich wurden die ersten Tuberkulosebakterien von Seelöwen und Robben auf Menschen in Südamerika übertragen. Darauf deutet die Analyse von rund 1.000 Jahre alten Skeletten hin. Darüber hinaus fanden die Forscher Hinweise darauf, dass sich die gefährliche Infektionskrankheit vermutlich erst vor rund 6.000 Jahren entwickelte. Die Forschungsergebnisse werden diese Woche von der Fachzeitschrift Nature online vorab veröffentlicht.

Skelette gaben Hinweise auf Ursprung

An der Tuberkulose sterben auch heute noch jedes Jahr ein bis zwei Millionen Menschen weltweit. Jeder dritte Mensch infiziert sich mit dem Erreger der Krankheit. Die Infektion ist schwer einzudämmen, da zahlreiche mehrfach resistente Bakterienstämme auftreten. Über den Ursprung der Krankheit wurde lange diskutiert. Wissenschaftler nahmen bisher an, dass sich die Tuberkulose parallel zur Evolution des Menschen in Afrika entwickelte und vor Zehntausenden von Jahren über dessen Hauptwanderrouten ausbreitete. Heutige Tuberkulosestämme aus der Neuen Welt sind eng mit europäischen Formen verwandt. Dies ließ vermuten, dass die Bakterien über den Kontakt mit spanischen Eroberern nach Amerika kamen. Allerdings zeigen mehr als 1.000 Jahre alte Skelette und Mumien aus Nord- und Südamerika charakteristische Veränderungen am Knochen, die darauf hinweisen, dass die Infektion bereits mehrere Hundert Jahre vor der Eroberung durch die Europäer aufgetreten sein muss.

Zusammenhang zunächst unklar

Die Tübinger Forscher untersuchten zusammen mit Kollegen von der Arizona State University, dem britischen Wellcome Trust Sanger Institute und dem Schweizerischen Tropen- und Public Health-Institut drei mehr als 1.000 Jahre alte Tuberkuloseopfer aus Peru. Dabei analysierten sie das gesamte Genom der Krankheitserreger, die aus den sterblichen Überresten isoliert werden konnten. „Wir sind aufgrund der Veränderungen an diesen Skeletten und neueren molekularen Nachweisen davon ausgegangen, dass es sich dabei um eine Form der Tuberkulose handelte“, sagt Jane Buikstra von der Arizona State University. „Wie jedoch diese älteren Tuberkulosestämme mit den aktuell auf dem amerikanischen Kontinent zirkulierenden Stämmen zusammenhängen, lag völlig im Dunkeln“, erklärt Anne Stone, Professorin der Anthropologie an der gleichen Universität.

Stamm der alten Erreger heute sehr selten

Die Forscher stellten fest, dass die engsten Verwandten dieser alten Erregerstämme heute bei Robben und Seelöwen vorkommen. Außerdem ergaben ihre Analysen, dass die Tuberkulose in der Form, wie wir sie heute kennen, viel jünger sein könnte als ursprünglich angenommen. Sie trat möglicherweise erst vor etwa 6.000 Jahren auf. „Die Verwandtschaft zwischen den alten Erregern aus Menschen und den Bakterien in Seelöwen ergab sich völlig unerwartet“, kommentiert Sebastien Gagneux vom Schweizerischen Tropen- und Public Health-Institut die Ergebnisse. „Dieser Stamm löst heute bei Menschen noch Erkrankungen aus, aber er ist sehr selten und sicherlich nicht für die üblichen Tuberkuloseinfektionen beim Menschen verantwortlich.“

Von Afrika nach Südamerika

Professor Johannes Krause von der Universität Tübingen, der auch Direktor am neuen Max-Planck-Institut für Geschichte und Naturwissenschaften in Jena ist, erklärt, wie sich die Geschichte der Tuberkulosebakterien nun zusammenfügt: „Durch die Verbindung zu Robben und Seelöwen wird klar, wie an Säugetiere angepasste Krankheitserreger, die sich vor rund 6.000 Jahren in Afrika entwickelten, 5.000 Jahre später Peru erreichen konnten.“ Das wahrscheinlichste Szenario beginne mit der Übertragung der Tuberkulose von einem der zahlreichen Wirte in Afrika auf Robben, die den Ozean schwimmend überquerten. Da die Tiere vielfach von Menschen gejagt und gegessen wurden, kam es zur Ansteckung von Menschen in Südamerika und möglicherweise an anderen Orten. „Zu dieser Zeit existierte die Bering-Landbrücke zwischen Asien und Amerika seit einigen Tausend Jahren nicht mehr“, betont Krause: „Der Ozean war der direkteste Weg.“

Ziel: Beziehungen zwischen Formen aufklären

Noch ist nicht bekannt, ob dieser Tuberkulosestamm auf das frühere Peru beschränkt war. Doch die genetischen Daten deuten darauf hin, dass er später vollkommen durch europäische Stämme ersetzt wurde. „Die Beziehung zwischen älteren Tuberkuloseformen und den heutigen Formen muss bei künftigen Forschungsarbeiten weiter geklärt werden“, sagt Dr. Kirsten Bos, Wissenschaftlerin an der Universität Tübingen. „Die analytischen Methoden zur Bearbeitung alter DNA haben immense Fortschritte gemacht, so dass dieses Ziel in Reichweite gekommen ist.“

Originalpublikation:
Pre-Columbian Mycobacterial Genomes Reveal Seals as a Source of New World Human Tuberculosis;
Kirsten I. Bos et al.; Nature; Online-Vorabveröffentlichung am 20. August 2014; doi: 10.1038/nature13591

20 Wertungen (4.15 ø)

Die Kommentarfunktion ist nicht mehr aktiv.

3 Kommentare:

dipl. med. Rainer Hansen
dipl. med. Rainer Hansen

Die durchaus europäischen Wikinger waren übrigens schon 500 Jahre vor Columbus in der sogn. neuen Welt, auch für längere Zeit und in Kontakt mit der Urbevölkerung. Nur mal so nebenbei erwähnt. Und noch nicht exakt nachgewiesene Kandidaten für die Überquerung von Atlantik und/oder Pazifik soll es ja auch noch geben …

#3 |
  0
Tony Richter
Tony Richter

@Herrn Wolff,

stimme Ihnen vollends zu Herr Wolff.
Dass die Kolumbianer ihre Entdeckung durch Kolumbus noch immer feiern, klingt schon ein wenig pervers.

#2 |
  0
Psychotherapeut

Interessant. Auch wenn es trotzdem nicht zur Ehrenrettung unserer “zivilisierten” europäischen und insbesondere spanischen Vorväter beiträgt. Immerhin haben sie mit oder ohne Tuberkulose beispielsweise im heutigen Kolumbien über 96,8% der indigenen Bevölkerung ausgerottet. Im Gegensatz zu Peru ist die Urbevölkerung und deren Kulturen dort bis auf ein paar Museums- und Touristenindianer quasi nicht mehr vorhanden. Das Land ist so riesig, wie Spanien und Frankreich zusammen. Man stelle sich nur mal im analogen Gedankenexperiment vor, dass alle Spanier und Franzosen und halb Deutschland plötzlich durch die Maya entdeckt und ausgerottet worden wären. Dann bekommt man eine Ahnung von den Ausmaßen dieser Tragödie. Die Dimensionen dieses wohl größten Genozids der Menschheitsgeschichte ist in unserem europäischen Geschichtsbewusstsein und Schulbüchern kaum vorhanden. So verboten das auch aus der Feder eines Deutschen klingen mag: das ist immerhin ein höherer Genozid-Prozentsatz als Hitler mit seiner industriellen Tötung geschafft hat. Abstruser Weise feiert Kolumbien “seine Entdeckung” durch Kolumbus auch noch als Nationalfeiertag.

#1 |
  0


Copyright © 2017 DocCheck Medical Services GmbH
Sprache:
DocCheck folgen: