Alkoholsucht: Starke Pillen und warme Worte

26. August 2014
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Anticraving-Medikamente können das Rückfallrisiko bei Alkoholabhängigkeit effektiv senken. Eine zusätzliche kognitive Verhaltenstherapie (CBT) verstärkt diesen Effekt, wie eine aktuelle Studie der Universität Freiburg belegt.

Erst seit wenigen Jahren erhalten alkoholabhängige Patienten evidenzbasierte Psychotherapien, deren Kosten auch von den Krankenkassen getragen werden. Dennoch werden viele Patienten bereits am Telefon von ambulanten Therapeuten abgewiesen. Dank aktueller Studien findet langsam ein Umdenken statt.

Die Ergebnisse der PREDICT-Studie von Michael Berner und Kollegen von der Universität Freiburg belegen, dass eine kognitive Verhaltenstherapie (CBT) in Ergänzung zu Medikamenten das Rückfallrisiko drastisch senkt. Entscheidend ist dabei, dass die Patienten motiviert sind, eine Psychotherapie zu beginnen. An der Studie nahmen 109 alkoholabhängige Patienten teil, die unter der Therapie mit Anticraving-Medikamenten oder Placebo einen schweren Rückfall erlitten hatten. Sie wurden auf zwei Gruppen randomisiert: 55 Patienten erhielten Anticraving-Medikamente und eine medizinische Standardbehandlung. Die übrigen 54 Patienten sollten zusätzlich zu den Medikamenten eine Verhaltenstherapie erhalten. Von ihnen traten jedoch nur 33 Patienten die Psychotherapie an.

CBT senkt Rückfallrisiko signifikant

Es zeigte sich, dass die Patienten, die medikamentös und verhaltenstherapeutisch behandelt wurden, ein signifikant geringeres Risiko für einen Rückfall hatten als die Patienten, die ausschließlich Medikamente erhielten. Entscheidend für den Therapie-Erfolg sei unter anderem die individuelle Anpassung der Therapie, so Berner. Es sei wichtig, die Patienten frühzeitig über die Möglichkeiten der Psychotherapie aufzuklären und die Alkoholabhängigkeit auch als psychische Störung anzusehen. Die PREDICT-Studie wurde gemeinsam von den Universitäten Freiburg, Tübingen und Mannheim durchgeführt.

Meta-Analyse untermauert CBT-Effekt

Auch eine aktuelle Meta-Analyse von Heleen Riper et al. (Universität Amsterdam) konnte die positiven Effekte einer CBT bei Alkoholabhängigkeit und komorbider Depression nachweisen. Die Studienergebnisse mit den Daten von 1721 Patienten zeigen einen kleinen, aber klinisch signifikanten Effekt von Verhaltenstherapie und Motivational Interviewing (MI) auf den Therapieerfolg bei Alkoholabhängigkeit.

Auch psychoanalytische Therapien werden bei Alkoholabhängigkeit durchgeführt. Galt die Psychoanalyse in den Anfängen eher noch als “kalt” und nüchtern, so hat sie sich durch die Erkenntnisse der Selbstpsychologie, der Objektbeziehungs- und Bindungstheorie weiterentwickelt (Khantzian, 2014). Längst ist der Analytiker nicht mehr ein weißes Blatt hinter der Couch, sondern durchaus zugewandt und empathisch. Psychoanalytiker betrachten die Alkoholabhängigkeit als Selbstregulationsstörung: Sowohl die Emotionsregulation als auch die Beziehungen sind gestört. E.J. Khantzian (Harvard Medical School, USA) hat unter diesem Aspekt die Arbeit der Anonymen Alkoholiker untersucht.

Alkoholabhängigkeit: Mehr Symptom als Krankheit

Der Philosoph und Kriminologe Abdullah Cihan (East Carolina University, USA) betont, dass die Alkoholabhängigkeit besonders aus Sicht der Bindungstheorie betrachtet werden sollte. Die Alkoholabhängigkeit sei ein Symptom verschiedener zugrundeliegender Probleme und keine Krankheit, die für sich stehe. Zwar habe die Alkoholsucht starke körperliche Erscheinungen: Das Verlangen nach Alkohol könne so stark sein wie das Verlangen nach Nahrung oder Wasser. Auch betone das US-amerikanische “National Institute on Alcohol Abuse and Alcoholism” (NIAAA), dass die Alkoholsucht abhängig sei von den Genen und vom Lebensstil. Unter anderem wird die Alkoholsucht als eine Stoffwechselstörung des Gehirns betrachtet. Was bei diesen Sichtweisen leicht übersehen werde, so Cihan, dass die frühe Bindung zu Mutter und Vater (und anderen engen Bezugspersonen) die Hirnstrukturen beeinflussen kann.

Kinder, die eine sichere Bindung erleben, lernen besonders über die Bindung zur Mutter ihre Emotionen und Affekte zu regulieren. Eine sichere Bindung führt sowohl bei der Mutter als auch beim Kind zu Zufriedenheit und Glücksgefühlen. Die Mutter-Kind-Beziehung beeinflusse wechselseitig die neurochemischen Prozesse des Gehirns, so Cihan. Kinder, die keine sichere Bindung erlebt haben, spüren diesen Mangel. In spannungsgeladenen Situationen gelingt es ihnen nicht, ihre Emotionen zu regulieren. Diesen Menschen fehle es sozusagen an den guten Gefühlen, die Menschen mit sicheren Bindungen erlebt haben, erwarten und wiederherstellen können. Diese Lücke werde dann durch Alkohol aufgefüllt. Der Alkohol sorgt zum Beispiel für die Beruhigung, die sich Menschen mit unsicheren Bindungen nur schwer auf andere Weise zuführen können.

Intensive Psychotherapie als Option?

In einer intensiven Psychotherapie kann jedoch auch im Nachhinein noch eine sichere Bindung erlebt werden. Der Therapeut, der präsent ist, eine sichere Umgebung bietet und mit dem Patienten zusammen die Gefühle und Affekte erforscht, sei deswegen so effektiv, weil er die Rolle der ursprünglich primären Bezugsperson einnehme, so Cihan. Studien der Psychotherapieforschung haben gezeigt, dass allein die Beziehung zum Psychotherapeuten ein heilsamer Wirkfaktor ist (Cihan, 2014).

97 Wertungen (4 ø)

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13 Kommentare:

Arzt
Arzt

Danke Frau Professor Fein und Herr Nosbusch, warum hört man so wenig darüber in den Medien?

#13 |
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Medizinjournalist

Der letzte Satz sagt alles. “Psychotherapieforschung haben gezeigt, dass allein die Beziehung zum Psychotherapeuten ein heilsamer Wirkfaktor ist (Cihan, 2014).” Ständig anfallender Alkohol versetzt im Gehirn die Prioritäten. Die eigentliche Priorität ist bei uns ganz vorne, weit vor Gesundheit und Erfolg. Es sind Bestätigung von und Geborgenheit mit anderen – eine zuverlässige Umgebung aus mindestens einem Menschen. Unter Alkoholeinfluss liegt diese Priorität weit unter der neue vordersten Priorität, der Zwangsebene, neuen Stoff für die Andockstellen nachzuliefern. Das ist die Ursache der stabilen Wesensänderung unter Verlust vieler evolutionär erarbeitender Prioritäten, die die soziale Sicherheit zu garantieren suchen, für die ansonsten ohne jene Bindung eigentlich ganz wilden Tieren sehr ähnliche Konstruktion “Mensch”.

#12 |
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Gast
Gast

danke Herr@Dipl.-Psych. Michael Mueller-Mohnssen,
ich freue mich immer wenn Psychologen den Ratsuchenden keine Märchen erzählen,
und von Ihnen so etwas wie Einsicht und Selbstverantwortung nahebringen:
kognitive Verhaltenstherapie (CBT)

#11 |
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Dipl.-Psych. Michael Mueller-Mohnssen
Dipl.-Psych. Michael Mueller-Mohnssen

Liebe Frau Voos,
in Ihrem Artikel vermischen Sie Kraut und Rüben und Birnen und Äpfel. Weniger wäre mehr gewesen.
Demnächst erscheinen die neuen S3 – Leitlinien der wissenschaftlichen medizinischen Fachverbände (AWMF – Leitlinien). Dort kann man nachlesen, was in der Behandlung der alkoholbezogenen Störungen evidenzbasiert ist, also einen empirisch begründeten Wirksamkeitsnachweis erbracht hat. Dazu gehören psychotherapeutische Verfahren wie (allen voran) die kognitive Verhaltenstherapie (CBT). Bei manchen Patienten ist zusätzliche Gabe von rückfallpräventiven Medikamenten hilfreich und steigert die Wirksamkeit psychotherapeutischer Ansätze.
Auch andere psychotherapeutische Maßnahmen können hilfreich und wirksam sein, ebenso Veränderungen in der Lebenssituation, Selbsthilfegruppen oder Veränderungen in der eigenen Einstellung. Das ist aber empirisch oft nicht so gut untersucht.
Unterstützende, liebevolle und verlässliche Beziehungen in der Kindheit und Jugend fördern in vielen Bereichen die Fähigkeit, das Leben zu bewältigen und zu gestalten und schützen damit in ganz breiter Weise vor der Entwicklung psychischer Störungen.
Michael Müller-Mohnssen, Psychologischer Psychotherapeut

#10 |
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henry nosbusch, Arzt
henry nosbusch, Arzt

Danke Frau Fein,
gehört wirklich zur Allgemeinbildung,
z.B. auch in Deutschland:
Langzeitstudien des Heidelberger Präventionsmediziners Professor Ronald Grossarth-Maticek. Seine Ergebnisse sind dramatisch:
Für einen Menschen gibt es nichts Besseres als eine ununterbrochene Mutter-Kind-Beziehung in den ersten Lebensjahren, gefolgt von einer späteren gesunden Ablösung von der Mutter. Ganz konkret heißt das: Von 1.000 Kindern, die diese gesunde Beziehung erleben durfte, werden später nur 48 rauchen, 34 alkoholsüchtig sein, 13 vor dem 60. Lebensjahr an Krebs erkranken. Wurde die Beziehung zur Mutter dagegen traumatisch unterbrochen – und sei es nur durch einen mehrtägigen Krankenhausaufenthalt – sehen die Zahlen selbst bei einer später erfolgten gesunden Ablösung von der Mutter ganz anders aus: Von 1.000 Kindern werden dann 330 Raucher, 212 alkoholsüchtig und 117 vor dem 60. Lebensjahr krebskrank.

#9 |
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Anneliese Fein
Anneliese Fein

Wirkliche keine Ahnung von Kindererziehung???

http://tinyurl.com/lqewjwq

“. deshalb haben 110 Kinderpsychologen, Ärzte und Pädagogen einen Brief an die englische Zeitung „Daily Telegraph” geschrieben, in dem sie vor den Schäden der Fremdbetreuung für Kinder unter drei Jahren warnen.

Die Unterzeichner sind renommierte Wissenschaftler – etwa der Präsident des Zentrums für die geistige Gesundheit von Kindern, Sir Richard Bowlby (London), der amerikanische Psychologe Prof. Allan Schore und der australische Psychologe Steve Biddulph. Die Experten warnen vor emotionalen Störungen und einer Beeinträchtigung der Gehirnentwicklung. Zu frühe Fremdbetreuung ziehe in einem erheblichen Maß Verhaltensauffälligkeiten der Kinder nach sich.”

Nur unsere Politiker sind ahnungslos (=Feministen)

#8 |
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– Ulrich Schuppert
– Ulrich Schuppert

Trotz der geringen Gruppengrößen in dieer Studie und subjektiv wünschenswerter weiterer Details ein schöner Artikel, vielen Dank.
Die vermeintliche positive Prädiktion zwischen “KiTa und Aloholismus” im Kommentar bezweifle ich sehr.

#7 |
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Dr. med. Sebastian Otto
Dr. med. Sebastian Otto

Was will mir denn die Kollegin mit diesem oberflächlichen und banalen Artikel sagen?

“Erst seit wenigen Jahren erhalten alkoholabhängige Patienten evidenzbasierte Psychotherapien, deren Kosten auch von den Krankenkassen getragen werden.”

Da weiß ich gar nicht, was ich zuerst seltsam finden soll. Eine Entwöhnungstherapie ist eine möglicherweise (je nach Klinik, etc.) evidenzbasierte Therapie, die jedoch in jedem Falle als Entwöhnungsmaßnahme eine Leistung des Rentenversicherungsträgers ist. Kosten für eine Richtlinienpsychotherapie, die durch Krankenkassen getragen werden, finden ambulant nur statt, wenn der Beantragende bereits im Antrag Abstinenz nachweist, da ansonsten in der Regel der Antrag abgelehnt wird. Da verwundert es nicht, wenn ambulante Kollegen und Kolleginnen diese Mühe nicht auf sich nehmen. Eine Entgiftungsbehandlung ist keine psychotherapeutische Maßnahme im engeren Sinne und wird von den Kassen als akutmedizinische Leistung natürlich bezahlt.

Seit 1848 ist Alkoholismus als Erkrankung beschrieben. !968 hat das Bundessozialgericht in einem Urteil dies erstmals für Deutschland bestätigt und festgelegt. Ob die Autorin das meint, wenn sie von “wenigen Jahren” spricht?

Die Studie selbst erscheint entweder fragwürdig klein, um echte Schlussfolgerungen zu ziehen. Auch wüsste man doch als Leser gern, um welche Anti-Craving-Medikamente es wohl gegangen sein mag, ohne die Studie nachlesen zu müssen. Sonst könnte man sich doch wirklich diesen Artikel von vornherein sparen.

Das einem Psychiatrie-Professor der folgende Satz in den Mund gelegt wird, grenzt ans Unglaubwürdige: “Es sei wichtig, die Patienten frühzeitig über die Möglichkeiten der Psychotherapie aufzuklären und die Alkoholabhängigkeit auch als psychische Störung anzusehen.” Natürlich ist es wichtig Patienten frühzeitig zu diagnostizieren, aufzuklären und – wenn motivational möglich – einer Behandlung zuzuführen. Wie allerdings eine psychische Störung (ICD-10 – F10.x) anders als eine psychische Störung zu betrachten sein sollte, wenn man sie diagnostiziert, möge mir die Autorin oder auch gern der Herr Professor Berner mal erklären.

Der Rest des Artikels wirkt dann so, als ob schnell noch ein paar hundert Zeichen dran mussten, damit es lang genug wird. Und dafür darf dann wieder der arme Bowlby mit der Bindungstheorie herhalten, die dann natürlich auch für die Erklärung von süchtigem Verhalten funktioniert.

Und warum die psychoanalytische Therapie bei der Autorenschaft durch eine Psychoanalytikerin so stiefmütterlich behandelt wird, wundert mich auch sehr.

Als Psychosomatiker und Suchtmediziner hinterlässt mich diese Lektüre einigermaßen verblüfft bis schockiert.

Dr. S. Otto

#6 |
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henry nosbusch, Arzt
henry nosbusch, Arzt

aber, aber, Frau Dr. Ulrike Wennrich, gehört doch zur Allgemeinbildung!
Schon seit den 40-ger Jahren.
Na klar geht das auch mit Papa, der kann nur nicht so gut stillen.
Je weniger “Eltern” unter 3, desto mehr “Sozialisierungsproblem” und Drogen.

#5 |
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Dr. Anne Schmidt
Dr. Anne Schmidt

Sehr guter Artikel, kognitive Verhaltenstherapie führt sicher zum Erfolg!

#4 |
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Dr. Ulrike Wennrich
Dr. Ulrike Wennrich

Seit wann hat frühe Bindung etwas mit Kindertagesstätten zu tun? Oh Mann! Frühe Bindung können Kinder übrigens auch zu Vätern oder anderen Bezugspersonen aufbauen.

#3 |
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henry nosbusch, Arzt
henry nosbusch, Arzt

na ja, die Amerikaner mit ihren lebensbegleitenden Psychologen,
etwas zu einfach gestrickt mit der Mutter-Kind-Beziehung.
Konsequenterweise muss man dann mit dem zunehmenden Ausbau unserer Kitas auch mit mehr Alkoholismus rechnen.
Das will aber keiner hören.

#2 |
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Eine sehr gute Zusammenfassung und eine Pflichtlektüre für unsere paternalistischen Politiker im Reichstag, die glauben das Problem lösen zu können, indem sie alle mit (Alkohol etc)Steuern und Regeln traktieren. Auch den Kasssenfürsten sei es zugeführt.

Es sollte eine adäquate Therapie und soziale Begleitung/Therapie sollte jedem Bedürftigen ermöglich werden.

#1 |
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