Arzneimittel: Es blistert im Gebälk

19. August 2014
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Heimversorgende Apotheken setzen verstärkt auf patientenindividuelle Zweit- oder Neuverblisterungen. Ärzte und Apotheker kritisieren die Einschränkungen in der Therapiefreiheit sowie bei der Arzneimittelsicherheit. Verbände holen zum Gegenschlag aus.

Im Kammerbezirk Thüringen – und nicht nur dort – gewinnen Zweit- beziehungsweise Neuverblisterungen seit Jahren stark an Bedeutung. Für Apotheker und Ärzte Grund genug, über mögliche Folgen nachzudenken. Mit ihrem jetzt veröffentlichten Positionspapier holen sie zum Rundumschlag aus.

Ärzte in der Zwickmühle

Alles beginnt bei kurzfristig erforderlichen Anpassungen der Medikation. Dr. Mathias Wesser, Präsident der Landesärztekammer Thüringen, stellt das Spannungsverhältnis aus medizinischer Sicht dar: „Wir Ärzte sind dem Wohl und der Sicherheit unserer Patienten verpflichtet und müssen gleichzeitig wirtschaftlich verantwortlich handeln.“ Für ihn ist die Verzögerung notwendiger Therapien undenkbar. Bleibt als Option, Blister zu verwerfen und neu herzustellen, was dem Wirtschaftlichkeitsgebot widerspricht. Herausgeber der Resolution halten sogar Regressforderungen beziehungsweise Prüfanträge gegenüber Medizinern für denkbar. Ökonomie oder Therapie? „Werden die Arzneimittel eines Patienten neu verblistert, meist für ein bis zwei Wochen im Voraus, kann der behandelnde Arzt genau in diese Zwickmühle geraten“, so Wesser.

Verblisterung nur für Tabletten oder Kapseln

Der Präsident der Landesapothekerkammer Thüringen, Ronald Schreiber, kritisiert mögliche Einschränkungen bei der optimalen Medikation. Zum Hintergrund: Meistens werden Kapseln oder Tabletten verblistert. „Andere Arzneiformen, die für viele Patienten leichter anzuwenden sind, also zum Beispiel ein Saft oder Zäpfchen bei Patienten mit Schluckbeschwerden, sind dagegen nicht geeignet“, gibt Schreiber zu bedenken. Er befürchtet, industrielle Anbieter würden besser geeignete Darreichungsformen austauschen, weil sie sich nicht verblistern lassen. Geteilte Tabletten sind hier ebenfalls zu nennen. Sie dürfen laut Apothekenbetriebsordnung, Paragraph 34, grundsätzlich nicht dispensiert werden. Apotheker haben über ihr QMS festzulegen, „in welchen Ausnahmefällen einer schriftlichen ärztlichen Anforderung über eine vor dem Stellen oder Verblistern vorzunehmende Teilung von Tabletten (…) gegebenenfalls gefolgt werden kann, obwohl das nachträgliche Verändern des Fertigarzneimittels grundsätzlich verhindert werden sollte“. Streng genommen liegen Informationen zur Stabilität nach Teilungen für wenige Präparate vor.

Qualität fraglich, Sicherheit mangelhaft

Entsprechende Bedenken gehen aber noch viel weiter. Während die Verantwortlichen in Deutschland auf mehr Sicherheit durch securPharm setzen, fürchten Thüringens Ärzte und Apotheker einen gegenläufigen Trend: Strichcodes lassen sich nicht einfach übertragen, und die lückenlose Nachverfolgung verwendeter Gebinde scheitert. Darüber hinaus führen heimversorgende Apotheker beim industriellen Verblistern auch keine Sichtkontrollen von Umverpackungen durch. Hinzu kommen pharmazeutische Bedenken, da viele Heilberufler klinisch relevante Cross-Kontaminationen im Beutelchen für möglich halten. Derzeit lägen keine Untersuchungen im notwendigen Maßstab vor, heißt es weiter.

Plus für die Compliance fraglich

Befürworter argumentieren, Patienten würden keine Anwendung vergessen. Gilt dies auch für Heime? „Es zeichnet Pflegeeinrichtungen ja gerade aus, dass sich geschultes Personal um die Einhaltung der Therapie kümmert“, so Dr. Annette Rommel, erste Vorsitzende des Vorstandes der Kassenärztlichen Vereinigung Thüringen. Allerdings könnten Pflegekräfte lose Tabletten keinem bestimmten Arzneimittel mehr zuordnen. Fragen oder Einnahmevorbehalte von Patienten bleiben damit offene Baustellen.

Studien nicht ignorieren

Auf diesen globalen Rundumschlag hin hat sich der Bundesverband Patientenindividueller Arzneimittelverblisterer (BPAV) zu Wort gemeldet. Laut Verbandsangaben belegen wissenschaftliche Untersuchungen den Nutzen von Verblisterungen – hinsichtlich der Arzneimittelsicherheit, der Compliance sowie der ärztlichen Therapiefreiheit. „Wer diese Studien ignoriert, ignoriert auch die akademische Diskussion dazu und das ist schade“, sagt BPAV-Chef Hans-Werner Holdermann. Und an die Adresse von Apothekern gerichtet, heißt es weiter: „Wer den einzigen GMP-konform validierten Teilprozess in der Arzneimitteltherapie angreift, nämlich das patientenindividuelle Verblistern, verringert somit die Qualität des Gesamtprozesses.“ Holdermann selbst fände es schön, „wenn andere Prozessbeteiligte schon so weit wären wie die Blisterunternehmen“. Sein Verband informiert weiter, dass das (Her-)Stellen von Arzneimitteln in Heimen seit 2009 unter die Erlaubnispflichten laut Arzneimittelgesetz (AMG), Paragraph 13 falle. Eine umfassendes Statement soll in Kürze veröffentlicht werden.

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5 Kommentare:

Gast
Gast

Ich frage mich, wofür hier “wissenschaftliche Studien” benötigt werden.
Wenn es die “Patienten” nicht mehr gebacken bekommen und die “Pflegekräfte” ebenso nicht, bleibt doch gar nichts anderes übrig.

#5 |
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Heimversorgung?
Heimversorgung?

@Susanne Wagner-Schröer: Hmm, Sie beschreiben im ersten Absatz die größte Unsitte überhaupt… das Blistern per “Angebot”. So sinnvoll blistern im Einzelfall vielleicht sein mag, solange Heime hier “Dumme” finden, die einen Full-Service UMSONST anbieten, solange kann diese Versorgung nicht sinnvoll sein. Denn irgendwann wird der Kostendruck zu hoch… und was passiert dann? Oder das Heim bekommt von einem windigen Kollegen ein noch “besseres” Angebot??

#4 |
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Seit Jahren ist die Versorgung von Heimen nur noch möglich, wenn Apotheken das Blistern anbieten – natürlich kostenlos! Unter dem tun es die Heime gar nicht. Das spart Personal und Aufwand… Heime, wie einige in Erfurt, haben die Apotheken “antreten” lassen und ihr “Agebot” machen lassen. Das hieß im Klartext – Blistern plus Betreuung der BTM Vorräte, Schulung der Pflegekräfte, Vorträge für die Bewohner etc. Kostenlos! Die Apotheken haben sich eine Schlacht um die Heime geliefert. Im häuslichen Bereich finde ich bei der Oma um die Ecke das ganze Sofa voller Pillen, Flaschen, Packungen etc. Das ist nach Aussage unserer Funktionäre “sicherer”, als das Blistern in der Apotheke – vom Fachpersonal, mit Dokumentation unter hygienischen Bedingungen? Wenn Patienten ihre Tabletten mit dem Küchenmesser auf dem Frühstücksbrett teilen, den Rest vergessen oder satt 1×1 eben mal 1×2 nehmen… dann ist das “sicherer” als das Verblistern in der Apotheke? Aber es geht ja hier wieder mal nicht um den Patienten, es geht um eine Lobby – wie immer! Sicher muß bei Änderung der Therapie schnell reagiert werden, das ist aber kein Problem, wenn ordentlich dokumentiert wurde. Wenn massenweise Packungen, die nicht aufgebraucht wurden, in die Apotheke zurück gebracht werden, dann ist das wirklich unwirtschaftlich! Hygiene? Kontamination? Das ist an den Haaren herbei gezogen! Wenn mit gewaschenen Händen, mit Handschuhen, geblistert wird, dann ist das besser, als auf der Fensterbank zwischen den Blumentöpfen geteilt… Was dürfen wir in der Apotheke noch machen? Rezeptur unter unsäglichen Vorschriften fast zum Nulltarif! Defektur geht gar nicht mehr. Blistern ist gegen die Therapiefreiheit… ja sind wir beim Verkäufer angekommen? Wozu studieren, sich mit Fachwissen vollstopfen, wenn die Lobby genau das am Ende verbietet? Kaufleute dürfen wir nicht sein, Auflagen en masse müssen wir bezahlen (wovon eigentlich?) Ich war vor 14 Tagen in Krakau im Apothekenmuseum. Dort ist mir klar geworden, was der Beruf des Apotheker eigentlich ist/war. Ein schöner Beruf einst – voller Kreativität, mit Möglichkeiten all sein Wissen umzusetzen, mit Freude, HEILBERUF zu sein. Aber unsere Kammerfunktionäre wollen uns mit Macht unter fadenscheinigen “Begründungen” klar machen, was alles ach so gefährlich ist. Und Blistern – das ist ja für einen Pharmazeuten völlig berufsfremde Tätigkeit. Davon hat ein Apotheker ja keine Ahnung…

#3 |
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Udo Sonnenberg
Udo Sonnenberg

Hier die ausführliche Stellungnahme des BPAV dazu: http://www.wmscdn.de/uploads/23051/23051.pdf

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Erika Siebert
Erika Siebert

Wir verblistern seit Jahren Tabletten und Kapseln. Bei Medikationsänderung werden die Blister mit Dispensern ergänzt und abgesetzte AM aus den Blistern
entfernt. Das geht von jetzt auf gleich. Nicht blisterfähige AM werden direkt an die Heime geliefert zur dortigen Gabe an die Patienten, für uns gut, weil dafür die Blisterkosten entfallen.
Beim Eingang eines jeden Wochenblisters werden in der Apotheke Sichtkontrollen durchgeführt. Eine Dokumentation jedes einzelnen Blisters in Form eines Fotos hält das Blisterzentrum bereit, kann direkt jederzeit über Internetzugang abgerufen werden. Die o.g. Vorwürfe sind also unsinnig.

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