ADHS: Musikstunden fördern Hirnentwicklung

15. August 2014
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Wie sich das frühe Erlernen eines Musikinstruments langfristig auf die Gehirnentwicklung von Kindern auswirkt, haben Wissenschaftler nun erforscht. Sie zeigten, wie man begabte Kinder noch besser fördern und Entwicklungsdefiziten entgegenwirken kann.

Bekommen beide Ohren dieselbe Information, arbeiten die rechte und die linke Hörrinde des Gehirns bei musikalisch geübten Kindern praktisch synchron. Bei untrainierten Kindern geraten sie minimal aus dem Takt; bei Kindern mit ADHS konnten Privatdozentin Annemarie Seither-Preisler von der Uni Graz und Privatdozent Dr. Peter Schneider von der Neurologischen Universitätsklinik Heidelberg in ihrer aktuellen Studie sogar eine markante Zeitverschiebung zwischen beiden Hirnhälften feststellen. Außerdem war bei dieser Gruppe die Ausreifung der Hörfunktionen in der Hirnrinde deutlich verlangsamt, während junge Musiker einen Entwicklungsvorsprung zeigten.

„Diese Entdeckung könnte erklären, warum auditive Verarbeitungs- und Wahrnehmungsstörungen, ADHS und Lese-Rechtschreib-Schwäche häufig gemeinsam auftreten“, erläutert Seither-Preisler. Einige Probleme der betroffenen Kinder dürften auf eine unzureichende Zusammenarbeit beider Hemisphären zurückzuführen sein, mit negativen Folgen für Aufmerksamkeit, rasche Sprachverarbeitung sowie die Lese-Rechtschreibfähigkeit. „Eine musikalische Ausbildung wirkt genau diesen Defiziten entgegen“, betont Peter Schneider. Die Ergebnisse zeigen nämlich, dass Kinder, die ein Instrument lernen, besser zuhören können, aufmerksamer sind und weniger Probleme haben, Hyperaktivität und Impulsivität zu kontrollieren. Darüber hinaus schneiden sie in Lese- und Rechtschreibtests besser ab als musikalisch ungeübte Gleichaltrige. „Es wäre daher förderlich, neue Formen von Musikerziehung für Kinder mit ADHS und Lese-Rechtschreib-Schwäche anzubieten“, raten die Wissenschafter.

Interessen rechtzeitig unterstützen

Im Zuge der Studie zeigte sich noch ein weiterer Befund: Das Team stellte fest, dass die graue Substanz der Hörrinde bei musikalisch aktiven Kindern etwa um die Hälfte größer ist als bei den übrigen Altersgenossen. Eine Langzeitbeobachtung ergab, dass diese Hirnregion bereits vor dem musikalischen Training eine ganz bestimmte Form und Größe aufwies und sich über die Zeit nicht mehr veränderte. „Besonders überraschte uns, dass wir am Volumen einer bestimmten Hirnstruktur zu Beginn des Instrumentalunterrichts verlässlich vorhersagen konnten, wie viel Zeit die Kinder in Zukunft mit dem Üben verbringen würden“, erklärt Seither-Preisler. Dies zeigt, dass die Motivation, ein Instrument zu lernen, nicht nur von der Unterstützung des sozialen Umfelds, sondern auch von der Veranlagung im Gehirn abhängt. „Wer günstige Voraussetzungen mitbringt, wird leichter und mit mehr Begeisterung bestimmte Fähigkeiten erlernen – beispielsweise zu malen oder Schach zu spielen. Das sollte man in Zukunft stärker berücksichtigen“, empfehlen die Forscher. Werden solche Kinder nämlich rechtzeitig in ihren Talenten und Interessen unterstützt, entwickeln sich die zugehörigen neuronalen Netzwerke besonders günstig, wodurch Lernen zunehmend zum Selbstläufer wird.

ADHS-Diagnosen verringern

Als nächsten Schritt möchte das Team erforschen, ob sich auditive Verarbeitungs- und Wahrnehmungsstörungen mittels neurologischer Messungen im Gehirn frühzeitig diagnostizieren lassen. „Wir hoffen, dass so rechtzeitig Interventionen gesetzt werden können, um die Wahrscheinlichkeit späterer ADHS-Diagnosen zu verringern“, so Seither-Preisler.

Originalpublikation:

Size and Synchronization of Auditory Cortex Promotes Musical, Literacy, and Attentional Skills in Children
Annemarie Seither-Preisler et al.; The Journal of Neuroscience, doi: 10.1523/JNEUROSCI.5315-13.2014; 2014

43 Wertungen (4.35 ø)

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9 Kommentare:

Dr.Bayerl
Dr.Bayerl

Liebe @HP dorothee gutschmidt, bitte keine falschen Legenden über Einstein:
http://tinyurl.com/qanoofg
“.. in Mathematik schwankten die Bewertungen erst zwischen Eins und Zwei und stabilisierten sich dann bei Eins. ..”

Das mit dem “sozialen” kennen wir ja auch beim Rauchen etc.
Man kann das allerdings genau anders herum sehen.
Kluge Menschen rauchen nicht und achten mehr auf ihre Gesundheit
und haben wegen ihrer “Klugheit” auch mehr beruflichen und wirtschaftlichen Erfolg.

#9 |
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Heilpraktikerin

ADHS ist keine “eine Krankeheit” es ist ein Syndrom, d.h. eine Konstellation bestimmter, aber nicht immer gleich auftretender Symptome.

Einstein war in der Schule auch ein sehr schlechter rechner;).

Zum Musikunterricht:

Nicht nur über das Gehör- vorallem auch durch die Miteinbeziehung der linken Hand/ der rechten Gehirnhälfte wird die Verarbeitung auf körperlicher/geistiger und seelischer Ebene verbessert.
das Musizieren soll auch Demenzerkrankungen entgegenwirken.

#8 |
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Gast
Gast

Von einem hohen IQ mit Dyskalkulie hab ich allerdings noch nicht gehört.

#7 |
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Carola Schaffrin
Carola Schaffrin

also… sie hat eine gesicherte Diagnose…. wir sind in Behandlung, seit sie 4 Jahre alt ist… mit 6 Jahren erstmals Equasym ret. ( auch MPH ), der Schuss ging gewaltig nach hinten los, gewaltige Nebenwirkungen ( z. B. Nerven – Krämpfe, Herzrasen, Bluthochdruck, nächtliche Schweissausbrüche, ganz zu schweigen von der absoluen Appetitlosigleit und nichts mehr trinken ( letzendlich Krankenhaus…), vom Rebound ganz zu schweigen…..
Jetzt mit 9 Jahren nochmals ein Versuch mit Strattera…, haben bis 25mg hochdosiert ( eigentlich 40mg ), diese Dosis reicht vollkommen aus…. bis jetzt, bis auf Appetitlosigkeit, die sich in Grenzen hält und gelegentliche Hausausschläge ( Nesselsucht ) keine weiteren Nebenwirkungen….

Zu dem Kommentar vom Gast:
MEIN Kind ist aktiv, Dienstags Reittherapie, Mittwochs Dyskalkalkulietherapie, Donnerstags Sportverein, Freitags Schwimmen….ich denke, das ist aktiv genug…. Wochenende immer unterwegs, kaum TV oder andere Berieselungen….

Bitte ein Vorschlag, wie sie ADHS ” abschaffen “möchten ….. Dieser Kommentar ist für die Tonne, sorry……
Ich denke schon, das ADHS manchmal zu schnell diagnostiziert wird, und das da etwas anderes hintersteckt, aber ADHS gibt es ob man will oder nicht…..
Unsere Tochter war von Geburt anders, wir haben uns sehr schwer getan mit der Diagnose…… ich denke, wie alle vernünftigen Eltern…. anfangs hiess es, ist halt nur sehr aufgeweckt, aber aus diesem aufgeweckten wurde es immer schwieriger…..
Kindergartenzeit haben wir irgendwie rumgekriegt, aber nun mit der Schule kommen erst die richtigen Probleme! Wir haben einen Schulbegleiter, oder wie es richtig heisst, Integrationshelfer,ich möchte ihn nicht mehr missen,denn ohne würde die Regelschule gar nicht funktionieren… und das bei ihrem eigentlichen IQ von 120 …..
Ich bin dankbar dafür, das sie wenigstens mit dem Schlaf keine Probleme hat, denn wenn sie schläft, kann man mit einem Fanfarenzug durchgehen, sie würde nicht wach werden…allerdings ist sie morgens früh wach…..

#6 |
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Gast
Gast

Am besten wäre es ADHS ganz abzuschaffen,
in dem man gerade aktiven Kindern eine möglichst sinnvolle Beschäftigung ermöglicht,
wobei sich nicht jeder Klavierunterricht leisten kann.

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Dr. phil. Georg Wolff
Dr. phil. Georg Wolff

Liebe Frau Schaffrin!
Falls Sie dies noch nicht taten: haben Sie den Mut, sich mit einer medikamen-tösen Therapie für Ihre Tochter auseinanderzusetzen, falls Ihr Mädchen wirklich gesichert ein ADHS hat. Je länger Sie nicht wirksame Behandlungsformen aus-wählen, erschwert sich das Problem für Ihre Tochter. Methylphenidat, die Wirksubstanz in den Stimulanzien, hilft sehr wirksam und führt dazu, dass sich die betroffenen Kinder “richtiger” fühlen und verhalten können. Ich beschäftige mich seit fast 40 Jahren mit ADHS bei Kindern und Erwachsenen, und es gibt Belege dafür, dass die Kinder aus guten Gründen das ADHS-Verhalten auch lernen (wobei ich genetische Gründe und Abweichungen ihm Hirnstoffwechsel bzgl. der Neurotransmitter nicht in Frage stelle).
Dr. Georg Wolff, Dipl.-Psych., PP

#4 |
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Carola Schaffrin
Carola Schaffrin

wir haben schon etliche Therapien hinter uns ( Ergo, Reittherapie, Dyskalkulietherapie, syst.Therapie usw… ) leider hat uns nichts geholfen, da immer die Ausdauer (am Ball bleiben ) fehlt und es zu keiner Besserung gefunden hat…wir sind immer noch auf der Suche nach der ultimativen Therapeutin / Therapeuten, denn es haben alle die Segel gestrichen….. ;-)

#3 |
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Physiotherapeut

Danke für den interessanten Artikel.
Und zum Mut machen an Frau Schaffrin:
Vielleicht probieren Sie es doch erst mal mit Ihrer Tochter bei einer Musiktherapeutin (mit Spezialisierung ADHS)?

#2 |
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Carola Schaffrin
Carola Schaffrin

Wenn meine Tochter ( ADHS ) doch bloß die Ausdauer hätte, ein Instrument zu erlernen, hinzu kommt noch die Regelanpassung….. damit haben ja fast alle ADHS – Kinder Schwierigkeiten….

#1 |
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