Alzheimer: Jugend siecht nicht

20. August 2014
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Bei der Alzheimer-Krankheit gehen die molekularen Veränderungen im Gehirn der Betroffenen dem Auftreten der Symptome lange voraus. Jetzt haben Forscher herausgefunden, dass junge Menschen mit einem Risiko-Gen für Alzheimer noch keine Spuren der Krankheit zeigen.

Erste klinische Symptome treten bei den meisten Alzheimer-Patienten im Alter von 70 bis 80 Jahren auf. Zwar weiß man seit einiger Zeit, dass molekulare Veränderungen im Gehirn der Betroffenen wohl schon viel früher einsetzen, doch bisher ist immer noch unklar, wann genau die ersten senilen Plaques und fibrillären Ablagerungen entstehen. Ein Forscherteam der Universität Erlangen-Nürnberg konnte nun zeigen, das junge Menschen trotz genetischer Vorbelastung noch keine Zeichen der Alzheimer-Krankheit aufweisen. Wie die Wissenschaftler um Professor Piotr Lewczuk im Journal of Alzheimer’s Disease berichteten, ließen sich im Blut der Probanden keine für die Krankheit spezifischen Biomarker-Muster aufspüren.

Genetische Risikofaktoren leichter überprüfbar

An der Studie nahmen 173 Freiwillige mit einem Durchschnittsalter von 28 Jahren teil. Sie wurden von Lewczuk und seinen Mitarbeitern in drei Gruppen eingeteilt – je nachdem welche Variante des APOE-Gens sie trugen. Dieses Gen enthält die Bauanleitung für das Apolipoprotein E, das im Fettstoffwechsel eine wichtige Rolle spielt. Träger der APOE-Variante Epsilon-4 haben ein erhöhtes, Träger der Variante Epsilon-2 ein erniedrigtes Risiko an Alzheimer zu erkranken. „Die am meisten verbreitete Variante Epsilon-3 hat wahrscheinlich keinen Einfluss auf die Krankheit. Genetische Risikofaktoren sind im Gegensatz zu nicht-genetischen Risikofaktoren leichter zu detektieren und zu quantifizieren, außerdem wirken sie von Geburt an“, sagt Lewczuk, Leiter des Labors für Klinische Neurochemie und Neurochemische Demenzdiagnostik der Psychiatrischen und Psychotherapeutischen Klinik am Universitätsklinikum Erlangen.

Nach Einteilung der Gruppen untersuchten die Forscher im Blut der Probanden die Konzentration von verschiedenen Varianten des Beta-Amyloid-Peptids. Sie sind Bruchstücke des Amyloid-Vorläuferproteins (APP), das in den Membranen steckt, die die Nervenzellen umhüllen. APP leitet wahrscheinlich Signale von außerhalb der Zelle ins Zellinnere und wieder zurück. Hat es seine Aufgabe erfüllt, wird es Stück für Stück abgebaut. Doch nicht immer gelingt der vollständige Abbau von APP. Dann bleiben vor allem Beta-Amyloid-Peptide übrig, die aus 40 oder 42 Aminosäuren bestehen. Das Peptid mit 42 Aminosäuren ist einer der Hauptbestandteile der senilen Plaques. Sowohl Patienten mit einer manifesten Alzheimer-Demenz als auch bei Patienten mit nur leichten kognitiven Einschränkungen lassen sich erniedrigte Konzentrationen von Beta-Amyloid-42 in der Gehirn-Rückenmarksflüssigkeit (Liquor) und im Blut aufspüren.

Weiterführung der Studie sinnvoll

In ihrer Studie konnten Lewczuk und seine Mitarbeiter allerdings in der Risikogruppe mit 38 Probanden im Vergleich zu den anderen beiden Gruppen keine statistisch signifikante Veränderung der Konzentration von Beta-Amyloid-42 nachweisen. „Anscheinend gibt es 30 bis 40 Jahre vor Auftreten der ersten klinischen Symptome auch bei Personen mit einem Risiko-Gen noch keine Veränderungen im Beta-Amyloid-Metabolismus“, sagt Lewczuk. „Dieses Ergebnis sollte allerdings man vorsichtig interpretieren.“ Man könne, so der Mediziner, nicht völlig ausschließen, dass bei einigen der jungen Menschen schon neurodegenerative Veränderungen begonnen hätten. Lewczuk hält es deswegen für sinnvoll, in 10 bis 15 Jahren die Analyse bei den Probanden dieser Studie zu wiederholen.

Eine weitere Einschränkung der Studie betrifft die Tatsache, dass die Ergebnisse mit Hilfe von Blutproben gewonnen wurden: „Normalerweise misst man die Konzentrationen von Beta-Amyloid im Liquor mittels einer Lumbalpunktion“, sagt Lewczuk. „Das geschieht aber erst, wenn ein konkreter Verdacht auf Alzheimer vorliegt, denn Gesunde zu punktieren, wäre ethisch nicht korrekt gewesen.“ Trotz der relativ geringen Sensitivität und Spezifität, so Lewczuk, lasse die laborchemische Untersuchung von Beta-Amyloid im Blut eine statistische Auswertung eines größeren Kollektivs zu. Zur Diagnose eines einzelnen Patienten sei sie aber nicht geeignet.

Blutbasierte Verfahren zum frühen Alzheimer-Nachweis fehlen

„Im Vorfeld der Studie wiesen einige Anhaltspunkte darauf hin, dass im Gehirn von Trägern der APOE-Risikovariante schon Veränderungen in Gehirn auftreten, bevor die kognitiven Defizite einsetzen“, sagt Professor Jens Wiltfang, Direktor der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie der Universitätsmedizin Göttingen. „Deswegen war es richtig, zu überprüfen, ob sich auch im Blut von jungen Menschen mit diesem Risiko-Gen erniedrigte Beta-Amyloid-Konzentrationen auffinden lassen.“ Solche Studien, so der Mediziner, seien zudem wichtig, um neue blutbasierte Verfahren zu entwickeln, mit deren Hilfe man die Wirksamkeit von präventiven Therapien überprüfen könne. „Denn nur wenn wir einen Biomarker in der Hand haben“ meint Wiltfang, „mit dem wir die Alzheimer-Krankheit in einem sehr frühen präklinischen Stadium nachweisen könnten, gäbe es eine Chance, das Auftreten der klinischen Symptome hinauszuzögern.“

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Medizin, Neurologie

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10 Kommentare:

Dr.Bayerl
Dr.Bayerl

Dr. Bertram Staudenmaier, vielleicht darf man Ihnen entgegenkommen,
wenn man zwischen der Lebenserwartung von Neugebohrenen und sagen wir 25,-Jährigen unterscheidet, da früher generell die Säuglingssterblichkeit sehr hoch war,
ebenso Infektionen und damit verbunden den generell viel gefährlicheren Verletzungen bei Handwerk und Militär.
Nach dieser Zusammenstellung
http://tinyurl.com/knn25je
hatte daher der 25-Jährige noch eine mittlere Lebenserwartung von weiteren 26 Jahren,
der 75-Jährige immerhin noch von 5 Jahren und selbst der 80-Jährige noch von 4 Jahren. Verständlicherweise wird gerade für diese Zeit besonders auf die großen Unterschiede der sozialen Schichten hingewiesen (Sklaven), die man mit der heutigen Zeit kaum vergleichen kann. Heilkunst war jedenfalls teilweise deutlich weiter entwickelt als im Mittelalter.

#10 |
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Dr.Bayerl
Dr.Bayerl

Dr Paul-Ulrich Eckhoff nur nicht nervös werden,
es handelt sich beim M.Alzheimer NICHT um eine Alterserscheinung, sondern um eine Krankheit. Es bekommt auch nicht jeder einen Herzinfarkt.
Ab 80 (oder früher) sinkt übrigens das statische Risiko wieder.
Sie können sehr hohes Alter auch als eine positive Selektion betrachten.

zu#1 Gehirn muss allerdings auch weiter benutzt werden,
darin unterscheidet es sich nicht von einem Muskel.

#9 |
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1970 habe ich Staatsexamen gemacht, damals galt der M. Alzheimer als eine Erkrankung die um das 6o. Lebensjahr beginnt und rasch progedient verläuft. Nun bin ich selber in der Nähe des Alzheimers mit 70. Jahren, aber den BEginn auf 80 Jahre hoch zu stufen geht doch wohl an der Definition des Alzheimer vorbei. Oder man macht einen Sammeltopf und schmeißt jedwede Hirnrinsuffizienz in einen Topf. Wissenschaft geht eigentlich anders.

#8 |
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Medizinphysiker

Ich hab doch tatsächlich von römischen Grabinschriften geträumt, die als Grundlage für die Berechnungen gedient haben sollen.
Den letzten Satz von Ihnen kann ich allerdings nicht widerlegen, da sind wir uns einig.

#7 |
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Gast
Gast

Dr. Bertram Staudenmaier, Sie träumen mit ihren 30 bei den “Römern”.
Wie kommen Sie denn darauf?
Im Mittelalter ist Körpergröße und Lebenserwartung erst einmal zurückgegangen.
Auch die Steinzeitmenschen VOR der Sesshaftigkeit (neolithische Revolution) waren größer und hatten eine etwa 20 Jahre höhere Lebenserwartung als ihre sesshaften Nachkommen. Die Antropologie ist sich da einig.
Es gibt nicht nur “Fortschritte” beim Menschen, sondern auch Fehlentwicklungen und Rückschritte. Auch der verminderte Gebrauch der Vernunft ist ein Rückschritt.

#6 |
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Medizinphysiker

Durchschnittliche Lebenserwartung bei den Römern: etwas über 30 Jahre, also Hauptkarriere mit über 60: meistens Orcinianus!

#5 |
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Gast
Gast

zu#3 “jugendlich” ist man unter 50!
Die Zeiten haben sich geändert. Bei den Römer begann der “vir” (Mann) mit 40, darunter war es ein “juvenis” Jüngling.
Erfolgreiche Menschen beginnen ihre “Hauptkarriere” mit über 60, wenn andere schon an die Rente denken und wenn sie die Lebenserfahrung und Menschenkenntnis erreicht haben, die man für Führungspositionen haben sollte.

#4 |
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Medizinphysiker

Durchschnittsalter 28 und jugendlich? Na ja.

#3 |
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Gudrun Neumann
Gudrun Neumann

Kann ich mich auch testen lassen, nachdem meine Großmutter und mein Vater Alzheimer hatten?

#2 |
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Dr. med. Manfred Budde
Dr. med. Manfred Budde

Wie vorbeugen?

#1 |
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