Rabattverträge: Die fetten Jahre sind vorbei

18. Mai 2012
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Ein halbes Jahrzehnt ist es her, seit in Deutschland Rabattverträge eingeführt wurden. Jetzt ziehen alle Beteiligten Bilanz – und kommen zu äußerst unterschiedlichen Resultaten. Profitiert haben bislang nur die Krankenkassen. Ob das ewig so bleiben wird, ist eine andere Frage: Untersuchungen zeigen, dass wenige Hersteller den Markt beherrschen.

Nicht unbedingt ein Grund zum Feiern: Im April 2007 startete die AOK ihre ersten Rabattverträge, gestützt auf das GKV-Wettbewerbsstärkungsgesetz. Anfangs waren vor allem Arzneimitteln für chronische Erkrankungen am Start. Viele großen Hersteller hatten sich an der Ausschreibung gar nicht beteiligt – eine Strategie, die sie bald darauf ändern mussten. Kassen wiederum betraten juristisches Neuland, sie ruderten mancherorts wieder zurück, und gerichtliche Auseinandersetzungen gehörten zum Tagesgeschäft.

Juristisches Wirrwarr

Einige Kernfragen aus den ersten Monaten: Sozialrecht oder Vergaberecht – welche Norm greift wann, und welche Gerichte sind eigentlich im Falle eines Falles zuständig? Nach Diskrepanzen zwischen Bundessozialgericht beziehungsweise Bundesgerichtshof schafften das Gesetz zur Weiterentwicklung der Organisationsstrukturen in der GKV (GKV-OrgWG) sowie das Arzneimittelmarkt-Neuordnungsgesetz (AMNOG) endlich Klarheit: Rabattverträge unterliegen grundsätzlich geltendem Vergaberecht, und seit AMNOG sind alle Streitigkeiten vor dem zuständigen Oberlandesgericht auszufechten. Ökonomische Folgen der anfänglichen Unsicherheit machen sich auch heute noch bemerkbar: Portfolioverträge, die ein komplettes Hersteller-Sortiment umfassen, darf es nicht mehr geben. Betroffene wie die Barmer GEK stellten ihre Vergabepraxis sukzessive um – kürzlich wurden im Rahmen einer dritten Tranche 96 Wirkstoffe ausgeschrieben.

Milliarden Mäuse

Mittlerweile ist die Zahl aller Rabattverträge auf 16.400 angestiegen. Darunter fielen in 2011 rund 28.500 Arzneimittel. Die Einsparungen bezifferten Vertreter des Bundesministeriums für Gesundheit auf sage und schreibe 1,6 Milliarden Euro. Genaue Zahlen will niemand veröffentlichen, Brancheninsider schätzen jedoch mit Abschlägen von bis zu 90 Prozent, bezogen auf reguläre Listenpreise. Kein Zweifel: Versicherer bewerten Rabattverträge als profundes Mittel, um Kosten zu minimieren. Im Mai 2012 haben das Patienten erneut schmerzlich zu spüren bekommen – unter anderem durch weitere Rabattverträge der Barmer GEK und der Techniker Krankenkasse. Mittlerweile sind aber nicht nur Generika betroffen.

Originalpräparate unter Druck

Patentgeschützte Arzneimittel geraten auch immer häufiger in den Mittelpunkt entsprechender Preisverhandlungen – rund 15 Prozent stehen derzeit unter Vertrag. Interessant wird das vor allem gegen Ende des Patenschutzes, um Marktanteile zu sichern. Noch im April hatten Vertreter der Wirtschaftsministerien einzelner Bundesländer Strategien gegen diese Praxis gefordert: Kassen sollten erst 24 Monate nach Ablauf des Schutzrechts Rabattverträge mit den Anbietern von Originalpräparaten abschließen dürfen. Damit konnten sie sich nicht durchsetzen: Bereits im Vorfeld kritisierte die AOK, dieser Vorstoß käme einer „Lizenz zum Gelddrucken für die Großen der Generikabranche gleich“. Doch im Markt existieren noch weitere Schwachstellen.

Kleiner Kreis – große Summen

IMS Health bewertet vor allem die Konzentration einzelner Anbieter bei Rabattverträgen als riskant. Zwar habe sich der Anteil von „Top Ten“-Herstellern gegenüber den Vorjahren etwas verringert: Waren im Jahr 2010 noch 85 Prozent aller Packungseinheiten in der Hand von zehn Firmen, sank dieser Wert über die Jahre auf 74 Prozent (2011). „Rabattverträge mit Originalherstellern verringerten die Wettbewerbsintensität und wirkten erhöhend auf die Marktanteile der Originalhersteller trotz Generikakonkurrenz“, so eine Studie des IGES Instituts im Auftrag von ProGenerika. Vor allem kleinere und mittlere Pharmafirmen geraten schnell in Existenznot, sollten sie keinen Zuschlag der Kassen bekommen. Gesundheitsökonomen fragen sich, ob dieser Effekt Einsparungen mittelfristig sogar zu Nichte macht. Andere Märkte, Stichwort Mineralölwirtschaft, zeigen bereits heute recht plakativ, wohin die Reise im schlimmsten Fall gehen kann. Danach sehnt sich bei Pharmaka niemand. Auf der anderen Seite, so die Wirtschaftsforscher, sinken durch eine hohe Zahl an Generikaherstellern Arzneimittelpreise automatisch, auch ohne einen Rabattvertrag. In den Kalkulationen werden gerne Kosten durch mangelnde Therapietreue sowie durch Zusatzarbeit in öffentlichen Apotheken übersehen.

Sparen auf Kosten der Gesundheit

Zwar betont Fritz Becker, Vorsitzender des Deutschen Apothekerverbands, Apotheken setzten seit 2007 alle Rabattverträge der Kassen zuverlässig um. Seinem Unmut macht er dennoch Luft: „Eine unzweckmäßige Herstellerauswahl kann zu Lieferengpässen in der Apotheke führen oder Verwirrung bei den Patienten stiften.“ Bestes Beispiel: Präparate, die – je nach Packungsgröße – von verschiedenen Herstellern kommen, wie kürzlich bei einem Antihypertonikum geschehen. Derartige Konstrukte verwirren Laien, die sich eher am Aussehen der Packung orientieren und vielleicht allenfalls einen Präparatenamen gemerkt haben. Hinzu kommen pharmazeutische Bedenken bei Medikamenten mit geringer therapeutischer Breite. Ärzte wiederum setzen das „Aut-idem“-Kreuz immer zögerlicher, haften bei gesundheitlichen Folgen einer möglichen Substitution aber trotzdem. Und im HV melden sich Patienten mit zahlreichen Beschwerden, beispielsweise einer unzureichenden Analgesie nach Austausch von Opioiden. Lieferengpässe machen Apotheken das Leben zusätzlich schwer, jede nicht ausreichend belegte Änderung kann Kassen schnell zur Retaxation verleiten. Mittlerweile beginnen auch Kunden, sich zu wehren: Ende April wurden dem Patientenbeauftragten der Bundesregierung, Wolfgang Zöller (CSU), 80.000 Unterschriften gegen die Rabattverträge übermittelt. Dazu hatte der Verein Freie Apothekerschaft aufgerufen, nachdem eine Petition gleichen Inhalts vom Bundestag abgelehnt worden war.

Auch in Zukunft wettbewerbsfähig?

Dass unser Gesundheitssystem finanzierbar bleiben muss, steht außer Frage. Mit Rabattverträgen werden alle Beteiligten wohl oder übel in den nächsten Jahren leben müssen, über Alternativen wie die Zielpreise spricht heute niemand mehr. Dennoch ist es an der Zeit, nachzujustieren: bei pharmazeutischen Problemen durch Substitution, bei der Honorierung von Apotheken sowie bei allzu starken Eingriffen in den Arzneimittelmarkt.

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Medizin, Pharmazie

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5 Kommentare:

Pharmazeutisch-technische Assistentin (PTA)

Ich finde Rabattverträge prinzipiell auch gut, nur an der Praxistauglichkeit sollte gearbeitet werden. Viele Kunden fühlen sich übergangen. Sie sind diejenigen, die jedes dritte Mal eine andere Verpackung bekommen, aber informiert werden sie nicht. Für viele sind es doch die Apotheken, die ständig die “falschen” Packungen abgeben, obwohl wir eigentlich nur die Handlanger der Kassen sind. Vielleicht könnte mehr Information seitens der Krankenkassen mehr Verständnis bringen.

#5 |
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Selbstst. Apotheker

Für Rabatverträge braucht man keine Pharmazeuthen.Wenn der Wissenstand korigiert werden sollte,möge man sich natürlich unabhängig fort und weiterbilden,um noch wichtigere Probleme der Patienten zu besprechen.Ich kann mir überhaupt nicht vorstellen,daß der Pharmazeuth nichts zu tun hat als Medikamente abzugeben,wenn es keine Rabatverträge geben würde.Weil wir Pharmazeuthen vor den Rabatverträgen durch Wissensmangel oder durch die Arzthocheitsangst nichts gemacht haben,sind die ständig im Angriffsziel der Medien,Krankenkassen und Politiker gekommen..Man muß die Schulden auch bei sich selbst suchen.
Ich finde die Rabatverträge grausam,sinnlose Zeitverspendung anstatt diese Zeit für die Beratung der Patienten zu verbringen.Wenn ein Pharmazeuth das Gegenteil
meint,sollte er liber als Obstverkäufer arbeiten,wo er sich auch weiterbilden sollte und den Inhalt seiner verkauften Ware mit den Kunden beratend evtl seinen persönlichen Obstverkäufertitel zu pflegen und evtl was sinnvolles getan zu haben.
Es ist sehr schade,daß wir auch Verkäuferpharmazeuthen haben,anstatt Wissenschftler.Wenn jemand Hilfe braucht kann sich bei mir melden.

Barbaros Orhon

Brunnen Apotheke,Löningen

#4 |
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Apotheker

Ich finde das Rabattwirrwarr gut, jemehr Erklärungsbedarf besteht, desto notwendiger ist die Öffentliche Apotheke. Daher sind alle Aktionen zur Verunsicherung der Patienten seitens der Kollegen m.E. kontraproduktiv. Sind die Patienten nicht schon rabatterfahren – d. gelassener ? Ich habe den Eindruck. Die Konzentration der Kräfte auf eine angemessene Vergütung ist sicherlich sinnvoller.

#3 |
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Apotheker

Quatsch,Logik ist im Gesundheitswesen doch gar nicht gefragt !

#2 |
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dr. ralph brachvogel
dr. ralph brachvogel

Bitte formulieren Sie nicht mehr: Aut idem “ankreuzen” sondern sagen Sie richtiger “durchstreichen” weil diew generelle Forderung nach Austausch gegen das billigste Medikament doch durch das Durchstreichen des Kästchens außer Kraft gesetzt werden soll. Bei der Wirrnis der heutigen Gesetzgebung sollten die Kommentatoren wenigstens klar formulieren!

#1 |
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