Lernen: Multitasking verhindert Langzeiterinnerung

6. August 2014
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Wer sich beim Lernen ablenken lässt, riskiert, seine Erinnerung ans Gelernte zu „überschreiben“. Wer den Lernstoff hingegen wiederholt, führt ihn ins Langzeitgedächtnis über. Forscher konnten nun zeigen, wie diese Phänomene auf zellulärer Ebene zusammenhängen.

Neue Informationen werden vom Gehirn unterschiedlich „gespeichert“: die meisten im Kurzzeitgedächtnis, wenige im Langzeitgedächtnis. Warum das so ist und welche Informationen ins Langzeitgedächtnis wandern, haben Wissenschaftler um den Neurobiologen Professor Korte herausgefunden. Für ihre Untersuchung haben sie Hirnschnitte vom Hippocampus eines Mäusehirns angefertigt, also von der für das Faktenlernen entscheidenden Gehirnregion. Diese haben sie stimuliert und verschiedene Gruppen von Synapsen aktiviert – das heißt die Kontaktstellen zwischen Nervenzellen, an denen Erinnerungen abgespeichert werden. Korte und seinem Team ist es gelungen, solche Untersuchungen über einen Zeitraum von mehr als zehn Stunden durchzuführen, was bisher nur wenigen Arbeitsgruppen weltweit gelungen ist.

Konkurrenz beim Abspeichern

Durch den langen Untersuchungszeitraum konnten die Hirnforscher zeigen, dass Erinnerungen vor ihrem Übergang vom Kurz- ins Langzeitgedächtnis in Konkurrenz um Gedächtnis-assoziierte Moleküle stehen. Dabei handelt es sich um Proteine, die benötigt werden, um die Synapsen langfristig zu verstärken. Wird innerhalb einer Stunde nach dem Abspeichern einer Erinnerung ein zweiter Reiz gesetzt, der in assoziativer Verbindung zu der Erinnerung steht, wird diese gestärkt. Ist der zweite Reiz jedoch unabhängig, kann er die Eiweißmoleküle der ersten Erinnerung „kapern“ und für sich selbst nutzen. Damit ist die erste Erinnerung verloren und die zweite umso erfolgreicher abgespeichert.

Kleine Lerneinheiten sind physiologisch sinnvoll

Der Wettbewerb der Erinnerungsreize um Proteine erklärt, warum es besser ist, Lerninhalte auf viele kleine Portionen und über viele Tage zu verteilen. So können sie sich gegenseitig verstärken. Das „Bulimie-Lernen“ über viele Stunden am Stück hingegen führt dazu, dass sich die Lerninhalte selbst Konkurrenz machen. Vor allem aber sollte Multitasking beim Lernen vermieden werden. Durch Fernsehen, Surfen im Internet oder auch einen anderen Lernstoff treten neue Reize in Konkurrenz zum Gelernten und der Zufall entscheidet darüber, welche Information es ins Langzeitgedächtnis schafft.

Originalpublikation:

Competition between recently potentiated synaptic inputs reveals a winner-take-all phase of synaptic tagging and capture
Sreedharan Sajikumar et al.; PNAS, doi: 10.1073/pnas.1403643111; 2014

56 Wertungen (4.86 ø)

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3 Kommentare:

#2, Dr. B. Staudenmaier,
Die praktischen Folgen von “Multitasking”-Lernen sind zunächst einmal nur, dass das Gelernte vergessen wird. Es kommt auf neuronaler Ebene (Hippocampus u.a.) nicht zur Ausbildung neuer Synapsen. Sehr eindrucksvoll kann man das an sich selbst erforschen, wenn die Zeit vor der Klausur wieder einmal mit spannenden WM-Spielen und häufiger Doccheck-Präsenz bestückt war ;-).

“Multitasking” im Alltag sollte eigentlich durch die perzeptiven Filter daran gehindert werden, im Hirn zur Reizüberflutung zu führen. Dass im 21. Jhdt. unsere Sinnessysteme derart durch Handys, Tablets, Internet, Werbung, HD-TV und Leistungsdruck, am besten alles gleichzeitig, auf die Probe gestellt werden, konnte die Evolution noch nicht berücksichtigen. Von daher ist es sicherlich nicht ausgeschlossen, dass das mediale Dauerfeuer irgendwann zu psychischen Störungen führen kann.

#3 |
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Medizinphysiker

Interessant!
Aber was sind die praktischen Folgen des Verlustes des Langzeitgedächtnisses? Ich behaupte einfach mal, Multitasking stört das klare Denken, verhindert das Nachdenken und führt womöglich zur Verblödung?

#2 |
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Prof. Dr. Dr. Wulf von Restorff
Prof. Dr. Dr. Wulf von Restorff

Kleine Lerneinheiten sind physiologisch sinnvoll

Wie klein ist klein? Die Pädagogen fordern seit Langem 20-Minuten Blocks!

Wie verhalten sich TReize über verschieden Kanäle (Auge, Ohr)?

Ein spannender Artikel.
Danke

#1 |
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