Klinikbewertung: Spreu vom Weizen trennen

21. Mai 2012
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Top oder Flop: Krankenhaus-Portale sind groß im Trend, doch halten nicht alle Angebote, was sie versprechen. Mit wichtigen Kriterien lässt sich Gutes von weniger Gutem trennen – standardisierte Daten zur Qualität etwa helfen auch Kollegen, geeignete Häuser zu finden.

Todesfälle auf der Frühchen-Intensivstation oder Narkose-Desaster im OP: Manche Kliniken machen durch negative Schlagzeilen Furore. Umso häufiger fragen sich Patienten, wo sie ihren Bypass legen, ihr neues Hüftgelenk implantieren beziehungsweise ihr Baby zur Welt bringen sollen. Krankenhaus-Bewertungsportale können diese Entscheidung erleichtern, doch sind nicht alle Angebote empfehlenswert.

Frei von Einflüssen?

Im Gespräch mit DocCheck erläutert Dr. Ilona Köster-Steinebach, Referentin Qualität und Transparenz im Gesundheitswesen beim Verbraucherzentrale Bundesverband e.V., das Dilemma: „Prinzipiell befürworten wir alle Initiativen, die es Verbrauchern erleichtern, sich ein Bild über das Angebot, hier das Versorgungsangebot und die Versorgungsqualität von Krankenhäusern zu machen“. Bewertungsportale tragen dazu bei, falls sie grundlegende Anforderungen erfüllen. Köster-Steinebach: „Wichtig ist, dass pro Fachabteilung bewertet wird, weil viele Faktoren von der Freundlichkeit bis zur Behandlungsqualität auch innerhalb der einzelnen Krankenhäuser ganz unterschiedlich zu Tage treten“. Aktualität gilt ebenfalls als besonders wichtig – Einträge sollten nicht älter als zwei Jahre sein. Zu einer guten Einschätzung gehören zudem differenziertere Kriterien, nicht jedoch Allgemeinplätze wie Behandlungsqualität oder Freundlichkeit. „Deshalb sind Portale, die auf umfangreichere, detailreichere und damit präzisere Bewertungen zurückgreifen, letztlich immer aussagekräftiger.“ Und nicht zu vergessen: standardisierte Qualitätsdaten.

Zur Transparenz verpflichtet

Mit dem V. Sozialgesetzbuch verpflichtete der Staat Kliniken, Informationen regelmäßig nach außen zu geben: „Der Bericht hat (…) Art und Anzahl der Leistungen des Krankenhauses auszuweisen und ist in einem für die Abbildung aller Kriterien geeigneten standardisierten Datensatzformat zu erstellen. Er ist über den in dem Beschluss festgelegten Empfängerkreis hinaus auch von den Landesverbänden der Krankenkassen und den Ersatzkassen im Internet zu veröffentlichen.“ Klingt gut, ist aber kompliziert: Laien sind mit den Informationen oft überfordert – wer Zeit hat, kann sich mit dem über 30 Seiten langen Leitfaden „Die gesetzlichen Qualitätsberichte der Krankenhäuser lesen und verstehen“ beschäftigen. Das muss aber nicht sein, Online-Tools führen weitaus schneller zum Ziel.

Weiße Liste gegen schwarze Schafe

Als gemeinsames Projekt der Bertelsmann Stiftung und der Dachverbände zahlreicher Patienten- und Verbraucherorganisationen wurde die weiße Liste konzipiert – ohne Werbebanner, ohne Sponsoring und ohne kommerzielle Interessen. Dahinter steckt eine Datenbank mit besagten Qualitätsberichten. Versicherer greifen ebenfalls darauf zu, etwa in Form des AOK-Krankenhausnavigators. Und mit Apps wie dem TK-„Klinikführer“ wird die Recherche zum multimedialen Erlebnis. Über aktuelle Befragungen gesetzlicher Krankenkassen kommt auch das Votum von Versicherten mit ins Spiel, ebenfalls standardisiert, allerdings schwankt hier die Datenbasis stark. Sind es bei der TK 200.000 Zufriedenheitsbewertungen, hat die AOK auf immerhin 24 Millionen Patientendaten verwertet.

Marketing-Magnet Klinikranking

Wer eine gute Bewertung von neutraler Seite bekommt, hat natürlich klare Wettbewerbsvorteile. „Wir sind stolz darauf, dass die Schön Klinik Neustadt von den TK-Versicherten als das zweitbeste Krankenhaus zwischen Nord- und Ostsee bewertet worden ist. Wir nehmen dieses Ergebnis als Bestätigung der Patienten für die Qualität unserer Arbeit und das Engagement jedes Einzelnen. Für die Zukunft ist es uns Ansporn, noch besser zu werden“, so der kaufmännische Leiter Manfred Volmer. Auch im Klinikum Passau knallten Sektkorken, laut AOK-Ranking gehört das Haus bei Gallen-OPs zu den „Top five“. Prof. Dr. Helmut Grimm, der Chefarzt der Chirurgie: „Dadurch spricht sich unsere Qualität hoffentlich unter Ärzten und Patienten herum und das Einzugsgebiet erweitert sich.“ Negativ Bewertete hingegen wollen sich zum Ranking nicht äußern.

Blick ins Impressum

Doch zurück zu Ilona Köster-Steinebach und ihrem Kriterienkatalog: „Krankenhäusern sollte es nicht möglich sein, zum Beispiel durch Mitgliedsbeiträge oder ähnliches besonders hervorgehoben oder gar ausschließlich dargestellt zu werden.“ Das kommt aber durchaus vor: „Präsentieren Sie sich dort, wo Ihre Patienten nach Ihnen suchen“, wendet sich beispielsweise Medmonitor.de an Kliniken. Und hinter Qualitätskliniken.de steckt ein Konsortium aus der Asklepios Kliniken GmbH, der Rhön-Klinikum AG, der Sana Kliniken AG, dem Zweckverband freigemeinnütziger Krankenhäuser Münsterland und Ostwestfalen und dem Zweckverband der Krankenhäuser Südwestfalen e.V. Allerdings betont Dr. Christoph Straub, Vorstand der Rhön-Klinikum AG: „Wir laden ausdrücklich alle deutschen Krankenhäuser ein, unabhängig von ihrer Trägerschaft.“

Meinungsfreiheit bleibt umstritten

Ganz zuletzt der naheliegende Weg: Warum User nicht selbst die Leistung bewerten lassen? Der Schuss ging im Jahr 2008 nach hinten los: Gerichte machten Klinikbewertungen.de dafür verantwortlich, den Beweis zu erbringen, „dass Aussagen genau und im Wortlaut stimmen“ – schlichtweg unmöglich. Ein weiteres Urteil bekennt sich hingegen klar zur Meinungsfreiheit. Zwar ging es hier um die Bewertung von Ärzten, im Kontext ist die Entscheidung aber durchaus übertragbar. Dass Laien medizinische Sachverhalte nicht richtig beurteilen könnten oder Einrichtungen sich selbst in gutem Licht darstellten, sei kein ausreichender Grund für ein Verbot, hieß es in der Begründung. Am Landgericht Nürnberg-Fürth sieht man das wiederum anders: Betreiber von Portalen seien durchaus in die Pflicht, Kritikpunkte konkret zu prüfen.

Zwischen Schwarm-Intelligenz und Shitstorm

Dennoch ein heikles Thema: „Portalbetreiber sollten Initiativen ergreifen, um zu verhindern, dass ein und derselbe Patient, Konkurrent oder ein enttäuschter beziehungsweise mit PR beauftragter Mitarbeiter eines Klinikums mehrere Bewertungen vornimmt, um ein Meinungsbild zu prägen“, gibt Köster-Steinebach zu bedenken. Im Gespräch mit DocCheck ist auch Holger Mages von der Deutschen Krankenhausgesellschaft wenig begeistert: „Kliniken stellten sich gern einem Wettbewerb, der nach fairen und transparenten Regeln ausgetragen werden muss. Die unkritische Wiedergabe von Einzelmeinungen, auch in statistisch kumulierter Form, dient mit Sicherheit nicht dazu“, lautet sein Fazit. Auch verweist er auf die stark unterschiedliche Risikoadjustierung, sprich Besonderheiten regionaler Einzugsgebiete, welche die Wahrnehmung der Qualität entsprechender Gesundheitsdienstleistung bei Laien beeinflussen. Mages: „Portale, die sich auf die reine Meinungswiedergabe fokussieren, werden hier kein faires und der Leistung des Krankenhauses angemessenes Bild darstellen können.“

67 Wertungen (4.1 ø)
Medizin

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8 Kommentare:

Dr. med.dent Stefan Troendle
Dr. med.dent Stefan Troendle

Zu 6)
In Schweizer Krankenhäusern ist eine Evaluation seitens der Patienten Standard.
Ich war vor 3 Wochen im Kantonsspital Liestal / BL ( CH) hospitalisiert und habe bei der Entlassung einen freiwilligen Fragebogen über Zufriedenheit, Pflege, Verpflegung etc. ausgefüllt.
Jetzt hören Sie das erstemal davon.
Vielleicht haben die Betreiber in deutschen Krankenhäusern -manchmal zu Recht- gar kein so großes Interesse an Evaluationen seitens der Patienten.
Warum wohl ??? 3xraten

#8 |
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Gesundheits- und Krankenpfleger

Also die Thematik ist ja grundsätzlich nicht neu und ob nun von Patienten oder vom MDK die Qualität gemessen wird, spielt keine Rolle. In stationären Pflegeeinrichtungen wird vom MDK in den Prüfungsrichtlinien sogar eine Erfassung der ¿Bewohnerzufriedenheit¿ gefordert! Also warum nicht auch im Krankenhaus? Um einen ¿guten Ruf¿ zu erhalten und diesen auch zu behalten, muss natürlich auch etwas getan werden! Was mich persönlich bei den Bewertungsportalen stört, ist der einfließende Marketingfaktor. So habe auch ich persönlich Ärzte auf jameda.de bewertet. Ergebnis: positive Bewertungen bleiben, bei negativen wird der persönliche Text aus Angst vor Anklagen entfernt! Allerdings zahlen die Ärzte zum Teil ja auch monatliche Gebühren und das natürlich ungerne für ein ¿negatives Marketing!¿ So ist das System zur Meinungsbildung natürlich nicht sehr hilfreich und objektiv! Die Klinik sollte schon im eigenen Interesse die Patientenbefragungen ernst nehmen, vernünftig auswerten und daraus auch entsprechende Konsequenzen ableiten! Statt nach Objektivität zu rufen und die Patienten in die Ecke der ¿Unwissenden¿ zu stecken, sollten die subjektiven Bemerkungen der Patienten ernst genommen werden. Wenn ich mich in einer Klinik nicht wohlgefühlt habe, gehe ich dort doch nicht mehr hin! Oder? Wenn die (Patienten-)zahlen in der Klinik schlechter werden, kommen QM-Berater etc. von extern und die nehmen Ihre Aufgabe sehr ernst. In der Regel finden die immer Optimierungsbedarf vor, ob der für alle Beschäftigten dann von Vorteil ist, sei mal dahingestellt. Jedem Mitarbeiter in der Klink sollte klar sein, dass er als einer von vielen Beschäftigten den Ruf seiner Einrichtung maßgeblich prägt!

#7 |
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Rettungsassistent

In Schulungen ist seit langem Standard, die Teilnehmer nach Ihrer Meinung zur Schulung zu befragen, dabei wird insebsondere Wert auf “weiche” Werte gelegt, also z.B. waren Sie zufrieden, wurde auf Ihre Fragen eingegangen usw.
Ich habe noch nie von einem Krankenhaus gehört, das solche Fragebögen an die Patienten und die Angehörigen verteilt.
Ohne Überprüfung der Meinung der Kunden ist Qualitätsmanagement nur eine Farce.

#6 |
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Naturwissenschaftler

Portalbewertung ist doch eine Verantwortungsvolle Aufgabe, die nicht auf leichten Schultern genommen werden darf.

Aber sie bleibt als grobe Orientierung!!!

MfG
Drugs safety Associate

#5 |
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Gesundheits- und Krankenpfleger

Es ist sehr sehr schwer objektiv zu bleiben letztendlich muss man auf Zahlen vertrauen und hoffen das man zu denen gehört wo alles gut läuft….wenn man bsp. weise die lethalität als Indikator nimmt

#4 |
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Dirk Reske
Dirk Reske

Wenn es um Bewertungen geht sind wir weiterhin auf die Meinung des Patienten angewiesen. Nicht das abhaken von Standards und das korekte Abheften sollte im Vordergrund stehen, sondern die Aussage der Patienten und Angehörigen. Hier darf der Kritiker ohne Repressalien befürchten zu müssen sich äußern, wie dies gehen kann, sollte erarbeitet werden, aber nicht wieder von den sogenannten Gesundheitsexperten oder Kassenvertretern. Dies würde auch dazu führen das die Denunzianten schweigen, aber die Qualität eines Hauses orientiert am Ergebnis einer Behandlung oder Aufenthaltes verbessert werden kann.

#3 |
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Dr.Christop Straub ist schon lange nicht mehr im Vorstand der Rhön-Kliniken. Er ist jetzt Kassenchef der Barmer Ersatzkasse und plädiert neuerdings für die Schließung kleiner Krankenhäuser statt für die qualitative Verbesserung. So wird auch schon mal aus einem Paulus ein Saulus.

#2 |
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Tierärztin

Internetbewertungen sind und bleiben subjektiv. So habe ich zum Beispiel mit der KJP in der mein autistischer Sohn war erhebliche Probleme. Ich erhalte keine Auskünfte, Befunde werden mir wenn, dann nur verzögert am Telefon mitgeteilt, Ausdrucke der Befunde erhalte ich auch nach diversen Anfragen nicht und den Herzklappenfehler habe ich erst bei der Nachkontrolle (4 Wochen nach Diagnosestellung) erfahren. Auf der anderen Seite wird dort auch meine Tochter betreut (andere Ärzte, selbe Klinik) und hier bekomme ich direkt Befunde, auch schriftlich.
Daher ist es immer schwer eine ganze Klinik für die Versäumnisse einzelner Personen zu bewerten. Besser wäre es, wenn direkt der einzelne Arzt oder Pfleger oder Krankenschwester beurteilt würde. Schließlich gäbe es ein genaueres Bild und auch positive Bewertungen würden plötzlich bei einer negativ bewerteten Klinik auftauchen.

#1 |
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