Medizinstudium: Zwischen Patient und Petrischale

6. August 2014
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Wie sieht das Medizinstudium von morgen aus? Zu diesem Thema hat der Wissenschaftsrat jetzt neue Empfehlungen veröffentlicht. Experten loben Modellstudiengänge – und fordern gleichzeitig mehr wissenschaftliche Kompetenzen.

Studierende, Hochschullehrer und Standesvertreter sind sich einig, die Ausbildung angehender Ärzte zu reformieren. Nur wie? Jetzt hat der Wissenschaftsrat Modellstudiengänge untersucht, universitätsmedizinische Standorte begutachtet und Erfahrungen aus anderen Ländern analysiert. In ihren Empfehlungen fordern die Experten zahlreiche Änderungen und rütteln an jahrhundertealten Traditionen.

Lernen am Modell

Zuerst ein Blick auf humanmedizinische Modellstudiengänge gemäß Paragraph 41 der Approbationsordnung für Ärzte. Momentan gibt es Versuchsballons in Aachen, Berlin, Düsseldorf, Hamburg, Hannover, Köln, Mannheim, Oldenburg und Witten/Herdecke. Hochschullehrer setzen auf themen- und organzentrierte Module anstelle traditioneller Fächer. Gleichzeitig verzichten sie vielerorts auf M1-Prüfungen, wobei nach vier bis sechs Fachsemestern das entsprechende Äquivalent vergeben wird. „Aufbauend auf den Erfahrungen der bestehenden Modellstudiengänge halten wir eine konsequente Weiterentwicklung des Medizinstudiums in Richtung kompetenzorientierter, integrierter Curricula für erforderlich“, sagt der Vorsitzende des Wissenschaftsrates, Professor Dr. Manfred Prenzel. Sein Gremium kritisiert jedoch fehlende M1-Prüfungen. Dadurch würden Leistungen schwerer vergleichbar – ein Manko für die Mobilität von Studierenden. Um aus theoretischen Fächern mehr Nutzen zu ziehen, raten Fachleute, vorklinische und klinische Inhalte besser zu verzahnen, wie es bei einigen Modellstudiengängen bereits der Fall ist. Dies könnte über mehr frühe Kontakte zu Patienten und zu Ärzten aus der Praxis geschehen. Psychosoziale und kommunikative Kompetenzen sind hier ebenfalls wichtig. Und nicht zu vergessen: Da Versorgungsprozesse noch stärker arbeitsteilig organisiert werden, müssen Ärzte von morgen Kompetenzen erwerben, um mit anderen Heilberuflern optimal zu kooperieren. Prenzels Fazit: „Insgesamt leisten die Modellstudiengänge einen wesentlichen Beitrag zur Weiterentwicklung des Medizinstudiums in Deutschland.“

Mehr Wahlfreiheit, weniger Pflichtveranstaltungen

Darauf basierend empfiehlt der Rat jetzt Maßnahmen gegen ausufernde Inhalte, und zwar ein Kerncurriculum mit 75 bis 80 Prozent des üblichen Pensums. Den Rest sollen Studierende selbst auswählen. Damit angehende Ärzte leichter zwischen Hochschulen wechseln können, spricht viel für deutschlandweit einheitliche Zwischenprüfungen nach dem sechsten Semester. Ein strukturierter klinisch-praktischer Prüfungsteil soll neu hinzukommen. Und für die mündlich-praktischen Examina sehen Gutachter „zwingend eine stärkere Standardisierung“. Sie wünschen sich beim praktischen Jahr mehr Flexibilität – durch Quartale statt Tertiale. Diese Struktur mit zwei Wahlquartalen soll Studierenden Freiräume geben, sich inhaltlich zu orientieren. Die Innere Medizin und die Chirurgie bleiben verpflichtend, im Gegensatz zur nach wie vor freiwilligen Allgemeinmedizin. Trotzdem befassten sich Gutachter mit dem heiß diskutierten Fach. Sie fordern einen Lehrstuhl für Allgemeinmedizin an jeder medizinischen Fakultät.

Labor oder Krankenbett?

Damit nicht genug: Ganz deutlich spricht sich der Wissenschaftsrat für mehr wissenschaftliche Kompetenzen bei Studierenden aus. Dies stehe „nicht im Widerspruch zu einer versorgungsorientierten Ausbildung“, heißt es im Dokument. Prenzel: „Ärztinnen und Ärzte müssen im Stande sein, von Patientenproblemen ausgehenden Fragestellungen nachzugehen und evidenzbasierte Entscheidungen zu treffen. Der Erwerb wissenschaftlicher Kompetenzen im Studium ist daher notwendige Voraussetzung für die verantwortungsvolle ärztliche Berufsausübung.“ Um diese hehren Ziele zu erreichen, ist geplant, dass Studierende medizinische Probleme mit wissenschaftlichen Methoden selbständig lösen. Noch vor ihrer M1-Prüfung sollen sie ein sechswöchiges Projekt absolvieren. Nach dem Examen folgt eine zwölfwöchige Forschungsarbeit. Das Thema hat es in sich: Private Medical Schools seien nicht in der Lage, wissenschaftlichen Ansprüchen zu genügen, kritisiert der Wissenschaftsrat. Hochschullehrer kamen beim 75. Ordentlichen Medizinischen Fakultätentag zu einem ähnlich vernichtenden Urteil. Stein des Anstoßes war die neue Medical School in Nürnberg – ein Projekt des Nürnberger Klinikums und der Paracelsus Medizinischen Privatuniversität Salzburg. Laut Professor Dr. Josef Pfeilschifter, Frankfurt am Main, werde weder eine forschungsbasierte Ausbildung noch eine Lehre durch ausreichend hauptberufliche Professoren angeboten.

Reform auf breiter Basis

Mit seiner Empfehlung, mehr Wissenschaftlichkeit zu integrieren, stößt der Wissenschaftsrat auf breite Zustimmung. Rückendeckung kommt von der Bundesvertretung der Medizinstudierenden in Deutschland (bvmd). In einem Konzeptpapier sehen Ärzte in spe ähnliche Notwendigkeiten. Auch die Bundesärztekammer steht hinter vielen Reformvorschlägen. An der sechsjährigen Studiendauer rüttelt momentan ohnehin niemand, und ein Kerncurriculum ist auch im Sinne von BÄK-Repräsentanten. Sie wollen das praktische Jahr aber nicht in Quartale einteilen. Ihre Kritik: verkürzte praktische Ausbildungszeiten inklusive eines höheren organisatorischen Aufwands.

43 Wertungen (4.3 ø)

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6 Kommentare:

Gast
Gast

wer hier dafür plädiert die naturwissenschaftliche Basis zu verlassen,
bereitet der Scharlatanerie Tür und Tor

#6 |
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Das Problem des Medizinstudiums liegt nicht an der mangelnden wissenschaftlichen Kompentenz, sondern darin das Basisfähigkeiten, wie eine gute ausfühliche Anamnese, die körperliche Untersuchung, sowie die empathische Patientenführung nicht oder nur ungenügend gelehrt werden (nach dem Motto: wieso soll ich einen Patienten abhören, wir machen doch ein USKG).
Gelehrt werden unglaublich viel irrelevante Fakten (physikalisch technische Details z.B. von MRT/CT), auch ist die Stellung von kleinen Nebenfächern (Informatik, Datenverarbeitung, Sozialmedizin, Naturheilverfahren usw) im vergleich zu den Kernfächern Innere Medizin, Allgemeinmedizin, Chirurgie, Gynäkologie, Kinderheilkunde) massiv überrepräsentiert.
Die Fähigkeit zur kritischen Interpretation von Studien und stat. Daten ist wichtiger, als zu wissen, welche biochem. Vorgänge bei der PCR ablaufen.
Hier habert es besonders bei den konventionellen Studiengänge, wie auch bei den reformierten (eins meiner Kinder studiert im konventionellen, eins im reformierten Studiengang)Leider haben die Professoren an den Hochschulen primär Interesse an den wenigen zukünftigen Forscher, weniger an den dringend gebrauchten Praktiker.

#5 |
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Madelaine Kany-Forg
Madelaine Kany-Forg

Das ist wieder mal typisch! Wissenschaft ist wirklich wichtig, aber uns fehlen doch Ärzte mit praktischen Erfahrungen.
Ich habe gelernt, die Krankheit liegt im Bett und nicht im Buch. Kompetenz strahlt ein Arzt nicht durch Wissenschaftlichkeit, also Verifikation und Falsifikation aus, sondern der Erfolg den er mit seinen Patienten hat macht Ihn kompetent.
Wissenschaftler sind ein ganz besonderer Schlag, die machen auch weiterhin nicht die Landarztpraxen voll. Es sollte verschiedene Studiengänge geben. Das was jeder machen möchte, Wissenschaft, Krankenhaus /Op. oder Praxis Ambulant bzw. Naturarzt.
So könnte man jeden nach seinem Willen und Qualifikation später einsetzen und zusätzlich dem ein oder anderen die Studienzeit verkürzen.
Mir ist es am liebsten wenn ich weiß das ein Arzt mich an der “richtigen Stelle” anfasst.

#4 |
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Gast
Gast

Wer bitte schreit nach mehr Wissenschaftlichkeit? Studenten sollen das Kälte Kotzen Kriegen?! Na dann hoppa! Und rein mit dem neuen überdosierten Unfug. Die jungen Ärzte des Landes sollten vor allem praktizieren lernen, näher an die Masse treten als sich von ihr zu entfernen. Die Medizin ist keine Wissenschaft, sie bedient sich nur wissenschaftlicher Erkenntnisse! Und so darf es auch bleiben. Auch Ärzte müssen nicht alles wissen! Kann mal bitte jemand Medizin als duales Studium vorschlagen? Das wäre doch mal spannend wie diesen Studenten das studieren gefällt, die Bezahlung, die selbstwurksamkeit und die höchstwahrscheinlich kürzere studiendauer. Wer, bitte?

#3 |
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Gast
Gast

Die Äquivalenzbescheinigung des Physikums sehe ich auch als Skandal, entweder alle oder keiner! Man sollte im Medizinstudium nachweisen können, dass man das was man über die Jahre lernt, dann auch kann und zwar an einem Stichtag…Der Ansatz der nacheinander geschriebenen Klausuren scheitert bereits im den Bachelor- und Masterstudiengängen, wie man an der Qualität der Absolventen erkennt.
Ansonsten werden hier sinnvolle Vorschläge unterbreitet.

#2 |
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Arzt
Arzt

Privat-Unis sind in Deutschland nichts neues seit Gießen/Marburg durch die Röhn-Klinikum-Kette, jetzt auch mit US-Investoren!
Viel mehr Sorgen macht mir die “Fast-Monopolisierung” der Privatkliniken, Helios (Fresenius!).
Immerhin werden Krankenhäuser komplett vom Steuerzahler finanziert, bis auf die laufenden Behandlungskosten, durch die Krankenkassen.
Davon kann ein von allen Seiten bedrängter niedergelassener Arzt nur träumen.

#1 |
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