Münchhausen: Der Stellvertreter des Barons

7. August 2014
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Beim Münchhausen-Stellvertreter-Syndrom werden gesunde Kinder auf Verlangen ihrer Eltern und unter Vorspiegelung falscher Symptome zum Arzt gebracht. Doch was lässt vor allem Mütter immer wieder zu Gift oder Messer greifen?

Der englische Kinderarzt Roy Meadow publizierte im Jahr 1977 zwei Fälle, bei denen Mütter ihre Kinder heimlich krank gemacht hatten: In einem Fall hatte die Mutter seit Geburt bis zum Alter von 6 Jahren dem Urin des Kindes Blut und Eiter beigemischt, so dass das Kind eine endlose Tortur von medizinischen Untersuchungen und Behandlungen erdulden musste. Erst im 6. Lebensjahr wurde die richtige Diagnose gestellt. Ein völlig gesundes Kind wurde Opfer einer bislang unbekannten Form der Kindsmisshandlung. Meadow nannte das Krankheitsbild Münchhausen-by-proxy-Syndrom, weil die Mütter systematisch den Arzt mit frei erfundenen Geschichten über Krankheiten täuschen, dabei aber nicht den eigenen Körper, sondern in Vertretung den des Kindes benutzen. Weitere Bezeichnungen sind u. a. MSBP (Münchhausen Syndrome by Proxy) oder FDP (Factitious Disorder by Proxy). Die Bezeichnung „Münchhausen-Syndrom“ wurde bereits 1951 von dem englischen Internisten R. Asher eingeführt und sehr undifferenziert für alle artifiziellen Störungen angewendet.

Arzt als „Freund“ der Mutter

In neun von zehn Fällen sind es Mütter, die zu Gift oder Messer greifen. Meistens haben sie eine medizinische Grundausbildung und weichen nicht von ihrem Kind. Für den behandelnden Arzt sind die Symptome bei den Kindern oft rational nicht erklärbar. Die Mütter suchen den intensiven Kontakt zu Ärzten und Pflegepersonal, bauen teilweise freundschaftliche Beziehungen auf und fachsimpeln gern über die Anamnese des Kindes. Die Dunkelziffer des MSBP ist verständlicherweise hoch.

Das klassische Syndrom gibt es nicht. Blutige Durchfälle, Krämpfe, unklares Fieber, Bakteriämien, Elektrolytentgleisungen und Hautausschläge sind nur wenige Möglichkeiten des „Münchhausen-Katalogs“. Um das eigene Kind zum hilfebedürftigen Patienten zu machen, greifen die Mütter zu Rasierklingen, Glasscherben, Laxantien, verabreichen Säure und trizyklische Antidepressiva, pressen dem wehrlosen Kind bis zur Apnoe das Kissen auf das Gesicht oder tauchen den Kopf in Wasser. Auch das Verfälschen von Laborbefunden durch die Beimengung von elterlichem Blut in Sputum, Urin und Stuhl sind denkbar.

Dann sollten die Warnglocken klingeln:

  • Anhaltende oder immer wiederkehrende Symptomatik ohne eine plausible Erklärung
  • Diskrepanz zwischen Anamnese und klinischen Befunden, ungewöhnliche Verläufe
  • Symptome und klinisches Bild bessern sich bei Trennung von der Mutter
  • Therapieresistenz ohne klinische Begründbarkeit
  • Im Vergleich zum klinischen Bild wenig beunruhigter Elternteil, der die Ärzte immer wieder tröstet
  • Wiederholte Klinikaufenthalte und umfassende, eingreifende Diagnostik ohne klare Resultate
  • Ein Elternteil ist stets am Bett anwesend, lobt die Mitarbeiter und sorgt sich sehr um andere Patienten
  • Immer neue medizinische Untersuchungen werden begrüßt, selbst wenn diese schmerzhaft für das Kind sind
  • Ein Elternteil leidet an einem Münchhausen-Syndrom

Definition nicht klar

Die Pädiaterin Donna Rosenberg veröffentlichte 1987 eine Analyse von 117 Fällen von MSBP. Ihre Definition wird auch heute noch unverändert übernommen:

  1. Die Beschwerden eines Kindes werden von einem Elternteil, oder einer anderen für das Kind Sorge tragenden Person, vorgetäuscht, herbeigeführt oder beides.
  2. Das Kind wird häufig bei Ärzten vorgestellt und dort vielfach untersucht und behandelt.
  3. Der Verursacher leugnet, etwas über die Herkunft der Beschwerden des Kindes zu wissen.
  4. Akute Symptome des Kindes gehen zurück, wenn das Kind vom Verursacher getrennt wird.

Kaum klassifiziert

Im DSM IV (Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders) sucht man die artifizielle Störung MSBP vergeblich, sie lässt sich unter „nicht näher bezeichnete vorgetäuschte Störung“ einteilen. Vermutlich, um die Mütter gerichtlich nicht zu entlasten. Im ICD-10 werden lediglich artifizielle Störungen allgemein klassifiziert. In der aktuellen Ausgabe der Textrevision des DSM-IV-TR rückt der „Täter“ in den Mittelpunkt, es werden vier Kriterien zur Diagnose aufgeführt.

  1. Gezieltes Herbeiführen oder Vortäuschen von physischen Krankheitszeichen bei einer Person, für die der Verursacher Verantwortung trägt.
  2. Die Motivation des Verursachers liegt in der Einnahme der Krankenrolle über jemand anderen.
  3. Externe Anreize für das Verhalten sind nicht vorhanden (z.B. finanzieller Gewinn).
  4. Keine andere psychischen Erkrankung kann das Verhalten des Verursachers besser  darstellen.

Meadow ist der Meinung, dass die Motivation der Mütter in die Diagnose miteinbezogen werden soll. Damit soll eine übermäßige Nutzung des Begriffs vermieden werden.

Getrennte Diagnosen für Mutter und Kind

Das  Committee on Child Abuse and Neglect empfiehlt für MSBP die Aufteilung in zwei Störungen: die pädiatrische Diagnose pediatric condition falsification und die psychiatrische Diagnose factitious disorder by proxy. Das Komitee ist eine Arbeitsgruppe der American Academy of Pediatrics, eine US-amerikanische Vereinigung von Kinderärzten.
Die Bezeichnung MSBP soll als vereinende Beschreibung für beide Diagnosen gelten.

  • Die Diagnose pediatric condition falsification wird für das Kind gestellt, dass von seiner Mutter misshandelt wurde. Die Diagnose gilt unabhängig von der Motivation der Mutter, kann also auch unabhängig von MbPS gestellt werden.
  • Die Diagnose factitious disorder by proxy beschreibt Personen, die bei anderen Menschen gezielt Krankengeschichten, Symptome und Erscheinung verfälschen, um eigene psychische Bedürfnisse zu befriedigen. Die Motivation kann u.a. Anerkennung sein, aber auch den Wunsch, das Klinikpersonal zu manipulieren.

Durch diese Trennung des MSBP in zwei Diagnosen besteht die Möglichkeit, die Misshandlung des Kindes zu diagnostizieren, ohne gleichzeitig die Motivation der Mutter beweisen oder darlegen zu müssen.

4 Stufen zum Marthyrium

Der Psychologe PD Dr. Meiniolf Noeker, Zentrum für Klinische Psychologie und Rehabilitation Bremen,  beschreibt vier in ihrem Schweregrad ansteigende Stufen:

  1. Stufe: bewusst übertriebene Schilderung von Symptomen
  2. Stufe: falsche Angaben zu angeblichen Symptomen außerhalb der Untersuchungssituation
  3. Stufe: aktive Manipulation von Untersuchungsmaterial
  4. Stufe: aktive Manipulation am Körper des Kindes

Datenlagen in Deutschland dürftig

Für ihre Dissertation schrieb Dr. Simone Iris Lorenc  im Jahr 2012 379 Kinderkrankenhäuser in Deutschland an, um Daten zur Häufigkeit von MSBP in Deutschland zu liefern. 203 Krankenhäuser schickten den Fax-Antwortbogen zurück. Davon gaben 86 (42 Prozent) Krankenhäuser an, Verdachtsfälle und/oder gesicherte Fälle zu haben. 117 (58 Prozent) Krankenhäuser verneinten dies. Insgesamt ergaben sich  91 Verdachtsfälle und mindestens 99 gesicherte Fällen von Münchhausen-by-proxy-Syndrom. Dies ergibt eine Fallzahl von 190 positiven Fällen (Verdachtsfälle und gesicherte Fälle) bei einem durchschnittlichen Beobachtungszeitraum von 11 Jahren. In 48 der in unserer Studie beschriebenen 50 gesicherten Fälle war die Mutter die verursachende Person. In der Studie zeigten sich in 40 Prozent  der Fälle  unterschiedliche ZNS-Symptome, darunter  20 Prozent  Atemstörungen. In 44 Prozent der Fälle wurden Durchfälle und Erbrechen hervorgerufen. In 25 Fällen erfolgte eine endgültige Diagnosesicherung per Toxikologie durch Untersuchungen von Körperflüssigkeiten. Bei neun Opfern waren ernsthafte gesundheitliche Folgeschäden bekannt, ein Opfer verstarb

Mütter oft frühtraumatisiert

Die psychoneurotische Störung der Mütter hat häufig die Suche nach einem „starken Beschützer“ als Ursache. Der schützende und autoritäre Arzt erfüllt diese Bedürfnisse unbewusst. Das Kind wird als Kontrollinstrument für die Arzt-Patienten-Beziehung missbraucht. Häufig liegt die Ursache der massiv gestörten Mutter-Kind-Beziehung in der eigenen Kindheit der Mutter. Nicht selten wurde sie als Kind ebenfalls misshandelt.

Sozialamt, Gericht und Medizin müssen kooperieren

Der Arzt muss zum Detektiv im weißen Kittel werden und eine umfangreiche Sozialanamnese erstellen. Ohne Unterstützung von Behörden und Ämtern ist eine Hilfe für das Kind jedoch unmöglich. Nur multidisziplinäres Vorgehen trägt dazu bei, die Krankheit der Mutter aufzudecken und das Kind zu retten, bevor es „aus Versehen“ an Münchhausens Kugel stirbt. Oft vergehen Jahre, bis die richtige Diagnose gestellt wird. Wird ein Arzt misstrauisch, geht die Mutter zu einem anderen. Sogenanntes “Doktor-hopping” ist schwer zu entdecken. Die Verleugnungs- und Therapieverweigerungsrate der Mütter ist selbst bei lückenloser Beweisführung mit Video etc. extrem hoch, die Rezidivrate nach einer Therapie auch. Die einzige, für das Kind lebenserhaltende, Therapie führt deshalb meistens nicht der Arzt oder Psychologe, sondern der Richter durch. Er kann einen Sorgerechtsentzug und eine räumliche Trennung anordnen.

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7 Kommentare:

Ärztin

Ich habe eine ganz schlimme Fehldiagnose in der UNI Leipzig Prof.Kiess diesbezüglich erlebt.
Es war KEIN Münchhausenstellvertretersyndrom.

#7 |
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Kinderkrankenschwester

Hab solche Mütter hier (in einer Uni-Klinik) schon mehrfach erlebt. Diagnose jedesmal gesichert, aber nicht leichtfertig erstellt. Es gingen immer lange Beobachtungsphasen einher. Ein ganz krasses Beispiel war eine Mutter, die mit ihrem Kind zur Epilepsiediagnostik da war, dem Kind z.T. Seife in den Mund schob und es dann bis kurz vor die Bewußtlosigkeit würgte und damit den `Anfall` dokumentieren wollte. Leider wurde das Kind gefilmt und einmal hat die Mutter vergessen, die Kameraposition zu ändern, was sie jedesmal vorher gemacht hat. Über die verstellte Kameraposition ist der Verdacht aufgekommen und danach auch gezielt beobachtet worden.

#6 |
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Vorsicht, gerne als Fehldiagnose mit schlimmen Folgen für die Patienten. Die vier angeblichen Münchhausenstellvertretersyndrom die ich mit erlebt haben, waren sämtlich falsch. Zuletzt ein Kind mit einem TSH von 11 mU/l und Tachykardie um 200 Sp/M- angeblich psychosomatisch. Für Mutter und Kind neben der eigentlichen Erkrankung eine erhebliche Belastung. Keine Entschudligung durch die behandelnden Kollegen, das ist wohl vielfach häufiger als ein echtes Münchhausenstellvertretersyndrom. Offenbar gibt es einen Trend zur dieser Fehldiagnose (4 x in zwei Jahren erlebt)

L. Brakebusch

#5 |
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alfons Lewen
alfons Lewen

Leider ist es mir auch schon bei meinemPj mehrfach vorgekommen, aber die Oberflächlichkeit der Medizinerkollegen tut ihr Uebriges.

EINEM wirklich erfahrenen Arzt mit gesundem Gewissen darf dies nicht passieren.
Allerdings werfe ich der Politik vor kaum Aufklärung bei jungen Menschen insbesondere den Eltern zu betreiben, wo zumindest die Folgen des Schuettelns bei Kleinkindern erklärt werden müssen.
Stattdessen steckt man die Eltern lieber jahrelang in s Gefängnis statt der verantwortlichen Politiker. !?
WAS für ein Rechtsstaat ist dies?

Das Kind wird davon nicht lebendig aber bei der rechtzeitigen Aufklärung der Eltern wäre es sicher noch am Leben! ?

#4 |
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… Bin immer wieder beeindruckt, was eine kranke Seele so alles produziert. Danke für diese Informationen, die sicher zu den nicht alltäglichen gehören. Weiter so!

#3 |
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Dr. med. Thomas Lennert
Dr. med. Thomas Lennert

Besonders gefährliche Orte sind Universitätskliniken, da die Ärzte es oft genießen, als letzte diagnostische Instanz zu fungieren, und allen diagnostischen Ehrgeiz darein setzen, das ungewöhnliche Krankheitsbild aufzuklären. Die Folge sind oft viele schmerzhafte Prozeduren für das Kind. Deswegen ist es so wichtig, dass alle Ärzte die Frühwarnzeichen kennen, um nicht unbeabsichtigt selbst zu Kindesmisshandlern zu werden.

Dr. med. Thomas Lennert, Kinderarzt, Berlin

#2 |
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Gast
Gast

Eindrucksvolles Beispiel für solch eine Mutter ist die Romanfigur “Hanna” in “Kürzere Tage” von Anna Katharina Hahn (erschienen bei Suhrkamp) – übrigens auch als spannende Urlaubslektüre sehr empfehlenswert! ;-)

#1 |
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