Medienkonsum: Stress statt Erholung?

30. Juli 2014
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Eine aktuelle Studie verweist auf das paradoxe Verhältnis von Mediennutzung und Erholung. Speziell bei Personen mit einem hohen Stressniveau würde die Nutzung von Unterhaltungsmedien zu Schuldgefühlen führen.

Wer kennt das nicht: Nach einem langen Arbeitstag locken Unterhaltungsmedien wie TV oder Computerspiele als willkommenen Gelegenheit zur Entspannung und zum Abschalten. Eine kürzlich im Journal of Communication veröffentlichte Studie von Kommunikationswissenschaftlern der Johannes Gutenberg-Universität Mainz (JGU) und der Freien Universität Amsterdam zeigt jedoch mögliche Fallstricke dieser Erholungsstrategie auf: Statt entspannt und erholt fühlten sich insbesondere gestresste und erholungsbedürftige Menschen schuldig angesichts ihrer Mediennutzung in der Freizeit.

Reue nach Mediennutzung

In einer gemeinsamen Befragungsstudie baten Juniorprof. Dr. Leonard Reinecke vom Institut für Publizistik der Johannes Gutenberg-Universität Mainz und Dr. Tilo Hartmann sowie Dr. Allison Eden vom Department of Communication Science der Freien Universität Amsterdam insgesamt 471 Studienteilnehmer, ihren vorangegangenen Tag zu rekapitulieren und zu berichten, wie sie sich nach der Arbeit gefühlt und welche Medien sie genutzt hatten. Nach Auswertung der Antworten sind die Forscher zu dem Ergebnis gekommen, dass Personen mit besonders hohem Erschöpfungslevel nach der Arbeit eine verstärkte Tendenz zeigten, ihre Mediennutzung als Form der „Prokrastination“ zu interpretieren, also das Gefühl hatten, ihrem Bedürfnis nach Mediennutzung auf Kosten anderer, wichtigerer Aufgaben nachgegeben zu haben. In der Folge hatten diese Personen mit höherer Wahrscheinlichkeit ein schlechtes Gewissen bezüglich ihrer Mediennutzung als durch die Arbeit weniger beanspruchte Personen. Diese Schuldgefühle verringerten darüber hinaus die positiven Effekte der Mediennutzung und reduzierten deren Erholungswirkung.

Mediennutzung als Erholung?

Die Ergebnisse sprechen für ein paradoxes Verhältnis zwischen Mediennutzung und Erholung: Gerade jene gestressten und ausgelaugten Personen, die am stärksten von Erholung durch Unterhaltungsmedien hätten profitieren können, kamen durch die Interpretation ihrer Mediennutzung als Zeichen des eigenen selbstregulativen Versagens weniger in den Genuss von positiven Erholungseffekten.

Vorhergehende Studien haben dabei durchaus positive Erholungseffekte der Mediennutzung belegt: Unterhaltungsmedien können dabei helfen, sich psychologisch von Stress und Belastung zu distanzieren und zu entspannen, bieten darüber hinaus auch Gelegenheit für Erfolgs- und Kontrollerfahrungen, die ihrerseits einen wichtigen Beitrag zum Erholungsprozess leisten. In Labor-Experimenten zeigten Probanden als Resultat der Erholung durch Mediennutzung ein erhöhtes subjektives Energielevel und bessere kognitive Leistungen.

Unterhaltungsmedien als Stress-Quelle?

„Wir gewinnen ein immer klareres Bild davon, dass Medien positive Effekte auf das psychologische Wohlbefinden von Nutzerinnen und Nutzern haben können, zum Beispiel durch ihre Erholungswirkung. Unsere aktuelle Studie ist ein wichtiger Schritt zu einem differenzierten Verständnis der zugrunde liegenden Prozesse. Die Ergebnisse legen nahe, dass das Verhältnis von Mediennutzung und psychologischem Wohlbefinden komplex ist und das Medienunterhaltung im Alltag in Konflikt mit anderen, weniger angenehmen Aufgaben und Verpflichtungen geraten kann“, so Juniorprof. Dr. Leonard Reinecke, Erstautor der Studie. „In unserer neuesten Forschung ergründen wir daher auch die Rolle der Mediennutzung als mögliche Quelle von Stress und Belastung. In Zeiten von Smartphones und mobilem Internet scheint die ständige Verfügbarkeit von Kommunikations- und Medieninhalten häufig eher eine Bürde als eine Erholungsressource darzustellen.“

Originalpublikation:

The Guilty Couch Potato: The Role of Ego Depletion in Reducing Recovery Through Media Use
Leonard Reinecke et al.; Journal of Communication, DOI:10.1111/jcom.12107, 2014

 

12 Wertungen (4.17 ø)
Forschung, Medizin

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2 Kommentare:

Gesundheits- und Krankenpfleger

@1: bitte keine Schuldgefühle für Ihren Kommentar, denn leider, leider …

#2 |
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Klaus Wingen
Klaus Wingen

Entschuldigung vorab – hier grüßt zwar kein pensionierter Deutschlehrer, aber ein Sprachpurist. Aus dem Vorspann: …würde die Nutzung von Unterhaltungsmedien zu Schuldgefühlen führen… Würde sie dann, wenn nicht z.B. alles ganz anders wäre. Was es aber mutmaßlich nicht ist, deswegen führt dieses würde zur Bezeichnung einer irrealen Situation hier bloß in die Irre.

Gemeint ist die indirekte Rede, in diesem Zusammenhang auch problemlos die direkte Rede. … führe die Nutzung zu Schuldgefühlen… oder (weil ja faktisches Ergebnis zumindest dieser Studie) …führt die Nutzung zu Schuldgefühlen…

Schuldgefühle brauchen die Kommunikationswissenschaftler (!), die für die Studie und mutmaßlich den Text verantwortlich zeichnen, deswegen übrigens nicht zu haben, denn den Unterschied beherzigt heute ohnehin kaum noch jemand. Genug gebesserwissert, sprach der Autor dieser Zeilen, er würde (eben, genau: er werde) demnächst den “Kommentieren”-Button klicken und die Anmerkung damit absenden. Nichts für Ungut – Klaus Wingen

#1 |
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