Migräne bei Kindern: Chillen statt Pillen

28. August 2014
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Wissenschaftliche Untersuchungen zeigen, dass 17 Prozent aller Kinder und Jugendlichen mindestens einmal pro Monat Kopfschmerzen haben, sieben Prozent der Befragten sogar wöchentlich. Viele Kinder könnten ihre Kopfschmerzen mit Entspannungstechniken lindern, so eine Studie.

Im Rahmen einer Studie mit mehr als 200 unter Kopfschmerzen leidenden Jungen und Mädchen haben Psychologen der Universität Göttingen nun ein Trainingsprogramm entwickelt, das sich als Alternative zu einer Behandlung ausschließlich mit Analgetika erwiesen hat. Mit diesem Selbsthilfetraining können betroffene Kinder ihre Kopfschmerzfrequenz deutlich senken. Das Training ist für Kinder und Jugendliche entwickelt worden, die unter häufigen Kopfschmerzen leiden und selbst etwas dagegen unternehmen möchten.

Achtzig Kinder und Jugendliche im Alter zwischen 8 und 14 Jahren haben an der Studie teilgenommen. Über einen Zeitraum von zwei Monaten absolvierten sie verhaltenstherapeutische Trainingsprogramme. „Die Kopfschmerzen haben sich während der Therapie bei ca. 60 Prozent der Patienten nach eigenen Angaben sehr verbessert“, resümierte Prof. Dr. Birgit Kröner-Herwig, Leiterin der Abteilung Klinische Psychologie und Psychotherapie an der Universität Göttingen. 11 Prozent der Kinder erklärten nach der Behandlung, sie wären beschwerdefrei. Auch ein halbes Jahr nach dem Training waren die Kopfschmerzen bei einem Großteil der Kinder um bis zu 15 Prozent verringert. „Wichtig ist eine kindgerechte Edukation über Kopfschmerzen. Kinder müssen über die letztendlich ungefährlichen Symptome aufgeklärt werden“, so Gaul und Ebinger in einer Übersichtsarbeit.

Leitlinien befürworten Verhaltenstherapie

„Es besteht weitgehend Einigkeit darüber, dass nicht-medikamentöse prophylaktische Maßnahmen, insbesondere Verfahren der kognitiven Verhaltenstherapie, eine sehr hohe Erfolgsrate aufweisen“, so die Leitlinie der Deutschen Migräne- und Kopfschmerzgesellschaft (DMKG) und der Gesellschaft für Neuropädiatrie.

Hilfreich sind Entspannungsverfahren wie die progressive Muskelrelaxation nach Jacobson und Phantasiereisen, Biofeedback-Verfahren sowie mit Einschränkungen das Autogene Training. Diese Programme berücksichtigen neben dem Erlernen von Techniken auch die Elternarbeit und die Edukation. Kognitiv-verhaltenstherapeutische Multikomponentenprogramme setzen sich meist aus folgenden Bausteinen zusammen:

  1. Aufklärung über die Kopfschmerzen, Entwicklung eines einfachen Schmerzmodells (Edukation)
  2. Erkennen von Auslösern durch Führen eines Kopfschmerztagebuchs
  3. Erlernen eines Entspannungsverfahrens (alternativ oder additiv Biofeedback-Behandlung)
  4. Erkennen eines Zusammenhangs zwischen Stress- bzw. Reizsituationen und körperlichen Reaktionen
  5. Erlernen von Stressbewältigung bzw. Reizverarbeitung wie Erkennen negativer Gedanken, kognitive Umstrukturierung, gedankliche Schmerzkontrolle, Selbstsicherheit, Problemlösestrategien
  6. Erlernen spezieller Schmerzbewältigungsstrategien wie z.B. Aufmerksamkeitsumlenkung
  7. Informationen für Eltern

Knapp 100 Studien belegten, dass Biofeedback bei Kopfschmerzen langfristig und ausgesprochen gut hilft, sagt die Juniorprofessorin und Psychologin Yvonne Nestoriuc von der Universität Marburg. Die Zahl der Anfälle reduziert sich um mindestens die Hälfte. Selbst Patienten, die jahrelang versucht haben, ihre Kopfschmerzen mit Tabletten zu bekämpfen, sprechen auf Biofeedback an. Wissenschaftler um Damen et al. haben im Jahr 2006 19 Studien unter die Lupe genommen, die nicht-medikamentöse Methoden, die einer Migräne bei Heranwachsenden vorbeugen sollten, als Studienziel hatten. Insgesamt nahmen gut 800 Kinder und Jugendliche im Alter von 3 bis 18 Jahren an den Studien teil. Die Ergebnisse der Studien deuten darauf hin, dass eine Entspannungstherapie, kombiniert mit Biofeedback oder einer kognitiven Verhaltenstherapie, prophylaktische Wirkungen haben kann. Entspannungsverfahren allein reichen vermutlich jedoch nicht aus, um eine bedeutsame Besserung zu erreichen.

Migräne nach Mathe

Nach Untersuchungen der Aktion „Gläserne Schule in Schleswig-Holstein“ des Instituts für Suchtprävention und Angewandte Pädagogische Psychologie in Bremen gehören Kopfschmerzen heute zu den Hauptgesundheitsproblemen von Schulkindern. Je nach Schultyp geben zwischen 20 und 50 Prozent der Schüler Kopfschmerzen als wichtiges und hartnäckiges Gesundheitsproblem an. Die Grundschullehrerin Karin Frisch und der Neurologe Prof. Dr. Hartmut Göbel von der Schmerzklinik Kiel, haben ein Paket für Lehrer entwickelt. Die Unterrichtsreihe sieht drei Doppelstunden vor. Ziel ist es, gesundheitsschädliche Verhaltensweisen im alltäglichen Kontext der Jugendlichen aufzugreifen und Lösungsmuster zur Vermeidung zu vermitteln.

“Headstrong”

In einer randomisierten klinischen Studie wurde das kognitiv-behaviorale Selbstmanagement-Programm „Headstrong“ evaluiert. An der im Jahr 2014 publizierten Studie von Rapoff et al. nahmen 35 Kinder im Alter zwischen 7 und 12 Jahren mit mindestens einer Migräneattacke pro Woche teil. Nach Randomisierung absolvierten 18 Kinder über vier Wochen das CD-gestützte „Headstrong“-Programm und 17 Kinder der Vergleichsgruppe ein Edukationsprogramm ohne Coping-Elemente. 57 Prozent der Kinder wurden mit Ibuprofen und/oder Nortriptylin behandelt. Als Coping-Strategien wurden Triggersituationen, Entspannungstechniken und kognitive Restrukturierung angewendet.

Die Datenlage zur Wirksamkeit von Verhaltenstherapien bei Kopfschmerz und Migräne im Kindesalter ist gut, es existieren viele unterschiedliche kognitive Programme und Angebote. Diese Datenbasis wirft die Frage auf, warum derartige Therapien nicht viel häufiger adjuvant eingesetzt werden.

48 Wertungen (4.06 ø)

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11 Kommentare:

Gast
Gast

Bereits vor circa neun Jahren wandelte ich ein Kind mit Kopfschmerzen und Migräneattacken. Die Anamnese durch die Mutter gab wöchentliche Kopfschmerzen, mit viel Zeit in der Schule von Angstattacken. Nach Analyse und Befundung mit einem erfahrenen Physiotherapeuten ergab sich eine Tonus – Problem im Bereich der Becken, Bauch- und Rückenmuskulatur. Inhaltlich arbeiteten wir die Corstabilität, mit Frequenzen gegen Ende der Therapieeinheit im Bereich der Ausdauer.
Bereits nach drei Terminen berichtete die Mutter von nicht wiederkehrenden Kopfschmerzen. Nach Ende der zehnten Therapie Einheit auf der ärztlichen Verordnung war der Junge beschwerdefrei.

Für mich als Ergotherapeut mit langjähriger Berufserfahrung war dies ein ein prägendes Erlebnis. Der Jugendliche war in seiner Freizeit sportlich aktiv, nicht übergewichtig, und in einem körperlichen guten Allgemeinzustand.

Für inhaltliche und therapeutische Fragen können sich Betroffene gerne an mich im Therapiezentrum am Goethestern in Kassel wenden.
Mirko Hönig , Ergotherapeut, Geschäftsführung.

#11 |
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Stephan Rodtmann
Stephan Rodtmann

Lieber Herr Bastigkeit,
bitte um Trennen von Kopfschmerzen und Migräne – Grippe und grippaler Infekt zeigen auch dieselben Symptome. Sie verwenden die Begriffe teils synonym.

LG
S.Rodtmann

#10 |
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Nichtmedizinische Berufe

Kopfschmerzen können auch eine Vielzahl von Ursachen haben- auch pyhsische. Habe oft von Ärzten gehört, dass z.B. eine Infektion oder auch eine Borreliose Ursache sein KÖNNEN. Oder ist es doch vielliecht ein Ausdruck unserer modernen Gesellschaft dass sich das Kind “allein gelassen fühlt” und SO uaf sich aufmerksam machen will? Wie lautet denn die häufigste Aussage von Kindern? “NIEMAND HAT FUER MICH ZEIT!”

Nachdenken lohnt- um sich nicht allen gesellschaftlichen Ansichten anzuschließen und noch etwas: Geld ist nicht alles….

Ernst Fischer

#9 |
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Birte Liebetreu
Birte Liebetreu

Mein Sohn ist leider auch ein Opfer von Kopfschmerzen.
Die liebevolle und konsequente Erziehung allein ist es nicht, die bei vielen Kindern fehlt.
Ich stimme zu, dass nach entsprechenden Ursachen geforscht werden muss.
Wie sieht es mit entsprechenden Hilfsmitteln z. B. in den Schulen aus.
Da ja nun die verläßliche Ganztagsschule eingeführt wurde, ist auch da eine Ursache zu suchen.
Zu kleine Stühle und Tische, um nur zwei Dinge zu nennen.

#8 |
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Jens Pfeil
Jens Pfeil

Kopfschmerzen sind zu ca. 70% mit Migräne vergesellschaftet und nicht Teil der Migräne. Die vorangegangenen Kommentare deuten schon die Vielschichtigkeit der Problematik an. Die Vermischung der Diagnosen macht im Alltag große Probleme. Migräne zeigt Symptome an der Wahrnehmung und ist überraschend häufig durch eine Kombination aus Körpertherapie, Analyse im Gespräch und der daraus folgenden Verhaltensänderung zu therapieren.

#7 |
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Ich finde den Titel unpassend, es handelt sich sicherlich eher um spannungskopfschmerz.

#6 |
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Zum vorigen Artikel:
Nach Ausgleich der Okklusion wurden die Kinder ohne Medikamente schmerzfrei.
Die Schulleistungen verbesserten sich, da die Tiefschlafphase erreicht wurde.

#5 |
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Die Ursache für Kopf-und Bauchweh, für den typischen Zappelphilip sind häufig kieferorthopädische Therapien, aber vor allem das Versiegeln der Zahnfissuren gegen Karies. In Finnland hat man sich gewundert, dass in einigen Stadtbezirken die Kinder gehäuft Kopfweh hatten in anderen Bezirken nicht. Man konnte alle soziologischen Aspekte ausschließen. Am Ende kam man darauf, dass die einzelnen Bezirke deckungsgleich waren, mit den Versorgungsgrenzen der einzelnen Medizinischen Zentren. Es zeigte sich, dass die Zahnhygenistinnen im einen Bezirk lege artis versiegelten, in den anderen die Versiegellung zu dick war.
Kleinste Störungen der Okjklusion führen bei Kindern zu Kopfschmerz und Migräne.

#4 |
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Dr.Bayerl
Dr.Bayerl

Hier kann man “Eltern” vielleicht mal ausnahmsweise etwas in Schutz nehmen,
vielleicht, dass sie zu wenig Verbote aussprechen und durchsetzen:
Fernsehen, Internet, “smart-phone”. Das dürfen sie (die Eltern) andererseits ja auch wieder nicht.
Das sehen die Sychologen als Ursache.

#3 |
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Weitere medizinische Berufe

#1 |Ja, Herr Hümmer, beim Lesen des Artikels kamen mir genau diese beiden Fragen in den Sinn. Ja ich pflichte Ihnen bei. Allerdings kamen mir auch Antworten auf diese Fragen in den Sinn: Womit läßt sich denn das große Geld besser und anhaltender verdienen? Und wie kann man Eltern beibringen, daß Beruf, Karriere und materieller Wohlstand zweitrangig sind und liebevolle Zuwendung das Gebot der Stunde ist?

#2 |
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Heilpraktiker

Stellt sich eigentlich mal jemand die Frage, warum Migräne und Kopfschmerz bei Kindern in den letzten Jahren überhaupt zu einem Thema geworden ist? Wäre es nicht besser, die Ursachen zu ermitteln und abzustellen, statt die Symptome mit immer neuen Verfahren zu unterdrücken?

#1 |
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