Burnout: Marker für emotionale Erschöpfung

28. Juli 2014
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Wissenschaftler konnten nun mit objektiven Methoden der Reaktionszeitforschung feststellen, dass ein Burnout tatsächlich mit einer eingeschränkten Fähigkeit zur Aufrechterhaltung der Leistungsbereitschaft einhergeht.

Burnout ist ein sehr aktueller aber zugleich schillernder Begriff. Einerseits häufen sich die Aussagen von Beschäftigten, die über eine erschöpfungsbedingt reduzierte Leistungsfähigkeit klagen. Andererseits ist unklar, inwieweit solche Selbsteinschätzungen eine objektivierbare Grundlage haben.

Ein erster Schritt zu einer Objektivierung ist der Burnout-Fragebogen der amerikanischen Psychologen Maslach und Jackson. Dabei werden anhand von 22 Antworten des oder der Betroffenen drei Dimensionen des Burnout differenziert, wobei die emotionale Erschöpfung als zentrales Merkmal gilt, gefolgt von den Aspekten der Depersonalisierung und der reduzierten persönlichen Leistungsfähigkeit. Allerdings bewegt man sich mit dem Fragebogen konzeptionell immer noch auf der Ebene von Selbstauskünften. Deshalb wird am Leibniz-Institut für Arbeitsforschung das Ziel verfolgt, das Phänomen mit objektiven Methoden zu erfassen. Die Arbeitsgruppe „Flexible Verhaltenssteuerung“ unter der Leitung von Thomas Kleinsorge untersucht, ob etablierte Aufgaben zur Analyse von kognitiven Funktionen als diagnostische Instrumente für Burnout eingesetzt werden können.

Dies ist nun in einem Experiment mit der sogenannten Constant Foreperiod Reaction Time Task gelungen. Dabei wurden auf einem Bildschirm zwei verschiedene Reize mit unterschiedlicher Häufigkeit dargestellt. Die Reize wurden mehr oder weniger frühzeitig durch einen vorhergehenden Ton angekündigt. Bei dem häufigen Reiz sollten die Probanden nichts machen, bei dem seltenen sollten sie mit einer möglichst schnellen Tastenbetätigung reagieren. Somit standen die Probanden vor der Aufgabe, stets von neuem nach dem Ton eine möglichst hohe Reaktionsbereitschaft aufzubauen, andererseits aber auch häufig die Ausführung der vorbereiteten Reaktion wieder zu hemmen.

Möglicher Marker

In der Untersuchung wurden mit Hilfe des Burnout-Fragebogens zwei Gruppen von Probanden differenziert, solche mit einer geringen und solche mit einer starken emotionalen Erschöpfung. Beide Gruppen zeigten vergleichbare Leistungsdaten, wenn das Intervall zwischen dem Ton und dem Reiz relativ kurz war. In diesen Fällen erhöhte der Ton automatisch die Reaktionsbereitschaft und verringerte entsprechend die Reaktionszeit. War das Intervall zwischen Ton und Reiz länger, konnten die Probanden mit einer geringen emotionalen Erschöpfung ihre Reaktionsbereitschaft weitgehend aufrechterhalten. Den Probanden mit einer starken emotionalen Erschöpfung gelang dies nicht, hier sank die Reaktionsbereitschaft schrittweise mit der Länge des Intervalls und erreichte schließlich wieder den Wert für eine unvorbereitete Reaktion.

Probleme bei der Aufrechterhaltung der Reaktionsbereitschaft können somit als Marker dienen, ob ein hoher Grad einer emotionalen Erschöpfung vorliegt, wie er für einen Burnout charakteristisch ist. Zugleich ergeben sich aus der Veränderung dieser kognitiven Funktion konkrete Ansatzpunkte, um den Leistungsbeeinträchtigungen von Burnout-Patienten zu begegnen. So sollte eine zusätzliche soziale Unterstützung bei der Aufrechterhaltung der Reaktionsbereitschaft hilfreich sein.

Originalpublikation:

Burnout and the fine-tuning of cognitive resources
Thomas Kleinsorge et al.; Applied Cognitive Psychology, doi: 10.1002/acp.2999; 2014

46 Wertungen (4.22 ø)

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12 Kommentare:

Dr. F. Seger
Dr. F. Seger

Bitte mal im ICD nachlesen. Sog. “Burn-out” ist keine klassifizierte Erkrankung sondern unter “Probleme mit Bezug auf Schwierigkeiten bei der Lebensbewältigung” Z 73.0 verschlüsselt. Bitte also hier auf Begriffsgenauigkeit achten und es nicht mit depressiven Erkrankungen in einen Topf werfen.
Hier ist Beratung wohl nötig und evtl. nützlich, eher aber keine Therapie i.e.S. – Diese würde auch evtl. dazu führen können, dass Betroffene sich (noch mehr) als handlungsunfähiges Opfer sehen und verständlicher Weise versuchen könnten Verantwortung an das (in diesem Falle nicht lösungskompetente) Gesundheitssystem abzugeben.
Ensprechend ist es keine Behandlungsdiagnose. Die Diskussion und medizinische Untersuchungen genannter Art scheinen daher nicht passend. Abgesehen davon, dass wahrscheinlich Überlegungen bzgl. besserer Arbeitsbedingungen sinnvoll wären.
Empfehle auch noch mal den Wikipedia-Artikel zu lesen.
Was genau meinen diese Forscher nun….? Was sind denn ggf. weitere Faktoren, die die Aufrechterhaltung der Reaktionsbereitschaft beeinflussen könnten? Wie ist es mit der persönlichen Motivation? Das ist alles sehr vage hier wiedergegeben. Vielleicht ist die Studie aber auch einfach schwach, abgesehen davon, dass Burn-out mehr und mehr für persönliche Unpässlichkeiten als “Erklärung” vorgebracht wird. Dass medizinische Sachverhalte im Alltagsleben eine umgangssprachliche Generalisierung erfahren gibt es ja nun auch häufiger (“Rheuma”, “Grippe”, “Bandscheibe”, “schizophren”…..)

Dass meine Ausführungen in keiner Weise wirklich erschöpfend sind, ist mir im Übrigen klar.

#12 |
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Arzt
Arzt

@Heilpraktikerin Ursula Tüffel die “Arbeitsbelastung” ist verglichen mit unseren Vorfahren sicher NICHT gestiegen, sondern gesunken!!!!
Was “neu” ist, ist die “Medienüberflutung”, der damit verbundene z.T. wirklich lächerliche Konsumdruck, meine Frau ist z.B. immer sofort glücklich zu machen, wenn sie “Einkaufen” kann, egal was.
Und mit den “Medien” die permanente Manipulation des Bürgers in eine bestimmte Richtung, politisch und generell “erzieherisch”.
Selbst denken und entscheiden ist eher unerwünscht. Es gibt 1000 Berater und Einflüsterer. Das kann nerven.

#11 |
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Heilpraktikerin Ursula Tüffel
Heilpraktikerin Ursula Tüffel

Noch ein Marker, der dann zur Verschreibung von Medikamenten führt? Wäre es nicht viel sinnvoller, den URSACHEN für das Burnout nachzugehen und die URSACHEN abzustellen? Ist das in unserer heutigen Welt überhaupt noch möglich, in der die Menschen wie Maschinen behandelt werden und bis zur Erschöpfung ausgenutzt werden? Erliegen sie dann dem Burnout sind sie weg vom Fenster und werden sich selbst überlassen…

#10 |
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Ärztin

Bei der Durchsicht der Kommentare fällt mir auf, dass es am ehesten immer wieder allerhand Missverständnisse gibt, die manchmal durch aufmerksames Lesen vielleicht verhindert werden könnten… Der Artikel scheint mir zudem unglücklich bzw. undifferenziert geschrieben, da es scheint, dass neben einem einzigen Fragebogen ein einziger testpsychologischer Ansatz existiere. Die Artikel sind eben schon sehr kurz zusammengefasst. Wahrscheinlich ist dieser nicht das Nonplusultra (?) sondern ein Versuch, eine Basis für die Objektivierung eines Merkmals eines fortgeschrittenen Burnoutsyndroms zu schaffen, bzw. leichtere von schweren zu unterscheiden auf testpsychologischer Ebene. Was ist mit dem letzten Satz gemeint? Dass der Test unter freundlicher Zusprache oder beisitzenden Angehörigen besser gelingen sollte?

#9 |
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Gast
Gast

So “objektiv” erscheint mir ein solcher Test nicht.
Mangelnde “Reaktionsbereitschaft” ist ja nun mal Teil dieser Diagnose.

#8 |
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Weitere medizinische Berufe

@
Dr. med. Anatol Rocke

in meinem Fall handelt es sich um Pflegefachfrau, Schwerpunkt Psychiatrie, deshalb ist diese Krankheit etwas oft Gesehenes für mich.( Leider gab es keine Möglichkeit, den beruf direkt so einzugeben)
Ich bin sehr damit einverstanden, dass man nicht nur auf der “psychischen” Ebene sucht, ( wobei Psyche und Soma in meinen Augen untrennbar verbunden sind ) sondern die besonderen körperlichen Aspekte bei einem Burnout beachtet, nämlich den von Ihnen erwähnten Hormonkomplex, eventuell noch Vitamin D, Vitalstoffe, Aminosäuren etc.

#7 |
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Liebe Leute, bitte kein Kompetenzgerangel! Das ist doch ein demokratisches Forum. Solange die Äußerungen nicht gänzlich unqualifiziert, diskriminierend oder sittenwiedrig sind, darf doch jeder seine Meinung äußern, wobei mir persönlich anonyme Beiträge missfallen. Steht auch nametlich zu Euren Meinungen und stellt die sachbezogene Diskussion wieder in den Mittelpunkt.
Zur Sache: Ich frage mich, inwieweit die Objektivierbarkeit eines Burnout für die therapeutischen Maßnahmen ausschlaggebend ist. Braucht ein “nur” subjektiv ausgebrannter Patient eine andere Therapie als einer mit objektivierter Symptomatik?

#6 |
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Kay Wack
Kay Wack

Sehr geehrter Herr Dr. med. Rocke, als ‘weitere medizinische Berufe’ sehe ich das große Heer der Krankenschwestern und Pfleger in all ihren Gebieten, der Arzthelferinnen und Arzthelfer, der Hebammen/Geburtshelfer, der Ergotherapeuten und Physiotherapeuten. All diese Berufsgruppen absolvieren eine dreijährige Ausbildung, an deren Ende ein Staatsexamen steht.

#5 |
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Was soll man eigentlich unter “weitere medizinische Berufe” verstehen?

#4 |
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Wir messen die HHNNR-Jormone DHEA, Cortisol, Adrenalin etc. – damit kommt man wunderbar zu Diagnose und Therapie als Begleitung zu Psychotherapie, Ordnungstherapie etc. @Frau Bust: ein ausgeprägtes Burnout-Syndrom muss behandelt werden, damit es den Menschen besser geht – alles andere wäre m.E. ein Kunstfehler.

#3 |
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Weitere medizinische Berufe

Du meine Güte, was die nicht alles heraus finden.
Sorry, aber jemand mit Burnout KANN nicht mehr. Also wäre es besser von Reaktionsfähigkeit und Leistungsfähigkeit zu sprechen.

#2 |
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Dipl. Soz. päd. Patricia Bust
Dipl. Soz. päd. Patricia Bust

Wer sagt denn, dass es richtig ist, die Leistungsbreitschaft aufrecht zu erhalten? Und warum ist die Unterstützung zur Aufrechterhaltung der Leistungsbereitschaft sozial? Kommt mir eher rentabel vor…

#1 |
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