Cannabis: Analgetika aus dem Wintergarten

1. August 2014
Teilen

Ein Gerichtsurteil mit Überraschungen: Chronisch kranke Menschen dürfen in bestimmten Fällen Hanf zum Eigenkonsum selbst anbauen. Dagegen laufen Behörden Sturm – wirklich zu Recht? Apotheker fordern, bei Cannabis als Pharmakon nicht mit zweierlei Maß zu messen.

Kaum ein Thema spaltet Politiker aller Couleur wie die Freigabe von Hanf. Jetzt waren wieder einmal Juristen am Zuge. Sie befassten sich mit der Frage, inwieweit chronisch kranke Menschen Cannabis anbauen dürfen.

Gute Studienlage

Dass bestimmte Patientengruppen von Cannabis-Inhaltsstoffen profitieren, steht pharmazeutisch außer Frage. Kürzlich hat das Guideline Development Subcommittee der American Academy of Neurology 34 entsprechende Studien ausgewertet. Barbara Koppel vom New York Medical College bestätigte, dass Extrakte bei zugelassenen Indikation, nämlich MS-bedingten Spastiken, hilfreich seien. Keine ausreichende Evidenz fand Koppel bei Chorea Huntington, bei Morbus Parkinson, beim Tourette-Syndrom, bei zervikalen Dystonien oder zur Vorbeugung epileptischer Anfälle. Das lag zum Teil auch an der Qualität entsprechender Studien und ist momentan kein Argument gegen Cannabis.

Hanf im Wohnzimmer

Grund genug für mehrere Schmerzpatienten, Cannabisblüten selbst versuchsweise einzusetzen. Sie argumentierten, Kosten für den gesetzlich regulierten Import via Ausnahmegenehmigung nicht aufbringen zu können. Krankenversicherungen springen hier nicht ein. Anträge zum Eigenanbau hat das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) jedoch abgelehnt. Betroffene suchten auf dem Klageweg ihr Heil – teilweise mit Erfolg.

Ein salomonisches Urteil

Entsprechenden Forderungen hat das Kölner Verwaltungsgericht unter strengen Auflagen zugestimmt. Im Urteil hieß es, der Eigenanbau bleibe grundsätzlich verboten, könne aber als „Notlösung” erlaubt werden. Das sei bei austherapierten Patienten oder bei Menschen, für die Cannabis aus der Apotheke nicht bezahlbar sei, der Fall. Beobachter werten das Urteil als Präzedenzfall mit Relevanz für viele Schmerzpatienten. Jetzt muss das BfArM Anträge von Schmerzpatienten erneut prüfen. Mit rigiden Auflagen ist zu rechnen.

Zweierlei Maß

Zum Prozessbeginn hatten BfArM-Vertreter bereits auf die mangelhafte Absicherung von Wohnungen hingewiesen. Erstaunlich genug, dass ihre Argumentation bei Schmerzpatienten, die regelmäßig Opioide anwenden, keine Rolle spielt. Auch seien unerwünschte Wirkungen bei der Eigenproduktion denkbar. Andreas Kiefer, Präsident der Bundesapothekerkammer (BAK), kritisiert eher die Versorgungssituation: „Wenn Cannabis gegen Schmerzen eingesetzt wird und die Funktion eines Arzneimittels hat, dann muss es auch wie ein Arzneimittel behandelt werden.“ Das beinhalte eine Verordnung durch den Arzt, eine Kostenübernahme durch die Krankenkasse und eine Abgabe durch die Apotheke unter kontrollierten Bedingungen. Beim „Eigenanbau im Wintergarten“ sei die Einhaltung üblicher Qualitätsstandards nicht gewährleistet.

17 Wertungen (4.59 ø)

Die Kommentarfunktion ist nicht mehr aktiv.

6 Kommentare:

Arzt
Arzt

was mich ebenso wie #1 stört, ist die Heuchelei einer “medizinischen Indikation”.
Das heist eigentlich,
ich möchte bitte ein Rauschgift, wenn auch ein vergleichbar “harmloses”,
aber das reicht mir nicht,
ich möchte DESHALB auch als Kranker bedauert werden,
nicht nur bedauert auch unterstützt,
von denen, die sich das NICHT “gönnen”.

Also bitte keine “medizinische Indikation”,
Schmerzmittel gibt es bessere.
Jeder ordentliche Arzt bemüht sich selbstverständlich Schmerzen zu lindern,
wobei der Trend zu erkennen ist, dass man sich zu wenig um die Schmerzursache kümmert.
Ich hätte als Arzt auch Hemmungen bei einer Abtreibung,
wobei auch für mich die Mutter natürlich wichtiger ist, als das Embryo.

“Hanf”, sehr verharmlosend, ist neurotoxisch und führt zur Verblödung,
bei Jugendlichen (wachsendes Gehirn) ganz deutlich!
Ich hab auch schon einen noch rel. jungen Mann “beobachtet”, der sich noch unter 30Jahren buchstäblich das ganze Hirn weggesoffen (Alkohol) hat,
deshalb zieht für mich auch nicht der Hinweis auf Alkohol.
Opiate als sehr starke Schmerzmittel sind NICHT neurotoxisch!

#6 |
  0
Gast0815
Gast0815

@Chirurg Der “Nachweis” ist kein Nachweis.
[“Man weiß nicht, woran man stirbt bei Cannabis-Konsum. Die einzige logische Erklärung ist, dass man Herzrhythmusstörungen bekommt”, betont der Rechtsmediziner.]
Die Logik gebietet es kausale Zusammenhänge zu schaffen. Dieser Rechtsmediziner Hartung geht auf Grundlage eines gefunden Tütchens Gras davon aus, dass Hanf die Todesursache ist, OHNE einen kausalen Zusammenhang gefunden zu haben – sonst wüsste er “woran man stirbt bei Cannabis-Konsum”.

Dieser Mediziner ist entweder fachlich inkompetent, absoluter Hanfgegner oder wollte 15 Minuten Ruhm.

#5 |
  0
Chirurg
Chirurg

zu#2 was sagen Sie denn zu dem “athletischen 28-jährigen Mann” aus Düsseldorf?
Der wegen fehlender erkennbarer Erkrankung von Gerichtsmedizinern autopsiert wurde?
http://tinyurl.com/l2ms7jp

#4 |
  0
Arzt
Arzt

Gast#2 bitte keine Märchen erzählen!
Kein Patient stirbt wegen der stärksten und besten Schmerzmittel die es gibt in der Hand des Arztes!!!!
Das sind die Nachfolger von Morphin, immer noch Referenzopiod und heute noch im Einsatz, erstmals isoliert 1804 aus “Schlafmohn”, Opium, Papaver somniferum, also nichts sonderlich neues,
die heutigen Nachfolger Fentanyl (synthetisches Opioid) 1960 und besonders deren Nachfolger z.B. Sufetanil, haben etwa die tausendfache Wirkung, bei deutlich verminderter Nebenwirkung, besser steuerbar, weil auch kürzer wirksam
und
werden täglich millionenmal bei jeder Routine-Vollnarkose in aller Welt eingesetzt.
Keiner stirbt daran!
Was Sie vermutlich meinen, ist die private Verwendung von Opioiden als Suchtdroge in Überdosierung, besonders Heroin. Ja, an einer Überdosierung sterben immer noch süchtige Menschen.
Nebenwirkung ist also das Suchtpotential und bei akuter Überdosierng die Atemlähmung.
Beim sinnvollen Einsatz in der Schmerztherapie benutzt man lang wirkende orale Präparate und zwar kontinuierlich, gerade damit nicht durch auf- und ab eine Suchtwirkung ausgelöst wird.
Die einzige Nebenwirkung dabei ist die Opstipation.
Das nur in aller Kürze.

#3 |
  0
Gast
Gast

@Gast Kommentar um 15:12
Es mag zwar noch wesentlich bessere Schmerzmittel geben, ABER ALLE haben Nebenwirkungen hoch 10! Wenn man(bzw. Sie) sich nicht mit Cannabis auskennen und es als Psychodroge abstempeln wollen, dann informieren Sie sich bitte zuerst, bevor Sie solchen interlektuellen Sch*** hinterlassen!

Cannabis bzw. Hanf gilt seit nachweißlich 3000 Jahren als Heilmittel, von den Chinesen bis sogar nach Europa. Denn bevor es in Europa Penizilin usw. gab, gab es zahlreiche Medikamente auf Hanf Basis!

Durch Hanf alleine gibt es bis dato keine-0-zero Todesfälle*! Durch Ihre hochgepriesenen “besseren” Schmerzmittel sterben jährlich, hmm, keine Ahnung wieviele Menschen, aber es sterben Menschen!

#2 |
  0
Gast
Gast

ich kann die Trommelfeuerreklame für diese Psychodrogen kaum noch hören.
Reicht denn Alkohol und Nikotin nicht aus?
Deutschland geht dagegen im internationalen Vergleich recht lasch vor.
Es gibt doch wesentlich bessere Schmerzmittel!

#1 |
  0


Copyright © 2017 DocCheck Medical Services GmbH
Sprache:
DocCheck folgen: