Krebs: Alle Augen auf Antihistaminikum

30. Juli 2014
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Lassen sich Tumoren mit Antihistaminika bekämpfen? Eine aktuelle Studie liefert Hinweise, dass dieser Ansatz durchaus wirksam sein könnte. Denn Antihistaminika bremsen jene Zellen aus, die den Tumorzellen helfen, sich vor dem Immunsystem zu verstecken.

Krebszellen können höchst erfinderisch sein, wenn es darum geht, das Immunsystem des Körpers auszutricksen, um nicht erkannt zu werden. Eine Möglichkeit besteht darin, dem Abwehrsystem vorzutäuschen, gesunde, körpereigene Zellen zu sein. Dazu schütten die Tumorzellen Botenstoffe aus, die die sogannten myeloiden Suppressorzellen anlocken. Diese sorgen dafür, dass eine T-Zell-vermittelte Immunantwort gegen die entarteten Zellen blockiert wird. Bei einer Krebserkrankung steigt die Anzahl der myeloiden Suppressorzellen rasch an. Damit diese Zellen aktiviert werden und sich vermehren können, benötigen sie den körpereigenen Stoff Histamin, wie Wissenschaftler in einer aktuellen Studie zeigen konnten.

Multitasker Histamin

Beim Stichwort Histamin denken Sie zuerst an Allergien? Völlig richtig. Das Gewebshormon spielt auch eine zentrale Rolle bei allergischen Reaktionen und ist als Botenstoff bei Entzündungsreaktionen daran beteiligt, das Gewebe anschwellen zu lassen. Histamin wird in den Mastzellen produziert, die besonders zahlreich in Nase, Mund und Blutgefäßen vorkommen. Dort sind sie an der Abwehr von Pathogenen und der Wundheilung beteiligt.

Antihistaminika im Tierversuch wirksam gegen Melanome

Wissenschaftler fanden nun Hinweise darauf, dass Histamin auch als Komplize von Tumorzellen agiert, die sich vor dem Immunsystem verstecken. Als die Forscher die Histaminproduktion in Versuchstieren blockierten, konnten sie dadurch das Wachstum von Melanomen stoppen. Dazu arbeiteten die Wissenschaftler mit zwei Gruppen von Mäusen. Die erste Gruppe infizierten sie mit einem Nager-Darmwurm, um eine starke allergische Reaktion zu simulieren. Dann injizierten sie den Mäusen myeloide Suppressorzellen und behandelten sie mit den Antihistaminika Ceterizin und Cimetidin. Damit konnten sie die Wirkung der myeloiden Suppressorzellen unterbinden. Anthistaminika scheinen also grundsätzlich wirksam gegen myeloide Suppressorzellen zu sein, aber lässt sich dadurch auch das Wachstum von Tumoren stoppen?

Die zweite Gruppe von Mäusen litt unter Melanomen. Auch diese Tiere erhielten myeloide Suppressorzellen und wurden mit dem Antihistaminikum Cimetidin behandelt. Normalerweise würde die Injektion von myeloiden Suppressorzellen das Tumorwachstum anheizen. Unter der Behandlung mit dem Antihistaminikum war das allerdings nicht der Fall – für die Forscher ein untrüglicher Hinweis, dass die antiallergischen Medikamente auch gegen Krebs wirksam sein könnten.

Bestimmte Subgruppe der myeloiden Suppressorzellen durch Antihistaminika reduzierbar

Ihre Studie zeigte außerdem, dass myeloide Suppressorzellen quasi von Mastzellen angelockt werden. Dieser Prozess sorgt dafür, dass die myeloiden Suppressorzellen zu Entzündungsherden wie beispielsweise Tumoren rekrutiert werden. Histamin, das von den Mastzellen freigesetzt wird, sorgt wiederum dafür, dass die myeloiden Suppressorzellen überleben und sich weiter vermehren. Das geschieht in zwei Subgruppen der myeloiden Suppressorzellen, hauptsächlich aber bei den monocytischen myeloiden Suppressorzellen. Und genau diese Zellgruppe konnten die Wissenschaftler bei Mäusen mit freiverkäuflichen Antihistamin-Präparaten wie Ceterizin und Cimetidin reduzieren.

Erste Hinweise klar, weitere Untersuchungen folgen

Die Versuchsergebnisse lassen die Hoffnung aufkeimen, Tumorzellen mit gut erprobten antiallergischen Wirkstoffen bekämpfen zu können. „Mit unserer Arbeit haben wir zwei bisher strikt voneinander getrennte Krankheitsbilder miteinander verbunden: Allergie und Krebs“, so Studienleiter Daniel Conrad von der Virginia Commonwealth University in Richmond, USA, und weiter: „Diese Verbindung ist jedoch neuartig und es steht uns noch viel Arbeit bevor, um herauszufinden, ob sich Antihistaminika tatsächlich zur Krebsbekämpfung eignen.“ Als nächstes wollen die Forscher genau untersuchen, wie Mastzellen mit den myeloiden Suppressorzellen interagieren und ob möglicherweise auch andere Mastzell-Mediatoren auf die myeloiden Suppressorzellen wirken.

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Pharmazie

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7 Kommentare:

Gast
Gast

Hier wird mal wieder der Tumor zum Feind gemacht und über den Sinn oder Ursachen nicht weiter diskutiert. Wie hinlänglich bekannt ist, wurde die chronische Inflammation zur Hauptursache für Tumore erkannt. Zu der gesammten Inflammationskaskade gehört natürlich auch Histamin, Stickstoffmonoxid, Peroxinitrid etc. Weiterhin ist eine ständiges Stresspotential über die Toll-like-Rezeptoren und einer Aktivierung der Hitzeschockproteine zum Schutz der Zelle im Sinne des Überlebens einzelner Zellkomplexe zu beachten. Eine Forschung nur am Histamin, ohne die anderen Parameter von Tumorzellentstehung und Tumorzellkommunikation auch zu Stammzellen ist wieder einmal eine formallogische Feindbekämpfung ohne wirklich das komplexe Bild der Tumorentstehung und Kommunikation zu beachten.
Fakt ist, es wird zuviel gegen Tumore geforscht und zu wenig an den Ursachen getan……

#7 |
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Gast
Gast

einfach mal den Jarisch lesen

#6 |
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„Mit unserer Arbeit haben wir zwei bisher strikt voneinander getrennte Krankheitsbilder miteinander verbunden: Allergie und Krebs“ (Zitatende).
Diese Aussage muss man relativieren: die Konzentrationen an biologisch aktiven Histamin bei beiden Szenarien unterscheidet sich um mindestens drei Zehnerpotenzen!!! Leider auch wieder ein Beweis, dass ausführliche Literaturrecherchen VOR der Durchführung von Studien immer öfters unterbleiben. Denn wenn man sich ausführlich mit Histamin beschäftigt, weiß man, dass es Einflüsse auf das Immunsystem und auf Tumore gibt (auch in der Richtung, dass Histamin die Zellteilung von Tumoren aktiviert und dass diese dadurch radiosensitiver werden, als mit höherem Erfolg bestrahlt werden können.
Auch eine hervorragende Idee die weiteren Kommunikationsmöglichkeiten der Mastzellen zu untersuchen – können Mastzellen doch fast alle möglichen Zytokine / Interleukine bilden, die es gibt. Ich wünsche (ganz ohne Ironie!) der Gruppe viel Erfolg, weil ich hier wirklich großes Therapiepotential sehe.

#5 |
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Arzt
Arzt

Hallo Frau Schmitzer, ein hoch-interessantes Thema,
können wir die Originalquelle erfahren?
zu#1 Cimethidin ist leider nicht FDA-appruved?

#4 |
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Dipl. Soz. päd. Patricia Bust
Dipl. Soz. päd. Patricia Bust

Ich bin keine Medizinerin, aber frage mich, ob Alkoholunverträglichkeit (Rotwein) bei einer Freundin nach “geheiltem” Krebs wegging, weil die Histamine nun besser vertragen werden? Hm…

#3 |
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Gast
Gast
#2 |
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Gast
Gast

Dass Cimetidin die Prognose insbesondere bei Colon-Ca und insbesondere wenn perioperativ genommen, massiv verbessert, ist gut dokumentiert. Cimetidin als anticancerogen ist in der Komplementäronkologie schon lange bekannt und wird dort auch eingesetzt. Dabei stützt man sich auf wissenschaftliche Arbeiten. Es ist schon sehr verwunderlich, dass die positiven Eigenschaften in der üblichen Onkologie dermassen in Vergessenheit geraten konnten. iSiehe z.B.:
http://www.lef.org/magazine/mag2007/may2007_report_cimetidine_01.htm oder http://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/10919677 und http://www.nature.com/bjc/journal/v86/n2/full/6600048a.html

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