Bakterien: Höhlisch resistent.

30. Mai 2012
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Forscher entdeckten fernab jeden möglichen Menschenkontakts, tief in einer bislang nicht betretenen mexikanischen Höhle, Bakterien, die gegenüber bis zu 14 Antibiotika resistent sind.

Wenn es um Antibiotikaresistenzen geht, denken die meisten an den Menschen als Verursacher: Krankenhäuser, Hygienemängel und der falsche und unkritische Einsatz der Medikamente fördern die Entwicklung von Resistenzen und machen harmlos geglaubte Keime zu gefährlichen Krankheitsserregern. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) fordert globale Strategien im Kampf gegen die zunehmenden bakteriellen Infektionen, die sich einer wirksamen antibiotischen Behandlung entziehen.

Dass Bakterien wirksame Verteidigungsstrategien entwickelt haben, um zu überleben, ist bereits ein Hinweis auf natürlich vorkommende Resistenzen auch bei Bakterien, die als Krankheitsverursacher bei Mensch oder Tier möglicherweise überhaupt keine Rolle spielen. Tatsächlich fanden Gerry Wright und Mitarbeiter der McMaster Universität in Hamilton, Ontario, in den Tiefen der erst 1986 entdeckten Lechuguilla-Höhle in New Mexiko Bakterienstämme, die gegen Antibiotika resistent sind. Die Bakterien stammen aus einem bis zu 400 Meter tiefen Areal, das Menschen bislang nicht betreten haben. Dabei erwiesen sich die Keime nicht nur gegenüber einem oder zwei Antibiotika resistent, sondern viele waren gegen bis zu 40 antibiotische Wirkstoffe resistent.

Resistenz – natürlich, alt und fester Bestandteil des Genoms

Insgesamt untersuchten die Forscher die Wirksamkeit von 16 verschiedenen antimikrobiellen Substanzen auf 92 Stämme der Höhlenbakterien. Die antibiotisch wirksamen Substanzen beinhalteten natürliche Produkte, semisynthetische Derivate und synthetische Substanzen.

Sowohl gram-positive als auch gram-negative Bakterien erwiesen als resistent gegenüber einer Vielzahl gegenwärtig eingesetzter Antibiotika. Von den untersuchten gram-positiven Bakterienstämmen waren durchschnittlich 70 Prozent gegen drei bis vier verschiedene Antibiotikaklassen resistent. Drei Stämme von Streptomyces spp. widersetzten sich gar dem Angriff 14 verschiedener Wirkstoffe. Unter den Wirkstoffen befand sich auch Daptomycin, eine der letzten Hoffnungen bei Infektionen mit resitenten gram-positiven Bakterien. Keine Resistenz zeigten die gram-positiven Bakterien gegen die synthetischen Antibiotika Ciprofloxacin, Linezolid, gegen das semisynthetische Rifampicin und Minocyclin sowie das natürliche Vancomycin.

Gram-negative Bakterien sind von Haus aus gegen viele Antibiotikaklassen resistent, sodass nur Antibiotika untersucht wurden, für die eine Wirksamkeit bekannt ist. 65 Prozent der Stämme waren gegen drei bis vier Antibiotika resistent. Es ließ sich keine Tetracyclin-Resistenz beobachten, die bei Oberflächenbakterien sonst oft vorkommt. Doch zeigten sich häufig Resistenzen gegen Sulfamethoxazol, Trimethoprim und Fosfomycin.

Wettstreit: Mensch gegen Bakterium

Antibiotikaresistenz ist also in der Natur weit verbreitet, auch in Abwesenheit der vom Menschen angewendeten Antibiotika. Die Höhle, aus der die Bakterien stammen, war Millionen Jahre lang isoliert. Auch der Eintritt von Oberflächenwasser ließ sich ausschließen. Die Antibiotikaresistenz ist im Genom der Bakterien wohl seit Urzeiten verankert. Dies lässt vermuten, dass es in der Natur auch noch eine Vielzahl bislang unbekannter antibiotischer Substanzen gibt, die es möglicherweise zu entdecken gilt, aber auch, dass sich gegen jedes neue Antibiotikum Resistenzen entwickeln können, denn die Information hierfür schlummert seit Urzeiten im Bakteriengenom.

Die Ergebnisse verändern das Verständnis der Entstehung von Antibiotikaresistenzen und entlasten vielleicht auch ein wenig die Schultern verschreibender Mediziner, wenn sie auch bezüglich der unkritischen Anwendung der Medikamente sicher keinen Freibrief erhalten. Bezüglich bakterieller Infektionskrankheiten ist mit einem anhaltenden Wettstreit zwischen Infektionserregern und Forschern zu rechnen.

140 Wertungen (4.41 ø)
Medizin

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8 Kommentare:

Dr. Gero Beckmann
Dr. Gero Beckmann

Der Artikel ist durchaus interessant, muss aber in seiner Pointierung kritisiert werden. Wer die Original-Studie liest, sieht, dass es sich bei der 1986 (!) entdeckten Höhle um eine nur zugangsBESCHRÄNKTE Höhle handelt: sie wurde und wird also von Menschen seit Jahrzehnten betreten. Dass man Stellen beprobt, wo keine Fußspuren der Ähnliches sichtbar waren, mag Anthropologen überzeugen, nicht allerdings den Mikrobiologen, zumal man in erheblichem Umfang persistentere Keime wie Streptomyces und sogar sporenbildenden Bacillaceae (Paenibacillus lautus) isoliert hat und daraus seine Schlussfolgerungen ableitet. Ich halte das für sehr gewagt!

#8 |
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Weitere medizinische Berufe

Umso mehr sollte man in der Tiermedizin z.B. bei den Schweinezüchtern und Legebatterien aufpassen, dass Antibiotika nicht als prophylaktische Massnahme eingestzt werden. Das ist ja heute immer wieder zu beobachten.

Oder ich werde zum Veganer um eine unauffällige ß-Blocker Therapie und Antibiotika Resorption zu vermeiden.

#7 |
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Na hoffentlich gelangen diese multiresistenten Bakterien nicht in die falschen Hände und dienen als biologische Waffen.

#6 |
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Dirk Reske
Dirk Reske

Wenn das Verhalten gegenüber den Resistenzen so weitergeht dann bleibt ja wenigstens noch die Höhle in die sich die Menschheit verkriechen kann. Unser Glaube an die Pharmaindustrie und die damit einhergehende ” Sicherheit” ist damit endgültig “ad absurdum” geführt. Grundlegende Hygieneregeln und ein konsequentes Hygienemanagement auch in Bezug auf neu aufzunehmende Patienten in Krankenhäusern wären eine Chance den Kampf gegen Bakterien zumindst hinaus zu zögern. Eine Chance ihn zu gewinnen, kann ich nicht erkennen.

#5 |
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Eberhard Krämer
Eberhard Krämer

NATURA NON FACIT SALTUS, aber sie arbeitet stetig und seit Millionen von Jahren. Wenn wir die Naturgesetze und die Gesetze der Schöpfung mehr achten, beachten und respektieren würden, könnten wir viel dabei lernen. Die Mehrheit der Menschheit ist leider bereit, für Mammon alles zu glauben.
Doch Mutter Natur regelt alles selbst und hat auch die Zeit dazu.Erare humanum est!

#4 |
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Dipl.Kfm. Kurt Maier
Dipl.Kfm. Kurt Maier

Dann wäre doch angsichts der aktuellen Berichte aus der Massentierhaltung ganz interessant was denn nun aus der Sicht des Herren Tierarztes nicht stimmt bzw. was dann stimmen soll in diesem Bereich. Warum um alles in der Welt sollte man “bei seinen Leisten bleiben” und nicht “über den Tellerrand blicken”? Etwa weil man dann Unbequemes zu sehen und kommunizieren lernt? Nein das kann es nicht sein. Bleiben wir also offen für sachliche Argumente. Hierzu lohnt der Blick über die Grenze zum Beispiel in die Niederlande durchaus. Dort gibt es klare Richtlinien an Kliniken (und auch Mikrobiologen) betreffend die Aufnahme von Patienten und Antibiotikaregimes und deutlich weniger Resistenzprobleme. Wie es in der NL Tierzucht aussieht würde mich aus berufenem Munde interessieren.
KM

#3 |
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Dr. Christoph Truckenbrodt
Dr. Christoph Truckenbrodt

Da schreibt der Zahnarzt etwas über die Tiermedizin, was nicht stimmt. Da kann ich nur sagen Schuster bleib bei deinen Leisten.

#2 |
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Dr. Martin Kauer
Dr. Martin Kauer

Endlich!
Sicher ist dieser Beitrag kein “Freibrief bezüglich unkritischer Anwendung von Ab.”!
Aber ein wichtiger Beitrag weg von der wohl noch viel unkritischeren, und von “political correctness” nur so triefenden Selbstbezichtigung seitens der Ärzteschaft, was das Resistenzproblem anbelangt!!!
Dass ein diesbezügliches Problem existiert ist wohl unbestritten. Die Ursachen liegen aber keineswegs NUR in “unkritischer” Ab.-anwendung, mangelnder ärztlicher/betrieblicher Hygiene o.ä., sondern sind wie so oft MULTIFAKTORIELL anzugehen! Ein Faktor ist schlicht die erhöhte (Über-)Lebenswahrscheinlichkeit multimorbider UND vor allem (u.a. altersbedingt) immungeschwächter Patienten! Multiresistene “Krankenhaus”-Keime haben letztlich ihre “Ursache” doch vermehrt in Trägern, die sie in die Anstalten einschleppen, welche vor wenigen Dekaden nicht im Geringsten den Hauch einer Chance gehabt hätten überhaupt bis ins Krankenhaus zu kommen, bzw. eine solch lange Liegedauer wie heutzutage viele “Intnesiv”patienten zu ereichen. Dass die Station natürlich nicht zur “Zuchtanstalt” für MRSA und Konsortenwerden mutieren darf ist dabei selbstredend. Und schließlich sollte man sich auch die schlichte “MASSE” angewendeter Ab. vor Augen halten: so lange in der Tierzucht insgesamt routinemäßig (!) weltweit wohl einige 10er-Potenzen mehr an Ab. eingesetzt werden als zur Therapie/Prophylaxe von homo sapiens, wäre ein “sparsamer” Einsatz (jedenfall zur Vermeidung von Resistenzen) an diesem bereits nur aus diesem Grunde völlig absurd!

#1 |
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