PJ in der Infektiologie – You give me fever

30. Mai 2012
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In meiner PJ-Serie möchte ich Euch heute ein weiteres spannendes Gebiet der Inneren Medizin nahebringen. Die Infektiologie. Denn nicht nur aus den Tropen kann man sich nette kleine „Tierchen“ mitbringen – diese gibt es zur Genüge direkt hier, vor Ort.

Bedeutsame Krankheitsbilder in der Infektiologie in unseren Gefilden sind unter anderem HIV/AIDS, Hepatitis, Pneumonie, Diarrhoe, Meningitis, Lyme-Borreliose und selten mal eine Tuberkulose. Dies stellt natürlich nur einen kurzen Auszug aus dem Katalog der verschiedenen Patienten dar und es gab immer wieder neues und beeindruckendes zu sehen. Vorrangig dient – neben Anamnese und körperlicher Untersuchung – die mikrobiologische Labordiagnostik als Instrument der Diagnose.

Nach einer kurzen Morgenbesprechung begann um 8:30 Uhr die Sprechstunde für Ambulanzpatienten. Zu Anfang durfte ich die Sprechstunde unseres Institutsleiters besuchen. Durch dessen langjährige Erfahrung und umfangreiches Wissen einerseits und seine sehr patienten- und studentennahe Art andererseits, konnte ich schnell das Wesentliche zum Erstgespräch und der Wiedervorstellung von infektiologischen Patienten lernen. Nach kurzer Zeit durfte ich bereits eigene Patienten übernehmen – natürlich immer unter der Voraussetzung, die nötige Rücksprache zu halten.

Breites Patientenspektrum

Ein großes und wichtiges Gebiet der Infektiologie stellt die Diagnose, Behandlung, medizinische und teils auch soziale Betreuung HIV-positiver Patienten dar. Hier präsentierten sich die verschiedensten Bilder und Stadien. Das Spektrum reichte von Erstdiagnosen – die sich lediglich mit ein wenig erhöhter Temperatur vorstellen – über die Beratung HIV-positiver Mütter bis hin zu Patienten die seit 25 Jahren am Institut behandelt werden. Meist kamen die Patienten sehr gut mit ihren Medikamenten zurecht, schwierig wurde es bei Fällen mit Resistenzen oder Therapieversagen. Einen schnellen und aktuellen Überblick zur HAART (hoch-aktiven retroviralen Therapie) gibt eine Liste der Deutschen Aidshilfe. Außerdem gilt es nicht nur das HI-Virus zu behandeln sondern auch opportunistische Infektionen so gut es geht vorzubeugen.

Zur Wiederholung könnt ihr in folgendem Kasten nochmal die Einteilung der HIV-Infektion nachlesen:

CD4-Zellen Klinische Kategorien
A Asymptomatische Infektion B Symptomatische Infektion (weder A noch C) C AIDS-Indikator Krankheiten
(1) ≥500/µL A1 B1 C1
(2) 200-499/µL A2 B2 C2
(3) <200/µL pA3 B3 C3
Das Stadium A ist asymptomatisch, auftreten kann eine PGL (persistierende generalisierte Lymphadenopathie). Stadium B kann sich mit bazillärer Angiomatose, Candida-Infektion, unspezifischen Fieberschüben, Diarrhoe, grippaler Symptomatik, oraler Haarzell leukoplakie, Herpes zoster, idiopathischer thrombozytopenischer Purpura und peripherer Neuropathie präsentieren. Im Stadium C treten die sogenannten AIDS-Indikator Krankheiten auf:  Mykobakterien, Salmonellen-Sepsis, CMV, HSV, Pneumocystis-jiroveci, Neuro-Toxoplasmose, Kryptosporidiose, Mykosen und auch Tumoren (Karposi-Sarkom, Non-Hodgkin-Lymphome, Burkitt-Lymphom, Zervix-Ca, Anal-Ca).

Aus diesen Terminen ging ich oft mit gemischten Gefühlen heraus. Auf der einen Seite war es schön, zu sehen, wie gut betreut sich die Patienten fühlten und dass die meisten dank der Therapie und regelmäßiger Kontrollen (alle drei Monate) ein so normales Leben führen können. Auf der anderen Seite war es für mich schwer mitanzusehen, wenn junge Leute mit einem gewissen Verdacht zu uns kamen und ihnen dann nach ausführlicher infektiologischer und immunologischer Diagnostik das Ergebnis „HIV positiv“ mitgeteilt werden musste.

Jonglieren mit verschiedenen Medikamenten

Hier ist nicht nur medizinische Kompetenz und das Jonglieren mit den verschiedenen Medikamenten der HAART erforderlich, sondern auch viel menschliches Geschick und Unterstützung in dieser schweren Situation. Außerdem darf man natürlich nicht die Aufklärung vergessen, um zukünftige Sexualpartner des Betroffenen zu schützen. Es gibt nämlich immer noch zu viele HIV-Positive, die – mutwillig oder aus Unwissenheit – ihre Mitmenschen durch unverantwortliches Verhalten in Gefahr bringen und so den Virus und Resistenzen verbreiten. Solches Verhalten wird vor Gericht als „schwere Körperverletzung“ eingestuft und kann durch eine gute Aufklärung vermieden werden. Einen interessanten Artikel dazu gab es im Onlinemagazin cafébabel.com: „Urteil AIDS

Leider fühlen wir uns in Deutschland durch die gute medizinische Versorgung mittlerweile oft so sicher, dass ausreichender Schutz schlichtweg vergessen wird. Auch wenn man sagen muss, dass die antiretrovirale Behandlung rasante Fortschritte gemacht hat, ist die Krankheit nach wie vor unheilbar und im AIDS-Stadium tödlich. Daher auch an Euch als zukünftige Ärzte der Appell: Gebt AIDS keine Chance – sei es durch Eigenverantwortlichkeit im privaten Leben oder präventive Aufklärung von Patienten, von denen Ihr das Gefühl habt, sie könnten sich und andere in Risikosituationen bringen: Mehr Aufklärung ist besser als weniger und kann schwere Schicksale vermeiden.

Informative und Interessante Links zum Thema HIV/AIDS bieten unter anderem die folgenden Seiten:

  • Kompetenznetz HIV/AIDS: Forschungsverbund zur besseren Behandelbarkeit, Steigerung der Lebensqualität und Verlängerung der Lebenserwartung HIV-infizierter Patienten, gefördert vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF)
  • DAGNÄ: Deutsche Arbeitsgemeinschaft niedergelassener Ärzte für die Versorgung von HIV- und AIDS-Patienten
  • Gib Aids keine Chance: Aufklärungskampagnen und aktuelle Projekte der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BzGA)
  • Deutsche AIDS-Hilfe: Verein unabhängiger, nicht profitorientierter Mitgliedorganisationen, der sich bundesweit für strukturelle Prävention, Selbsthilfe und Interessensvertretung engagiert
  • Weltaidstag: mit dem Motto „Gemeinsam gegen AIDS“ am 1.12.2012


Einige Male kamen auch Mitarbeiter des Klinikums, die mit mutmaßlich HIV- oder HCV-positivem Patientenblut in Kontakt gekommen waren. In diesem Fall musste entschieden werden, ob sofort mit einer sogenannten PEP (Postexpositionsprophylaxe) begonnen werden sollte oder nicht. Glücklicherweise wurden bei der Nachsorge alle Betroffenen, die ich erlebte, negativ getestet. Je nach Viruslast (die Viruskopien die pro Milliliter Serum im Patienten festgestellt wurden) und Stadium der Erkrankung liegt die Wahrscheinlichkeit einer Ansteckung nach perkutaner Verletzung (also z. B. einem Nadelstich) für HIV lediglich bei 0,3%, für Hepatitis C bei nur 3%.

Zur näheren Information möchte ich hier auf die Leitlinien zur Postexpositionellen Prophylaxe verweisen. Interessante Infos und Links findet Ihr außerdem auf Safety First, einer Initiative verschiedener Universitäten und Vereine. Übrigens: Blut abnehmen darf man aus versicherungstechnischer Sicht als PJler in der Infektiologie nicht. Folgend eine kurze Übersicht zum Verhalten nach Nadel- und Schnittverletzungen – damit Ihr vorbereitet seid, falls Euch doch mal ein kleiner Unfall passieren sollte:

  1. Sofortiges Fördern der Blutung und leichte Stauung
  2. Intensive aseptische Spülung
  3. Bestimmung des HIV- und Hepatitis C (ggf. B) – Status des Indexpatienten
  4. Schnellstmögliche Vorstellung (1-2h) beim D-Arzt zur Dokumentation, Statusbestimmung und gegebenenfalls Einleitung einer PEP
  5. Nachsorge bei Betriebsärtzlichem Dienst

Weitere akute oder chronische Virusinfektionen, die ich häufiger zu Gesicht bekam, waren Hepatitis B und C. Die Therapie fand oft auch im Rahmen von Studien statt, was den Patienten die Möglichkeit gibt, die neuesten Erkenntnisse in der Behandlung zu nutzen.

Wichtige Themen in der infektiologischen Forschung sind nicht nur verbesserte und neue Behandlungsmöglichkeiten der bekannten Infektionskrankheiten sondern auch die immer häufiger vorkommenden Resistenzen gegen antimikrobielle und antiretrovirale Medikamente. Einen guten Überblick findet man auf der Seite von GENARS, dem „German Network for Antimicrobial Resistance Surveillance“. In Deutschland wurde 2008 erstmals die „DART“ (Deutsche Antibiotika Resistenzstrategie) eingeführt, über die Ihr Euch in der Pressemitteilung zum ersten Europäischen Antibiotikatag einen guten Überblick machen könnt. Ein weiterer lesenswerter Artikel hierzu ist „Tackling antibacterial resistance in Europe“ des EASAC (European Academies Science Advisory Council).

Breite Palette an Aufgaben

Natürlich hatte ich auch die Möglichkeit, viele andere Krankheitsbilder zu sehen, bei Lumbalpunktionen zu assistieren und die gängigen Impfungen nach RKI durchzuführen. Ich durfte den Konsildienst auf seinen nachmittäglichen Visiten regelmäßig beim Besuch der stationären infektiologischen Patienten begleiten. Hier waren gängige Bilder Bakteriämie, Sepsis und fragliche Infektionen, die begutachtet und besprochen wurden, um eine dementsprechende antimikrobielle Therapie einzuleiten. Außerdem fand täglich eine Besprechung im Team statt, wobei ich auch „meine“ Patienten selbstständig vorstellen durfte. Dank des sehr netten, kompetenten und engagierten Teams konnte ich in den Wochen am Institut sehr viel lernen und viel Verantwortung übernehmen.

Zum Infektiologen wird man übrigens nach 6-jähriger fachärztlicher Weiterbildung (2-3 Jahre Innere Medizin oder Pädiatrie und 3-4 Jahre Infektiologie, oder umgekehrt). Die Zusatzbezeichnung Infektiologie kann man als fertiger Internist oder Pädiater durch eine 12-monatige Weiterbildung erlangen. Wer sich intensiver mit dem Thema beschäftigen möchte, dem empfehle ich folgende Quellen:

24 Wertungen (4.5 ø)
Humanmedizin, Studium

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1 Kommentar:

Lieber Fred, Du bist ganz nah dran – lass Dich überraschen…Und natürlich werde ich Deine Vorschläge sehr gerne für künftige Beiträge berücksichtigen ;)

Ach ja, und mein Tipp: Falls man sich im PJ nicht mit drei anderen Leuten um die Patienten streiten möchte, sind meiner Erfahrung nach die exotischeren Fächer tatsächlich keine schlechte Wahl…

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