Ulcus cruris – krude Praktiken auf der Probe

25. Juli 2014
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Offene Beine sind seine Mission. Ltd. Arzt Ullrich P. Katz berichtet in einem Kurz-Interview von seinen spannendsten Fällen, größten Erfolgen, aber auch niederschmetternden Erfahrungen. Kontroverse Meinungen zur modernen Wundheilung werden dabei thematisiert.

In seiner 1992 erbauten Klinik am Ruhrpark Bochum hat Ltd. Arzt Ullrich P. Katz schon viele Fälle des Ulcus cruris gesehen und behandelt. Eine Vielzahl dieser Fälle war bereits von anderen Krankenhäusern als „unheilbar“ abgeschrieben worden, die den letzten Ausweg in der Amputation sahen. Den steinigen Weg der kontinuierlichen Besserungen zeigt uns Dr. Katz in seinen Kongressvorträgen und Bilderserien. Aber nicht immer führen die oftmals über Jahrzehnte andauernden Behandlungen zum ersehnten Erfolg. Auch Rückschläge haben Patient und betreuender Arzt schon einstecken müssen.

DocCheck: Herr Dr. Katz, Sie haben bereits einige Patientenfälle auf DocCheck dokumentiert. Dabei beschreiben Sie häufig die schwerwiegenden Fehler der vorherigen Behandlungen, bevor die Patienten bei Ihnen vorstellig wurden. Welche Fehler müssen Sie immer wieder erleben und worin sehen Sie das größte Potenzial, direkt von Beginn an die Wundheilung optimal zu unterstützen?

Dr. Katz: Wenn man bedenkt, dass circa 70 % aller offenen Beine venös bedingt sind, zeigt diese Zahl, dass im Vorfeld schon sehr viel schief gelaufen ist. Ein chronisch venöses Ulcus dürfte es heute nicht mehr geben. Wenn man frühzeitig die Krampfadern operiert, dabei die so genannten Perforansvenen, besonders im Innenknöchelbereich, also die Cockettvenen nicht vergisst, die Schwellung rechtzeitig bekämpft, hat man die häufigsten Mechanismen in der Entstehung offener Beine beseitigt. Dieser Fall wird repräsentiert durch die achtzigjährige Patientin aus dem Stuttgarter Raum, die 25 Jahre offene Beine hatte und auch amputiert werden sollte: Ich hatte diesen Fall unter anderem auf DocCheck veröffentlicht.

Ein einfaches venöses offenes Bein, in diesem Falle sogar beidseits, verursachte mehrere 100.000 € an Kosten. Obwohl der ambulante Pflegedienst zehn Jahre täglich die Patienten behandelt. Die wahrscheinlich etwas schwierigere Gruppe sind Patienten mit Postthrombotischem Syndrom: Durch den Verschluss der tiefen Venen und oder die Überdehnung des tiefen Venensystems kommt es zu einem venösen Hochdruck. Dieser führt zu Schwellungen, die unbehandelt irgendwann in einem offenen Bein münden. Auch hier könnten Kompressionsverbände die Schwellung erfolgreich verhindern und es käme erst gar nicht zu einem offenen Bein.

Zusammenfassend: Die mangelnde Kompressionstherapie bewirkt leider heute noch unnötig viele offene Beine. Hier gilt es anzusetzen, denn wir reden von circa 70 % aller offenen Beine.

DocCheck: Im Vorfeld des Interviews haben Sie bereits angedeutet, dass Sie ein großer Verfechter der „herkömmlichen“ Wundheilungsverfahren sind, dem „modernen Wundheilungsmanagement“ also eher skeptisch gegenüber stehen. Warum?

Dr. Katz: Ist es nun zu einem chronischen Geschwür gekommen, wird zu sehr auf die sogenannte “Moderne Wundversorgung” mit immer neuen Wundauflagen geschielt. Es gibt wenig Evidenz, aber sehr viele verschiedene Unterlagen, circa 800 verschiedene Wundauflagen sind auf dem Markt. Es herrscht eine große Verunsicherung, wann welche Auflage angewendet werden sollte. Dies dürfte auch manchmal sehr schwer sein, da man immer wieder von „Stadien-gerechter” Therapie spricht. Wir finden praktisch in jeder Wunde in den ersten Wochen, und leider auch Monaten, alle verschiedenen Stadien: von der Nekrose über die Exsudation bis zur Granulation und Epithelisierung. Ich rate jedem, der sich mit Wundversorgung chronischer Wunden intensiv beschäftigt, sich auf einige wenige Wundauflagen zu beschränken. Wir selbst kommen mit sehr wenig aus! Und ob die Verteilung der behandelnden Ärzte auf so viele Schultern tatsächlich einen Vorteil für den Patienten bringt, wage ich zu bezweifeln. Ich bin der Meinung, dass die Ärzte die Wundversorgung wieder mehr in die eigene Hand nehmen sollten.

Es ist wirklich ein schönes Gefühl, den Patienten, von der zum Teil riesigen chronischen Wunde bis zur endgültigen Abheilung, eng zu betreuen. Die derzeitige Behandlung, ob nun ambulant oder auch stationär, ist als grausam zu bezeichnen. Wenn Sie das Internet durchforsten, stoßen sie überall auf diese Aussage. Bei den schweren Fällen, die Jahre bis Jahrzehnte bestehen, lässt sich ein stationärer Aufenthalt nicht vermeiden. Vor Kurzem sagte mir ein Dermatologie-Professor, Chef einer großen Hautklinik, “die offenen Beine sind bei uns die defizitärste Abteilung“. Das ist auch kein Wunder, wenn man die heutigen Fallpauschalen und sogenannte “Höchstverweildauer” betrachtet. Ein Ulcus, welches 15 Jahre offen ist und an beiden Beinen 1.000 Quadratzentimeter Wundfläche bedeutet, bekommt man in 28 Tagen nicht zu. Man darf fragen, ob eine 15 bis 25-jährige Therapie nicht den Tatbestand der Körperverletzung erfüllt.

DocCheck: Welcher Patientenfall wird Ihnen wohl immer im Gedächtnis bleiben?

Dr. Katz: Es ist diese nun achtzigjährige Patientin, mit 1.000 Quadratzentimeter an beiden Beinen, die erst am rechten Bein amputiert werden sollte, wahrscheinlich später auch am linken Bein. Denn wenn man das offene Bein nicht zu bekommen hatte, warum sollte es dann plötzlich abheilen? Nach einer Amputation des anderen Beines? Wundauflagen für mehrere 100.000 €, 25 Jahre Leiden, täglich Wundexperten im Haus – man stelle sich vor, es wäre die eigene Mutter. Die Krankenkasse hat bisher noch keinen Euro an uns bezahlt. Aber die Amputation und die Folgekosten werden problemlos erstattet, auch die bisherigen sinnlosen Behandlungen wurden bezahlt. Wir konnten circa 90 % abheilen, und der ambulante Pflegedienst ist jetzt noch keinen Schritt erfolgreich gewesen.

Einen weiteren aktuellen Fall finden Sie derzeit bei DocCheck Ask. Dr. Katz freut sich über reges Mitdiskutieren!

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Mit freundlichen Grüßen

Ihr DocCheck-Community Team

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10 Kommentare:

Ullrich Katz
Ullrich Katz

Wir benutzen keine , der diversen Wundauflagen, wir benutzen sterilen Mull, grob, der eine eigene ” lokale ” Lymphdrainage bewirkt, aber nur in Verbindung mit Mullbinden , Autosana-Schaumstoffbinden( halte ich für den wichtigsten Part) plus Textilelastische Kurzzugbinden . Wir nehmen Rheda-Varidress. Auf die Wunden ganz wenig Iruxol ,auf Wundrand wenig Dermatop. Wohlgemerkt bei venösen Ulzera! Und wenn die Wunden anfangs stark sezernieren , dann wird der Verbandswechsel 3x täglich gemacht. Zusätzlich folgt Intermittierende Kompression, bis zu 6x täglich, manchmal , besonders bei sekundären Vorfuss-Lymphödemen auch manuelle Lymphdrainage. Gelegentlich Pentox.Infusionen, oder Prostavasin-Infusionen. Natürlich auch chirurgische Säuberung. Aber die ist nach wenigen Verbandswechseln gar nicht all zu oft nötig. Wir fotographieren fast täglich..Und Sie können zusehen , wie die Wunden abheilen.Ich besitze z,Z.fast
30 000 Fotos über dieVerläufe aus mehr als 25 Jahren ! Da gab es noch keine ” Moderne Wundversorgung” Dazu sage ich gern : ” des Königs neue Kleider”…oder: ” er hat ja gar nix an” ..

Wie schon gesagt, ich werde gegenüber den Krankenkassen den Behandlungserfolg – also die ABHEILUNG ! -venöser Ulzera garantieren ! Und ich gehe noch weiter: wir garantieren auch die Rezidivfreiheit für 3 Jahre.

Das sind immerhin 70-80% aller chronischer Ulzera ! Damit dürften wir weltweit wahrscheinlich die Ersten, auch Einzigen (?!) sein!
Bedingung : Ulzera sind rein venös bedingt, bestehen” erst”seit maximal 10 Jahren.Sehnen liegen nicht frei.
Der Patient stellt sich innerhalb von 48h vor , bei Verletzung, und Schwellung über 2cm im sogenannten B-Mass ( Knöchelbereich ).

#10 |
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Ulcus
Ulcus

@Dr. Katz
Guter Beitrag, Danke

Ihre Aussage:
Ich rate jedem, der sich mit Wundversorgung chronischer Wunden intensiv beschäftigt, sich auf einige wenige Wundauflagen zu beschränken.
Frage:
Welche Wundauflagen empfehlen sie hier?

#9 |
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Lieber ” Chirug” , schön , wenn man solche netten Zusprüche bekommt.Danke.

#8 |
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Chirurg
Chirurg

schön wenn man echtes Engagement spürt,
viel Erfolg! @Ullrich Katz

#7 |
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Ullrich Katz
Ullrich Katz

Schaum ? Wozu? Damit er aufsaugt, was durch Verbandwechsel sauber gehalten werden kann? Nein , wir brauchen ihn nicht, nie! Da fängt doch der Irrsinn an : ein stinkendes Offenes Bein sezerniert stark, und der Schaum soll es aufsaugen , damit man Verbandwechsel ” spart” . Wäre dem Patienten nicht viel mehr gedient , wenn die Wund schneller abhielt und man generell spart? Ja!
Es ist doch Blödsinn von ” Lebensqualität” zu sprechen , bei jahrelanger Wund- Ver- sorgung…wer wird eigentlich versorgt? … wenn man Beine auch abheilen kann.
Schaum? Weil 2x pro Woche reicht? Wem ? Dem Patienten bestimmt nicht.das beste Exsudat- Management ist dessen Beseitigung und nicht die ” Schaumkonservierung”

#6 |
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Ullrich Katz
Ullrich Katz

Wollte mich bei allen bedanken! Bin gerade in Schottland , um meinen Sohn zum Sprachkurs zu bringen…
Aber die fast ausschließliche Zustimmung macht großen Mut! Und mich sehr zuversichtlich, weiter den Finger kritisch- aber auch selbstbewusst in die Wunde(n) zu legen, bzw. in die m.E. Total ausgeuferte sogenannte ” Moderne (???) Wundversorgung”!
Ich gehe jetzt gegenüber den Krankenkassen einen- entscheidenden – Schritt weiter: bei venös bedingten(!!!) Offenen Beinen garantieren wir den Heilungserfolg und auch die Rezidivfreiheit für wenigstens 3 Jahre! Wenn der Pat. Sich dann aber auch kurzfristig bei Verletzung und bei Schwellungen vorstellt!
Wir dürften damit Weltweit (?!) die Ersten sein ! Auch die Einzigen!?
Und wenn die Kassen endlich den Erfolg kontrollieren- sie geben ja immerhin ein Heidengeld aus, aber es ist nicht das Geld der Kassen!!!, dann könnte sich was bessern.
Und wenn man Erfahrung hat , es kann, ist eben ein venöses Ulcus kein Problem. Kann aber lange dauern durch Jahrzehnte langes Bestehen!
Es ist doch der irrwitzigste Widersinn, 70-80% aller Ulcera überhaupt erst auftreten zu lassen, dann alles verkomplizieren, und durch aberwitzigste Wundauflagen zu prolongieren. Täglich Stellen sich bei uns derart Betroffene vor.
Die Perversion gewinnt an gigantischem Blödsinn , wenn KK vorschreiben , wie wir was, zu welchem Hungerlohn zu machen haben!
J’accuse…
Es verbergen sich Dramen und niemand will es wissen, denn es stinkt , sieht nicht gut aus, dauert, schmerzt, behindert, isoliert.
Bekommt man nach Jahren ” Chronische Wunden durch Unfähigkeit”. die Beine zu , muss man betteln, dem Geld hinterher rennen, sich mit dümmlichen Kassenleuten rumschlagen , die weder Ahnung , noch Hochachtung vor unserer Leistung haben. Aber Macht! Von geliehenem Geld !
J’accuse…
Danke für ihre Kraft ,mir bis hierher zu folgen…

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Gesundheits- und Krankenpfleger

Ein sehr aufschlussreiches Interview, dem ich fast uneingeschränkt zustimmen kann. Ich beschäftige mich seit Anfang der Neunzigerjahre mit der Versorgung chronischer Wunden und musste leider immer wieder feststellen, dass Menschen mit der Ulcus cruris im Praxisalltag häufig als “störend”, weil zu zeitaufwendig und teuer, empfunden werden. Nur in den wenigsten Fällen erfolgte eine eingehende bzw. gründliche “Ursachenforschung”. Irgend wann erhielten zahlreiche Patienten mit dieser Erkrankung das “Prädikat” – chronisch vor ihre Diagnose. Zum Thema die Ärzte müssten die Therapie wieder in die eigenen Hände nehmen möchte ich nur bemerken, dass die Versorgung eines Ulcus cruris durch einen Pflegedienst von einem Arzt verordnet werden muss – i. d. R. jedes Quartal von neuem. Der Arzt bestimmt die Therapie und der Pflegedienst behandelt gemäß der ärztlichen Anweisungen. Wichtig aus meiner Sicht ist, dass, wie in meisten anderen medizinischen Fällen auch, kompetente Ärzte mit kompetenten Pflegefachkräften zusammen arbeiten.
Weiterhin wünsche auch ich allen Behandelnden viel Erfolg bei der Behandlung der Patienten!

#4 |
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Dr. med. Wolfgang Johannson
Dr. med. Wolfgang Johannson

einfach nur gut – mir aus der Seele gesprochen

#3 |
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Dr. med. Andre Koch
Dr. med. Andre Koch

Endlich ein Kollege, der das ausspricht, was viele denken. Einige der modernen Verbände sind ja zu gebrauchen, aber der alte billige Weg klappt auch, man wird nur verteufelt, wenn man diesen einschlägt. Lobby sei Dank.

#2 |
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Chirurg
Chirurg

Der Mann spricht mir aus der Seele!
Kompressionsbehandlung Bravo!!!
Es gibt Hautlappenplastik, die funktionieren nur deshalb,
weil sie einen VENÖSEN Abfluss haben (keine arteriellen Zufluss).
Seit die Wundbehandlung kontinuierlich den Ärzten weggenommen wurde,
angeblich um Kosten zu sparen,
ist sie schlechter (und teurer) geworden.
Nebeneffekt, die jungen Ärzte lernen das auch nicht mehr ordentlich.
Das betrifft nicht nur die chronischen “Problemfälle” der durchblutungsgestörten Beine, sondern auch banale “Sekundärheilungen” z.B. nach postop. Infekt einer besonders adipösen Bauchdecke ganz ohne Durchblutungsstörungen.
Hier muss man irgendwann auch mal eine Sekundärnaht machen
um die Sache zu beenden und nicht monatelang offen pflegen,
wie ich das mehrfach gesehen habe.

#1 |
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