Myopie: Bildung und Schulzeit im Blick

21. Juli 2014
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Forschungsergebnisse deuten nun darauf hin, dass Bildung und Verhalten einen größeren Einfluss auf die Entwicklung einer Kurzsichtigkeit (Myopie) haben als genetische Faktoren: Mit jedem absolvierten Schuljahr und je höher der Schulabschluss, umso stärker sei die Fehlsichtigkeit.

Kurzsichtig ist ein Auge, dessen Augapfel im Verhältnis zur Brechkraft von Hornhaut und Linse zu lang ist. Als Folge werden weit entfernte Objekte unscharf auf der Netzhaut abgebildet. Der Augapfel wächst bis ins Erwachsenenalter, sodass eine Myopie (Kurzsichtigkeit) auch noch im dritten Lebensjahrzehnt zunehmen kann. Nachgewiesen ist, dass sowohl genetische Veranlagungen als auch Umweltreize bei der Entwicklung der Kurzsichtigkeit eine Rolle spielen.

Unter der Leitung von Univ.-Prof. Dr. Norbert Pfeiffer und PD Dr. Alireza Mirshahi haben Wissenschaftler der Augenklinik und Poliklinik der Universitätsmedizin Mainz eindeutige Belege dafür gefunden, dass ein höherer Bildungsgrad und eine höhere Anzahl an Schuljahren zwei Faktoren sind, die mit einem häufigeren Auftreten und einem erhöhtem Schweregrad von Kurzsichtigkeit einhergehen. Die Forschungsergebnisse, die im Rahmen der populationsbasierten Gutenberg-Gesundheitsstudie (GHS) der Universitätsmedizin Mainz gewonnen wurden, liefern den Nachweis, dass diese Faktoren eine größere Wirkung auf die Sehkraft und die Entwicklung einer Kurzsichtigkeit haben als genetische Faktoren.

Bildungsniveau und Schuljahre

Um den Zusammenhang zwischen der Entwicklung einer Kurzsichtigkeit und Bildung weiter zu analysieren, haben die Forscher der Universitätsmedizin Mainz 4.658 Personen im Alter von 35 bis 74 Jahren untersucht, die weder einen Grauen Star hatten, noch an den Augen operiert oder gelasert waren. Ihre gewonnenen Erkenntnisse zeigen, dass Myopie umso häufiger auftritt, je höher der Bildungsgrad ist: Nur 24 Prozent der Kurzsichtigen hatten keine Ausbildung oder höhere Schulbildung, während von den Probanden mit Abitur oder Berufsabschluss schon 35 Prozent kurzsichtig waren. Dagegen wiesen nicht weniger als 53 Prozent der Hochschulschulabsolventen eine Kurzsichtigkeit auf.

Zusätzlich zum erreichten Bildungsniveau haben die Mainzer Wissenschaftler mit der Anzahl der Schuljahre einen weiteren Einflussfaktor ausfindig machen können. Mit jedem zusätzlichen Schuljahr steigt die Wahrscheinlichkeit, kurzsichtig zu werden. Darüber hinaus untersuchten die Forscher um PD Dr. Alireza Mirshahi die Auswirkungen von 45 genetischen Faktoren. Es stellte sich heraus, dass diese im Vergleich zum Bildungsgrad einen weitaus geringeren Einfluss auf den Schweregrad einer Kurzsichtigkeit haben.

Die Dosis macht das Gift

Wie kann der beobachteten Entwicklung nun entgegengewirkt werden? Heilen im herkömmlichen Sinne lässt sich Kurzsichtigkeit nicht, sie lässt sich nur mit Sehhilfen oder mit den Methoden der refraktiven Chirurgie korrigieren. Versuche, das Fortschreiten der Kurzsichtigkeit mit Medikamenten, mit speziellen Brillengläsern oder Kontaktlinsen zu bremsen, waren bisher wenig erfolgreich. Studien der letzten Jahre von Kindern und jungen Erwachsenen in Dänemark und Asien haben gezeigt, dass ein Mehr an im Freien verbrachter Zeit sowie eine höhere Dosis an Tageslicht die Kurzsichtigkeit verringern. Mindestens 15 Stunden pro Woche sind ratsam, zugleich sollten die Augen weniger als 30 Stunden pro Woche mit Naharbeit – Lesen, Fernsehen und die Beschäftigung mit Computern und Smartphones inbegriffen – beschäftigt werden. “Da Schüler und Studierende einem höheren Risiko ausgesetzt sind, an Myopie zu erkranken, ist eine einfache und sinnvolle Präventionsmaßnahme, sie dazu anzuhalten, mehr Zeit im Freien zu verbringen”, so der Erstautor der Studie, PD Dr. Alireza Mirshahi.

Originalpublikation:

Myopia and Level of Education
Alireza Mirshahi et al.; Ophthalmology, doi: 10.1016/j.ophtha.2014.04.017; 2014

39 Wertungen (4 ø)

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13 Kommentare:

Barbara Hebeis
Barbara Hebeis

Habe viel im Freien gelesen, auch oft dabei spazieren gegangen . Leider bin ich weitsichtig. Habe ich etwas falsch gemacht?
Barbara Hebeis, Heilpraktikerin

#13 |
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Eva S.
Eva S.

Schwachsinn! Genetische Faktoren spielen hier eine enorme Rolle!

#12 |
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Gast
Gast

ich würde Herrn Dr. Wittstamm beipflichten, Schul-Stress wird wohl eher einen Einfluss auf die Entwicklung der Sehfähigkeit nehmen (z.B. vegetative Beeinflussung der inneren Augenmuskeln?) als der Bildungsgrad … ein Phänomen das hier des Öfteren zu beobachten ist: es werden Zusammenhänge untersucht, die bei geringerem Bildungsgrad und weniger stressbedingter Gesichtsfeldeinengung wahrscheinlich klarer erschienen ;-))

#11 |
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Hier wurde doch wohl Ursache und Wirkung verwechselt.
Die Korrelation stimmen sicherlich und sind auch schon Jahrzehnte bekannt.
Brillenträger sitzen lieber hinter Büchern und rennen und toben draußen nicht so gerne herum.

#10 |
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Chris Eßer
Chris Eßer

Interessante Theorie…. Mal sehen, was weitere Studien von ANDEREN zeigen werden!

#9 |
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Herr Ludger Kleine
Herr Ludger Kleine

Wird der “Schlaue” kurzsichtig weil er viel liest, oder wird der Kurzsichtige schlau
weil Bücher Ihm “näher” sind !
Gedanken eines “weitsichtigen” Dorfoptikers.

#8 |
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Myopie ist statistisch direkt proportional zum IQ und umgekehrt. Ein kausaler Zusammenhang konnte bisher nicht nachgewiesen werden. Eina japanische Studie zeigte im Tierversuch mit Primaten, dass eine Aufzucht mit Lichtentzug Myopie förderte. Fazit: Naharbeit ( Akademiker ) bei Lichtmangel fördert die Myopie. Genetische Faktoren spielen aber, wenn auch nach obiger Studie untergeordnet, sicher eine Rolle.

#7 |
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Ich bin dafür! Wurde mir doch gerade mit zunehmendem Alter steigende Kurzsichtigkeit bescheiningt :). Aber Spaß beiseite. Sieht mir doch sehr nach einer reinen Statistikstudie aus, bei der die in Beziehung gesetzten Parameter recht beliebig ausgewählt wurden und die physiologischen Grundlagen sehr fragwürdig erscheinen.

#6 |
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Augenoptiker / Optometrist

Orthokeratologie kann Myopie bis zu ca. -5,0 dpt korrigieren und auch nach Jahren ist die Fehlsichtigkeit stabil wie am Anfang der KL-Anpassung, wenn die KL nicht mehr getragen werden.
Zudem: ich bin auch kurzsichtig, obwohl ich als Kind sehr viel draußen war. Wir hatten keinen Fernseher und PC und Co. gab es noch nicht. Aber viel gelesen habe ich auch.

#5 |
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Gast
Gast

Die physiologische Basis dafür ist ja offensichtlich das Längenwachstum des Auges,
das immer noch zeitlich auf die Pupertätsphase (Wachstumsphase) beschränkt ist.
Das Fortschreiten der Kurzsichtigkeit darüber hinaus ist mir nicht geläufig. Die erreichte Kurzsichtigkeit bleibt Jahrzehnte konstant.
Bekannt ist allerdings, dass frühe berufliche Tätigkeit, auch intensiver Sport das Körperwachstum FRÜHER beendet.
Man sollte das Wachstum der Augen daher nicht so isoliert nur mit dem sehen beurteilen.
Bei Tieren übrigens auch bekannt,
der erfahrene Hundetrainer, sagt, der Hund soll sich “großschlafen” und erst hart trainiert werden, wenn er ganz ausgewachsen ist.

mfG

#4 |
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Gast
Gast

Das klingt doch wohl eher danach, dass Kurzsichtige ohne Schulabschluss weniger zum Augenarzt gehen und daher gesünder erscheinen, ein “healthy worker effect”.

#3 |
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Ärztin

Für Abiturienten dürfte es schwierig sein, unter die 30 Wochenstunden “Kurzsichtarbeit” zu kommen.

#2 |
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Herr Frank Musiol
Herr Frank Musiol

Optiker freut Euch! Die head down generation produziert Kurzsichtige!

#1 |
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