Heute intensiv, morgen depressiv

23. Juli 2014
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Patienten mit schweren Erkrankungen oder Verletzungen haben heute gute Chancen, wieder zu genesen. Wer auf einer Intensivstation landet, hat im Nachgang oft mit weiteren Leiden zu kämpfen, fanden Forscher jetzt heraus. Sie fordern Ärzte auf, auf entsprechende Symptome zu achten.

Verlassen Patienten nach erfolgreicher Behandlung die Intensivstation (ITS), warten auf ihre Ärzte neue Herausforderungen. Häufig leiden Betroffene an posttraumatischen Belastungsstörungen, Depressionen oder an kognitiven Einschränkungen. Das haben verschiedene Studien gezeigt.

Delirium mit Folgen

Ein Team um Pratik P. Pandharipande von der Vanderbilt University School of Medicine in Nashville, Tennessee, hat den weiteren gesundheitlichen Verlauf von 821 Patienten nachverfolgt. Alle Studienteilnehmer überlebten dank intensivmedizinischer Betreuung kardiologische beziehungsweise septische Schocks oder Atemnotsyndrome. In diesen Situationen tritt ein Delir häufig auf; die Symptome reichen von leichter Verwirrtheit bis zu schwerwiegenden kognitiven Beeinträchtigungen. Drei Monate nach ihrem ITS-Aufenthalt klagten immer noch 40 Prozent aller Betroffenen über kognitive Einschränkungen, die laut Pandharipande durchaus mit einem Schädel-Hirn-Trauma zu vergleichen seien. Das nächste Follow-up fand nach zwölf Monaten statt und zeigte bei 34 Prozent entsprechende Defizite. Besonders wichtig ist in diesem Zusammenhang als prognostischer Faktor, wie lange Patienten auf der ITS an einem Delir litten. Analgetika beziehungsweise Sedativa hatten keine nennenswerten Effekte – weder im positiven, noch im negativen Sinne.

Intensiv macht depressiv

Damit nicht genug. James C. Jackson von der Vanderbilt University School of Medicine veröffentlichte jetzt weitere Auswertungen. Seinen Daten zufolge leidet jeder dritte Patient, der ein schweres Atem- oder Kreislaufversagen auf einer ITS überlebt hatte, noch Monate danach an einer Depression. Von 821 ITS-Patienten konnte Jackson drei Monate später 406 Überlebende befragen. Dabei litten 149 (37 Prozent) an Depressionen unterschiedlicher Schwere. Ein Jahr später waren es immer noch 116 von 347 (33 Prozent). Laut Jackson standen weniger affektive oder kognitive Beschwerden im Mittelpunkt, sondern somatische Beschwerden. Der Forscher nennt vor allem Appetitlosigkeit, Abgeschlagenheit sowie eine allgemeine Schwäche – bis hin zur Unfähigkeit, alltägliche Aufgaben zu meistern. In einem Gastkommentar kritisieren Hallie C. Prescott und Theodore J. Iwashyna aus Ann Arbor, Ärzte würden Depressionen häufig übersehen. Nicht jedes Symptom sei auf die ursprüngliche Grunderkrankung zurückzuführen. Gleichzeitig befürchten Prescott und Iwashyna, Pharmakotherapien brächten nicht den erwünschten Nutzen. Sie raten, Symptome einzeln zu therapieren.

Belastungsstörungen nach der Krise

Forscher aus Jena wurden ebenfalls hellhörig, und zwar im Rahmen der „Sepsis Survivors Monitoring and Coordination in Outpatient Healthcare“-Studie (SMOOTH). Sie untersuchten 175 Patienten, die eine Sepsis überstanden hatten. Jeder fünfte Studienteilnehmer hatte mit posttraumatischen Belastungsstörungen zu kämpfen. Kein Wunder: Für Patienten ist ein ITS-Aufenthalt die klassische Krisensituation schlechthin. Sie haben Schmerzen, leiden unter dem Geräuschpegel diverser Geräte, können nicht schlafen und haben Angst, wie es weitergehen wird. Ein Ziel der bis 2015 laufenden Studie ist, Risikofaktoren zu identifizieren. Durch gezielte Nachbetreuung im Sinne eines Disease Management Programms (DMP) soll die Lebensqualität Betroffener verbessert werden. Oftmals reichen einfache Ideen aus. Beispielsweise haben Ärzte gute Erfahrungen mit „Intensivtagebüchern“ gemacht. Pflegekräfte tragen besonders belastende Maßnahmen wie Beatmungen ein. Nach erfolgreicher Therapie können Patienten traumatische Ereignisse anhand dieser Aufzeichnungen leichter verarbeiten.

„Parametrische (T)Raumgestaltung“

Bleibt zu klären, ob es jenseits wissenschaftlicher Untersuchungen auch schnelle, pragmatische Lösungen gibt. Ärzte der Charité – Universitätsmedizin Berlin untersuchen im Rahmen ihres  Pilotprojekts „Parametrische (T)Raumgestaltung“, welchen Einfluss die Raumatmosphäre auf Heilungsprozesse hat. Zusammen mit Mediengestaltern und Architekten gestalteten sie zwei ITS-Zimmer mit vier Betten so um, dass Patienten und deren Familien ein Höchstmaß an Privatsphäre haben. Medizinische Geräte treten in den Hintergrund, deren störende Geräusche lassen sich nur noch gedämpft wahrnehmen. Die gesamte Umgebung lässt sich individuell anpassen, je nach Erfordernissen. Pflegekräfte steuern beispielsweise die Lichtintensität und Lichttemperatur individuell, um natürliche Schlaf-Wach-Rhythmen zu unterstützen und Delirien zu reduzieren. Visueller Effekte sollen Stress und Ängste minimieren. Und dank spezieller Deckenlifter lassen sich Patienten trotz schwerster Krankheit im Zimmer mobilisieren. Kollegen der Charité sehen darin einen wichtigen Schritt in Richtung „Walking ICU“, also einer Intensivstation, die Patienten trotz Unterstützung bei Organfunktionen nicht hilflos macht.

75 Wertungen (4.8 ø)

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3 Kommentare:

Dipl.Geographin Ute Wolf-Ackermann
Dipl.Geographin Ute Wolf-Ackermann

Solange unsere Krankenhäuser profitorientiert arbeiten müssen, wird eine Therapie, die den ganzen Menschen im Blick behält, dort nur ein Wunschtraum bleiben und die Krankenhäuser können keine Gesundungshäuser werden. Das geht zu Lasten der Patienten, aber auch der um diese Patienten besorgten Ärzte und Pfleger, die in dem blockiert werden, was Sie alles tun könnten.

#3 |
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Für diese Erkenntnisse braucht man keine Forscher, wir Hausärzte wissen das schon längst. Leider ist aber die personelle Ausstattung in den Kliniken – auch und gerade im Intensivbereich so knapp bemessen, daß eine entsprechende menschliche Betreuung und psychologische Führung durch die Ärzte und Pfleger/innen gar nicht möglich ist. Und kommen die Patienten dann auf die “Normalstation”, kümmert sich niemand mehr darum, denn dort gibt es noch weniger Personal. Also bleiben sie und ihre Angehörigen mit ihren Ängsten, kognitiven Störungen usw. allein. Sie werden in der Regel nicht einmal darüber aufgeklärt, daß vor allem bei älteren schon allein die Narkose solche Nebenwirkungen hervorrufen kann. Wir Hausärzte müssen es dann “richten” – und tun es natürlich auch. Die Folgen von Narkose und ITS können Wochen bis Monate andauern und müssen behandelt werden. Und die beschriebenen experimentellen Sonderausstattungen bleiben wohl Wunschdenken, solange immer weiter in den Kliniken gekürzt wird, die Liegezeit abgebrochen und Patienten “blutig” entlassen werden. Dortige Ärzte und Pfleger können nichts dafür, sie sind meist sehr bemüht, kämpfen aber gegen ein unerträgliches System. Die Krankenkassen schert das wenig, der Patient bleibt nach wie vor auf der Strecke und muß von den weiterbehandelnden Ärzten aufgefangen werden.

#2 |
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Arzt
Arzt

arbeitet der moderne Psychologe heute mit Messern?
(Wegen dem Titelbild)
Das “Aufarbeiten” durch Konfrontationstherapie ist seit den Feldversuchen (große Zahl) nach 9/11 in USA etwas in Verruf gekommen (Verschlimmerung). Das “Vergessenkönnen” ist eher ein natürlicher Schutzmechanismus.

#1 |
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