Apotheker mit Holzbein

1. Juni 2012
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Die Piratenpartei hat sich längst zur festen Größe gemausert. Jenseits reiner Internetthemen wächst ein Programm, an dem auch Apotheker mitarbeiten. Schließlich gilt es, Ende 2012 alle Segel für die Bundestagswahl im kommenden Jahr zu setzen.

Eigentlich weckte die Piratenpartei Thomas Lufts Interesse mit ihrem ureigenen Thema: dem Internet. „Sperren bei Online-Medien sind für mich absolut indiskutabel“, erzählt der Apothekeninhaber aus Edingen-Neckarhausen in Baden-Württemberg – und ging Mitte 2009 an Bord.

Live dabei – am heimischen Computer

Familiär und beruflich stark eingespannt, bleibt ihm wenig Zeit für Treffen, Sitzungen oder Parteitage. Das hat die Piraten aber noch nie gestört: Statt auf eine Präsenzkultur zu setzen, kommunizieren sie online. Über Mailing-Listen, Mumble (eine Software für Videokonferenzen) und das „Piraten-Pad“ halten sie Kontakt und beteiligen alle – wirklich alle – an der politischen Meinungsbildung. Thomas Luft selbst bringt sich über mehrere E-Mail-Verteiler vor allem bei der Gesundheitspolitik mit ein: „An dem Programm arbeiten viele Ärzte und Betriebswirtschaftler mit, aber kaum Apotheker“. Bis Oktober soll der Entwurf soweit stehen, dann findet ein Parteitag statt. Das nächste Novum: „Alle Mitglieder können sich vor Ort einbringen. Hierarchien wie bei den etablierten Parteien gibt es nicht“, ist Luft begeistert. Seiner Meinung nach vertreten CDU/CSU, FDP und die Grünen Apotheker nicht im Geringsten: „Vor der Wahl gibt es Versprechen ohne Ende, an die sich nachher niemand mehr erinnern möchte.“ Andererseits schätzt Thomas Luft jene Aufbruchsstimmung bei den Piraten: „Weil viele Themen noch offen sind, kann ich auch viel mitgestalten.“

Gesundheitssystem 2.0

Inhaltlich steht das Gesundheitssystem im Großen und Ganzen zur Debatte. Luft: „Hier gibt es zwei große Strömungen: Manche Piraten befürworten eine komplette Privatisierung, sprich alle Bürgerinnen und Bürger hätten sich selbst um ihre Absicherung kümmern.“ Anders als derzeit bei der PKV wäre das System analog zum Schweizer Modell aufgebaut: Jeder muss eine Grundversicherung abschließen. Dem gegenüber steht eine starke Strömung, die zur kompletten Verstaatlichung tendiert und natürlich auch ökonomische Zwänge berücksichtigt. „Ich befürworte eine Grundversorgung gegen unvorhersehbare Erkrankungen“, erzählt der Apotheker. Leistungen wie Originalpräparate statt Generika, besonders hochwertiger Zahnersatz oder medizinisch nicht indizierte Schönheits-OPs kämen dann trotzdem aus der eigenen Tasche. Das altehrwürdige Modell der Freiberuflichkeit stellen Piraten ebenfalls infrage: Kommunen in unterversorgten Regionen könnten Ärzte anstellen – „zumindest die Mediziner in unseren Reihen sind davon überzeugt, vorausgesetzt, ihr Gehalt passt auch zur Leistung“. Jenseits der gesetzlich gesteckten Grenzen vielleicht auch ein Modell für Apotheker? So weit ist die Diskussion noch nicht, man darf aber gespannt sein.

Mehr Honorar – weniger Bürokratie

Dass es Probleme mit dem derzeitigen Honorierungssystem aus Rabattverträgen, Festbeträgen, Importquoten und Zwangsabschlägen gibt, ist klar. Nach Thomas Lufts persönlicher Meinung solle man bürokratische Ungetüme stark vereinfachen: „Festbeträge allein reichen völlig aus, Patienten können sich immer noch entscheiden, ob sie gegen Zuzahlung ein anderes Präparat wollen.“ Krankenkassen wird das mit Sicherheit nicht gefallen, schließlich brachten die Rabattverträge milliardenschwere Einsparungen. Für die Piratenpartei ist das momentan noch kein Thema.

ApBetrO: ein immenser Aufwand

Mit der neuen Apothekenbetriebsordnung werden sich die Piraten beschäftigen müssen, wenn auch nicht heute und morgen. Luft selbst sieht die Novelle eher kritisch: „Ursprünglich kam die Idee, Qualitätsmanagementsysteme aufzubauen, aus den USA – um mit ungelernten Kräften in gleichbleibender Qualität zu produzieren.“ In der Apotheke mit Fachkräften und engen, gesetzlichen Regularien sei das schlichtweg nicht erforderlich. Auch fragt sich der Apotheker, wie Dokumentation und Plausibilitätsprüfungen – beide nicht delegierbar – in der Praxis ablaufen sollen: „Heute kann ich einem Kunden sagen, Ihre Rezeptur ist in einer Stunde fertig. Künftig vertröste ich besser auf übermorgen.“ Der Aufwand sei immens, vom finanziellen Faktor Arbeitszeit gar nicht zu sprechen.

Pick-ups: noch umstritten

Beim Thema Pick-ups gehen Meinungen innerhalb der Partei stark auseinander. „Ich sehe mehrheitlich die Tendenz, Versand schade nicht, vor allem in strukturschwachen Regionen mit geringer Apothekendichte, nach dem Motto: Apotheke tot – Versandhandel als Retter in der Not“. Dieser Meinung mag sich Luft nicht anschließen, vielmehr befürchtet er den weiteren Raubbau an sinnvollen Strukturen und hat ebenfalls pharmazeutische Bedenken. Für den Apotheker zählen eher pragmatische Lösungen, beispielsweise beim Notdienst: Warum nicht mit umliegenden Praxen und Krankenhäusern eine Liste wichtiger Präparaten wie Antibiotika oder Hypnotika vereinbaren und diese bevorraten? Der Rest könnte danach wieder als Retoure in Richtung Großhandel wandern, für Patienten bleibt ihre gewohnte Versorgungsqualität erhalten.

Zwischen Datenschutz und Transparenz

Während einige Punkte noch offen sind, hat man sich beim Zankapfel elektronische Gesundheitskarte klar platziert: „Die Piratenpartei lehnt die eGK aus Gründen des Datenschutzes ab“, sagt Luft. Er vermutet dahinter ein Prestigeprojekt und Millionengrab, an dem um jeden Preis festgehalten werde. Bereits jetzt formiert sich Widerstand gegen das Stück Plastik, indem Versicherte ihr Passbild verweigern. Sicher ein Thema, das 2013 unter den Nägeln brennen wird: Nicht zum ersten Mal hätte eine Bundesregierung unsinnige Datenerhebungen gestoppt, Stichwort Lohnmeldeverfahren ELENA.

Pflichtmitgliedschaften kippen

Bei Organisationen der Standespolitik fordert Luft vor allem Transparenz. Er selbst ist im Apothekerverband Baden-Württemberg freiwillig mit dabei. Von Pflichtmitgliedschaften ist er nicht generell überzeugt: „Ich schätze die Arbeit der Landesapothekerkammer sehr, vor allem das umfangreiche Fortbildungsprogramm. Zahlungen an die Industrie- und Handelskammer bringen mir aber rein gar nichts.“ Bei der ABDA hört der Spaß dann auf: Diese sei „intransparent und wasserkopflastig“. Zwar kann Luft den viel zitierten „Maulkorberlass“ nachvollziehen, schließlich sei Diskretion bei Führungspersonen in jeder größeren Firma üblich, und Transparenz müsse auch nicht „bis zum letzten Komma gehen“. Völlig befremdlich empfindet der Pirat jedoch etablierte Strukturen: „Die ABDA entscheidet alles im kleinsten Kreise, während Delegierte und damit auch die Basis nicht den geringsten Einfluss haben.“ So würden „gefühlt eher größere Apotheken“ repräsentiert, da allein schon durch die Struktur des Verbandes das Präsidium nur aus diesen Bereichen stamme.

Bald im Bundestag?

Zahlreiche Baustellen, ein großes Ziel: Bei der Bundestagswahl im Herbst 2013 sieht der Apotheker gute Chancen für „seine“ Partei, vorausgesetzt, es gelingt, den rechten beziehungsweise linken Rand zu konsolidieren und sich bei wichtigen Themen klar zu positionieren. Viel erinnert ihn an die ersten Jahre der Grünen, „die sich aber schon zu sehr mit dem politischen System arrangiert haben. Wir bringen den festen Willen, etwas zu bewegen, mit.“

38 Wertungen (4.39 ø)
Pharmazie

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6 Kommentare:

Selbstst. Apotheker

In dieser Partei werden wieder genug allewisser und nasweiße geben,die Ketten erlauben wollen.
Mit vorsicht zu genießen.

Barbaros Orhon,Löningen

Brunnen Apotheke

#6 |
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Danke, kann den Artikel bestens unterstreichen!!

#5 |
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Dietmar Sommer
Dietmar Sommer

Ja das sind doch mal Perspektiven, weiter so Thomas!!!

#4 |
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Karin Ziegler
Karin Ziegler

Hallö

ich kann mich den Ausführungen von Herrn Lufts nur anschließen. Habe bisher die Grünen gewählt, weil Umweltschutz allen nutzt, auch nachfolgenden Generationen und mich die restliche Parteiendiktatur und der Lobbyismus gründlich ankotzen. Fange glaub ich an, auch mit den Piraten zu liebäugeln.
P.S.
Lieber Herr Hans Joachim Kippe. Bei mir gibts bestimmt auch den einen oder andereren Rechtschreibe- oder Kommafehler zu berichtigen. Spitzen Sie doch schon mal den Rotstift.

#3 |
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Pharmazeutisch-technischer Assistent (PTA)

arrr,
schöner Artikel :-)

#2 |
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“Siehst Du das Weib, wie gierig sie f r ä g t ” ist R.Wagner, Walküre.
Ansonsten aber doch bitte “fragt” !!!

#1 |
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