E-Zigarette: Dunstige Debatte

1. Juni 2012
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Sie sind sprichwörtlich in aller Munde, die elektrischen Glimmstängel. Wirklich ein Genuss ohne Reue? Experten streiten nach wie vor mit Leidenschaft über mögliche Gefahren, und Gerichte müssen sich mit der Zulassung befassen.

Von vielen Rauchern schon als „Zigarette 2.0“ gepriesen, gibt es für die kleinen Hightech-Nikotinvernebler nunmehr Kartuschen, sprich Liquids, in etlichen Geschmacksrichtungen. Deutschland gilt als interessanter Markt – mit schätzungsweise zwei Millionen Konsumenten, Tendenz steigend. Sie alle schätzen die Vorteile gegenüber echten Zigaretten, Zigarren oder Pfeifen: keine krebserregenden Verbrennungsprodukte und kein Gestank. Allerdings gibt das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) zu bedenken, Gefahren für Konsumenten und Dritte seien derzeit nicht auszuschließen: „Angesichts eines großen und wachsenden Produktspektrums an Liquids für E-Zigaretten ist nicht im Detail bekannt, was ein E-Raucher im konkreten Fall tatsächlich inhaliert beziehungsweise ausatmet, und mit welchen Schadstoffen die Atemluft belastet wird.“

Experten im Clinch

In einer aktuellen Mitteilung haben BfR-Wissenschaftler wichtige Inhaltsstoffe unter die Lupe genommen: Nikotin, Verneblungsmittel wie Propylenglykol sowie Aromastoffe, hier sind beispielsweise Vanilleextrakte, Linalool oder Menthol zu nennen. Bereits Anfang des Jahres wurde eine Untersuchung veröffentlicht, die gesundheitliche Folgen für E-Raucher nicht ausschließt. Forscher fanden im Dampf mehrere Aldehyde, etwa Acrolein, Formaldehyd und Acetaldehyd. Darauf hieß es vom Verband des eZigarettenhandels, es seien elektrische Zigaretten analysiert worden, die anstelle heute üblicher Aromaliquids eine Tabakmischung erhitzten. Ein weiterer Disput: Zur Bewertung des Verneblungsmittels Propylenglykol werden vor allem subchronische Inhalationen im Tierversuch als Vergleich herangezogen, bei denen sich das Blutbild veränderte. Pneumologen hingegen warnen, empfindliche Menschen können mit Reizungen reagieren. Im Experiment verengten sich außerdem bereits nach wenigen Zügen die Atemwege. Erneut hagelte es Kritik: „Das BfR zitiert trotz massiver Einwände von Experten eine methodisch fragwürdige Studie über die angebliche Atemwegsreizung durch Propylenglykol, ignoriert aber alle positiven Studien ebenso wie Daten, die belegen, dass mehr als 98 Prozent des inhalierten Nikotins in der Lunge verbleiben, sodass eine Gefährdung von Dritten ausgeschlossen werden kann“, sagt Professor Dr. Bernhard-Michael Mayer von der Pharmakologie und Toxikologie an der Universität Graz. US-Forscher bemängeln ebenfalls einseitige Diskussionen über mögliche Schäden, ohne den potenziellen Nutzen zu berücksichtigen.

Nur in Raucherzonen

Da nach jetzigem Wissensstand eine Gefährdung aber nicht auszuschließen ist und Konsumenten zudem Emissionen abgeben, in welcher Menge auch immer, plädiert BfR-Präsident Professor Dr. Dr. Andreas Hensel dafür, E-Zigaretten nur in Raucherbereichen zu gestatten, um andere Menschen nicht durch Passivrauchen zu gefährden. Eine Forderung, die beim Verband des eZigarettenhandels auf Kritik stößt: Gerade Ex-Raucher würden so erneut dem gesundheitsschädlichen Tabakrauch ausgesetzt. „Dieses Risiko wird vom BfR in grob fahrlässiger Weise missachtet“, heißt es. Doch auch ein anderer Weg ist denkbar: In einer Stellungnahme befürchten BfR-Wissenschaftler, Vernebler könnten sogar eine Nikotinsucht auslösen und damit den Einstieg hin zum konventionellen Tabakkonsum fördern, etwa bei jugendlichen Nichtrauchern. Dem gegenüber stehen US-Arbeiten: Wissenschaftler der University of California, Berkeley, und der Boston University School of Public Health bescheinigen Elektro-Glimmstängeln gewaltige Potenziale im Kampf gegen tabakbedingte Morbidität und Mortalität – schließlich fehlen krebserregende Aromaten beziehungsweise Kohlenmonoxid. So oder so, Langzeitstudien ohne Interessenskonflikt gibt es bis dato nicht, und damit bleiben viele pharmakologische beziehungsweise toxikologische Fragen offen. Auch juristisch sind die Hightech-Zigaretten ein heißes Eisen.

Arzneimittel oder Tabakerzeugnis?

Aus Berlin kommen dazu deutliche Worte: „Nach Auffassung der Bundesregierung unterfallen die für den Betrieb der E-Zigarette bestimmten Nikotintanks oder -liquids aufgrund der pharmakologischen Wirkung des Stoffes Nikotin dem Arzneimittelgesetz. (…) Nach überwiegender Auffassung handelt es sich bei diesen Nikotinprodukten nicht um Tabakerzeugnisse.“ Wer also mit Nikotinzubereitungen ohne arzneimittelrechtliche Zulassung handelt, verstößt klar gegen das Arzneimittelgesetz. Als Antwort auf eine kleine Anfrage der Linkspartei stellt die Regierung aber klar, ausschließlich Landesbehörden hätten tabak-, arzneimittel- und medizinprodukterechtliche Vorschriften zu überwachen.

Föderalismus-Chaos

Das lassen sich diese nicht zwei Mal sagen: Anfang Dezember warnte Nordrhein-Westfalens Gesundheitsministerin Barbara Steffens (Grüne) vor möglichen Folgen und stellte klar, „der Handel und der Verkauf von E-Zigaretten sowie von liquidhaltigen Kartuschen, Kapseln oder Patronen für E-Zigaretten sind, sofern die arzneimittel- und medizinproduktrechtlichen Vorschriften nicht eingehalten werden, gesetzlich verboten“. Niedersachsen beziehungsweise Hessen schlossen sich dieser Einschätzung an und beschlagnahmten massenweise Nikotin-Liquids. In über 30 Fällen kam es zur Anklage gegen Händler – wegen des unerlaubten Handels mit Arzneimitteln. Vor Gericht wendete sich das Blatt aber rasch.

Justitia hat Bedenken

Juristen am Oberverwaltungsgericht in Münster kamen zu dem Schluss, weder E-Zigaretten noch Kartuschen seien als Medizinprodukte oder Arzneimittel zu bewerten. Schließlich sahen sie Forderungen des Arzneimittelgesetzes, Präparate müssten „zur Anwendung im oder am menschlichen (…) Körper“ bestimmt sein beziehungsweise „als Mittel mit Eigenschaften zur Heilung oder Linderung oder zur Verhütung menschlicher oder tierischer Krankheiten oder krankhafter Beschwerden“ verwendet werden, nicht erfüllt – Elektrozigaretten seien eben reine Genussmittel. Doch es gibt bekanntlich nicht nur Funktionsarzneimittel, eine Klassifikation als Präsentationsarzneimittel wäre denkbar. Darunter fallen Stoffe mit der Eigenschaft, „physiologischen Funktionen durch eine pharmakologische, immunologische oder metabolische Wirkung wiederherzustellen, zu korrigieren oder zu beeinflussen“, also auch Nikotin. Nach dem Urteil darf NRW zwar weiter warnen – aber ohne Hinweis auf illegale Machenschaften.

Ausgang offen

Dem Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) erging es nicht anders: Nachdem nikotinhaltige E-Zigaretten als Arzneimittel bewertet wurden, zogen Hersteller vor den Kadi. Auch das Kölner Verwaltungsgericht stellte fest, hier keine arzneimittelrechtlichen Vorschriften anzuwenden. Gegen diese Entscheidung wird das BfArM zwar Berufung einlegen, hinsichtlich toxikologischer Fragen sind jedoch bessere Studien erforderlich.

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Medizin, Pharmazie

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13 Kommentare:

Gesundheits- und Krankenpflegerin

genau so sehe ich das auch Frau Silke Schuster …

#13 |
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Ärztin

Vor ca 4 Wochen hatte ich wie vieelicht viele anderen user auch bei Doccheck angeregt diese Thematik zu recherchieren.
Vielen Dank für diesen sehr gut recherchierten und neutral dargestellten Artikel!
Als Ergänzung zu den Kommentaren möchte ich noch anmerken, dass es ein umfangreiches Sortiment an nikotinfreien Liquids gibt, von denen kein Suchtpotential ausgeht und die auch Rauchern schmecken. Dieser Aspekt wird leider gerne unterschlagen, vor allem von den Leuten, die heiß um die e-Zigarette und ihren Nutzen/Schaden dikutieren. Die Dampfe wird sich etablieren, da bin ich mir sicher. Aber die Diskussionen werden erst abebben wenn die Lobby der Pharmaindustrie, der Tabakindustrie und des Staates bzw der Staaten (Tabaksteuer) politisch einen Weg gefunden haben ihre Pfründe zu sichern. Der Kuchen wird neu verteilt werden müssen und jeder versucht sich mit allen Mitteln das größte Stück zu sichern.

#12 |
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Zahnarzthelferin

Als Nichtrauchr währe ich dafür, wenn für die E-Zigarette
die gleichen Steuersummen wie bei normalen Zigaretten
aufgeschlagen werden ! (alte ? ) Folgekosten ? ? ?

#11 |
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Naturwissenschaftler

Eine sehr intelligente aber gesundheitsbeitragende Möglichkeit von dem schrecklichen RAUCHEN mit allen giftigen Substanzen weg zu kommen.

MfG.
Zulassungsarzneimittelprüfung

#10 |
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Ramona Grizhar
Ramona Grizhar

Es gibt bei uns ein “Bundesinstitut für Risikobewertung” Toll!
Kannte ich bisher noch nicht…..

Über einen Vergleich der Risiken habe ich nichts gelesen…

Was ist jetzt schädlicher?
Rauchen oder Dampfen?
Was soll ich meinen Patienten raten?
Was DARF ich ihnen aus rechtlicher Sicht denn raten?

#9 |
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Jörg Hahn
Jörg Hahn

Es wäre für die Pharma-Hersteller sicher interessant ihr Angebot im Bereich der nikotinhaltigen Präparate um pharmakologisch wirksame Liquids zu erweitern. Eine Apothekenpflicht vorausgesetzt, könnten Verbraucher sicherer sein, zum einen richtig über die Inhaltsstoffe informiert zu werden und zum anderen eine “Alternative” zur Behandlung von abhängigkeitsbedingten Entzugssymptomen angeboten zu bekommen. Hier steckt sicher das eigentliche Potential der E-Zigaretten.

Die Inhalation von Nikotin stellt die Anwendung einer Droge dar. Dies sollte nicht an allen Orten (Spielplätze oder an anderen alltäglichen Orten) geschehen, auch wenn ausgeschlossen sein sollte, dass absolut keine Gefährdung von verbleibendem E-Zigaretten-Nebel ausgeht. Hier geht sicher das falsche Signal von aus.

Es scheint so, dass die Gerichte den Missbrauch von Nikotin wohl immer noch als “Genuss” einordnen und den Krankheitswert der Nikotinabhängigkeit noch immer nicht erkannt haben. Spätestens wenn sich herausstellt, dass Raucher von den “Liquids” abhängig werden, sollte sich die Frage stellen, ob hier der Rahmen des “genussvollen Handelns” nicht verlassen wurde. Bei vielen anderen Konsumprodukten, die sich unmittelbar auch die Gesundheit von Verbrauchern auswirken würde sicher anders geurteilt. Aber das Rauchen hat halt seinen ganz besonderen Stellenwert.

Für die Zukunft wäre wünschenswert, dass die Behandlung der Tabakabhängigkeit genau wie der anderer substanzgebundener Abhängigkeiten zur Regelleistung wird und so endlich die endlose Debatte über Lifestyle oder Krankheit beendet wird.

Die im Artikel geschilderte eindeutig ablehnende Reaktion der Länder ist absolut begrüßenswert und zeigt, dass sich endlich etwas in Sachen Nichtraucherschutz getan hat.

Es scheint so, dass die Gerichte den Missbrauch von Nikotin wohl immer noch als “Genuss” einornden und den Krankheitswert der NIkotinabhängigkeit noch immer nicht erkannt haben. Spätestens wenn sich herausstellt, dass Raucher von den “Liquids” abhängig werden, sollte sich die Frage stellen, ob hier der Rahmen des genussvollen Handelns nicht verlassen wurde.

#8 |
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Rettungsassistent

Der postive Gedanke, die Dinger sind eine gute Möglichkeit für Raucher, da jegliche Art von Gesundheitsschädigung mit Sicherheit deutlich geringer ausfallen wird als bei echten Zigaretten.
Der negative Gedanke, es wird in irgendeiner Größenordnung einen gesundheitsschädlichen Aspekt haben und der Einstieg ins Rauchen könnte damit leichter sein.
Zu fehlenden Steuereinnahmen. Es gibt ganz viele Berechnungsmodelle zu den Kosten durch Rauchen. Wenn z.B. Arbeitsausfall, Frührente (und damit fehlende Steuereinnahmen) usw. mit einberechnet werden, stellen manche Modelle fest, das die von Rauchern verursachten Kosten etwa dreimal so hoch sind wie die Steuereinnahmen.
Wenn also wirklich der Tabakkonsum zurück geht, bedeutet das natürlich einen Rückgang der Steuereinnahmen, aber in einem noch stärkeren Maße einen Rückgang an Ausgaben.
Raucher kosten Geld, die bringen kein Geld ein durch Steuern.
Und ich als Nichtraucher muss es leider mitfinanzieren.

#7 |
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Dr. med. Peter Rojek von Berg
Dr. med. Peter Rojek von Berg

An die Nichtraucherfraktion!
In erster Linie geht es den Regierenden um Steuereinnahmen bzw. Ausfälle. An die Nichtraucherfraktion sei mal mitgeteilt, daß vor vielen Jahren der Bleianteil am Autosprit abgesetzt wurde und um die Oktanzahl 98 erhalten zu können aber Aromate stattdessen beigefügt wurden. Aromate sind zwar für die Pflanzen weniger schädlich, dafür aber für Mensch und Tier karzinogen. Keiner regt sich heute darüber auf, daß jeder Verkehrteilnehmer potenziell Krebserregende Stoffe in die Luft pustet. Eine umweltfreundliche Alternative hätte es damals auch gegeben, Gas betriebenne Autos. Das passte den Autokonzernen und Regierungen aus finaziellen Gepflogenheiten nicht in`s Konzept. Würde heute die Mehrzahl der Raucher E-Zigaretten nutzen, wäre diese schon längst als normaler Tabakkonsum eingestuft und versteuert worden, obwohl diese sicherlich umweltfreundlicher ist.
Ich gebe auch gleich mal meine Kritik an zukünftigen E-Autos ab. Auch hierfür muß Energie gewonnen werden, macht man dies z.B. über Kohlekraftwerke, sollte sich die Nichtraucherfraktion einschalten.
Mein Tipp für die Zukunft: Nicht so kurzsichtig denken, wenn es um Raucher geht, sondern global über unsere Gesundheit und finanzielle Machenschaften reflektieren.

#6 |
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Susanne van Dinter
Susanne van Dinter

Ich hätte noch was anzumerken zu Beitrag Nr. 15: Das kann ja wohl nicht angehen, dass nun die Nichtraucherals die Dummen dastehen, die nun auch noch dafür Steuern zahlen sollen, nur weil die Tabakindustrie nicht mehr so viel Umsatz macht!Und Dass Raucher jetzt schadenfroh sind, ist einfach erbärmlich!Würde man auch so reden, wenn es die e-dinger nicht geben würdeund die Raucher freiwillig aufhören zu qualmen. o mann…….

#5 |
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Ein sehr wertvoller Artikel.Geten die E.ziaretten doch sehr häufig als absolut harmlos und in keiner Weise gesundheitsschädlich.Es bleibt abzuwarten was die weitere Entwicklung bringt.Daß die Produzenten und Vertreiber ihr Produkt in höchsten Tönen loben ist logiscch.

#4 |
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Christine Weniger
Christine Weniger

Endlich mal eine fachliche Äußerung, von der man annehmen kann, dass sie nicht von einer Lobby gesponsert ist. Danke dafür.
Da ich eine sekundäre Nebennierenrindeninsuff. habe und meine Vilalzeichen nur mit einigen Medikamente auf einem Normalmaß halten kann, habe ich auch noch einen positiven Faktor der E-Zigis beizutragen.
Da der Dampf meinen Körper nicht so streßt wie der Rauch, habe ich den Hydrocortisonverbrauch auf fast die Hälfte reduzieren können. Dies ist nicht nur ein Vorteil für mich sondern auch für die Krankenkasse, die mir nicht mehr ganz so viele Medis zahlen muß.

#3 |
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Dr. med. Rüdiger Meiss
Dr. med. Rüdiger Meiss

Nach 50-jähriger Tabakerfahrung bin ich vor 1 Jahr auf die e-Zigarette umgestiegen. Mein chronischer Raucherhusten war nach 14 Tagen weg, das Treppensteigen wieder wie ein Jugendlicher und Auswurf ade.
Als Erstnutzer einer E-Zigarette sollte man verschiedene Liquidmischungen probieren, bis man “Seine” Marke findet, die auch das anfängliche Problem der Heiserkeit bei manchen Liquidmischungen entfallen lässt.
Besonders eindrucksvoll ist, dass unser Haus geruchtsfrei ist.

#2 |
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Ich kenne nicht nur einen Patienten, dessen Anwendung von Salbutamol nach Umstieg auf E-Zigaretten, deutlich zurückgegangen ist. Pulmologen haben das auch schon gemerkt.

#1 |
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