Medmacher: Die frühe Kippe kann mich mal

13. März 2013
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Für freiwilliges Engagement bleibt im Medizinstudium eigentlich kaum Zeit. Doch gibt es einige Studenten, die es schaffen, nebenbei ehrenamtliche Projekte zu betreuen. Wie Titus Brinker, den wir zu seinem Anti-Tabak-Projekt interviewt haben.

Laut einer Studie des Instituts für Therapie- und Gesundheitsforschung vom April 2007 rauchen 30 % der 11-15jährigen Schüler regelmäßig 10-40 Zigaretten pro Tag. Die Risiken und Folgen werden von den Jugendlichen aber oft unterschätzt. So wissen viele nicht, dass sie an schweren Krankheiten wie Krebs, Schlaganfällen, Herzkrankheiten, Asthma, Lungenemphysemen, etc. erkranken und daran sogar sterben können.

Als Grund für den Griff zur Zigarette wird häufig das Rauchverhalten des sozialen Umfelds, Gewichtsreduktion (bei Mädchen) und Stimmungsaufhellung sowie eine verbesserte Konzentrationsfähigkeit genannt. Über die Hälfte der jugendlichen Raucher möchte zwar aufhören, doch das gestaltet sich aufgrund starker Zigaretten-Abhängigkeit oft als schwierig. Damit die Schüler gar nicht erst mit der gesundheitsgefährdenden Qualmerei anfangen und die jugendlichen Raucher zum Stopp bewegt werden, hat der Medizinstudent Titus Brinker von der Justus-Liebig-Universität in Gießen im Januar 2012 das Pilotprojekt “Aufklärung gegen Tabak” (AGT) ins Leben gerufen. Wir haben deshalb ein ausführliches Interview mit Titus geführt.

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DocCheck: Titus, bitte beschreibe uns kurz Dein Projekt?
Titus Brinker: AGT ist ein universitäres Schulprojekt für Schüler der siebten Jahrgangsstufe, das ehrenamtlich betrieben wird. Wir gehen in die Klassen und diskutieren mit den Schülern die negativen Konsequenzen des Rauchens unter Einbezug von Klinikpatienten. Das Besondere an der Sache ist, dass wir alle Medizinstudenten sind, die von den Jugendlichen aufgrund des geringen Altersabstandes viel eher als Vorbild akzeptiert werden als beispielsweise der Lehrer oder ein Arzt. So können wir die Schüler viel eindringlicher und authentischer vor den Gefahren des Rauchens warnen. Außerdem beziehen wir die Jugendlichen in unser Projekt mit ein und schreiben ihnen nicht vor, dass sie auf keinen Fall rauchen dürfen. Wir setzen vielmehr auf ihre eigene Entscheidungsfähigkeit, ob sie zur Zigarette greifen möchten oder nicht und informieren sie lediglich über die Konsequenzen ihres Handelns. Es ist uns wichtig, dass durch unser Programm die Selbstwirksamkeitserwartung der Schüler gestärkt wird und sie auf der Grundlage von differenzierten Informationen eine eigene Entscheidung treffen.

DocCheck: Welche Rolle spielst Du bei AGT?
Titus: Ich habe das Projekt gegründet und das Konzept sowie die Webseite geschrieben. Außerdem habe ich den Vorsitz des Vereins übernommen und bin Kassenwart. In Gießen leite ich die Lokalgruppe und habe zudem das Projekt an zwölf weiteren medizinischen Universitäten initiieren können. Den anderen Gruppen stehe ich als Ansprechpartner zur Verfügung, liefere das Konzept und unterstütze sie finanziell. Auch in Österreich konnte ich das Projekt initiieren. In Gießen bin ich dieses Jahr selbst in viele Schulen gegangen.

DocCheck: Wie kamst Du auf die Idee zu AGT und wie hat sich das Projekt daraus entwickelt?
Titus: Die Idee zu AGT ist mir im August 2011 während eines Besuchs der Texas A&M Universität in den USA gekommen. Die dortigen Medizinstudenten betreiben ein Programm, das sich STAT (Stand tall against tobacco) nennt. Dieses Lokalprojekt zur Reduktion des Tabakkonsums bei Schülern erhält jährlich über 20.000 $ Fördergelder und wurde im Jahre 2000 von der Texas Medical Association initiiert.

Ich fand die grundsätzliche Idee, dass Medizinstudenten wenig jüngere Schüler über ein solches Thema aufklären, sehr gut. Ich hatte vor Ort die Chance, mir eine zwanzigminütige Präsentation in der Schule anzuschauen, bei der viele Schockbilder gezeigt wurden. Zurück in Deutschland befasste ich mich selbst mit dem Thema und fand schnell heraus, dass das Zeigen von Krebsgeschwüren Jugendliche nicht vom Rauchen abhält. Daher setzte ich mich intensiver mit der Tabakprävention auseinander und schrieb ein eigenes Konzept auf der Grundlage von wissenschaftlichen Publikationen. Mein Anspruch war damals, dass mein Projekt möglichst günstig und flächendeckend implementierbar ist und vor allem mit der aktuellen Präventionsforschung vereinbar ist.

Neben der Erstellung und Weiterentwicklung eines eigenen Konzeptes sowie dem Aufsetzen der Webseite, wurde das AGT-Projekt in Deutschland von Professoren, Ärzten und Dozenten aus Gießen und Marburg geprüft. Zu den ersten Mitgliedern gehörten unter anderem der renommierte Lungenforscher und Vorsitzende der Uni-Klinik Gießen/Marburg, Werner Seeger und Veronika Grau, Leiterin der Lungentransplantationschirurgie in Gießen. Anschließend holte ich mir noch Kommilitonen zur Unterstützung an Bord. Mittlerweile arbeiten etwa 320 Medizinstudierende an 13 deutschen Universitäten in sogenannten Lokalgruppen an dem Programm mit und sogar in Österreich und der Schweiz gibt es schon erste Mitglieder. Schon im ersten Jahr nahmen an unserem Projekt mehr als 3.000 Schüler an AGT-Seminaren und -workshops teil.

DocCheck: Wie läuft das Projekt genau ab?
Titus: Das Programm gliedert sich in drei Phasen. Kurz vor den Herbstferien wird AGT allen Siebtklässlern in einer Ansprache in der Aula der jeweiligen Schule vorgestellt. Diese Vorstellung beinhaltet unter anderem auch einen Gastsprecherauftritt eines ehemaligen Rauchers, der über seine Erfahrungen mit Tabakkonsum berichtet. Mitte Januar gehen wir dann in die Schulen und halten in den Klassen ein 45-minütiges Seminar. Darin stellen wir den Schülern Fragen zum Thema Rauchen und diskutieren mit ihnen über die negativen Konsequenzen.

Um das Ganze anschaulich zu gestalten, haben wir viele Materialen, die wir den Schülern präsentieren. So zeigen wir den Jugendlichen beispielsweise Mückenspray, Rattengift und ein Glas Teer, um ihnen klar zu machen, dass einige der in diesen Produkten verwendeten giftigen Chemikalien auch in Zigaretten enthalten sind. Oder wir geben ihnen einen Urinkatheterbeutel, um zu demonstrieren, was passiert, wenn man Blasenkrebs bekommt. Am beliebtesten ist bei den Schülern die sogenannte Strohhalmübung. Dabei lassen wir die Schüler zunächst einige sportliche Übungen durchführen und bitten sie dann, durch einen Strohhalm zu atmen, um zu zeigen, wie schwer Raucher nach Atem ringen müssen, die durch Zigaretten ihre Lunge beschädigt haben.

Der letzte Programmpunkt beinhaltet einen jährlich stattfindenden deutschlandweiten Schülerwettbewerb. Die Kreativität der Schüler wird gefördert, indem sie die Gelegenheit bekommen, das zu malen, was sie über Tabakkonsum gelernt haben. Das Gewinnerbild wird als Cover auf Collegeblöcke gedruckt, die an allen teilnehmenden Schulen der jeweiligen Stadt ausgeteilt werden. Zusätzliche Berühmtheit kann der Künstler durch die eventuelle Verwendung des Bildes für unsere AGT-Shirts gewinnen. Für die Klasse des Gewinners spendieren wir außerdem eine Pizzaparty und der erfolgreiche Schüler erhält einen besonderen Preis.

DocCheck: Vor welchen Schwierigkeiten standest Du zu Projektstart?
Titus: Eigentlich gab es keine großen Schwierigkeiten. Es war vielmehr sehr viel zeitlicher Aufwand für mich persönlich. Ich musste versuchen, alles zu organisieren und unter einen Hut zu bringen, aber ich habe viel Werbung dafür gemacht und konnte das Projekt durch das Gewinnen von neuen Mitstreitern schließlich gut umsetzen.

DocCheck: Wie findest Du neben Deinem Alltag als Medizinstudent noch Zeit für Deine ehrenamtliche Tätigkeit?
Titus: Die Zeit muss man sich einfach nehmen. Wenn ich nicht hundertprozentig hinter der Idee stehen und mir das Ganze nicht so viel Spaß machen würde, wäre es tatsächlich deutlich schwieriger zu organisieren. So aber hänge ich mich eben voll in mein Projekt hinein und nutze jede freie Minute, um daran zu arbeiten. Der Vorteil, wenn man sich bei AGT engagiert, ist außerdem, dass man sich nur im ersten Jahr voll einbringt und anschließend seine Nachfolger einarbeitet, also ist dann wieder mehr Zeit für das Studium vorhanden. Zudem arbeitet man nicht alleine an dem Projekt – man gibt viele Aufgaben an Kommilitonen ab, sodass jeder Einzelne nur wenig tun muss.

DocCheck: Was kannst Du bei der Arbeit lernen?
Titus: Ich habe vor allem gelernt, Menschen zu motivieren, auf andere einzugehen, Wogen zu glätten und allgemein viel zu dem, was man unter dem Begriff Teamarbeit oder Gruppenleitung zusammenfassen könnte. Zudem natürlich, wie man Schülern und Jugendlichen ein ernsthaftes, medizinisches Thema glaubwürdig vermitteln kann. Wir prüfen dazu vor und nach jedem Seminar das thematische Wissen der Schüler und fragen Verbesserungsvorschläge ab. Nicht wissenschaftlich konnten wir bereits zeigen, dass die Schüler viele Informationen zum Thema Rauchen von unseren Seminaren mitnehmen und Spaß an unserem Programm haben. Um das Ganze auch wissenschaftlich zu evaluieren, habe ich nun das Projekt zum Thema meiner Doktorarbeit gemacht. Ich möchte anhand einer Langzeitstudie bis Ende 2014 den Wirkungsgrad der AGT-Seminare feststellen. Sprich: Wie viele Schüler durch unser Projekt tatsächlich weniger rauchen.

DocCheck: Und Ihr könnt bei Eurem Projekt auch schon erste Erfolge vorweisen…
Titus: Stimmt. Letztes Jahr im April wurden wir mit dem zweiten Platz beim DanMed Projektpreis der bvmd ausgezeichnet. Das Preisgeld von 1500 € haben wir dazu verwendet, neue Unterrichtsmaterialien, wie beispielsweise Lungenmodelle, für die neu entstandenen Lokalgruppen zu finanzieren. Im Juni wurde unser Projekt außerdem vom Bundesministerium für Gesundheit als Projekt des Monats geehrt.

DocCheck: Verrate uns doch zum Schluss: Für wen könnte ein ehrenamtliches Engagement bei Eurem Projekt von Interesse sein?
Titus: Für jeden, der aus den richtigen Gründen Arzt wird und schon jetzt Verantwortung übernehmen möchte. Für alle Medizinstudierenden, die gerne ein Vorbild für Schüler sein und positiv abfärben wollen. Aber auch für alle, die Karrierevorteile oder Stipendien erlangen wollen, ist AGT ein Lebenslaufplus. Ihr solltet nicht zögern und Euch auf gegentabak.de/ informieren, wie Ihr euch in den Lokalgruppen einbringen könnt. Falls es noch keine AGT-Gruppe an Eurer Universität gibt, könnt Ihr auch selbst eine gründen. Alle notwenigen Informationen dazu findet Ihr hier.

In den Kinderschuhen

Titus’ Projekt steckt noch in den Kinderschuhen, doch bereits jetzt ist dessen Potential erkennbar. Auch für andere Projekte ist die Eindämmung des Tabakkonsums unter Kindern und Jugendlichen ein Thema. So richtet sich die “Rauchfrei“-Kampagne mit spezifischen Maßnahmen an Erwachsene und Jugendliche. “Klasse 2000” ist ein Projekt zur Entwicklung eines gesunden Lebensstils und zum Nichtrauchen an Grundschulen, “Rauchfrei PLUS” bietet Beratung zur Tabakentwöhnung und der Nichtraucher-Wettbewerb “Be smart – don’t start” bietet Schulklassen, die für den Wettbewerbszeitraum rauchfrei bleiben, Klassenreisen als Gewinn. “Es ist wichtig, dass man sich dafür einsetzt, Kinder und Jugendliche möglichst früh vor den Gefahren des Rauchens zu warnen”, meint die Drogenbeauftragte der Bundesregierung Mechthild Dyckmans, die viele der Projekte finanziell unterstützt. “Rauchen ist das größte vermeidbare Gesundheitsrisiko in Deutschland. Und die Projekte zeigen Wirkung. Aufgrund unserer Maßnahmen in der Tabakprävention konnte erreicht werden, dass heute weniger Kinder und Jugendliche rauchen: Der Anteil der Raucher im Alter von 12 bis 17 Jahren hat sich mehr als halbiert und ist von 27,5 % im Jahr 2001 auf 12,9 % im Jahr 2010 zurückgegangen.”

iPhone statt Zigarettenqualm

Nichtrauchen liegt im Trend. Das ist neben den beschriebenen Aufklärungsprojekten und gesetzlichen Maßnahmen wie Rauchverboten im öffentlichen Raum, Einschränkungen bei der Tabakwerbung, dem Abgabeverbot an Minderjährige sowie den Chip-Kartensystemen an Automaten wohl vor allem auf den mittlerweile sehr hohen Zigarettenpreis von etwa fünf Euro pro Packung zurückzuführen. Bei einem Päckchen Zigaretten am Tag verpufft man pro Jahr fast 1.700 Euro Taschengeld. Auch das versucht AGT den Schülern zu vermitteln: Mit dem Geld, was man sich durch das Nichtrauchen spart, kann man sich beispielsweise zwei iPhones und einen Laptop kaufen. So ist das Rauchen nicht nur gesundheitsschädlich, sondern greift auch in finanzieller Hinsicht ganz schön tief in die Tasche des Abhängigen.

Schnell rutscht man in die jahrelange Abhängigkeit, deswegen können Projekte wie AGT nicht früh genug ansetzen. Damit sich der Nichtrauchertrend der letzten Jahre fortsetzt und der “Coolness-Faktor” des Rauchens abnimmt, ist weiteres Engagement in diesem Bereich notwendig. Wie schwerwiegend die Folgen des Rauchens sind, zeigt spätestens folgender BBC-Beitrag eindrücklich.

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1 Kommentar:

Monika Maiwieden
Monika Maiwieden

Die meisten Kinder wrden doch schon von ihren Eltern süchtig gemacht. Sie atmen den Qualm ein, wenn hre Eltern rauchen. So sind sie dann ab der ersten Zigarette süchtig. Da muss also bei den Eltern angefangen werden. Rauchen muss viel mehr geächtet werden. An Haltestellten verboten und diese Spaliere aus Rauchern vor Bäckerein und Co. sollten verboten werden.

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