ALS: Steigern Extra-Kalorien die Lebenserwartung?

15. Juli 2014
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Wenn Patienten mit einer Amyotrophen Lateralsklerose (ALS) künstlich ernährt werden müssen, profitieren sie offenbar von einem erhöhten Körpergewicht und der Zufuhr kalorienreicher Nahrung mit einer Magensonde. Dies wurde nun in einer aktuellen Studie bestätigt.

In Deutschland leben 6.000 bis 8.000 Patienten mit der Amyotrophen Lateralsklerose (ALS), einer Nervenkrankheit, bei der die Motoneuronen degenerieren, sodass die Patienten unter fortschreitenden Lähmungen leiden und schließlich künstlich ernährt und beatmet werden müssen. Schätzungsweise 5 Prozent der Patienten benötigen eine Magensonde für die Ernährung. Angesichts sehr begrenzter therapeutischer Möglichkeiten und erster Hinweise aus Tierversuchen mit Mäusen haben US-Forscher um Anne-Marie Wills von der Harvard Medical School nun systematisch getestet, ob eine kalorienreiche Ernährung Patienten helfen kann, die bereits mit einer Magensonde ernährt werden müssen. „Auch wir halten dies für einen Erfolg versprechenden Ansatz“, bekräftigt Dr. med. Albert C. Ludolph, Ärztlicher Direktor der Neurologie der Universitäts- und Rehabilitationskliniken Ulm.

Extra-Kalorien durch Fett und Kohlenhydrate

Für ihre Studie der Phase II hatten die Amerikaner mehrere Hundert Patienten kontaktiert. Allerdings nahmen am Ende nur 20 Freiwillige teil, die bis zu vier Monate lang spezielle Nahrungsmischungen bekamen: Gruppe 1, die als Kontrolle diente, bekam eine Formulierung, die 100 Prozent des Kalorienbedarfs decken sollte und die eine ausgewogene Mischung aus den Nahrungsbestandteilen Protein, Kohlenhydrate und Fett enthielt. Die beiden anderen Gruppen bekamen 125 Prozent des Bedarfs, jedoch stammten die zusätzlichen Kalorien im einen Fall hauptsächlich aus Fett (HF) und im anderen Fall hauptsächlich aus Kohlenhydraten (HC), wobei der Eiweißgehalt in allen drei Formulierungen identisch war.

Beim Hauptkriterium der Studie, der Sicherheit und Verträglichkeit, war die HC-Diät den anderen Nahrungsmischungen überlegen. Die häufigsten Nebenwirkungen betrafen den Magen-Darm-Trakt (dislozierte Magensonde, Blähungen, Dyspepsie und Diarrhoe) und wurden bei sämtlichen Patienten der HF- und der Kontrollgruppe beobachtet, aber nur bei jedem Zweiten in der HC-Gruppe. Schwere Nebenwirkungen traten insgesamt zwölfmal auf, und zwar neunmal in der Kontrollgruppe, dreimal unter der HF-Diät, aber kein einziges Mal mit der HC-Formulierung.

Geringere Sterblichkeit unter kalorienreicher Nahrungsergänzung

Die Wirksamkeit der Intervention hatten Wills und Kollegen nur am Rande ihrer Studie erfasst, doch lassen gerade diese Ergebnisse aufhorchen: Während der fünfmonatigen Nachbeobachtung waren in der Kontrollgruppe nämlich drei von sieben Patienten verstorben (43 %), gegenüber lediglich einem von acht in der HF-Gruppe (13 %) und null von neun Patienten in der HC-Gruppe. Dabei waren alle Todesfälle binnen vier Monaten nach Studienbeginn aufgetreten, und zwar ausschließlich unter Studienteilnehmern, die die künstliche Ernährung aufgrund von Nebenwirkungen abgebrochen hatten.

Unsicherheit wegen kleiner Teilnehmerzahlen

Die Krankheitsprogredienz hatten die Autoren anhand der Skala ALSFRS-R gemessen und dabei festgestellt, dass die Verluste in der HC-Gruppe zwar langsamer schienen, allerdings war dieser Unterschied nicht statistisch signifikant. Erst in der kombinierten Analyse aus Überleben und Lebensqualität zeigte sich ein signifikanter Vorteil gegenüber der Kontrolle für die HC-Diät, nicht jedoch für die HF-Diät.

Angesichts der kleinen Zahl an Teilnehmern mahnt Ludolph zur Zurückhaltung bei der Interpretation. „Diese Studie scheint zu zeigen, dass, basierend auf multiplen Vorarbeiten, eine hyperkalorische enterale Ernährung bei ALS-Patienten, die eine Magensonde erhalten haben, Vorteile hinsichtlich der Lebenserwartung und Lebensqualität hat.“ Dem pflichtet auch Prof. Ammar Al-Chalabi vom King’s College in London bei, der die Studie in The Lancet kommentiert hat: „Die Ergebnisse klinischer Studien zur Behandlung dieser Krankheit muss man relativieren – insbesondere bei kleinen Studien der Phase II –, denn die Ergebnisse könnten einen Nutzen suggerieren, der sich später nicht bestätigt“, warnt Al-Chalabi.

Originalpublikationen:

Hypercaloric enteral nutrition in patients with amyotrophic lateral sclerosis: a randomised, double-blind, placebo-controlled phase 2 trial
Anne-Marie Wills et al.; The Lancet, doi:10.1016/S0140-6736(14)60222-1; 2014

High-calorie diets in amyotrophic lateral sclerosis
A. Al-Chalabi; The Lancet, doi: 10.1016/S0140-6736(14)60270-1

; 2014

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Forschung, Medizin, Neurologie

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3 Kommentare:

5% benötigen eine Magensonde?? Das erscheint mir drastisch zu tief… Da wurde wohl ein Schreibfehler begangen oder nicht richtig recherchiert.
Denn: die rechtzeitige Versorgung mit einer Magensonde führt bei den Betroffenen nachgewiesenermaßen zu einer Verbesserung der Lebensqualität (weniger der verbleibenden Lebenszeit). Und die Angehörigen sind auch entlastet und die Versorgung mit Flüssigkeit, Nahrung und Medikamenten via PEG ist auch eine Voraussetzung für das verbleiben in der häuslichen Umgebung… bis zum Schluss.

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Ernährungswissenschaftler / Ökotrophologe

Hallo “Arzt”,

beschäftige mich schon länger mit der Thematik ALS und Ernährung und würde mich über einen Austausch freuen…

Sie erreichen mich unter philipp.t.raedelphytomed-pharma.de

MfG

#2 |
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Arzt
Arzt

Ohne die Originalarbeit komplett gelesen zu haben ergeben sich für den Ernährungsfachmann nicht nur “statistische” Fragen.
Das beginnt mit der fehlenden etwas genaueren Definition von:
“100 Prozent des Kalorienbedarfs” und “eine ausgewogene Mischung aus den Nahrungsbestandteilen Protein, Kohlenhydrate und Fett”,
ebenso mit der Formulierung einer “hyperkalorischen (enteralen) Ernährung”.
Denn entscheidend ist nicht das was im Magen ankommt, sondern das was im Stoffwechsel ankommt. Hypercalorisch heist eigentlich Gewichtszunahme, die hier wohl NICHT erfolgt ist. Und hier ist bei Unterernährung wie ALS im Regelfall die Resorbtionskapazität ebenso eingeschränkt
und zwar genau in der Reihenfolge Fett, Eiweiß und Kohlenhydrate. Die Kohlenhydrate werden also, oh Wunder, am leichtesten resorbiert, das fängt schon im Mund an mit der Amylase.
“Wissenschaftlicher” wären also Studien, die eine vernünftige Resorption zuerst mit vorübergehender parenteraler Ernährung herstellen würden, das lohnt sich, und dann erst mit der vermehrten gastrointestinalen Belastung zu beginnen.
Wobei die Eiweißresorbtion am leichtesten nicht mit Aminosäuren, sondern mit Oligo- und Dipetiden erfolgt.

Die Erfahrung bei deutlich Unterernährten zeigt schlicht, das die enterale Überbelastung zur Gewichtszunahme häufig zu Durchfällen führt.

mfG

#1 |
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