Mal Dir den Multi-Mega-Arzt

1. Juni 2012
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Empathischer, multiprofessioneller und ökonomischer sollen sie werden, die Ärzte in Deutschland. Das zeigte eine aktuelle Studie des IAT (Institut Arbeit und Technik). Mit einigen wichtigen Akzentverschiebungen in der Ausbildung soll das gelingen.

„Chronisch kranke Patienten wissen heute oftmals mehr über ihre Erkrankung als der konsultierte Arzt“, schreiben die Herausgeber Prof. Heinz Lohmann und Prof. Dr. Jörg F. Debatin in der Einführung zu den Studienergebnissen “Neue Ärzte braucht das Land? Innovationsbaustelle Ärzteausbildung Deutschland“. Die Kompetenz der Patienten nehme durch die schier unerschöpflichen Informationsquellen des Internets stetig zu. Gut informierte Patienten hätten steigende Qualitätserwartungen an ihren behandelnden Arzt. Gleichzeitig blieben die finanziellen Mittel, mit denen Ärzte ihre Patienten versorgen können, knapp und erzeugten oft einen beträchtlichen Kostendruck. Daran werde sich wahrscheinlich auch in Zukunft nicht viel ändern, so Lohmann und Debatin. „Patienten als Konsumenten erwarten künftig ganzheitliche Gesundheitsangebote, die auf einem strukturierten Prozess beruhen“, skizzieren Lohmann und Debatin die Veränderungen in der deutschen Gesundheitslandschaft. Ärzte sollen künftig ihren Beitrag zu mehr Gesundheit und Lebensqualität, zu mehr Wirtschaftlichkeit, weniger Verschwendung im Gesundheitswesen sowie für nachhaltiges Wachstum in den Gesundheitsbranchen leisten. Die derzeitige Ärzteausbildung werde den künftigen Anforderungen nicht in allen Punkten gerecht, so der Konsens der Studie. Was muss anders werden?

Naturwissenschaftliche Grundlagen als Basis

Das Medizinstudium basiert auf einer naturwissenschaftlich fundierten Ausbildung, die die angehenden Mediziner zum eigenverantwortlichen praktischen Handeln befähigt. Daran soll sich auch grundlegend nichts ändern. Doch die Zeit der Elfenbeintürme gehöre endgültig der Vergangenheit an, schreiben Lohmann und Debatin. Bisher sei das deutsche Gesundheitssystem von tiefen Gräben zwischen den einzelnen Teilbereichen durchzogen. Die Ärzteausbildung müsse dringend den modernen Erfordernissen angepasst werden. Dabei sollen aus oft hochkompetenten Einzelkämpfern “patientenorientierte, orchestrierungsfähige Dienstleister, teamfähige Kollegen und empathische Führungskräfte werden“. Dazu müsse die Medizinerausbildung aber nicht gänzlich neu erfunden werden. Mit einigen Akzentverschiebungen soll das gelingen.

Medizinstudium nach wie vor beliebt

Wie sieht die Medizinerausbildung derzeit in Deutschland aus? Das Interesse von Abiturienten an einem Medizinstudium ist nach wie vor groß. Laut Angaben von „Hochschulstart“ (ehemals Zentralstelle für die Vergabe von Studienplätzen (ZVS)) bewarben sich für das Wintersemester 2011/12 auf die bundesweit insgesamt 8.753 Studienplätze 44.053 Interessenten. Das waren rund fünf Bewerber pro Studienplatz. Zum Vergleich: Im Wintersemester 2006/07 waren es nur vier Bewerber pro Medizinstudienplatz. 2011 bildeten in Deutschland 36 medizinische Fakultäten etwa 120.000 Studierende der Fächergruppe „Humanmedizin/Gesundheitswissenschaften“ aus. Etwa zwei Drittel derer, die ihr Medizinstudium beginnen, sind später auch als Ärzte tätig. Das übrige Drittel sind aber keineswegs nur Studienabbrecher, sondern auch Mediziner, die in andere Berufe abwandern.

Modellstudiengänge auf gutem Weg

Mittlerweile gibt es in Deutschland zahlreiche Universitäten, die Modell- und Reformstudiengänge für eine neue Ärzteausbildung auf den Weg gebracht haben. Inhalte wie Patientenorientierung, Kommunikation, Evidenzbasierung, Gesundheitsökonomie, Gesundheitssystemwissen oder Ethik finden nicht nur, aber vor allem auch in diesen Studiengängen besondere Beachtung. In weiten Teilen der medizinischen Ausbildung zeigten die Reformen in die richtige Richtung, so die Studienautoren. Sie seien allerdings noch nicht hinreichend breit und integriert genug. „Der Durchbruch zu einer flächendeckenden Neuorientierung steht noch aus“, kommentierte Dr. Josef Hilbert, Direktor des Institut Arbeit und Technik, die Studie. Insbesondere bei der Zusammenarbeit mit anderen Gesundheitsprofessionen, also der Multi- und Interprofessionalität, sehen die Studienautoren noch deutlichen Nachbesserungsbedarf. Dazu eigneten sich beispielsweise Ausbildungsmodule, in denen Mediziner gemeinsam mit Angehörigen anderer Gesundheitsberufe (z.B. aus dem Bereich der Pflege oder Physiotherapie) problemlösungsorientiert zusammen lernen.

Auch Praxismanagement will gelernt sein

Auch bei der Vorbereitung der angehenden Ärzte auf ihre eventuelle praktische Niederlassung müssen laut Hilbert und Kollegen noch Ausbildungslücken gefüllt werden. „Ärzte müssen mehr über die Führung und Organisation einer niedergelassenen Praxis wissen. Bereiche wie Praxismanagement, Altersvorsorgen und betriebswirtschaftliche Aspekte bei der Führung einer Arztpraxis finden in der Ausbildung von Ärzten bisher kaum Beachtung“, so Dr. Hilbert. Hier könnten erfahrene und praktizierende Ärzte eine Mentorfunktion einnehmen und die Studenten in praktischen Ausbildungsphasen professionell anleiten.

Systemübergreifendes Denken gefragt

Auch an die Beteiligung von Ärzten an der Weiterentwicklung von Versorgungsstrukturen könnten die Studierenden nach Meinung der Studienautoren noch besser herangeführt werden. „Wer bei den Systemlösungen künftig die Federführung übernehmen wird, wird momentan unter Apothekern und Vertretern von Krankenhäusern und der pharmazeutischen Industrie heiß diskutiert. Hier wären Ärztinnen und Ärzte hilfreich, die von solchen Entwicklungsfragen etwas verstehen und sich in das Design von Versorgungsstrukturen einmischen“, so Dr. Hilbert. Allen Medizinstudenten soll eine derartig spezialisierte Ausbildung allerdings nicht zuteil werden. „Die Grundlagen zur Versorgungsstruktur in Deutschland müssen ein Thema bei der Ärzteausbildung werden, was aber nicht heißt, dass sich alle vertieft damit auseinander setzen müssen.“ Allein das Wissen um und die Möglichkeit zu einer Spezialisierung innerhalb des Medizinstudiums sei völlig ausreichend, so Hilbert weiter.

Weniger ist mehr

Die Basis der ärztlichen Ausbildung sollen auch in Zukunft die „medizinischen Kenntnisse und Fertigkeiten bilden, die auf einem soliden naturwissenschaftlichen Fundament stehen“, resümiert Michaela Evans, Wissenschaftlerin am IAT und Coautorin der Studie. Medizinstudenten benötigten dafür jedoch kein unendlich ausdehnbares, bibliothekarisches Gedächtnis. Vielmehr sollen die fachlichen Studieninhalte in Zukunft vermehrt “problem- und kompetenzorientiert“ vermittelt werden. Das schärfe den Blick für praktische Anwendungserfordernisse und fördere ein hohes Maß an Patientenorientierung, Patientenkommunikation und –begleitung der Studierenden.

Effektivere Versorgung für alle

Deutschland brauche in den nächsten Jahren nicht nur mehr Ärzte, um dem in einigen Bereichen drohenden Ärztemangel zu begegnen, sondern auch eine verbesserte Organisation der Versorgungsstrukturen, schreiben die Studienautoren. Dies sei notwendig, um die Wirtschaftlichkeit in der Gesundheitsversorgung bei mehr Gesundheit und Lebensqualität für alle zu erhöhen. Das sehen nicht alle so. „Ärztinnen und Ärzte stehen entsprechenden Aktivitäten zu einer „strukturierten Medizin“ zum Teil mit großen Vorbehalten gegenüber“, schildern Hilbert und Kollegen ihre Erfahrungen. Zahlreiche Mediziner befürchteten, dass „notwendige medizinische Hilfen zu stark unter ökonomischen Gesichtspunkten bewertet und in der Folge sogar unterlassen würden“.

Die Studienautoren hoffen in Zukunft auf weniger Skepsis und mehr Mitgestaltungsbereitschaft unter den Ärzten und Ärztinnen. „Die Automobilbranche etwa musste schon vor rund zwei Jahrzehnten schmerzhaft zu der Erkenntnis gelangen, dass nur der, der herausragende Autos produziert, sie auch verkaufen kann“, so Lohmann. Ähnlich werde es auch der Gesundheitswirtschaft in Zukunft ergehen. Der Wettbewerb der Gesundheitsanbieter werde letztlich über die Qualität der Medizin entscheiden. „Und dazu brauchen wir die Mithilfe von Ärzten und Ärztinnen“, weiß Dr. Hilbert.

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Medizin, Studium

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9 Kommentare:

Dr. med. Stefan Krüger
Dr. med. Stefan Krüger

@Kochs: Stimme Ihnen voellig zu.
@Rosso: Ihren Abschlusssatz in Anlehnung an Sitting Bull “Erst wenn der letzte Arzt gegangen ist, werdet Ihr feststellen, daß Politiker, Gesundheitsexperten, Krankenkassen und Publizisten nicht heilen koönnen.” finde ich auch richtig gut und werde ihn fuer diesbezuegliche Diskussionen in in mein “Argumente-Repertoire” uebernehmen (selbstverstaendlich unter Beachtung Ihres copyrights), Danke.

#9 |
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@ Kochs. Sehr richtig.. das System demontiert sich selbst und setzt falsche Anreize…

#8 |
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Dr. Rudolf Kochs
Dr. Rudolf Kochs

Man reibt sich als Fachmann an der täglichen Krankheitsfront verwundert die Augen:
Das politische System ruiniert systematisch und nach Plan (oder vielleicht doch planlos) eine ehemals vorbildliche Gesundheitsversorgung mit ausschliesslicher Hilfe der Oekonomen,(Standes-)Politkader und politiknahen Medien und genau mit diese ziehen dann die optimierten Lösungsvorschläge aus den wohlpräparierten Taschen. Die dazu notwendige hochqualifizierte Arbeit sollen dann auch noch die demotivierten “Leistungserbringer” (Ärzte) mit entprofessionalisierter Arbeit, Empathie und Selbstlosigkeit leisten. Die Kontrolle dieser schönen neuen Welt werden dann selbstverständlich wieder die gut bezahlten und hochgeschätzten Ökonomen und Qualitätsmanager übernehemen!
G. Orwell war viel zu naiv und phantasielos um sich eine eine solche Welt vorstellen zu könenn.

#7 |
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Medizinphysiker

Alleine die Vokabeln “Gesundheitsanbieter”, “Wettbewerb” und “Gesundheitswirtschaft” lassen aufhorchen: Da sollen wohl die Ärzte und Ärztinnen zu Helfern bei der Liberalisierung dieser “Märkte” gemacht werden!
Nett der Vergleich mit der Automobilbranche. Zu ergänzen wäre noch:”..dass nur der “herausragende” Autos bekommen kann, der sie sich auch leisten kann! Was die Liberalisierung anrichtet, können wir übrigens täglich (beispielsweise bei den Finanzmärkten oder beim Strommarkt) erleben!

#6 |
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Altenpfleger

Entgegen der hier schon mehrfach geäußerten Meinung möchte ich gern mal bekannt machen: Empathie ist erlernbar!
Vielleicht haben Einige mehr Mühe dabei als Andere (Autismus und Psychosen sind dabei natürlich ein Handicap) aber grundsätzlich kann man Empathie lernen. Das gute alte Sprichwort “Was du nicht willst, das man dir tu, dass füg´ auch keinem Andern zu” wäre z.B. ein guter Einstieg dafür. Sich einfach mal vorstellen, was man fühlen würde, wenn Jemand das, was man gerade mit einem anderen Menschen tut, einem selbst antun würde. Das hilft, hat auch bei mir geholfen und dazu manche schmerzhafte Erfahrung.

#5 |
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Krankenpflegehelferin

Dann sollte man endlich Anfangen zusammen mit der Naturheilkunde sprich den Heilpraktikern zusammen zu arbeiten und nicht so zu tun als hätten die keine Ahnung.
Nicht umsonst geht der Trend immer mehr zur Naturheilkunde.
Auch beim Studium der Medizin sollte man anfangen einiges zu ändern und sich neu zu Orientieren.Die Zeit macht auch in diesem Studium nicht halt

#4 |
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Ich weiß nicht, ob man für solche Aussagen Studien braucht, allerdings finde ich schon, dass in bestimmten Bereichen dringend eine Reformierung der Studieninhalte erforderlich wäre. Ich hätte mir schon gewünscht, im Studium einige Aspekte zu Versorgungsstrukturen, ökonomischen Gesichtspunkten und Kommunikation mit Patienten kennenzulernen, auch wenn man das ja nicht vertieft bis zum Exzess treiben muss. Außerdem fände ich es sinnvoll, wenn bereits vor dem Studienbeginn zumindest die sozialen Kompetenzen der Studienanfänger übverprüft würden, da man sowas wie Empathie oder Teamfähigkeit eher schlecht lernen kann, sondern für so einen Beruf schlichtweg mitbringen sollte. Sparen könnte man sich nach meiner Auffassung dagegen die Auffrischung der Naturwisenschaften (Biologie, Chemie, Physik)in den ersten Semestern, schließlich muß man die ja am Gymnasium nicht abwählen, wenn man denn vorhat, Medizin zu studieren. Schlußendlich kann auch eine umfassende fächerübergreifende Ausbildung im Studium nicht schaden (spezialisieren kann man sich immer noch hinterher), aber aus meiner praktischen klinischen Erfahrung bin ich mir sicher, dass vielen Kollegen der Blick über den Tellerrand ihres Spezialgebietes manchmal gut tun würde (den Patienten im übrigen auch).

#3 |
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Ärztin

Träumen darf man ja ein bisschen. Aber abgesehen von der Tatsache, dass es nur hypothetisch gelingt die gesamte Lebenserfahrung altgedienter Mediziner unterschiedlicher Fachrichtungen in einem endlichen Studium mit ca 12 Semestern zu vermitteln sind auch die erleuchtesten Tausendsassas nur Menschen, die auch ein Privatleben haben sind und nicht als Babysitter einer Gesellschaft ohne Selbstverständnis für Eigenverantwortung funktionieren können.
Ein gut ausgebildeter Medizinkoordinator, der dem fachkompetenten Spezialisten vorgeschaltet ist ohne selbst Profit aus einer Behandlung zu ziehen sondern alleine an der kompetenten Vermittlung des Patienten an den richtigen Fachspezialisten verdient könnte das Chaos der Patientenversorgung wesentlich billiger lösen als ein Studium generale für alle Mediziner.

#2 |
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Dr.Med. Frank Heieck
Dr.Med. Frank Heieck

Einfach wunderbar! Jetzt haben wir endlich die kompettenten Lösungen, die natürlich von Leuten kommen, die sich schon vor Jahren aus dem ach so mühseligen Alltagsgeschäft entzogen haben und lieber in irgendwelchen nebulösen Instituten ganz tolle Studien machen . Dem Beitrag von Rosso kann ich nur zustimmen!
Auf in’s Ausland!

#1 |
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