Der Darm: Viel Charme statt falscher Scham

16. Juli 2014
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Darm? Igitt, eklig! Gespräche über den eigenen Stuhlgang oder Flatulenzen sind für viele tabu. Nicht für Giulia Enders. Die Medizinstudentin schrieb über ihr Lieblingsorgan sogar ein Buch, das ein Bestseller wurde. Wie eine 24-jährige die Menschen vom Charme des Darms überzeugt.

Giulia Enders studiert Medizin im 10. Semester an der Goethe-Universität in Frankfurt. Für ihre Doktorarbeit forscht die 24-jährige derzeit am Institut für Mikrobiologie und Krankenhaushygiene in Frankfurt am Main. Sie ist zweifache Stipendiatin der Wilhelm-und-Else-Heraeus-Stiftung. Ihr Buch „Darm mit Charme“ steht schon seit Monaten auf Platz 1 der SPIEGEL-Bestsellerliste. Mit einem ordentlichen Schlag Humor erklärte die Jungmedizinerin in letzter Zeit zudem in zahlreichen Talkshows, wie die Verdauung funktioniert und was es mit ihrem Lieblingsorgan, dem Darm, auf sich hat.

Dabei nimmt die 24-jährige kein Blatt vor den Mund. In ihrem Buch widmet sie sich schon zu Beginn der Frage ihres WG-Mitbewohners „Wie geht kacken?“ und bei Markus Lanz erklärte sie kürzlich wie „Pupsen“ geht. Gerade durch die unbekümmerte Alltagssprache, mit der sich Giulia dem vermeintlich peinlichen Organ zuwendet, erlangt sie viel Aufmerksamkeit in den Medien. Doch wie kommt eine so junge Medizinstudentin dazu, sich derart intensiv mit dem Darm auseinanderzusetzen?

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Giulia Enders © Gerald von Foris

Zur Medizin hat Giulia Enders ihre Neurodermitis gebracht, erzählt sie. Die Texte, die sie als Schülerin über ihre Krankheit studierte, hätten sie derart fasziniert, dass sie immer mehr erfahren wollte und immer mehr las. Sie fing an, sich für den Darm zu begeistern und entschloss sich, immer mehr über das unterschätzte Organ in Erfahrung zu bringen. 2012 wurde sie von einer Freundin dann auf einen Science Slam aufmerksam gemacht. In Science-Slams treten junge Wissenschaftler gegeneinander an und präsentieren vor einigen Hundert Zuhörern in populärwissenschaftlichen Kurzvorträgen neue Forschungsergebnisse – auf möglichst verständliche und unterhaltsame Weise.

Das Publikum entscheidet dann mit seinem Applaus darüber, wer den Wettstreit gewinnt. Gemeinsam mit ihrer älteren Schwester Jill, die in Karlsruhe Kommunikationsdesign studiert und ein Talent für lustige Zeichnungen hat, entwickelte Giulia Enders einen zehnminütigen Power-Point-Vortrag über jenes Organ, das sie, aufgrund seiner außerordentlichen Größe und seines „Wahnsinnspotenzials“, am meisten fasziniert. „Darm mit Charme“ gewann auf dem 6. Freiburger Science-Slam im Januar 2012 den ersten Preis. Ihre 10-minütige Ode an den Darm wurde bald darauf zum YouTube-Hit und Giulia Enders deutschlandweit bekannt. Wir haben mit der gebürtigen Mannheimerin über ihr „Schätzelchen“ gesprochen.

Peinlich war gestern

DocCheck: Giulia, warum wolltest Du Medizin studieren?

Giulia Enders: Damals habe ich gemerkt: Selbst wenn es mir nicht gut geht, kann ich stundenlang medizinische Texte lesen, weil ich es so spannend finde. Das fand ich schonmal eine gute Voraussetzung – und außerdem mag ich, dass man die Systeme der Natur besser verstehen lernt. Hier gibt es so einige geniale Mechanismen, die sich auf vieles im Leben übertragen lassen.

DocCheck: Wie bist Du auf die Idee gekommen, Dich so intensiv mit dem Darm auseinanderzusetzen?

Giulia Enders: Beim Lesen über den Darm war ich einfach am stärksten überrascht – etwas, was man generell für irgendwie peinlich hält, leistet so unglaublich viel für uns. Ob es ein gut trainiertes Immunsystem, die Versorgung mit Nährstoffen oder die Beherbergung von Billionen außerordentlicher Mikroben ist… hier schlummert ein unterschätzter Tausendsassa, der das Leben sehr angenehm machen kann, wenn man ihn gut behandelt.

DocCheck: Und wie kam es, dass Du beim Science Slam mitgemacht hast? War das nicht sehr viel Aufwand neben dem Studium?

Giulia Enders: Das habe ich damals an vier Wochenenden mit meiner Schwester zusammen gemacht. Aufwand war das natürlich schon – aber ich hatte damals Sehnsucht danach, mal wieder ganze Sätze zu schreiben und nicht nur etwas anzukreuzen. Das – und natürlich das Gefühl, Leuten da draußen mal zu sagen, wie toll der Darm in Wirklichkeit ist – war die Motivation für diese Arbeit.

DocCheck: Wie ist die Idee entstanden, daraus ein Buch zu machen? Hättest Du gedacht, dass das so ein großer Erfolg wird?

Giulia Enders: Die Idee kam von einer Literaturagentin aus Berlin, die damals auf mich zukam und fragte, ob ich über das Thema gerne ein Buch schreiben würde. Obwohl ich mir das mit 22 Jahren damals eher schwer vorstellen konnte, fand ich dann, dass ich so eine Chance zumindest ausprobieren muss. Wie groß oder nicht groß der Erfolg wird, war ehrlich gesagt nie so wirklich in meinem Kopf. Das Schreiben war schon so eine intensive Arbeitsphase an sich… da habe ich einfach nur daran gedacht, dass ich es so gut wie möglich machen will.

Darm gut, alles gut?

Ihr Buch schrieb Giulia nicht, um den Menschen komplizierte Darmkrankheiten wie Morbus Crohn oder Colitis ulcerosa zu erklären – dazu, gibt sich Giulia Enders bescheiden, habe sie noch lange nicht die nötige Kompetenz. Vielmehr, sagt sie, gehe es darum, bei den Menschen eine Begeisterung für den Darm zu wecken und aufzuzeigen, „wie edel der menschliche Körper gebaut ist“. So beschreibt sie nicht nur die einzelnen Stationen und den Aufbau des gesamten Verdauungstraktes, sondern geht auch auf Fragen ein, die sich wohl einige von uns, zumindest im Stillen, schon einmal gestellt haben. Die Ursachen für Verstopfung, Blähungen, Durchfall, Aufstoßen, Sodbrennen und Erbrechen erklärt die Jungmedizinerin dabei auf sehr amüsante Weise mit zahlreichen lustigen Skizzen ihrer Schwester, die das Ganze sozusagen in „Slow Motion“ zeigen. So schafft sie es, den Lesern ein eigentlich unangenehmes und hochkomplexes Thema näherzubringen. Medizinstudenten und Ärzte profitieren von der lockeren Sprache und lernen nebenbei viel Neues dazu. Aber welchen Zauber übt der Darm auf Giulia eigentlich aus?

DocCheck: Welche Dinge begeistern Dich am meisten am Darm?

Giulia Enders: Seine Kopflosigkeit! Ich mag, dass den Darm nicht interessiert, ob andere Pupse peinlich finden oder nicht. Ihn interessiert einzig und allein, wie es uns im Inneren geht. Er hat eben keine Ohren oder Augen, wie das Gehirn. Wenn da was zwickt oder nicht mehr gebraucht wird, muss es raus. Abgesehen von seinem ziemlich selbstständigen Nervensystem, faszinieren mich die Verbindungen zu anderen Organen. Wir kennen mittlerweile zum Beispiel die Darm-Leber-Achse oder auch die Darm-Hirn-Achse. Die vielen Mikroben, die über diese Achsen mit unserem Körper agieren, sind für mich das spannendste Forschungsfeld unserer Zeit. Sie läuten ein, dass wir uns gar nicht mehr nur mit Krankheiten beschäftigen (was natürlich primär sinnvoll und wichtig ist), sondern eben auch mit etwas, das ich gerne ‚Luxusforschung‘ nenne. Wir stellen Fragen, wie beispielsweise: Können manche Mikroben unsere Stimmung erhellen, uns mutiger machen oder beim Lernen helfen? Dass eine Schilddrüsenunterfunktion depressiv machen kann, ist allgemein anerkannt – was ist aber mit dem täglichen Hintergrundrauschen unseres Lebens, der Grundstimmung oder kleinen Eigenarten und Details. Hierin die Körperlichkeit zu suchen – ohne es dadurch irgendwie abzuwerten, sondern es bewundert nachzuvollziehen – ist für mich eine unglaublich kitzelnde Vorstellung.

DocCheck: Du hast eine sehr humorvolle Weise, über ein Thema zu sprechen, welches den meisten Nichtmedizinern sehr unangenehm ist. Wie kam es dazu? Sind manche Menschen nicht sehr irritiert?

Giulia Enders: Manchmal braucht es eine Minute, aber wenn mein Gegenüber dann gemerkt hat, dass ich es schlichtweg nicht peinlich finde, dann geht es eigentlich immer, ein ganz sachliches und neugieriges Gespräch zu führen. Früher fand ich den Darm auch irgendwie peinlich, aber je mehr man darüber weiß, desto eher schwindet falsche Scham.

DocCheck: Sollte dem Darm im Medizinstudium mehr Beachtung geschenkt werden? Kommt er zu kurz?

Giulia Enders: Als treuer Darmfan kann ich natürlich nur ‚Ja‘ sagen. Viele Grundlagen sind schon da und das ist gut so. Ich würde auch gar nicht sagen, dass die ganzen abgefahrenen neuen Forschungsergebnisse unbedingt schon auf dem Plan stehen müssten. Es gäbe aber schon das eine oder andere evidenzbasierte, das sicher auch für viele verschiedene Fachrichtungen spannend wäre.

DocCheck: In welche Richtung soll es denn später einmal gehen? Bleibst Du dem Darm treu?

Giulia Enders: Ich will Gastroenterologin werden. In diesem Bereich interessiert mich so ziemlich alles: Patienten, Forschung, Unterrichten oder auch Aufklärungsprojekte, wie jetzt eben das Buch. Die Aufgabe wird also sein, ein bisschen auszusieben und mich zu konzentrieren, um nicht tausend Sachen nur halb zu machen.

Mein Schwarm, der Darm

Giulia Enders wird ihren Weg finden. Ihre Doktorarbeit widmet sie schon einmal, wen wunderts, ihrem Lieblingsorgan. Speziell geht es um ein Bakterium, Acinetobacter baumannii, das womöglich noch „ausgefuchster“ sei als MRSA. Die Mirkoben des Darms haben es ihr angetan, vor allem der Einfluss, den die kleinen Helferchen auf unsere Stimmung, unseren Antrieb, unsere Lust und unseren Frust haben. Über die Darm-Hirn-Achse wirken sie an vielen unserer Gefühle mit. Auch das Gewicht, die Empfindung von Schmerzen oder die Entstehung von Krankheiten können die Bakterien entscheidend mitgestalten. Im renommierten Fachblatt „Nature erschien kürzlich eine Publikation, die den Einfluss der Darmflora sogar sehr wahrscheinlich als höher als den unserer Gene einstuft. Die Mikroben haben bei Erwachsenen ein Gesamtgewicht von eineinhalb Kilo. Sie gehören nach Meinung der Wissenschaftler zum Besten, das wir – neben Herz und Lunge – mit uns herumtragen. Eigentlich sehr beeindruckend, was der Darm alles leistet. Er hat sich seinen anrüchigen Ruf so gar nicht verdient. Das findet auch Giulia und versucht, sein Image aufzupolieren: „Was soll ich sagen? Ich habe mich in das unbeliebteste, merkwürdig aussehendste Organ verliebt – und ich finde auch heute noch: zu Recht!“

44 Wertungen (4.93 ø)

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3 Kommentare:

Eine ganze Reihe meiner Patienten/-innen kennen schon den YouTube-Hit von und mit Giulia Enders, seit ich sie auf diesen “Science Slam” aufmerksam gemacht habe. Ich finde es immer wieder erfrischend und Mut machend, offener in der hausärztlichen Allgemeinpraxis über “den Darm” reden zu können. MfG

#3 |
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Studentin der Humanmedizin

In Rohveganerkreisen redeten überzeugte Aerzte von den Menschen, die sich zu Sklaven ihrer eigener kiloschweren Darmflora machen, indem sie schlechte Kohlenhydrate, insb. Brote, essen, die die Darmbesiedler so gerne haben.
Ich finde es vielversprechend und erfreulich, dass nun eine junge Medizinstudentin das Thema äusserst kreativ aufgenommen hat bei allen Chancen, die ihr dazu geboten wurden. Ein entscheidender Karrièreschritt, den sie quasi spielenderweise gemacht hat, beim Leid der Neurodermitis, die sie auf demselben Weg überwand.
Ihr Buch wird wohl ein Frühlingswind sein für alle, die allergisch bedingt haut- und lungenkrank sind.

#2 |
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Student der Zahnmedizin

Na, dann kommt doch auch mal was Gutes von der Frankfurter Uni, hat mit mir angefangen die Giulia- toll, werde das Buch lesen

#1 |
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