Statine: Fett weg, Zucker da

22. Juli 2014
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Statine gehören weltweit zu den am häufigsten verordneten Arzneimitteln. Doch manche der Wirkstoffe können das Diabetesrisiko erhöhen. Forscher arbeiten nun daran, die molekularen Zusammenhänge dieses Phänomens zu verstehen und mit diesem Wissen gezielt auszuschalten.

In Deutschland wurden im Jahr 2012 laut Arzneiverordnungsreport so viele Statine verschrieben, dass etwa 4,5 Millionen Patienten damit versorgt werden könnten. Damit gehört diese Wirkstoffgruppe mit zu den am häufigsten verordneten Präparaten. Einerseits hemmen Statine die Neubildung von Cholesterin in der Leber, andererseits erhöhen sie die Anzahl der Antennenmoleküle für LDL-Cholesterin, vor allem auf den Leberzellen. Diese fischen daraufhin vermehrt LDL aus dem Blut – die Blutfettwerte normalisieren sich. Denn wer zu viel LDL-Cholesterin im Blut hat, hat ein erhöhtes Risiko, einen Herzinfarkt oder Schlaganfall zu erleiden.

Erhöhtes Diabetesrisiko, aber nicht immer

Dass die Einnahme von Statinen auch das Diabetesrisiko erhöhen könnte, war zuerst in der JUPITER-Studie von 2008 aufgefallen. Dort wurde dem Wirkstoff Rosuvastatin bescheinigt, die Rate von Neuerkrankungen am Typ-2-Diabetes um 27 Prozent zu erhöhen. Auch andere Studien lieferten auf ein Statin-bedingtes erhöhtes Diabetesrisiko. Bei einer Auswertung der Daten aus der NAVIGATOR-Studie zeigte sich eine Risikoerhöhung von 32 Prozent unter Statinen – oder anders ausgedrückt: auf je zwölf Patienten, die damit behandelt wurden, erkrankte innerhalb von fünf Jahren ein Patient neu an einem Diabetes Typ 2. Doch offenbar scheinen nicht alle Statine diesen Effekt auszulösen, da beispielsweise der Wirkstoff Pravastatin in der WOSCOPS-Studie das Diabetesrisiko um 30 Prozent gesenkt hatte.

Diabetesrisiko meist gering, aber vorhanden

Im letzten Jahr veröffentlichen kanadische Wissenschaftler eine Studie, in der sie in Kanada zugelassene Statine durch einen Vergleich mit Pravastatin auf diesen Effekt hin untersucht hatten. Dabei kam es unter der Therapie mit Rosuvastatin, Atorvastatin und Simvastatin tatsächlich häufiger zu Diabeteserkrankungen – allerdings in einem Ausmaß, bei dem die Vorteile in der Prävention von Herz-Kreislauf-Erkrankungen deutlich höher waren als das Diabetesrisiko (1 Diabetesneuerkrankung pro Jahr bei 172 mit Atorvastatin behandelten Patienten, bei 210 mit Rosuvastatin behandelten Patienten und bei 363 mit Simvastatin behandelten Patienten). Fazit: Auch wenn Statine offenbar nicht jeden Patienten gleich zum Diabetiker machen, scheint – zumindest bei manchen Wirkstoffen – ein erhöhtes Risiko dafür zu bestehen. Woran kann das liegen?

Statine lösen Entzündungsreaktion aus

Wissenschaftler haben nun untersucht, wie Statine auf molekularbiologischer Ebene mit der Entstehung eines Typ-2-Diabetes verbunden sein könnten. „Unsere Untersuchungen deuten darauf hin, dass Statine eine sehr spezifische Immunantwort auslösen, die Insulin davon abhält, richtig zu wirken“, so Jonathan Schertzer von der McMaster University in Ontario, Kanada. An Mäusen konnten die Wissenschaftler um Schertzer zeigen, dass die Statine Atorvastatin, Lovastatin, Simvastatin und Fluvastatin in Immunzellen und Fettgewebe eine bestimmte Entzündungsreaktion (IL-1β Sekretion von Makrophagen) aktivieren, die als Vorstufe für einen Typ-2 Diabetes gilt. Um diese Beobachtung zu prüfen, verabreichten die Wissenschaftler den Versuchstieren ein Antidiabetikum. „Wenn wir den Mäusen zu den Statinen Glibenclamid – einen Sulfonylharnstoff  – verabreichten, konnten wir damit die Entzündungsvorgänge unterbinden“, erklärt Schertzer, und weiter: „Der Wirkstoff kann offenbar verhindern, dass Statine eine fehlerhafte Insulinantwort auslösen.“

Nebenwirkungen gezielt ausschalten

In ihren Erkenntnissen sehen die Forscher neue Möglichkeiten, das Diabetesrisiko, das von einigen Statinen ausgeht, gezielt auszuschalten. Schertzer denkt dabei nicht nur an eine Zusatzmedikation: „Eventuell eignen sich auch natürliche Produkte oder Ernährungsstrategien, um die Nebeneffekte von Statinen zu umgehen.“ Das sollen zukünftige Untersuchungen am Pankreas, dem Ort des Geschehens, zeigen. Und wenn der entdeckte Entzündungsstoffwechselweg auch Grund für andere Nebenwirkungen von Statinen wie Muskelschmerzen oder lebensbedrohlichem Muskelversagen wäre, könnten die Forscher mit seiner Blockade gleich mehrere Fliegen mit einer Klappe schlagen. „Seit im Beipackzettel auf das Diabetesrisiko hingewiesen wird, sind viele Menschen, die regelmäßig Statine einnehmen, verunsichert. Zu Unrecht, denn für manche Patienten sind Statine sehr nützlich. Wir sollten uns darauf konzentrieren, die Biologie der Statine besser zu verstehen, um diese Medikamente zu verbessern“, so Schertzer.

Als unstrittig gilt, dass Statine bei der Behandlung von herzkranken Menschen oder Menschen mit einer genetisch bedingter Hypercholesterinämie einen großen Nutzen haben. Eine aktuelle Metastudie zeigte, dass auch Menschen mit erhöhtem LDL-Cholesterinspiegel, aber ohne kardiovaskuläre Vorerkrankungen von der Einnahme von Statinen profitieren.

110 Wertungen (4.32 ø)

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10 Kommentare:

Dr. Peter Zoller
Dr. Peter Zoller

Zuerst einmal sollen sich die Forscher und Mediziner mal einigen:
1. Die einen loben Cholesterine hoch (u.a. Simvastatine), die anderen kritisieren
es. Was ist nun – für den Laien – richtig ?
2. Die einen sagen “5 am Tag” und “viel Obst”; die anderen meinen 5 Mal am Tag
eine Nahrung zu sich zu nehmen sei ungesund und man sollte max. 3 Mal am
Tag essen und auch keine Zwischennahrung einplanen. Insbesondere sei viel
Obst wegen “Obstzucker” auch ungesund.
Was ist nun ???

#10 |
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Evi Wimberger
Evi Wimberger

Nicht außer acht lassen sollte man das metabolische Syndrom, Diabetes, Hyperlipidämien, Bluthochdruck, Adipositas hängen sehr eng zusammen. Wird nur mit Statinen behandelt und es ändert sich nicht der Lebensstil und die Ernährungsweise, dann ändert sich nicht viel. Übrigens sekundäre Pflanzeninhaltstoffe können den Entzündungsprozess hemmen. Grundsätzlich gilt das Prinzip 5 am Tag – 5 Portionen Obst und Gemüse. Nahrungsergänzungsmittel können als Ersatz für Gemüse kontraproduktiv sein, wie inzwischen Studien u.a. an der TU München-Weihenstephan zeigten.

#9 |
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Gast
Gast

..und weil Statine auch gleicheitig die Synthese von Q10 blockieren haben diese Pat einen Q10 Mangel der dann direkt in eine gestörte Mitochondrienfunktion und eine möglichen Herzinsuffizens mündet. Und es fehlt auch nicht an Hinweisen, dass Statine auch zu einem höhere Risko führen, an Alzheimer zu erkranken.

#8 |
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Alles schon lange bekannt und ignoriert worden! Je lipophiler die HMG-CoA-Reduktase- hemmenden Substanzen sind, desto toxischer wirkem Sie auf die Mitochondrien. Sie hemmen nämlich u.a. auch die Synthese von Coenzym Q10. Diese systemische zytotoxische Wirlubg scheint für Myopathien , Demenzförderung, Diabetesentwicklung und erhöhte Cancerogenität verantwortlich zu sein- gegenteilig lautende Studien halte ich für getürkt. Natürlixh sind es due einfachen Kohlenhydrate! Schöne Filmchen dazu: Statin Nation und Prof.Lustigs Vortrag ‘sugar, the bitter truth’. Literatur zur Cholesterin-Täuschung gibt es haufenweise, leider auch viel Schlechtes. Gut ist: la verité sur (le) cholesterol. Cholesterin ist übrigens eins der wichtigsten Moleküle des Lebens (Ursprung dee Steroidhormone) Gute Passagen dazu u.a. in den Büchern von Dr.Kuklinski.

Mit freundlichen Grüßen, Dr.Rocke, FAfAM

#7 |
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Biochemiker

Zwei Aspekte: Erstens, wie meine Vorredner schon richtig bemerkten, herrscht eine gewisse Confusion bei den Patienten bez. einer ‘fettarmen’ Diaet. Der Weg, den Zucker intrahepatisch beschreitet (De-Novo-Lipogenese aus Glucose/Fruktose: Nach der Glycolyse tritt Pyrovat in den Krebzyklus ein, wird zu Acetyl-CoA ein Teil davon wird ueber das Citrate Shuttle aus den Mitochondrien zurueckgesandt und wird vermittels ACL, ACC und FAS zu Acyl-CoA und somit schliesslich zu vLDL) ist nicht ausreichend bekannt. Viele ‘fettarme’ Produkte enthalten mehr Kohlenhydrate. Der Patient isst nun bona fides weniger Nahrungsfett und mehr Kohlenhydrate und die Leber produziert MEHR vLDL, welches dann dort auch verbleibt (Cave: Serum vLDL sagt nichts ueber den intrahepatischen Anteil, hier wird zum Teil nur verschoben).

Das gesteigerte DBM-II Risiko koennte sich somit auch hieraus wie folgt erklaeren: AcylCoA aktiviert JNK-1, dieses serinphosphoryliert IRS-1welches die inaktive Form von IRS-1 ist. Somit kann Insulin nicht mehr nicht mehr probat wirken, und der Insulinspiegel steigt kompensatorisch an (relative Insulinresistenz).

Take home: Man kann den Fettstoffwechsel nicht getrennt vom Zuckerstoffwechsel verstehen. Der unbestrittene Vorteil der Statine wird jedoch moeglicherweise durch (bewusste oder unbewusste) Ernaehrungsweisen konterkariert.

#6 |
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PS: noch ein Kommentar zu Herrn Florian Sarkars Bemerkung:
Nach der zitierten großen kanadische Studie (BMJ 05/ 2013, über 470.000 Patienten in der Kohorte) ist das Risiko am größten bei Atorvastatin:
“After adjustment for known confounders, and compared with patients treated with pravastatin, those treated with atorvastatin faced a 22% increase in the risk of new onset diabetes (adjusted hazard ratio 1.22, 95% confidence interval 1.15 to 1.29). We also observed a significantly increased risk among those treated with rosuvastatin (1.18, 1.10 to 1.26) and simvastatin (1.10, 1.04 to 1.17) compared with pravastatin (table 3⇓). In contrast, treatment with fluvastatin (0.95, 0.81 to 1.11) or lovastatin (0.99, 0.86 to 1.14) was not significantly associated with an increased risk of incident diabetes.”
Übersetzt: Atorvastatin +22%, Rosuva +18%, Simva +10% im Vgl. zu Pravastatin, mit Lova und Fluva ungefähr gleich Prava. Cave: es fand sich bei den individuellen Statinen keine klare Dosis-Wirkungs-Beziehung.

#5 |
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Gegen die Statin-Gläubigkeit ;)
Der Zusammenhang zwischen Statin-Einnahme und Diabetes ist möglicherweise viel einfacher: US-Studien weisen darauf hin, dass sich Patienten im Vertrauen auf die Wirkung der Statine im Mittel 10% mehr Kalorien gönnen. Das Diabetesrisiko ist eine direkte Funktion des Übergewichts …
Es ist also sehr wichtig, bei jeder Verordnung von Statinen wie auch anderen prophylaktischen Medikamenten (Antihypertensiva, ASS 100) darauf hinzuweisen, dass Lebensstilmaßnahmen dadurch nicht überflüssig werden.
Ganz im Gegenteil ist der Lifestyle insgesamt effektiver und damit bedeutsamer als die besten Statine.

#4 |
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Florian Sarkar
Florian Sarkar

Aus meiner Sicht ist das ein Bias. Wie schon von Herrn Pawlowsky erkannt, geht erhöhtes Cholesterin mit Fehlernährung einher, die eben auch das Diabetes-Risiko erhöht. Nicht umsonst ist das Risiko bei Rosuvastatin, welches das Cholesterin am aggressivsten senkt, das Medikament mit dem höchsten Risiko: Wer die stärkste Senkung nötig hat, hat eben auch das höchste Diabetes-Risiko.

#3 |
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Ernst Pawlowsky
Ernst Pawlowsky

Ja, Frau Winter: Ernährungsstrategie ist genau das Stichwort.
Dr. Nicolai Worm: “Menschenstopfleber”, da wird auch für Nicht-Mediziner sehr schön beschrieben, wie die Leber normalerweise aus überzähligen Kohlenhydraten VLDL macht, welches dann durch das Blut auf die Reise zu den Fettzellen geht, um dort unter Verbrauch von HDL zu LDL umgewandelt zu werden.
Wer also hat erhöhte LDL-Werte? Genau, alle diejenigen, die zuviele Kohlenhydrate essen, deren Insulinausschüttung sowieso schon hoch ist, die sowieso auf dem besten Weg zum metabolischen Syndrom sind.
Wird jetzt nur symptomorientiert das LDL durch Statine vermindert, die Kohlkenhydratzufuhr aber unvermindert fortgesetzt, muss theoretisch mehr Insulin ausgeschüttet werden, da ja “Einerseits hemmen Statine die Neubildung von Cholesterin in der Leber, andererseits erhöhen sie die Anzahl der Antennenmoleküle für LDL-Cholesterin, vor allem auf den Leberzellen. Diese fischen daraufhin vermehrt LDL aus dem Blut – die Blutfettwerte normalisieren sich.” also weniger Kohlenhydrate in Cholesterin umgewandelt werden können. Wird jetzt noch durch die angesprochenen Entzündungsreaktionen die Insulinwirkung vermindert, muß noch mehr Insulin ausgeschüttet werden, also wird dem Diabetes II deutlich Vorschub geleistet.
Einfach die Kohlenhydrate drastisch reduzieren, bringt einen Erfolg ohne Nebenwirkungen durch Pharmazeutika.
Ich selbst hatte trotz gesunder Vollwerternährung und viel Sport immer ( mehrere Jahrzehnte ) leicht erhöhtes Gesamtcholesterin und ein ungünstiges LDL zu HDL-Verhältnis. Allerdings habe ich, bedingt durch den Sport, immer viele Kalorien, überwiegend Kohlenhydrate in Form von Vollkornbrot, -nudeln und Vollwertreis zu mir genommen. Eine Umstellung auf Kohlenhydratarme Ernährung vor 1,5 Jahren brachte den Durchbruch: jetzt habe ich einen HDL-Wert von 85 :-) und alles ist paletti, genau, wie N. Worm es in seinem Buch prognostiziert hat.

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Heilpraktikerin

„Eventuell eignen sich auch natürliche Produkte oder Ernährungsstrategien, um die Nebeneffekte von Statinen zu umgehen.“
Vor allem eignen sich natürliche Produkte oder Ernährungsstrategien, um die VERWENDUNG von Statinen zu umgehen!!!

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