Sportverletzungen: Wenn der Barfuß-Schuh drückt

10. Juli 2014
Teilen

Während Läufer über Jahrzehnte auf dämpfende, stützende Fußbekleidung gesetzt haben, erleben Barfuß-Schuhe in letzter Zeit einen wahren Boom. Innovatives Schuhwerk soll den natürlichen Gang simulieren, heißt es von Herstellern. Sportler erleiden jedoch mehr Verletzungen.

Barfuß-Schuhe bestehen aus einer flexiblen Sohle ohne Fußbett, um beim Laufen den Boden zu spüren. Auch die Zehen haben hinreichend Platz. Ein Mehrwert: Während uns festes Schuhwerk zum Fersengang zwingt, gelingt mit Barfußschuhen der Ballengang, betonen Hersteller.

Schuhkauf für die Wissenschaft

Mittlerweile haben Forscher gesundheitliche Aspekte der innovativen Fußbekleidungen untersucht. Beispielsweise fanden italienische Kollegen heraus, dass Barfußschuhe im Gegensatz zu normalen Laufschuhen dem wünschenswerten Gangmuster sehr nahe kommen. Auch hinsichtlich des Stoffwechsels wird natürliches Barfußlaufen simuliert, schreiben britische Wissenschaftler in einer Veröffentlichung. Alles nur eitel Sonnenschein? Sicher nicht.

Flucht nach Vorne

Entsprechende Studien sind in den USA stark umstritten. Schließlich mussten sich sogar Gerichte mit dem Wohl und Wehe von Barfußschuhen befassen. Grund genug für Vibram, Käufern auf freiwilliger Basis Entschädigungszahlungen anzubieten, um Sammelklagen abzuwenden. Ein Vorwurf lautet, wissenschaftliche Studien beim Marketing überinterpretiert zu haben. Gleichzeitig verpflichtet sich besagter Hersteller, keine Werbebotschaften zum angeblichen Muskelaufbau und zur vermeintlich niedrigeren Verletzungsgefahr zu machen, bis mehr Klarheit herrscht. Neue Studien hinterlassen zumindest ein Fragezeichen.

Riskantes Rennen

Michael Ryan vom Centre for Musculoskeletal Research der australischen Griffith University hat jetzt Verletzungsrisiken untersucht. Er rekrutierte 103 Männer und Frauen zwischen 19 und 50 Jahren, die fünf oder mehr Jahre Lauferfahrung mitbrachten. Für sie gab es entweder einen Laufschuh mit zeitgemäßer Dämpfung (Nike Air Pegasus 28), ein leicht minimalistisches Modell mit flexiblen Kerben an der Sohle (Nike Free 3.0 V2), oder einen typischen Barfußschuh (Vibram Five Fingers). Nach zwölf Wochen Training inklusive Zehn-Kilometer-Lauf wertete Ryan Daten von 99 Sportlern aus. Insgesamt erlitten 23 Personen Blessuren. Bei Barfußschuhen kam es zu sieben Verletzungen, aber signifikant häufiger zu Schmerzen am Schienbein beziehungsweise an der Wade. Vier Sportler in klassischem Schuhwerk und zwölf im leicht minimalistischen Modell konnten aufgrund von Beschwerden an drei aufeinanderfolgenden Trainingseinheiten nicht teilnehmen. Damit bietet die Studie neue Argumente für klassisches Schuhwerk.

5 Wertungen (3.8 ø)

Die Kommentarfunktion ist nicht mehr aktiv.

9 Kommentare:

Chirurg
Chirurg

@Herr Sven Janner, da ist sicher viel wahres dran, es betrifft insbesondere den wachsenden Fuß, also die Kinder.
Ich kannte einen Orthopäden, der hat Kinder zum Ballet geschickt,
die meisten sind da aber nicht hin gegangen.
Aus gesundheitlicher Sicht im Alter steht eindeutig im Vordergrund,
dass der Mensch überhaupt den aufrechten Gang so lange wie möglich beibehält.
Auch das Gehirn, das nach Meinung der Fachleute wesentlich älter werden könnte, ist auf einen intakten “Stoffwechsel” angewiesen, der aber von der “Peripherie” dominiert wird.
Und wegen der Muskelmasse ist “das Laufen” hier “am Ende” entscheidend,
Ausnahmen immer eingeschlossen.
Der “Rollator” hat also 2 Gesichter,
das negative ist die zu frühe Aufgabe des aufrechten Gangs.

#9 |
  0
Sven Janner
Sven Janner

@Chirurg: Ich ergänze und sage, dass sich meine Aussage auf gesunde, Funktionsfähige Körperteile bezieht. Ich stelle in Frage, dass ein gesunder Fuß mit Stützen und Dämpfung ausgestattet werden muss. Im Gegenteil, er wird unterfordert und Muskulatur, Knochen etc. bauen ab.

Zum entzündeten Blinddarm kann ich nichts sagen. Ich stelle mir an dieser Stelle die Frage, ob es klar ist, dass er ohne OP gestorben wäre? Aber das steht auf einem anderen Blatt. Ich bin froh, dass die Medizin so weit ist, dass ich Möglichkeiten habe, mein Leben zu verlängern.

Aber auch hier gilt, dass die Medizin eben nicht immer richtig lag und liegt. Und das ist meines Erachten bei Schuhen, Einlagen etc. der Fall.

#8 |
  0
Chirurg
Chirurg

@Sven Janner:
“Meines Erachtens liefert die Natur immer die beste Lösung”
So drastisch wollte ich das nicht formulieren, als ein “Grüner” bei mir wegen Blinddarmbeschwerden auftauchte.
Aber ich konnte mir nicht verkneifen ihn zu fragen,
ob es wirklich sein Wunsch sei, in den Lauf der Natur so drastisch einzugreifen.
Darauf wurde er in der Tat unsicher und antwortete mit einer Gegenfrage:
“Wie meinen Sie das jetzt, was hat denn die Natur nun mit mir vor?”
Darauf konnte ich nur antworten:
Die Natur möchte offensichtlich dass Sie sterben.
@Sven Janner, nicht immer.

#7 |
  0
Sven Janner
Sven Janner

Meines Erachtens liefert die Natur immer die beste Lösung. Aus diesem Grund bin ich der Meinung, dass der Fuß nicht durch Schuhwerk gestützt werden muss. Dass in o.g. Studie Verletzungen auftraten ist nicht verwunderlich. Wenn Füße 20 oder 30 Jahre lang unterfordert waren, die Muskulatur, die Knochen und Sehnen also unterentwickelt sind, können diese Defizite nicht in 12 Wochen behoben werden. Alles was nicht gefördert wird, baut der Körper ab. Ob Muskeln, Knochen, Sehnen oder das Gehirn….

#6 |
  0
Arzt
Arzt

Manche laufen ja auch bis ein Knochen bricht (“Marschfraktur”)

#5 |
  0
Gast
Gast

@Gast #3
Ich bin da voll und ganz Ihrer Meinung.
Wer waren eigentlich die Sponsoren bei der Untersuchung an der australischen Universität?

#4 |
  0
Gast
Gast

Als ein begeisterter Barfußschuhläufer verwundert mich Ryans Studie nicht. 12 Wochen ist viel zu kurz, um eine Anpassung des Bewegungsapparates an eine völlig andere Lauftechnik zu erreichen. Die Muskeln und Sehnen eines Normalschuhläufers sind viel zu unterentwickelt, um mit dem Barfußschuh über den Ballen genau so schnell und lange zu laufen wie mit einem gedämpften Schuh über die Ferse. Wer auf einen Barfußschuh umsteigt, sollte ca. 1 Jahr gezieltes Aufbautraining für Muskeln, Sehnen aber auch Stabilität bzw. Balance kalkulieren.

#3 |
  0
Dr.Bayerl
Dr.Bayerl

Ich kenne viele Sportler mit Fußproblemen,
auch Übergewichtige sollten nicht den Ehrgeiz haben zu laufen.
Wichtig ist aus “orthopädischer” Sicht nicht unbedingt die Bequemlichkeit,
sondern – bei freier Zehenbeweglichkeit – ein guter SEITLICHER Halt,
deshalb die festen Lederschnürschuhe des Sprinters.
Und deshalb sind die offenen Holzpantoffeln weniger gut weil der Fuß darauf wie ein Mehlkuchen “auseinanderfließen” kann.
Als “Test” kann man einen Patient mit “Fußschmerzen” mit einer recht festen elastischen Binde, nur der Vorfuß, Zehen immer frei, wickeln (Klebeverband) und damit durchs Zimmer laufen lassen. Die meisten sind dabei nach ca. 10 Schritten schmerzfrei.

#2 |
  0
Dr.Bayerl
Dr.Bayerl

Nun ja, den “klassischen Schuh” gibt es halt auch nicht, schon gar nicht im Sport.
Deshalb muss man schon etwas genauer definieren, was man mit was vergleicht.
Zweifellos hat die “Schuhtechnik” gerade aus den Sportschuhimpulsen große Fortschritte gemacht und die Verletzungsgefahr bei punktuelle Spitzenbelastung VERMINDERT.
Dabei geht es nicht einfach um “Polsterung”, sondern um Verhinderung der verstärkten “physiologischen” Deformation bes. Richtung Spreiz- und Plattfuß.
Die Ferse hat der liebe Gott so schön gepolstert, dass man auch drauf treten darf.
Wer mehr Muskeltraining (Stoffwechsel) wünscht, das ist immer gut, der wählt eine gewölbte Abrollersohle (z.B.MBT), die aber nichts mit Barfußabrollen zu tun hat und trotzdem wirkt. Ist nur nicht zum “Rennen” geeignet.
Da jeder Fuß etwas verschieden ist, besteht die Kunst in der optimalen INDIVIDUELLEN Anpassung des Schuhs an den Fuß.

mfG

#1 |
  0


Copyright © 2017 DocCheck Medical Services GmbH
Sprache:
DocCheck folgen: