Hausarzt – nein danke!

6. Juni 2012
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Der Hausarzt ist für die meisten Patienten erster Anlaufpunkt im Krankheitsfall und eine Vertrauensperson. Dennoch entscheiden sich immer weniger Medizinstudierende für eine Karriere als Hausarzt. DocCheck beleuchtet die Gründe für den Hausarztmangel und mögliche Gegenmaßnahmen.

Der Hausarzt als Alleskönner

Für die Studierenden erscheint die Aussicht, Hausarzt zu werden, nicht besonders reizvoll. Sie wollen an die Universitätsklinik, Karriere machen, wollen dahin, wo die „Action“ ist – nicht „nur Überweisungen schreiben“. Aber ist das tatsächlich so? Ist der Hausarzt wirklich „nur“ Mittelsmann zwischen Krankem und Facharzt oder steckt viel mehr dahinter? Und wie versuchen Unis und Bund, Studierende wieder mehr für dieses Fach zu begeistern? Die häufige Annahme, Hausärzte hätten lediglich eine „Siebfunktion“, seien die „Leitstelle“ für Patienten und eigentlich nur fürs Überweisen zum Spezialisten da, ist allseits bekannt aber auch schnell widerlegt: Im Grunde genommen ist nämlich genau das Gegenteil der Fall.

Hausärzte müssen für ihre tägliche Arbeit Alleskönner sein. Sie müssen ein breites Spektrum an medizinischem Wissen in sämtlichen Fächern abdecken. Ihre Arbeit beginnt schon vor der manifesten Erkrankung eines Patienten: mit der Prävention. Neben den Klassikern wie Infektionskrankheiten, Krankheiten des Bewegungsapparates und Atemwegsinfekten müssen sie auch im Stande sein, einen akuten Myokardinfarkt, einen Anaphylaktischen Schock und andere Notfälle in der Akutsituation zu behandeln. Und nicht nur das: Niedergelassene Allgemeinmediziner sind häufig nicht nur Helfer in der medizinischen Not, sondern auch in anderen Lebensbereichen.

Das liebe Geld

Viele Patienten kommen mit persönlichen und privaten Problemen zu dem Arzt ihres Vertrauens. Das heißt, auch Seelsorge fällt in den Tätigkeitsbereich des Arztes. Der Allgemeinmediziner ist also derjenige, der seinen Patienten am besten kennt – von oben nach unten, von innen nach außen – er kann den Patienten nicht „entlassen“ und den Fall damit schließen, sondern begleitet viele seiner Patienten oft lebenslang. All das erfordert zusätzlich zur medizinischen Kompetenz auch einen hohen Grad an sozialer Kompetenz, viel Flexibilität, Verständnis und Geduld. Durch zahlreiche Hausbesuche lernt der Hausarzt seinen Patienten zusätzlich sogar in seinem privaten Umfeld kennen, was einen noch engeren Kontakt und besseren Überblick schafft. Wem diese Argumente für die Bedeutung der allgemeinmedizinischen Versorgung noch immer nicht genügen, dem sei gesagt: 4 von 5 Patienten können in einer Hausarztpraxis erfolgreich behandelt werden und müssen gar nicht erst einen Facharzt aufsuchen.

Nach wiederholten Beschwerden, Hausärzte würden in Anbetracht ihres Aufgabenspektrums zu wenig verdienen, verbesserte die Honorarreform 2009 die gehaltliche Stellung der Hausärzte gegenüber ihren Kollegen. Im Schnitt bleiben ihnen etwa 100.000 Euro pro Jahr – etwas mehr sogar als der durchschnittlichen Facharztpraxis. Dies variiert natürlich stark von Praxis zu Praxis und stellt lediglich den von der KVB berechneten Durchschnitt dar.

Just do it

Trotz der abwechslungsreichen und vielseitigen Tätigkeit und keinen schlechten Verdienstaussichten, wird der Mangel an Hausärzten in Deutschland immer dramatischer. Rund 12.000 Allgemeinmediziner werden in den kommenden Jahren laut KVB in Stadt und Land fehlen. Der Hartmannbund befragte Studenten und kam zu dem Ergebnis, dass sich nur 9% der Medizinstudenten vorstellen können, in einer eigenen Praxis auf dem Land tätig zu sein – während nach Schätzungen der Bundesärztekammer in den nächsten zehn Jahren bundesweit bis zu 50% der Hausärzte altersbedingt aus dem Berufsleben ausscheiden.

Viele Universitäten und Institutionen sehen es daher nun als ihre Pflicht zu handeln:

In Bonn wurde beispielsweile ein Institut für Hausarztmedizin am Uniklinikum gegründet, das die Annäherung der Studenten an dieses Fach schon möglichst früh gewährleisten und für eine fachübergreifende Ausbildung und einen soliden Überblick sorgen soll. Referiert wird aus der Praxis von niedergelassenen Kollegen und es besteht enge Zusammenarbeit mit den Lehrpraxen, in denen die Studenten den Alltag des Hausarztes kennenlernen sollen und auch Famulaturen und das Praktische Jahr absolvieren können.

Steigerung des Interesses

In Sachsen-Anhalt führten die Kassenärztliche Vereinigung, die AOK und das Gesundheitsministerium 2008 ein Stipendienprogramm ein, das angehende Ärzte dazu motivieren soll, in der allgemeinmedizinischen Versorgung auf dem Land tätig zu werden. Im Rahmen des Programmes wurden bis 2013 rund 50 Stipendien zur Verfügung gestellt – ab dem vierten Studienjahr werden die Stipendiaten zwei oder drei Jahre lang finanziell unterstützt und verpflichten sich im Gegenzug, eine Zeit nach dem Studium als Vertragsarzt auf dem Land zu arbeiten. Warum dieses Programm so attraktiv ist, könnt Ihr in diesem Videointerview mit einer der Stipendiatinnen hören sowie in einem interessanten Artikel aus dem Ärzteblatt lesen. Anspruch auf diese Förderung haben übrigens Medizinstudenten deutschlandweit.

Die Bundesärztekammer betreibt bereits seit einigen Jahren das „Förderprogramm Allgemeinmedizin“, um das Interesse angehender Mediziner am Fach zu steigern. Das Programm umfasst mehr Werbung bei Studierenden, Erleichterung der Weiterbildung, Anreize zur Niederlassung sowie Verbesserung der Rahmenbedingungen in der hausärztlichen Praxis.

Motivation statt Zwang

Allerdings kann man auch ein wenig über das Ziel hinausschießen, wie beispielsweise der Bundesrat, der kürzlich den Einfall hatte, das Wahltertial des PJs gegen ein Pflichttertial Allgemeinmedizin auszutauschen, beziehungsweise zu kürzen. Die neue Regelung zum Pflichttertial sollte ab 2018 in Kraft treten. Die meisten Studierenden waren damit allerdings gar nicht einverstanden. In vielen Städten gab es Protestaktionen, mehr als 14.000 Medizinstudierende unterzeichneten die Petition gegen das Pflichttertial Allgemeinmedizin. Glücklicherweise zeigten die Protestaktionen Wirkung. Das PJ bleibt somit, im weitesten Sinne, wie es ist. Mehr dazu könnt ihr auch im kürzlich erschienenen DocCheck-Artikel „Bloß kein Zwang“ nachlesen.

Eins ist vermutlich jedem klar: Durch Zwang wird die Versorgung mit Allgemeinmedizinern in Deutschland sicherlich nicht hergestellt. Da plädiere ich doch eher für das Bonner Modell, wo sich bisher bereits 17 Studierende freiwillig für ein Tertial in einer der Hausarztpraxen entschieden haben – Tendenz steigend. Auch andere Studenten und Fachleute sind der Meinung: „Es sollte mehr Lehrstühle für Allgemeinmedizin geben und das Qualitätsmanagement der Ausbildung in den Praxen verbessert werden, so dass mehr Studenten Lust darauf bekommen, im PJ in eine Hausarztpraxis zu gehen.“ Motivation statt Zwang also. Bleibt nur zu hoffen, dass sich andere Unis dem anschließen und durch attraktivere Lehrmodelle das Interesse an der Hausarzttätigkeit fördern, damit die Studenten so ein besseres Bild und einen umfassenderen Einblick in dieses spannende Fach gewinnen können. Dann würden vermutlich viel mehr diesen Weg freiwillig gehen, so wie Dr. Stephan Salditt beispielsweise, der sich entschloss, die Landarztpraxis seines Vaters zu übernehmen und es nicht bereut: Videointerview mit Dr. Stephan Salditt

Wer sich nun bereits für den Facharzt für Innere und Allgemeinmedizin begeistert, dem sei gesagt, dass es seit 2006 eine neue Weiterbildungsordnung gibt: Den praktischen Arzt (direkt vom Studium in die Praxis) gibt es leider nicht mehr. Die Ausbildung umfasst nun zwei Jahre Tätigkeit in der stationären internistischen Versorgung, mindestens 18 Monate in der ambulanten hausärztlichen Versorgung sowie anderthalb weitere Jahre in wahlweise einem der Beiden. Des Weiteren kann ein halbes Jahr Chirurgie angerechnet werden. Genug Zeit also, um das nötige Wissen und die Erfahrung für die eigene Praxis zu sammeln und danach als Alleskönner durchzustarten!

Weitere Informationen zum Thema Hausarzt findet Ihr unter anderem auf folgenden Seiten:

27 Wertungen (4.26 ø)
Studium

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2 Kommentare:

Liebe Kerstin, Du hast natürlich völlig Recht – solche Zahlen sind nur im Gesamtzusammenhang wirklich eindrücklich und gut verständlich. Im Schnitt beenden ca. 10.000 Medizinstudenten pro Jahr in Deutschland ihr Studium. 9% davon sind also 900, die sich vorstellen können, sich als Hausarzt niederzulassen. Wenn man diese Zahl (angenommen es ändert sich nichts daran) auf zehn Jahre hochrechnen, kommt man auf 9.000 potentielle Hausärzte. Derzeit gibt es ca. 35.000 niedergelassene Hausärzte (also die auch wirklich ambulant in einer Praxis tätig sind) in Deutschland. Davon wiederum 50% wären dann 17.500, die in den nächsten 10 Jahren in Rente gehen (ca. 2/3 sind über 50 Jahre alt) . Die somit gerechneten 9.000 Medizinabsolventen werden diese Lücke nicht füllen können. Natürlich gehen diese Zahlen vom aktuellen Stand aus – aber so ist das in der Statistk ja meist ;) Alle Zahlen wurden von der Bundesärztekammer erhoben und können dort auch nachgelesen werden. Dort kannst Du auch noch mehr interessante Informationen zu Medizinstudium und Artzberuf in Zahlen finden: http://www.bundesaerztekammer.de/page.asp?his=0.3 Ich hoffe, das beleuchtet das ganze etwas besser.

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Studentin der Humanmedizin

Interessanter Artikel, aber mit den Protzentzahlen zu jonglieren finde ich fragwürdig: 9% der Medizinstudenten, die sich eine Karriere als Hausarzt vorstellen können, erscheint viel weniger als 50% der Allgemeinmediziner, die ausscheiden werden. Aber wie sind denn die Konkreten Zahlen? 9% von 100 ist nämlich das gleiche wie 50% von 18…

#1 |
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