Nocebo-Effekt: Vermeidungsstrategien betrachtet

9. Juli 2014
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Wie können aktuelle wissenschaftliche Erkenntnisse zu Nocebo-Effekten in der medizinischen Forschung und Praxis umgesetzt werden, um die Wirksamkeit und Verträglichkeit von medizinischen Behandlungen zu verbessern? Dieser Frage sind Forscher nun nachgegangen.

Experimentelle und klinische Studien belegen, dass ein Großteil der unerwünschten Wirkungen im Rahmen von pharmakologischen (und anderen) Behandlungen nicht auf das Medikament selbst zurückzuführen ist. Erstaunlicherweise entwickeln die Patienten in klinischen Studien, die gar nicht mit dem Medikament, sondern einem Placebo behandelt werden, dieselben Nebenwirkungen. Genauso berichten viele Patienten, dass es beim Wechsel von Originalpräparaten zu sogenannten Generika zum vermehrten Auftreten von Nebenwirkungen kommt, obwohl das Generikum den identischen Wirkstoff enthält. Diese Beispiele illustrieren, dass psychologische Faktoren, wie die Erwartung des Patienten bezüglich der Verträglichkeit von Behandlungen das tatsächliche Auftreten von unerwünschten Wirkungen stark beeinflusst.

Die individuellen Erwartungen und Überzeugungen von Patienten beeinflussen nicht nur die Verträglichkeit, sondern auch die Wirksamkeit von medizinischen Behandlungen. Dies zeigen Medikamentenstudien, in denen die Erwartung der Patienten bewusst beeinflusst wird. Diese Studien belegen, dass eine positive Erwartung bezüglich der Wirksamkeit die Wirkung von Schmerz-, oder Migränemedikamenten verdoppeln kann, während eine negative Erwartung dessen Wirksamkeit reduziert, oder sogar komplett aufheben kann.

Der Nocebo-Effekt

Ähnliches konnte für eine negative Vorerfahrung mit medizinischen Behandlungen gezeigt werden, die auch das Ansprechen auf einen nächsten, ganz anderen Therapieversuch negativ beeinflussen können. Diese negativen Einflüsse von negativen Überzeugungen, negativen Vorerfahrungen oder Angst bezüglich Wirksamkeit und Verträglichkeit von medizinischen Behandlungen bezeichnet man als Nocebo-Effekte.

Die Beschwerden, die durch Nocebo-Effekte ausgelöst werden, lassen sich im Körper nachweisen. Auch wenn der Nocebo-Effekt neurowissenschaftlich noch lange nicht so gut erforscht ist wie sein positiver Zwilling – der Placebo-Effekt – weiß man, dass Nocebo-Effekte spezifische Korrelate im zentralen Nervensystem und im peripher-physiologischen System haben.

Nocebo-Effekte können verheerende Folgen für die Verträglichkeit und Wirksamkeit von medizinischen Behandlungen haben und dazu beitragen, dass Patienten indizierte und ggf. lebensverlängernde Therapien nicht fortführen. Die erhebliche Bedeutung von Nocebo-Effekten für das Scheitern von medizinischen Behandlungen wird im klinischen Alltag unterschätzt.

Wirkweise von Nocebo-Effekten

Basierend auf neuen wissenschaftlichen Erkenntnissen zur Wirkweise von Nocebo-Effekten postulieren die Autoren in der aktuellen Veröffentlichung praktische Strategien, um den negativen Einfluss von Nocebo-Effekten auf das Outcome von medizinischen Behandlungen zu reduzieren. Diese umfassen verschiedene Ebenen des Gesundheitssystems und reichen von der Ausbildung von Ärzten und anderen Heilberufen, über die klinische Praxis, aber auch über rechtliche Aspekte (Gestaltung von Beipackzetteln) bis hin zum Umgang der Medien.

Erster wichtiger Schritt wäre es, das Bewusstsein zu schaffen, welchen starken Einfluss jeder Beteiligte im Gesundheitssystem auf die Entwicklung von Nocebo-Effekten hat, sagen die Autoren. Daraus muss sich die Verantwortung ableiten, Nocebo-Effekte möglichst zu reduzieren, oder sogar ganz zu vermeiden. Für die Vermeidung von Nocebo-Effekten im klinischen Alltag spielt eine wissenschaftlich fundierte Kommunikationskompetenz der Behandler eine ganz entscheidende Rolle. Die Kommunikation zwischen Behandlern und Patienten ist ein mächtiges Instrument, um die psychologischen Triebfedern von Nocebo-Effekten, nämlich Erwartung- und Lernmechanismen positiv zu beeinflussen. So kann negativen Überzeugungen, negativen Behandlungserfahrungen, Missverständnissen und daraus resultierenden Sorgen und Ängsten vorgebeugt werden.

Schwächung des therapeutischen Bündnisses

Die Medizin hat in den vergangenen Dekaden dramatische Fortschritte in den diagnostischen und therapeutischen Möglichkeiten verzeichnet. Diese Entwicklung und die damit verbundene Spezialisierung haben aber auch ihre Schattenseiten. Arzt-Patienten-Kontakte finden im Minutentakt statt. Das Ungleichgewicht aus diagnostischen Möglichkeiten und dem ärztlichen Gespräch führt zu einer Schwächung des therapeutischen Bündnisses.

Die Implementierung von Mechanismus-basierten Strategien zur Vermeidung von Nocebo-Effekten verspricht dieser Entwicklung entgegen zu arbeiten, um die Wirksamkeit und Verträglichkeit von medizinischen Behandlungen zum Wohle des Patienten zu verbessern. Hierbei spielt die Kommunikation eine zentrale Rolle, was auch in der Ausbildung von Heilberufen abgebildet sein sollte, so die Autoren.

Originalpublikation:

Avoiding Nocebo Effects to Optimize Treatment Outcome
Ulrike Bingel et al.; Journal of the American Medical Association, doi: 10.1001/jama.2014.8342; 2014

28 Wertungen (4.64 ø)

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6 Kommentare:

Dr.Bayerl
Dr.Bayerl

Und genau deshalb muss der Arzt die Möglichkeit behalten, die Auswahl beim Rezeptieren selbst zu treffen und nicht die AOK,
sein gedeckeltes Arzneimittelbudget hat er sowieso.

#6 |
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g.kruse
g.kruse

@2 und 4
Leider ist es mit Original und Genericum doch nicht so einfach. Clindamycin 600 mg ist ein in der Zahnmedizin häufig verordnetes Antibioticum.
Verordne ich meiner Frau Clinda-saar 600, verträgt sie es problemlos, verordne ich ihr ein Genericum, hat sie meist massive Durchfälle. Ist das ein Noceboeffekt?
NEIN!!
Clinda-saar ist laktosefrei, Generica in den meisten Fällen nicht. Da meine Frau eine Lactoseintolleranz hat, ist der Tablettenhilfsstoff für diese Unverträglichkeit verantwortlich.
Das heist aber, die Galenik ist sehr wohl für die unterschiedliche verträglichkeit verantwortlich und das ist bei sehr vielen Medikamenten so

#5 |
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Wilfried Bucher
Wilfried Bucher

@ #2 Ihr Beitrag ist eine hervorragende Bestätigung des Artikels. Die Annahme, dass ein Generikum mehr/andere Nebenwirkungen zeigt, führt bei ihnen genau zu dem angesprochenen Nocebo-Effekt.
Das Original führt aber leider auch bei vielen Patienten zu Magen-/Darmbeschwerden und ich bin mir sicher, in einer Doppelblindstudie würden sie Original nicht von Generikum unterscheiden.

#4 |
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Gast
Gast

Es gibt Dinge, die kann man schlecht verhindern.
Wie häufig gibt es Studenten, die glauben, sie leiden an Tbc, wenn die gerade beim Studium gelehrt wird, unspezifische Symptom, etwas Nachtschweiß etc.
Ärzte gelten gerade deshalb ja auch als schlechte Patienten, weil sie zu viel wissen.
In der ersten AIDS-Welle gab es auch viel Unsicherheit.
Meine Erfahrung ist:
Unsicherheit selbst ist eigentlich das Schlimmere für den Pat.
Im Zweifelsfall also eine Untersuchung machen, die die offene Frage beantwortet.

Zu#2, na klar kann das sein, auch die “Gelenik”, also die Zubereitung ist wichtig,
nicht nur der Wirkstoff.

#3 |
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Nichtmedizinische Berufe

Der Wirkstoff ist nicht alles – Könnte ein Generikum nicht tatsächlich schlechter vertragen werden, weil Hilfsstoffe etc. unterschiedlich sind und das neue Medikament in der Tat etwas anders verstoffwechselt wird? Ich persönlich vertrage nur das Original – Voltaren, von Diclofenac – Generika bekomme ich Magenschmerzen.

#2 |
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Biochemiker

Cave: Auch eine prognostische Aussage auf statistischer Basis zu der Patientenfrage ‘Herr Dr. wie lange habe ich denn noch?’ koennte sich so schnell mal in eine self-fulfilling prophecy verwandeln…

#1 |
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