Patientenrechte: Raubtierfütterung im Kassenzoo?

11. Juli 2014
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Gesetzliche Krankenversicherungen setzen Mitglieder unter Druck, berichten Patientenschützer. Im jetzt vorliegenden Bericht zeigen sie auch Schwachstellen bei der pharmakologischen Beratung und bei Fragen zum Leistungsrecht. Apotheker sind darüber nur wenig verwundert, sie liegen seit Jahren mit GKVen im Clinch.

Anfang Juli erhielt Karl-Josef Laumann (CDU), Patientenbeauftragter der Bundesregierung, einen wenig erfreuliches Dokument. Die Unabhängige Patientenberatung Deutschland (UPD) wertete 80.000 Beratungen gesetzlicher Krankenversicherungen aus. Gespräche hatten pharmakologische, medizinische, rechtliche, finanzielle oder psychosoziale Aspekte zum Inhalt. Jetzt legten UPD-Vertreter Laumann einen Abschlussbericht vor – und sparen nicht an Kritik. Patienten fühlten sich “allein gelassen“, “betrogen“, und viele hätten Angst, sagt UPD-Geschäftsführer Dr. Sebastian Schmidt-Kaehler. Er macht deutlich, nicht von Einzelfällen zu sprechen.

Beschwerden en masse

Dazu einige Details: Laut Report informierten GKVen Versicherte 5.423 Mal falsch oder unvollständig. Sie verweigerten Leistungen (1.631 Fälle) oder führten Versorgungsleistungen unvollständig durch (1.427 Fälle). Weitere Kritikpunkte betrafen schlechte Versorgungsergebnisse (1.209 Fälle), finanzielle Nöte von Versicherten (1.105 Fälle) oder ungerechtfertigte Weigerungen von Leistungserbringern (1.020 Fälle).

Chaotische Pharmakotherapie

Bei der Versorgung mit Arzneimitteln offenbarten sich ebenfalls große Schwächen im System. Der UPD-Bericht dokumentiert hier 2.877 Patienten und 8.804 Pharmaka. Im Mittelpunkt standen spezifische Fragen zum Arzneimittel selbst (2.047 Patienten), vor allem zu unerwünschten Wirkungen (908 Patienten), zu Wechselwirkungen (714 Patienten), zur Anwendung (639 Patienten) oder zur Wirkung selbst (458 Patienten). Besonders häufig behandelten Ärzte Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Nervenleiden, Stoffwechselstörungen oder Probleme des Verdauungssystems. Knapp jeder zweite Patient bekam mehr als fünf Arzneimittel in Dauertherapie. Trotz bekannter Probleme der Polypharmazie wurden Wechselwirkungen kaum überwacht. Auch mangelte es an leitliniengerechten Therapien. Genau hier zeigt sich einmal mehr, welche Leistungen Apotheker erbringen könnten, falls Gesundheitspolitiker ARMIN flächendeckend umsetzen.

Kampf um das Krankengeld

Das nächste heiße Eisen: Trotz gefüllter Töpfe, die Rede ist von 30 Milliarden Euro auf der hohen Kante, versuchen manche Krankenkassen laut UPD, Leistungen zu verweigern und Patienten einzuschüchtern. Knapp 28.000 aller 80.000 Beratungsgespräche zwischen April 2013 und März 2014 befasste sich mit der Frage, welche Ansprüche Versicherte haben. Sachbearbeiter rufen krankgeschriebene Mitglieder an und fragen nach, wann sie wieder arbeiten könnten. Laumann: „Auch mir berichten Versicherte immer wieder davon, dass sie von den Krankenkassen zum Beispiel durch regelmäßige Telefonanrufe oder sehr intime Fragen unter Druck gesetzt werden, sich möglichst schnell wieder arbeitsfähig zu melden.“ Bein Medizinischen Dienst der Krankenkassen (MDK) laufen so manche Dinge auch nicht wie gesetzlich vorgesehen. Zwar sind entsprechende Überprüfungen zulässig. Gutachter kämen innerhalb weniger Minuten und ohne genauere Überprüfung zur Einschätzung, Versicherte seien wieder arbeitsfähig, heißt es weiter. Das betrifft häufig Menschen mit psychischen Erkrankungen wie Depressionen oder Burnout. Gernot Kiefer, Vorstand des GKV-Spitzenverbandes, will alle von der UPD dokumentierten Fälle mit Hinweisen auf ein mögliches Fehlverhalten kritisch überprüfen. Er entgegnet: „In über 80 Prozent der Beratungsgespräche bei der Unabhängigen Patientenberatung zum Thema Krankengeld gab es keinen Hinweis auf eine Problemlage.“

Recht haben, Recht bekommen

Neben finanziellen Leistungen dokumentiert die Studie weitere Spannungsfelder. An zweiter Stelle standen mit knapp 15.000 Beratungen Patientenrechte. Dazu gehören Zuzahlungen zu Medikamenten oder Forderungen von Ärzten. Laumann mahnt, Kostenträger sollten besser über Kosten und Leistungsansprüche aufklären, ohne „im Genesungsprozess unzulässig Druck auf Versicherte auszuüben“. Bleiben noch Beschwerden über fehlende Möglichkeiten der Einsichtnahme in Patientenakten oder zu niedrig kalkulierte zahnärztliche Heil- und Kostenpläne. Den unrühmlichen dritten Platz im Report belegten Fragen zu Behandlungsfehlern – mit 7.000 Beratungen. Es gelte, keine Fehler zu vertuschen, sondern daraus zu lernen, so Laumann weiter. Er will alle Missstände mit Verantwortlichen diskutieren. Inwieweit sein Vorhaben von Erfolgen gekrönt wird, sei dahingestellt.

Lotsen und Berater

Für Apotheker ist das UPD-Dokument aber noch in ganz anderer Weise interessant. Sie haben die Chance, ihr Leistungsspektrum in den nächsten Jahren deutlich zu erweitern. Dazu gehören nicht nur offensichtliche Aspekte wie das Medikationsmanagement. Kollegen können auch ihre Aufgabe als Lotsen im Gesundheitssystem weiter ausbauen – bei sozialrechtlichen Aspekten rund um Medikamente und Hilfsmittel. Krankenkassen kommen dieser Aufgabe nur ansatzweise nach, das zeigt sich jetzt erneut.

24 Wertungen (4.38 ø)

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15 Kommentare:

Gast
Gast

@ConnySickinger:
Das versteht sich doch von selbst!
Ärzte sind ganz furchtbar hoch erlaucht und wenn der Doktor sagt, dass man sechs Tabletten Amoxi 1000 am Tag nehmen soll, dann macht man das, denn der Doktor hat ja Pharmakologie studiert.
Rabattverträge?
Interaktionen?
Wechselwirkungen?
Das alles existiert nicht im Universum der am höchsten Erlauchten.
Mein Tipp:
Wenn das nächste Mal in der Praxis wegen einer so schwerwiegenden Interaktion angerufen wird, bitten Sie den omnipotenten Doktor, mit seiner endlosen Macht diese Interaktion vom Angesicht der Erde zu tilgen.
Klappt bestimmt :)
Kollegiale Grüße, nicht ärgern lassen.

#15 |
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ConnySickinger
ConnySickinger

Daß Wechselwirkungen von den Ärzten nur unzureichend beachtet werden, sehe ich täglich bei der Arbeit in der öffentlichen Apotheke. Wenn mir unser EDV-System schwerwiegende Interaktionen bei einem Patient anzeigt und ich diese dem verordnenden Arzt weiterleite, ist die Reaktion von Seiten der Ärzte selten positiv, sondern eher beleidigt, daß wir Apotheker es wagen, die Interaktionen überhaupt zu thematisieren, da angeblich die Ärzte-EDV auch Interaktionen anzeigen, aber genau die angesprochenen nicht und somit bestehe kein Handlungsbedarf. Für uns Apotheker sehr frustrierend, da unser Wissen als Arzneimittelfachleute meist völlig ignoriert wird und nicht zum Wohl des Patienten mit einbezogen wird. Warum nur fühlen sich die Ärzte durch uns immer auf den Schlips getreten, statt gemeinsam für die gleichen Ziele zu kämpfen?

#14 |
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Almut Rosebrock
Almut Rosebrock

http://www.sozialticker.com/sehr-geehrter-herr-roesler-sehr-geehrte-mit-gesundheitspolitik-befasste-gremien-politiker-und-medien_20100504.html

Das schrieb ich 2010. Es hat sich eher noch verschlechtert.
Nur BILLIG, BILLIG geht zwangsläufig auf Kosten der Qualität.
Gesundheit ist ein kostbares Gut.
Leider geht auch die Freude an der Arbeit in den Gesundheitsberufen unter dieser Knebel-Politik zunehmend baden.
(Das Einkommen Dr. Röslers dürfte deutlich gestiegen sein… .)

#13 |
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Arzt
Arzt

#11, das letzte stimmt und war eine einstimmige Entscheidung des
BUNDESINSTITUT FÜR ARZNEIMITTEL UND MEDIZINPRODUKTE
vom 30. Juni 2009

#12 |
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Arzt
Arzt

Es bleibt nicht aus,
dass in solchen staatlichen Gremien fachlich mehr als fragwürdige Entscheidungen getroffen werden,
wie die Zulassung von hochpotenten Pharmaka mit iv.-Gabe wie Dexamethason
für Laien wie Heilpraktiker (einstimmig).

Die “Regierung” möchte ja auch “das Klima retten”, nicht ganz billig,
und trotzdem unmöglich, total unwissenschaftlich.

#11 |
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Arzt
Arzt

@Erich Müller, das ist hier die KERNFRAGE, siehe#5
die UDP ist ein BUNDESAMT, mit dem schmückenden Beiwort “unabhängig”
in der vor allem die GKV vertreten ist.
In der “Besetzung des Beirats § 65 b SGB V ab 2011” sitzt als “Wissenschaftler”
kein einziger aktiver Arzt oder Apotheker.
Von 6 Professoren:
Prof. Rosenbrock, WZB Berlin
Prof. Bauer, Universität
Duisburg Prof. Klemperer, Universität Regensburg
Prof. Francke, Universität Bremen
Prof. Windeler, IQWIG Köln
Prof. Dierks, MH Hannover

sind nur zwei Mediziner,
einer davon hat einige Zeit im Krankenhaus gearbeitet,
bevor er zum Gesundheitsamt in den “Staatsdienst” gewechselt ist,
der andere hat mit Krankheit an der Front überhaupt nichts zu tun und ist schnell direkt in den Dienst der GKV gewechselt.

Ärzte und Apotheker sind also NICHT vertreten!

Ich habe schon etliche Vorträge von Ökonomen und Juristen
über “medizinische” Themen gehört.
Fazit:
es fehlt der Sachverstand, es geht nur um Macht:
es gibt weder eine “ökonomische” Medizin,
noch eine “juristische” Medizin,
sondern nur eine “medizinische” Medizin!
Nur der Arzt, gerne mit zusätzliche Kompetenzen,
kann am besten einschätzen, welche Behandlung bei welcher Erkrankung
am effektivsten und damit auch am ökonomischsten ist.
In einem sozialen Umfeld ist prinzipiell die Krankheit selbst am teuersten,
nicht die Behandlung.
Die Konfrontation mit “Ärzten” ist daher ökonomisch Dummheit.
Selbst die US-Amerikaner wissen:
1 Dollar Therapie spart 5 Dollar Pflege

#10 |
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Apotheker

Ich habe einmal nachgeschaut, welche Qualifikation die UPD Mitarbeiter haben. Auf der Site steht ein Hochschulabschluss. Es wäre interessant zu wissen, ob die medizinische und pharmakologischen Beratungen von Ärzten bzw. Apothekern ausgewertet wurden. Sicherlich wird der Bericht veröffentlicht oder hat ihn jemand schon gelesen ?

#9 |
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Arzt
Arzt

Positiv ist allerdings der Hinweis,
dass Krankenkassen in diesem Bericht nicht sehr hilfreich bei der Erfüllung ihrer Aufgabe “Krankheit” zu finanzieren sind.
Hierzu müssten sie schlicht besser mit denen kooperieren, die Krankheit zu behandeln haben. Hier liegt der Schwachpunkt.

#8 |
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Arzt
Arzt

Für ein Staatssekrätärgehalt wäre ich auch gerne Patientenschützer

#7 |
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Arzt
Arzt

Mich stört schon der Ausdruck “Patientenschützer”, wenn das gegen den Arzt und Apotheker gerichtet ist.
Man kann die unbestrittene Erfahrung, dass es in jedem Beruf schwarze Schafe gibt, von der ganzen begleiteten Wolke “alternativer Therapeuten” ganz zu schweigen, doch nicht so in den Vordergrund rücken, dass man von “dem Arzt” als Belastung für den schützenswerten Patient sprechen darf.
Es darf auch nicht ganz vergessen werden, dass “Krankheit” nicht unerheblich als sozialer Besitzstand betrachtet wird und hier vom zur beruflichen Objektivität verpflichteten Arzt natürlich eine potentielle Gefahr ausgeht.
Eine alltägliche Erfahrung, keine Ausnahme. :-)

#6 |
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Gast
Gast

Karl-Josef Laumann ist gelernter Maschinenschlosser mit Hauptschulabschluss
und meint Ärzte würden was genau falsch machen?

#5 |
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Gast
Gast

wollen denn Apotheker ihre ärztliche Tätigkeit weiter ausweiten?

#4 |
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Sven Larisch
Sven Larisch

Die Aussicht als Lotse und Berater n Gesundheitsfragen zu fungieren stellt sich mir als Apotheker nicht. Ich mache es. Aber hier muss auch ganz klar die Grenze zwischen Beraungspflicht zu einem Medikament und dem “Mehr” an Leistung gezogen werden, der doch oft kostenfrei von Apotheken verlangt wird. Kein Anwalt, kein Arzt berät kostenfrei in seinem Gebiet. Und für diese Mehrleistung verlangt die GKV auch noch einen erhöhten Zwangsrabatt! Mit all diesem Dokumentationswahnsinn und dem angeblichen geringen Konkurrenzkampf zwischen Apotheken lt. einem anderen Bericht , bleibt die Beratung und das Patientenwohl auf der Strecke. Ein Ende ist wohl eher nicht in Sicht, da die GKVen jetzt schon wieder Jammern , das sie zu wenig Geld haben (wo sind denn die 30 Milliarden Euro hin?) .

#3 |
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Gast123
Gast123

Die Kassen unternehmen enorme Anstrengungen, um möglichst wenig zu zahlen.
Durch den Fokus auf betriebswirtschaftliche Stellgrößen bleibt das Patientenwohl auf der Strecke und die tatsächlichen Leistungserbringer versinken im Papier!

Es ist schon bezeichnend, dass hierzulande die Apotheke einen Antrag bei der Kasse einreichen muss, um eventuell die Genehmigung zu erhalten, einen Patienten lege artis zu versorgen. Kosten für den ganzen Papierkram bleiben bei Apotheke (und Patient), die Kasse ist hier ganz klar nicht Dienstleister sondern Leistungsblockierer.
Gleiches Spielchen beim Abrechnen – Retaxationswillkür noch Jahre nach der Versorgung des Patienten, kostspielige Paragraphenreiterei trotz medizinisch einwandfreier Versorgung.

Was mit den Ärzten gleichzeitig veranstaltet wird – Dokumentationsirrsinn, Budgetierungen wie im Kriegsgefangenenlager und Legehennenbetriebsklima – ist auch nicht besser.

Aber eines können die Kassen gut: Der Politik Sahne ums Maul schmieren und gleichzeitig Ärzte gegen Apotheker (und umgekehrt) ausspielen.

#2 |
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Apotheker

endlich kommt die Kritik mal auch aus anderer Ecke, Wir beklagen z.b. den Rabattsvertrag Irsinn seit langem

#1 |
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