Schizophrenie-Symptome durch Schlafentzug?

4. Juli 2014
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24-stündiger Schlafentzug kann bei gesunden Menschen zu Zuständen führen, die der Schizophrenie ähnlich sind, wie Forscher nun herausfanden. Sie verweisen darauf, dass dieser Zusammenhang bei Menschen näher untersucht werden sollte, die nachts arbeiten müssen.

Bei einer Psychose kommt es zu einem Verlust des Realitätsbezugs, der mit Halluzinationen und Wahnvorstellungen verbunden ist. Die chronische Form wird als Schizophrenie bezeichnet, bei der es ebenfalls zu Denkstörungen und Sinnestäuschungen kommt. Betroffene berichten zum Beispiel, dass sie fremde Stimmen hören. Psychosen zählen zu den schweren psychischen Erkrankungen. Ein internationales Forscherteam hat nun in einem Experiment festgestellt, dass nach einem 24-stündigen Schlafentzug bei gesunden Probanden zahlreiche Symptome festgestellt werden, die sonst typischerweise der Psychose oder der Schizophrenie zugeschrieben werden. „Uns war klar, dass es nach einer durchwachten Nacht zu Beeinträchtigungen des Konzentrationsvermögens kommt“, sagt Prof. Dr. Ulrich Ettinger von der Abteilung Allgemeine Psychologie I des Instituts für Psychologie der Universität Bonn. „Wir waren aber überrascht, wie ausgeprägt und wie breit das Spektrum der schizophrenieähnlichen Symptome war.“

Die Wissenschaftler untersuchten im Schlaflabor insgesamt 24 gesunde Probanden beiderlei Geschlechts im Alter von 18 bis 40 Jahren. In einem ersten Durchgang sollten die Testpersonen ganz normal im Labor durchschlafen. Rund eine Woche später wurden sie die ganze Nacht über mit Filmen, Gesprächen, Spielen und kurzen Spaziergängen wachgehalten. Am nächsten Morgen wurden die Probanden jeweils zu ihren Eindrücken befragt. Außerdem führten die Wissenschaftler eine Messung, die sogenannte Präpulsinhibition, durch.

Unselektierte Informationen führen zum Chaos im Gehirn

„Die Präpulsinhibition ist ein Standardtest zur Messung der Filterfunktion des Gehirns“, erläutert Erstautorin Dr. Nadine Petrovsky. In dem Experiment ertönt über Kopfhörer ein lautes Geräusch. Bei den Probanden tritt daraufhin eine Schreckreaktion ein, die anhand der Kontraktion der Gesichtsmuskeln mittels Elektroden erfasst wird. Wird zuvor ein schwächerer Reiz als „Präpuls“ gesetzt, fällt die Schreckreaktion geringer aus. „Die Präpulsinhibition zeigt eine bedeutende Funktion des Gehirns: Filter trennen Wichtiges von Unwichtigem und beugen einer Reizüberflutung vor“, sagt Dr. Petrovsky.

Bei den Probanden war diese Filterleistung des Gehirns nach einer durchwachten Nacht stark reduziert. „Es kam zu ausgeprägten Aufmerksamkeitsdefiziten, wie sie auch typischerweise bei einer Schizophrenie auftreten“, berichtet Prof. Ettinger. „Die unselektierte Informationsflut führte zu einem Chaos im Gehirn.“ Nach dem Schlafentzug gaben die Probanden zudem in Fragebögen an, etwa sensibler für Licht, Farbe oder Helligkeit zu sein. Zeitgefühl und Geruchssinn waren demnach verändert, die Gedanken sprangen. Manche Übernächtigen hatten sogar den Eindruck, Gedanken lesen zu können oder eine veränderte Körperwahrnehmung zu bemerken. „Wir hatten nicht erwartet, dass die Symptome nach einer durchwachten Nacht so ausgeprägt sein können“, sagt der Psychologe.

Schlafentzug als Modellsystem für psychische Erkrankungen

Für ihre Ergebnisse sehen die Wissenschaftler ein wichtiges Anwendungspotenzial zur Erforschung von Medikamenten, die gegen Psychosen wirken. „In der Medikamentenentwicklung werden solche psychischen Störungen in Experimenten bislang mit bestimmten Wirkstoffen simuliert. Allerdings vermitteln diese nur sehr eingeschränkt die Symptome von Psychosen“, sagt Prof. Ettinger. Schlafentzug sei ein viel besseres Modellsystem, weil die subjektiven Beschwerden und die objektiv erfasste Filterstörung viel stärker den psychischen Erkrankungen ähnlich seien. Gefährlich ist das Schlafentzugsmodell übrigens nicht: Nach einem ausgiebigen Erholungsschlaf sind die Symptome wieder verschwunden. Forschungsbedarf bestehe außerdem hinsichtlich der Menschen, die regelmäßig nachts arbeiten müssen. „Ob bei diesen Personen durch Gewöhnung die Symptome des Schlafentzugs allmählich schwächer werden, muss erst noch untersucht werden“, so Prof. Ettinger.

Originalpublikation:

Sleep deprivation disrupts prepulse inhibition and induces psychosis-like symptoms in healthy humans
Nadine Petrovsky et al.; The Journal of Neuroscience, doi: 10.1523/JNEUROSCI.0904-14.2014; 2014

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Medizin, Neurologie, Psychiatrie

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4 Kommentare:

Arzt
Arzt

Nun übertreibt mal nicht.
Medizin geht nun mal nicht ohne Organisation von “Notfällen”.
So schlecht ist das mit dem “Rufbereitschaftsdiens” nicht geregelt.
Da hat auch die EU mitgewirkt,
so dass “Ausbeutung” zumindest illegal wäre.
Das andere Extrem ist die “Behandlung” des gleichen Patient durch zu viele unterschiedliche Ärzte, sozusagen nach Urzeit.

#4 |
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Ich weiß noch genau, wie ich angeschaut wurde, als ich dem Chefarzt (der mich in meiner Arbeit sehr schätzte) sagte, dass ich mein Können in der Medizin nicht von Nachtdiensten und ihren Folgen ruinieren lassen werde. Unverständnis (und der Hinweis, dass das dann der falsche Beruf wäre…) .
Leider wird sich aufgrund solcher Forschung, die meine Eigenerfahrung und die anderer Kollegen bestätigen, kaum etwas ändern. Im Übrigen spielt sich die Ausbeutung menschlicher Resourcen ja auch nicht nur in der Medizin ab.

#3 |
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Dr. Möller
Dr. Möller

Das sollten die Beführworter des 24h Dienst von Ärzten (kein Schlaf, teils keine Pausen) sich noch einmal genau durchlesen. Wir alle kennen diese Symptome an uns selbst…kein Wunder, dass man sich wie im Rausch fühlt und weniger Glückliche Autounfälle haben oder Fehler entstehen.

#2 |
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Dr. Bayerl
Dr. Bayerl

nicht nur Schizophrenie,
auch Epilepsie!

“Gewöhnung” an Schlafentzug gibt es prinzipiell nicht, Schlaf ist unverzichtbar, wobei eine Anpassung an “wenig Schlaf” in einer Intensivierung und Verkürzung der unverzichtbaren “Tiefschlafphasen” erfolgt, der wirkungsvollste Mechanismus bei “Schlafstörung”.
Nachtarbeit ist selbstverständlich möglich,
nur darf der “Schichtwechsel” nicht zu rasch erfolgen. Eine Woche ist zu kurz,
14 Tage sollte das Minimum sein.

#1 |
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