Krebs: Familienbande meistert Belastungsprobe

1. Juli 2014
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Schwere Krankheiten belasten Angehörige, doch enger Zusammenhalt hilft: Eine aktuelle Studie weist darauf hin, dass gut funktionierende Familienbande Kinder von Krebspatienten vor emotionalen Problemen und Verhaltensauffälligkeiten schützen können.

Rund 21 Prozent aller Krebspatienten sind bei der Diagnose zwischen 25 und 54 Jahren alt, viele von ihnen haben in ihrem Haushalt abhängige Kinder. „Die meisten Kinder und Jugendlichen kommen mit der Erkrankung eines Elternteils gut zurecht“, sagt Dr. Birgit Möller, die in der münsterschen Uniklinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie, -psychosomatik und -psychotherapie arbeitet. „Bei manchen führt die hohe Belastung aber zu psychosozialen Problemen. Um gefährdete Familien davor zu schützen, ist es wichtig, Risikofaktoren rechtzeitig zu erkennen.“

Bei der aktuellen Studie füllten Mitglieder von 235 Familien in Deutschland, in denen mindestens ein Elternteil an Krebs erkrankt ist, Fragebögen zu emotionaler Gesundheit und psychischen Auffälligkeiten aus. Unter den Befragten sind 402 Eltern und 324 Kinder im Alter von elf bis 21 Jahren. Verglichen mit dem Bevölkerungsdurchschnitt zeigen Kinder von Krebspatienten häufiger emotionale Probleme und Verhaltensauffälligkeiten. Der beste Prädikator für solche Probleme im Fragebogen ist die Bewertung familiärer Beziehungen: „Je schlechter Eltern und Kinder das ‚Funktionsniveau‘ der Familie in dieser Hinsicht einstufen, desto häufiger leiden die Kinder unter Problemen“, erläutert Möller – „selbst krankheitsbezogene Faktoren wie die Krebsform und die spezifische Behandlung haben keinen so großen Einfluss.“

Gezielte Hilfe für Risikofamilien

Probleme könnten häufig rechtzeitig erkannt und dauerhafte psychische Gesundheitsprobleme vermieden werden, so Möller. Der Schlüssel dazu: „Familien mit krebskranken Eltern sollten parallel zur Behandlung auf Defizite bei den Familienstrukturen, auf psychische Probleme bei Kindern und, andere Studien einbeziehend, auch auf Depressionen bei Elternteilen untersucht werden.“ Risikofamilien könne dadurch gezielt Hilfe angeboten werden.

Originalpublikationen:

Children of cancer patients: prevalence and predictors of emotional and behavioral problems
Birgit Möller et al.; Cancer, doi: 10.1002/cncr.28644; 2014

Seelische Gesundheitsvorsorge für Kinder krebskranker Eltern
Georg Romer et. al.; Psychotherapeut, doi: 10.1007/s00278-011-0849-9; 2011

15 Wertungen (4.4 ø)

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6 Kommentare:

Arzt
Arzt

das ist richtig,
der Tod darf nicht zu sehr tabuisiert werden.
Da das aber bewusst oder nicht oder traditionell kulturell doch passiert,
sind manche überfordert, wenn es dann doch im persönlichen Umfeld passiert.
Hier ist Hilfe natürlich erforderlich.
Ich hab als Krankenhausarzt den Angehörigen immer versprochen den sterbenden Patient, “wenn es nicht mehr geht”, sofort (mit Priorität) aufzunehmen um ihnen eine gewisse Sicherheit zu geben.
Inzwischen sterben mehr Menschen im Krankenhaus, als zu hause.

ist das gut so?

#6 |
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Dr.Bayerl
Dr.Bayerl

Ich empfinde es immer als mehr als traurig, gerade bei Menschen, die den Tod vor Augen haben bei einer nicht heilbaren Krebserkrankung, was ja so wahnsinnig selten NICHT ist,
wenn sich der Schwerpunkt wie hier auf die Problematik der persönlichen Umfeldes verlagert, die damit nicht fertig wird und der Sterbende selbst damit in den Hintergrund rückt.
Es ist ganz besonders wichtig, dass ein solcher Patient NICHT alleine gelassen wird, eine uralte menschlich-humane Pflicht beim Sterben überhaupt.
Gerade Kinder verstehen das auch und beteiligen sich daran.
Ein Arzt verkündet eine infauste Prognose selbstverständlich nicht gerne und auch mit der Vorsicht und der psychologischen Einschränkung eines winzigen Hoffnungsschimmers für jeden Einzelfall, insbesondere ist der Zeitablauf schwer vorauszusagen.
Wenn eine solche Diagnose einmal akzeptiert ist,
gibt es nicht selten eine Restlebenszeit, die von Betroffenen und dem (hoffentlich vorhandenem) Partner als ganz besonders wertvoll empfunden wird.
Sterben gehört zum Leben und darf nicht tabuisiert werden, auch nicht für Kinder.

mfG

#5 |
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Dr.Bayerl
Dr.Bayerl

Zu#3 wie kann man ärztliche Hilfe und persönliche Unterstützung in einen Topf werfen oder gegeneinander aufrechnen. Kann die Omma einen Blinddarm operieren?
Beides hat seinen unersetzlichen Platz.
Das Jugendamt ist selbstverständlich kein Ersatz und als “Behörde” nicht immer hilfreich für “Familien”. Vielleicht erklärt das die Zurückhaltung mancher Ärzte :-)
“Glücklich” verheiratete Ehepaare leben länger als Unverheiratete. Und “freiwillige” Singels wiederum länger als “unglücklich” Verheiratete.
Positive “familäre” Umgebung ist also nicht nur für Krankheit und Notfall förderlich,
schon Aristoteles nannte den Menschen ein “zoon politikon”,
ein gesellschaftliches Wesen.

#4 |
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Gast
Gast

Wir haben ein Hilfesystem, welches dafür zuständig ist und Kompetenzen mitbringt, die weit über dem liegen, was in der ärztlichen Versorgung anzutreffen ist. Man nennt es Jugendhilfe. Und Jugendhilfe ist über das örtlich zuständige Jugendamt in jeder Ecke Deutschlands zu finden.

Zum Artikel: Sinn und zweck dieser Untersuchung erschließt sich mir nicht wirklich. Das die Qualität familiärer Beziehungen Einfluss auf alle möglichen Erkrankungen hat, ob nun psychisch oder somatisch ist doch hinreichend bekannt. Ein wunderbares Beispiel dafür wie Wissenschaft leider noch viel zu häufig funktioniert. Man untersucht etwas was sowieso schon jeder weiß und freut sich danach wenn man es nun auch mit Zahlen belegen kann. Für mich bedeutet es, dass hier in der münsterschen Uniklinik Ressourcen unnütz verschleudert wurden. Es klingt doch mehr nach einer Werbekampagne um sich einen Markt zu erschließen, der von der Jugendhilfe bereits abgedeckt wird. Ein Hinweis der behandelnden Ärzte betroffener Familien auf die umfangreichen Hilfsangebote der Jugendhilfe könnte da eher für die Angehörigen hilfreich sein.

#3 |
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Heilpraktikerin

“Risikofamilien könne dadurch gezielt Hilfe angeboten werden.” – Das habe ich wirklich noch nie erlebt. Ich habe eine Schwerpunktpraxis auf komplementärer Onkologie. Und ich weiss, dass es verschiedenen Institutionen psychoonkologische Betreuung angeboten wird durch äusserst engagierte Fachleute. In der Regel ist das ein Tropfen auf dem heissen Stein. Zu beachten wäre auch die finanzielle Situation, die sich bei der Erkrankung eines Familienangehörigen sehr schnell drastisch zuspitzen kann. Und damit steigt der Stresspegel weiter. Ungünstig für die Prognose, ungünstig für das Familienleben. In meiner Praxis sprechen die Patienten darüber, wie sehr sie sich alleine gelassen fühlen. Wenn ich Ihren Artikel an meiner Realität messe, kommt er mir sehr merkwürdig vor….

#2 |
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Gast
Gast

Wir wären 2008 bei der Krebserkrankung meiner Ehefrau froh gewesen, hätten wir Hilfeangebote bekommen. Das Resultat für uns…Meine Frau suizidierte sich zwischen 2010 und 2011, mein Sohn ist verhaltensaufällig und wird in eine Wohngruppe gelangen, hat keinen Schulabschluss.
Möglicherweise konzentriert sich alles auf die Erkrankten, welche Belastung die Angehörigen habe interessiert nicht wirklich jemanden, mein Eindruck war, dass ich alle Instanzen…KiJuPsych. etc. mit Unterhaltungsgeschichten versorgt habe. Ernsthafte Hilfe kam selten, ich habe alles alleine gemacht.

#1 |
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