Gesundheitssystem: Brandsatz aus Berlin?

1. Juli 2014
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Sachverständige haben für Bundesgesundheitsminister Hermann Gröhe ein neues Gutachten angefertigt. Das Papier ist nicht ohne Brisanz – Experten fordern Liberalisierungen beim Fremd- und Mehrbesitz sowie neue Vergütungssysteme. Die Branche reagiert empört, während sich Regierungsvertreter bedeckt halten.

Bedarfsgerechte Versorgung – Perspektiven für ländliche Regionen und ausgewählte Leistungsbereiche“, so lautet der Titel einer kürzlich veröffentlichten Studie. Dahinter steckt der Sachverständigenrat zur Begutachtung der Entwicklung im Gesundheitswesen. Wer jetzt nur an Ärzte, Krankenkassen und Kliniken denkt, irrt sich gewaltig – erstmals nehmen Experten öffentliche Apotheken detailliert in das Visier.

„Mittelalterliche Zunftstrukturen“

Viel erinnert an Diskussionen früherer Jahre. So schreiben die Autoren: „Im Sinne einer effizienten und effektiven Arzneimitteldistribution wird zum einen eine Aufhebung des Fremd- und Mehrbesitzverbotes empfohlen, welches sich weder aus ordnungspolitischer noch versorgungspolitischer Perspektive begründen lässt.“ Und weiter: „Aus ordnungspolitischer Perspektive erscheint es als ein Relikt mittelalterlicher Zunftstrukturen.“ Auch in versorgungspolitischer Hinsicht gäbe es keine überzeugenden Argumente dafür, dass angestellte Apotheker bei Beratung und Distribution weniger Sorgfalt walten ließen oder stärker von Motiven der Gewinnmaximierung geleitet würden als Inhaber. Ein Fazit: „Die Aufhebung des Fremdbesitzverbotes und eine völlige oder erweiterte Öffnung des Mehrbesitzes ermöglichen, wie die Erfahrungen im Einzelhandel und auf Apothekenmärkten in anderen Ländern zeigen, die Bildung von finanzstarken Apothekenketten und damit die Transformation des deutschen Apothekenmarktes von seiner atomistischen in Richtung einer oligopolistischen Struktur.“ Als Vergleich werden Ketten bei Drogeriemärkten oder Lebensmittelhändlern angeführt. Die Autoren sprechen von „Größenvorteilen“ und sehen eine „erhebliche Intensivierung des Wettbewerbs“ mit niedrigeren Preisen.

Neue Honorare, alte Ideen

Experten gehen auch der Frage nach, wie sich Vergütungen reformieren lassen. Ihre Idee: einheitliche Festspannen, um durchschnittliche Vertriebskosten und den Unternehmerlohn abdecken. Als weitere Säule nennt der Bericht apothekenindividuelle Handelsspannen: vom Inhaber anhand seiner Kostenstruktur oder seiner Gewinnvorstellungen frei verhandelbar. Für Apothekenleiter wäre dies „ein Wettbewerbsparameter, um mit einem günstigen Abgabepreis zusätzliche Nachfrage zu generieren“, so die Intention. Patienten müssten gegebenenfalls weniger Selbstbeteiligung berappen – ein weiterer Baustein im Wettbewerb, vor allem in Gegenden mit Überversorgung. Friedemann Schmidt, Präsident der ABDA – Bundesvereinigung Deutscher Apothekerverbände, kritisiert: „Die Gutachter verkennen dabei die besondere Rolle der Apotheken: Apotheker sind keine Händler von Produkten, sondern haben einen gesetzlichen Auftrag zur Arzneimittelversorgung.“ Weitere Deregulierungen wären Schmidt zufolge keine Lösung. „Mit dem Festhonorar von 8,35 Euro pro verordnetem Arzneimittel wird doch gerade die Versorgungssicherheit der Patienten in ländlichen Regionen gestärkt“, sagt der ABDA-Chef. „Wer für flexible Preise bei Arzneimitteln auf Rezept plädiert, nimmt eine Benachteiligung von kranken Patienten sowie eine Ausdünnung der Versorgungsstrukturen in Deutschland billigend in Kauf.“

Schelte für Hersteller

Im Gutachten bekommen nicht nur Apotheker ihr Fett ab, sondern auch Industrievertreter. Wieder einmal geht es um Lieferengpässe, unter anderem als Folge der Verlagerung von Produktionskapazitäten in Niedriglohnländer. „Das Ursachengeflecht ist jedoch komplex und betrifft sowohl die Angebots- als auch die Nachfrageseite“, urteilen Experten. „Mit Rabattverträgen vereinbarte Konventionalstrafen für den Fall einer unterbliebenen Lieferung können präventive Wirkungen entfalten, reichen jedoch nicht aus.“ Jetzt soll die freiwillige Liste beim Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) zu einem verpflichtenden Melderegister umgebaut werden, lautet ein Vorschlag. Auch könnten Health Professionals Zusammenstellungen unentbehrlicher Medikamenten entwickeln – inklusive verpflichtender Produktions- und Lagerkapazitäten.

Freie Bahn beim Medikationsmanagement

Genug der schlechten Nachrichten: Gesundheitsexperten sehen Apotheker stärker als bislang in die Primärversorgung, um gemeinsam mit Ärzten ein Medikationsmanagement umzusetzen. Sie erwarten Verbesserungen bei der Compliance und weniger unerwünschte, arzneimittelbedingte Ereignisse. Friedemann Schmidt: „Es ist sehr gut, dass der Sachverständigenrat sich in seinem Gutachten mit Perspektiven zur bedarfsgerechten und ländlichen Versorgung auseinandersetzt.“ Damit werde eines der zentralen versorgungspolitischen Projekte der Apothekerschaft unterstützt. Schmidt: „Das freut mich und bestätigt, wie wichtig dieses Vorhaben ist.“

Mehr als Altpapier

Apothekern bleibt somit ein Wechselbad der Gefühle. Auf die leichte Schulter sollten Standesvertreter das Papier nicht nehmen. Entsprechende Vorschläge landen sowohl bei Hermann Gröhe als auch im Deutschen Bundestag. Gröhe wird Unionsstrategien kaum über Bord werfen. Allerdings haben frühere Bundesregierungen Empfehlungen des Sachverständigenkreises mehrfach umgesetzt, etwa die Wahlfreiheit beziehungsweise den Risikostrukturausgleich gesetzlicher Krankenkassen.

28 Wertungen (4.11 ø)

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8 Kommentare:

Christiane Karge
Christiane Karge

Neuer Minister, “neues ” Gutachten? Vielleicht fallen die Neuen ja diesmal darauf herein. Der Rx-Kuchen wird nicht dadurch kleiner (und billiger), dass Ketten bzw weniger Apotheken die Rezepte beliefern. Nur jedes Kuchenstück wird für den Einzelnen größer.
Durch günstigen Abgabepreis die Nachfrage erhöhen? Reden wir hier von Bonbons oder hochwirksamen Arzneimitteln?

#8 |
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Gast
Gast

Ich ergänze ein Rx für den Rx-Bereich.

#7 |
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Gast
Gast

“Für Apothekenleiter wäre dies „ein Wettbewerbsparameter, um mit einem günstigen Abgabepreis zusätzliche Nachfrage zu generieren“, so die Intention.”
Im-Bereich? Das ist der mit Abstand amüsanteste Vorschlag überhaupt.
Am besten für mehr Nachfrage sorgen können aber doch Ärzte.
Davon abgesehen, auf dem Land gibt’s keine Konkurrenz und in der Stadt gibt’s dann eben Ketten die sich den Kuchen aufteilen.

#6 |
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Apotheker Gunther Erben
Apotheker Gunther Erben

Apotheker
Bei diesen “Sachverständigenempfehlungen” muß man zwischen Vordergründigem
( für den Käufer wird es billiger ) und Hintergründigem ( die Macht des Kapitals )
unterscheiden.
Da die angehäuften Schuldenberge unbezahlbar sind, wird der Bock zum Gärtner,
nicht das etwa Herkules käme und im Augiasstall des durch und durch korrupten
(wo viel Geld umgedreht wird, ist viel Schatten ) Gesundheitssystems aufräumte,
nein, der Bock ist es.
In diese Bresche springt das Großkapital gerne, suggeriert es dem wissenden
Politiker doch zügige Hilfe.
Im Gegenzug werden Kapitalströme umgeleitet.
Wie man im Supermarktbereich sieht, wird dann der nicht-produzierende
Zwischenhändler zum Diktator und nimmt über seine Marktmacht direkt Einfluß
auf die Arbeitsplätze beim Hersteller.
Vor einigen Jahren haben sozialistische französische (Minister Yves) Politiker dieser deutschen Praxis eine Abfuhr erteilt: man sehe nicht ein, dem Großkapital die Vier Buchstaben zu pudern…
Im Grunde hat die Politik mit den Apotheken leichtes Spiel; man ist wirtschaftlich erpressbar.
Mit Konzernen hört das auf, da diese mächtig sind und mit den Politkern verknüpft.
Apotheken haben von sich aus nicht zur Ausgabensteigerung beigetragen.
Der Mißbrauch des Gesundheitswesens als politisches Instrument ( Brot und Spiele) und als Melkkuh ( vom ganz unten bis ganz oben , von links bis rechts
und quer hinten ), die Legislatur der bahren Unvernunft und noch viels mehr,
führten uns dahin, wo wir seit 25 Jahren längst stehen: im Talboden des Abgrundes, naja, vielleicht noch leichte Hanglage, ich will ja nicht so negativ
klingen.
An der Apothekenkette wird das deutsche Gesundheitswesen genesen, jawoll,
gehorsamst !
Hier fällt mir auf, daß niemand beziffern kann, wie gut es dem Gesundheitswesen in Eire und Great Britain geht, seit dem es die Stiefelkette
gibt und welche Leistungen der englische Patient mehr bekommt von dem
eingesparten Geld.
Es muß sich aber lohnen, denn ich höre andauernd, daß man in anderen Ländern als Patient auf Händen getragen wird.
Nirgendwo ist man so schlecht versorgt, als im rückständigen Germany !
… und es ist ja so teuer: zuerst geht man in die Apotheke und holt ein
Nasenspray fürs’ Kind (muß ich es zahlen ?), fährt heim, fährt am nächste Tag zum Arzt und läßt sich ein Rezept geben, weil man ja schließlich Einzahler ist,
und bringt das in die Apotheke.
In einem so klägliche Land muß deshalb alles billiger werden !
Mittelalterlich kann man vieles brandmarken, die Demokratie ist geradezu antik,
unsere Autos ein Kind des 19.Jahrhunderts und erst recht der Glaube an Gott.
Die Bundeswehr schießt auch noch, wie die Landsknechte – wo bleibt eigentlich
der Faser ?
Mit der Automatiktür allerdings haben wir die Zukunft eingeholt, die Gene
Rodenberry uns erdachte. Sapperlot
Argumente nennt man das nicht, sondern Meinungslenkung, inhaltslos.
Bei vielen Diskussionen ist allzu auffällig, das Rosinenpickerei betrieben wird:
man sucht sich eine Sache und reißt sie aus dem Kontext heraus (z.B. Verblistern) und sagt: warum nicht bei uns ? die Rahmenbedingungen will man aber nicht übernehmen, die das nötige Blumenwasser liefern anderswo.

Natürlich habe ich jetzt viel Scherz getrieben, aber als artiger und folgsamer
Bürger vertraue ich natürlich deutschem Sachverstand aufs Wort !

beste Grüße, Gunther Erben

#5 |
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Gast
Gast

Vielleicht eine zeittypische Verschiebung von Sachverstand in Richtung Kapital.
“amerikanisch”.

Die wollen ja angeblich auch unser Trinkwasser kaufen.

#4 |
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Apotheker

es gibt gute Beispiele in Irland, wo es mehrere Apothekenketten gibt (u.a. auch von GEHE und Boots). Das Angebot ist gut zu guenstigen Preisen. Allerdings gibt es auch Festpreise fuer Rx. Apothekenmitarbeiter koennen auch “Ungelernte” von der Strasse sein. Damit ergibt sich eine guenstige Kostenstruktur. Natuerlich bedienen am Counter fuer Rx PTA’s und Apotheker.

#3 |
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Es bringt uns nicht weiter und nützt nichts, den Gut-(oder besser Schlecht-)achtern öffentlich Ahnungslosigkeit oder sozialistisches Gedankengut zu unterstellen. Wir Apotheker werden klar, deutlich und für jeden Politiker nachvollziehbar kundtun müssen, welche Rolle wir angesichts der drohenden Versorgungsprobleme in Sachen Medizin (v.a. auf dem Land) in Zukunft spielen wollen. Am besten erläutern wir das an konkreten Kunden- und Patientenbeispielen. Erst eine fassbare Diskussion bringt unser Anliegen in die Köpfe – das jahrzehntelange inhaltsleere Gefasel von “Beratung” leistet das eben nicht. Es stellen sich nämlich für jeden Fragen zur Beratung über die genauen Inhalte, die konkreten Anlässe, wer berät, wann schicken wir zum Arzt, wie lässt sich unser Tun nachprüfen usw.

#2 |
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Hans Gerhard Alstedt
Hans Gerhard Alstedt

Was sind das denn für zweifelhafter Experten? Diese sozialistischen Gedanken sind doch von vorgestern. Mehr- und Fremdbesitz sind doch schon in mehreren Ländern versucht worden und gescheitert, da Medikamente auf Dauer durch Monopolisten teurer wurden!!!!

#1 |
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