Polymedikation: Stoppt Smarties!

27. Juni 2014
Teilen

Politiker haben ihre Vorstellungen zur Polymedikation. Jetzt nahmen sie Apotheker in die Pflicht, ohne auf kritische Fragen einzugehen: Wie soll die Zusammenarbeit mit Ärzten optimiert werden und wie lassen sich entsprechende Dienstleistungen vergüten?

„Polymedikation und Patientensicherheit“ – zu diesem Komplex sprachen auf Einladung des Bundesverbands Managed Care (BMC) Nordrhein-Westfalen Experten aus Politik, Wissenschaft und Wirtschaft. Ein Thema nicht ohne Relevanz: Jeder zweite Bürger über 65 nimmt fünf oder mehr Arzneimittel als Dauertherapie ein. Experten schätzen, dass fünf Prozent aller Krankenhauseinweisungen auf unerwünschter Arzneimittelwirkungen zurückzuführen sind – und zwei Prozent aller Todesfälle.

Kooperation statt Alleingang

Doch welche Berufsgruppe soll hier aktiv werden? Für Nordrhein-Westfalens Gesundheitsministerin Barbara Steffens von den Grünen stehen Apotheker beim Thema Polymedikation klar im Mittelpunkt. Sie fordert von ihnen, eng mit niedergelassenen Ärzten zu kooperieren. Mediziner hätten „nicht die Zeit, Patienten eingehend zu beraten“, so Steffens. Der einzige Platz, wo noch Kapazitäten vorhanden seien, um solche Fragen abzuklären, sei die öffentliche Apotheke. Allerdings bringe es nichts, sich zu streiten, wer besser berate. An Kollegen gerichtet, forderte die Ministerin eine stärkere Fokussierung. „Wir müssen sehen, dass der Apotheker wirklich ein Heilberuf ist und ihn in dieser Verantwortung ausführt.“ Sie kritisiert Sonderangebote und Großpackungen bei Medikamenten. Eine „Apotheke als Supermarkt“ könne es nicht sein. Wie Inhaber heute ohne OTCs und ohne das apothekenübliche Sortiment über die Runden kommen sollen, blieb offen.

Referenzzentren für Arzneimitteltherapie

Professor Dr. Gerd Glaeske vom Zentrum für Sozialpolitik der Universität Bremen setzt ebenfalls auf mehr Zusammenarbeit bei Health Professionals. „Sinnvoll sind Arzneimittel-Konferenzen mit Informationen über die Patienten und Checks auf häufige und gefährliche Interaktionen“, sagte der Experte: eine Praxis, die sich beispielsweise in Australien bewährt habe. „Down under“ überprüfen Pharmazeuten die Medikation älterer Patienten einmal pro Jahr – zu Hause oder im Pflegeheim. Apotheker seien „die gelernten und kompetenten Fachleute für Arzneimittel, man muss sie nur lassen.“ Für Glaeske wäre denkbar, Apotheken als pharmakotherapeutische Referenzzentren einzurichten. Er betonte, entsprechende Überprüfungen der Medikation seien auch zu honorieren. Darüber hinaus forderte Glaeske Kollegen auf, Aspekte zur Multimorbidität stärker in medizinischen Leitlinien zu berücksichtigen. „Wir müssen andere Studien haben, um den wirklichen Effekt im Leben eines Patienten bewerten zu können.“

12 Wertungen (4.83 ø)

Die Kommentarfunktion ist nicht mehr aktiv.

2 Kommentare:

Gast
Gast

Ist doch schonmal gut, wenn etwas gegen den Verschreibungswahn unternommen wird. Das Problem ist erkannt, der Handlungsbedarf auch, aber um das Problem zu bannen, wird es wohl noch etwas mehr von dem Gedankenschmalz brauchen, um praktikable, manchmal lebensrettende, Maßnahmen zu ergreifen. Der bisherige Vorschlag ist doch wieder einmal nicht mehr als eine Alibihandlung. Das kennen wir doch zur Genüge aus den politischen Reihen. Echte Reformen will doch niemand wirklich, nicht wahr?

#2 |
  0
Arzt
Arzt

Gegen ein bischen Mithilfe zur Beurteilung evtl. kritische Interaktionen bei komplexer Medikation wird wohl kaum einer etwas einzuwenden haben,
soweit das diskret und kollegial stattfindet.
Ist aber sachlich eher eine verdammt anspruchsvolle “Forderung”,
wer kennt schon all die vielen (multimorbiden) Faktoren eines konkreten Patienten besser, als der Hausarzt.
Fazit:
Der Verdacht systematischer Meckerei ohne praktische Verbesserungspotenz.

#1 |
  0


Copyright © 2017 DocCheck Medical Services GmbH
Sprache:
DocCheck folgen: