Brustimplantat raus – wer zahlt’s?

15. Juni 2012
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Gefährliches Silikon raus aus dem Körper - das ist die Konsequenz des PIP-Skandals. Die Empfehlung des BfArM legt zwei Baustellen offen: Wer soll die Kosten tragen? Und wie wird zukünftig gesichert, dass so etwas nicht wieder passiert?

Seit Januar 2012 empfiehlt das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM), dass Brustimplantate der Firma PIP und baugleiche Brustimplantate der Firma Rofil vorsorglich entfernt werden sollen. Für etwa 5.000 bis 10.000 Frauen in Deutschland stellt sich nun die Frage, wer das bezahlen soll. Selbstverständlich geht es ausschließlich um Operations- und Implantatkosten, die nicht medizinisch begründet sind, also um Schönheitsoperationen; bei medizinisch begründeten Implantaten, beispielsweise zur Brustrekonstruktion nach einer Krebserkrankung, werden die gesamten Kosten von den gesetzlichen Krankenkassen übernommen.

Für die Explantation kosmetischer Implantate (ohne Reimplantation neuer Silikonkissen) belaufen sich die Kosten (nach DRG) auf etwa 4.000 Euro. Nach Informationen einiger Krankenkassen, darunter die AOK und die Techniker Krankenkasse, werden zuerst die gesamten Kosten über die Chipkarte abgerechnet. Anschließend wird geprüft, in welcher Höhe die Patientin, beispielsweise abhängig von ihrem Einkommen, beteiligt werden kann. Dr. Matthias Gensior, Präsident der Gesellschaft für Ästhetische Chirurgie Deutschland e.V. erklärt: „Offiziell müssen die Kassen das sagen, in der Praxis werden aber nach meinen Erfahrungen die Patientinnen nicht zur Kasse gebeten.“ Dennoch besteht dafür im Moment noch keine Verpflichtung. Ganz im Gegenteil, es existiert sogar eine gesetzliche Grundlage für die Kostenbeteiligung: der § 52 Absatz 2 SGB V. In diesem Paragrafen ist verankert, dass eine Krankenkasse den Patienten an den Kosten einer Behandlung beteiligen muss, wenn eine Krankheit durch eine medizinisch nicht indizierte ästhetische Operation, eine Tätowierung oder ein Piercing entstanden ist.

Doch dieser Absatz steht nun zur Disposition. Bundestagsabgeordnete der GRÜNEN und die Fraktion DIE LINKE. fordern, den Paragrafen abzuschaffen und Patientinnen mit PIP-Implantaten die kompletten Kosten zu erstatten. Denn, so sieht es auch Dr. Gensior: „Es handelt sich nämlich hierbei nicht um eine Komplikation der durchgeführten Behandlung, sondern um die Folge einer kriminellen Machenschaft, die weder für Arzt noch für die Patientin vorhersehbar war. Insofern ist der §52 gar nicht zutreffend und auch nicht anzuwenden“.

Solidaritätssystem gegen Schönheitswahn

Wie mit der Situation und den Kosten sinnvoll umgegangen werden soll ist also noch weitgehend unklar. Frau Prof. Dr. Christine Solbach, Leiterin der Senologie der Universitätsklinik Mainz meint gegenüber DocCheck, diese Frage sei auch kritisch zu diskutieren. „Ich kann verstehen, wenn sich der ein oder andere darüber aufregt, dass jetzt die Gemeinschaft die Kosten tragen soll. Doch man darf eine Empfehlung zur Entfernung aller Implantate auch nicht aussprechen, wenn die Betroffenen dann alleine gelassen werden“, erklärt sie. Wenn man das Gesundheitssystem als Solidaritätssystem begreift, dann ist es nachvollziehbar, dass die Kosten nicht nur von den Patientinnen getragen werden. Hinzu kommt, dass sich die betroffenen Frauen nicht ausgesucht haben, ob sie dieses Implantat bekommen oder nicht. Wenn sie dadurch einer Gefährdung ausgesetzt sind, dann möchte man sie nicht im Stich lassen. Der Sprecher des Spitzenverbandes der gesetzlichen Krankenkassen, Florian Lanz, schlug im Januar eine Beteiligung der Schönheitschirurgen an möglichen Folgekosten vor. “Schönheitsoperationen sind ein lukratives Geschäft für Ärzte. Wir fordern die Ärzte auf, ihre Patientinnen mit den Folgekosten ihres ärztlich-unternehmerischen Handelns jetzt nicht alleine zu lassen”, sagte er der Nachrichtenagentur AFP.

Gefahr noch nicht erkannt, Gefahr noch nicht gebannt

Das Problem der PIP-Implantate ist vor allem, dass das Risikoprofil nicht bekannt ist. Zwar wurde eine erhöhte Häufigkeit von Silikon-Bleeding, also einem Austreten von Silikon aus dem Implantat, festgestellt, und das minderwertige Gel führt im Gewebe zu einer erhöhten Reizwirkung. In vitro- und in vivo-Tests an Mäusen ergaben jedoch keine Hinweise auf Genotoxizität und damit auch keinen Anhaltspunkt für eine krebsauslösende Wirkung. Jede Charge von PIP-Implantaten muss eigentlich einzeln betrachtet werden, da es scheinbar keinen festgeschriebenen Ablauf für die Herstellung der Gele gab. Letztlich sind damit die Implantate sehr heterogen und in ihrer Zusammensetzung sehr unterschiedlich. Ob dabei bestimmte Chargen Substanzen und Beimengungen enthalten, die langfristige Folgen haben, ist noch nicht bekannt. Um das besser beurteilen zu können, sollen nun alle Gynäkologen und plastisch-chirurgisch tätige andere Fachärzte, die regelmäßig Silikon-Brustimplantate einsetzen, ihre Daten im Implantatregister der AWOgyn (Arbeitsgemeinschaft für ästhetische, plastische und rekonstruktive Operationsverfahren in der Gynäkologie e.V.) eingeben. „Ich gebe den Patientinnen die Implantate eingepackt mit und empfehle ihnen, sie in den Keller zu legen, bis man weiß, was damit passiert“, erklärt Prof. Solbach das Vorgehen mit den entfernten Implantaten. Zwar gibt es Anbieter im Internet, die toxikologische Tests anbieten, doch von offizieller Seite gibt es bisher keine Empfehlung dazu; es ist ja nicht einmal klar, wonach genau gesucht werden muss.

Wo verläuft die Grenze?

Grundsätzlich gilt in der gesetzlichen Krankenversicherung das Prinzip: Jede und jeder Versicherte wird unabhängig von der Schuldfrage bei medizinischer Notwendigkeit kostenfrei versorgt. Nun forderten die gesetzlichen Krankenkassen von Patienten aufgrund des §52 des fünften Sozialgesetzbuches jährlich unter 100.000 Euro ein – bei einem Milliardenüberschuss eine Summe, die gerade noch zu verkraften sein könnte. Dennoch wird die Diskussion darüber weitergehen, welche Kosten eine Krankenkasse bei medizinisch nicht relevanten Eingriffen und deren Folgen übernehmen soll. Florian Lanz meinte dazu: “Es ist auch zu fragen, ob es richtig wäre, die Solidargemeinschaft die finanziellen Folgen einer individuellen Schönheitsoperation voll tragen zu lassen”. Doch an welcher Stelle soll eine Grenze gezogen werden? Was, wenn sich aufgrund schädlicher Substanzen in Tätowierfarben Krebs entwickelt? Sicherlich, der Nachweis, warum ein Krebs entstanden ist, lässt sich nicht leicht führen, aber wenn über die folgenden Behandlungskosten gestritten wird, steht der Patient ganz schön im Regen.

Auf europäischer Ebene müssen sich die Zuständigen Behörden nun über einen Maßnahmenkatalog einigen, der neuerliche Skandale im Bereich der Medizinprodukte sicher verhindern kann. „Die meisten von uns hat es gewundert, dass es überhaupt erneut zu einem solchen Implantat-Skandal kommen kann“, erklärt Prof. Solbach. „Nach dem Skandal in den USA in den 90er Jahren hätte man gedacht, dass die Kontrollen ausreichend scharf wären“. Wieder einmal zeigt sich auch, dass es bei allen angekündigten Kontrollen, egal ob sie bei einem Metzger, einer Pizzeria oder einer Implantatwerkstatt stattfinden, die Möglichkeit der Täuschung gibt. Nun muss das bestehende System dahingehend verbessert werden, dass beim Geschäft mit der Gesundheit nicht arglistig getäuscht werden kann.

66 Wertungen (4.14 ø)

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8 Kommentare:

Rettungsassistent

Das Einsetzen der Implantate war medizinisch nicht begründet, hierfür habe ndie Patientinnen auch selbst die Kosten getragen.
Das entfernen wird von der BfArM empfohlen, damit ist das entfernen medizinisch begründet. Warum jetzt die Patientinnen die Kosten selbst tragen sollen, erschließt sich mir nicht. Sonst fängt wieder die Debatte an, wer wann selebr zahlen soll: Risikosportler, Couch-Potatos, professionelle Süßigkeiten-Vernichter.

#8 |
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Dr. med.univ. Arno Galler
Dr. med.univ. Arno Galler

Die soziale Krankenversicherung ist laut ASVG nur für medizin.indizierte Heilbehandlungen als Kostenträger zuständig.Somit besteht eine klare gesetzl.Regelung bzgl.selbstgewählter kosmet.Operationen,betreffend der Op.-kosten UND Folgekosten!

#7 |
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Dr. Dirk Friedrich Rodekirchen
Dr. Dirk Friedrich Rodekirchen

Wer die Kosten für die Implantation selbst getragen hat,soll
auch die Kosten der Explantation selber tragen.Wenn eine
medizinische Indikation zur Impl. vorgelegen hat,so wird die Erstattungsstelle zumindest anteilig sich an den Neukosten
beteiligen.Diese kann dann die Verursacher des ganzen
Debakels in Regress nehmen.
Dr.D.F.Rodekirchen

#6 |
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Rettungssanitäter

Eigentlich ist es erst einmal ganz einfach. Derjenige der das einsetzen bezahlt hat, der bezahlt auch das rausnehmen. Und wenn jemand Ansprüche gegen dritte hat, holt man sich sein Geld von demjenigen zurück.
Zu Risiken und Nebenwirkungen fragen sie vor dem OP den Hersteller und einen Anwalt.

#5 |
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Es sit sicherlich so, dass das Unternehmen, das durch unlautere Machenschaften die Notwendigkeit von Explantationen und deren Kosten verursacht hat, zur Kasse gebeten werden muss so lange Kapital hier zur Verfügung steht. Letzteres geht allerdings in solch einem falle immer auffällig schnell zur Neige oder ist nicht vorhanden, so dass nur noch die Solidargemeinschaft dann immer dafür gerade stehe muss, was durch Geldgier anderer verursacht wurde, die sich die Taschen voll Geld stopften und sich jetzt hinter Konkursen und Kapitalnot verschanzen, da diese selbst pekuniär nicht zur Rechenschaft gezogen werden aufgrund Haftungsbeschränkungen im Rahmen der Unternehmensstrukturen.
Dies sollte meiner Meinung nach nicht mehr so leicht möglich gemacht werden indem Leute, die durch ihr absichtliches Wirken solche Situationen hervorrufen auch selbst dafür mit haften müssen.

#4 |
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Ärztin

In Anbetracht des Kommentars von Herrn Hammerla stellt sich die Frage ob Medizinprodukte insgesamt nicht zu teuer sind und ob es nicht sinnvoll wäre auch für Medizinprodukte Generika zuzulassen. Zumindest die Diskussion um das Entfernen baugleicher Imlantate wäre damit entbehrlich. Neben dem Kostenfaktor bei fehlender tatsächlicher medizinischer Indikation für die Explantation sei auch die persönliche Belastung der betroffenen Patientinnen, insbesondere auch der Tumorpatientinnen zu berücksichtigen. Darüber hinaus würde Produkthaftung nach amerikanischem Vorbild für Medizinprodukte für eine für die Allgemeinheit der Versicherten kostenneutrale Lösung qualitätsbedingter Rückrufaktionen sorgen. Es ist nicht vertretbar, dass Hersteller “billige” Medizinprodukte auf den Markt werfen und die Allgemeinheit der Versicherten die Folgekosten für Qualitätsmängel zu tragen hat.

#3 |
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Carsten Kraft
Carsten Kraft

Die Richter drängen häufig zu einem Vergleich, weil die Sachverständigengutachten häufig kein schwarzes oder weißes Bild aufzeigen und die Prozessrisiken für beide Seiten zu hoch sind – zum Vergleich gehören immer zwei.

Sowohl PKV und GKV müssen in jedem Fall zahlen; andernfalls müssen wir uns auch die Frage stellen, ob für Skiunfälle o.ä. geleistet werden muss. Allerdings haben sowohl die GKV als auch die PKV auf Grund eines gesetzlichen Forderungsübergangs die Möglichkeit, ihrerseits bei dem Verantwortlichen Regress zu nehmen.

#2 |
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Sven Adam
Sven Adam

Welch Illusion. Selbst in den schlimmsten totalitären Staaten konnte noch getäuscht werden. Dahin kann keiner zurück wollen. Noch mehr Kontrolle, noch mehr staatliche Gängelung dann auch der korrekt arbeitenden Unternehmen bringt uns aber genau dort hin. Von griechischen Verhältnissen durch noch mehr Nettostaatsprofiteure in den Amtsstuben ganz abgesehen. Staatliche Kontrollen kosten primär viel Geld. Einen Erfolg garantieren sie nie.

Vielmehr müssen die zivilrechtliche Haftung in Sachen Schadensdeckungshöhe verbessert und der Rechtsweg für Betroffene massiv beschleunigt werden. Das setzt aber Richter voraus, die nicht in der Gewißheit risiko- und leistungsloser Staatsknete auf ihrem Konto teils mit massivem Druck ausgerechnet auf die Kläger den bequemen Vergleich suchen, der ihnen den Aufwand der Urteilsbegründung erspart. Dies ist im Zivilrecht leider täglicher Usus, was ich sowohl als Sachverständiger wie auch als Betroffener in einer Bauangelegenheit bestätigen muß. Mein früheres Vertrauen in einen funktionierenden Rechtsstaat wäre mir lieber, aber das ist Geschichte. Wenn die Mittel erschöpft sind oder die Rechtsschutzversicherung nicht mehr mitmacht, sofern sie überhaupt einspringt, kann man im Recht sein wie man will.

Zurück zum Thema: Selbst Schadensersatzansprüche in US-amerikanischer Höhe scheinen Betrüger ja nicht abzuschrecken. Zumindest aber wird sich dann nicht die Frage der Kosten der Implantatentfernung stellen.

Schon gar nicht sollten Begehrlichkeiten geweckt werden, erneut die Allgemeinheit mit den Folgen der Partikularinteressen der Wenigen zu belasten. Erst recht nicht für kosmetische Eingriffe, selbst wenn dahinter ein Tumor oder ein Unfall steckte. Denn selbst die psychische Belastung Einzelner infolge Entstellung und die rosaroten “es wäre doch schön, wenn ….”-Träumereien der Sozialromantiker rechtfertigen nicht den Diebstahl am Gegenwert für die Arbeitsleistung und die bereitgestellte Lebenszeit anderer. Das ist und bleibt allenfalls auf freiwilliger Basis in Form von Charity moralisch. Zwangsaltruismus ist kein Altruismus. Es gibt kein Leben ohne Risiken und die Menschen werden sich gerade vor der aktuellen Währungsentwicklung rasch daran gewönnen müssen, daß sie die Folgen verwirklichter Risiken selbst zu tragen haben. Die Illusion der Wohlfahrtsdemokratien, daß jeder auf Kosten aller anderen leben kann, bricht gerade zusammen. Noch mehr System und noch mehr Delegation von Verantwortung an Fremde verbunden mit dem Griff in deren Brieftasche ist nicht mehr.

Es bleibt nur der Schadensersatz unter Heranziehung des Unternehmensvermögens und ggf. der Schadendeckungssumme der Haftpflichtversicherung des Unternehmens.
Alles andere ist m. E. indiskutabel.

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