Ösophagus-Metaplasien: Sauer macht nicht lustig

20. Juni 2014
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Ein Barrett-Ösophagus gilt als Risikofaktor für Karzinome. Aufgrund neuer Daten lohnt es sich, Pharmakotherapien kritisch zu hinterfragen. Wer als Prophylaxe Protonenpumpenhemmer einnimmt, hat davon keinen Nutzen. Alendronsäure ist sogar mit weiteren Risiken verbunden. Bleibt noch, mehr Wert auf die Eradikation von Helicobacter pylori zu legen.

Gastroenterologen sprechen bei metaplastischen Umwandlungen von Epithelzellen der Speiseröhre vom Barrett-Ösophagus. Als Auslöser haben sie Tabakkonsum, Übergewicht, aber auch genetische Prädispositionen identifiziert. Die Folgen: Betroffene tragen ein höheres Risiko, Adenokarzinome zu entwickeln. Dänische Wissenschaftler fanden als Krebsrisiko 0,12 Prozent pro Patientenjahr – weitaus weniger als bislang vermutet. Grund genug für Ärzte, bei niedriggradigen Dysplasien abzuwarten, inklusive regelmäßiger Untersuchungen. Bleibt als Alternative, Gewebe abzutragen. Laut einer klinischen kontrollierten Studie ist die frühzeitige Radiofrequenzablation endoskopischen Kontrollen deutlich überlegen.

Markante Moleküle

Um das negative Potenzial eines Barrett-Ösophagus abzuschätzen, arbeiten Forscher an molekularbiologischen Strategien. Sie entnahmen Epithelproben von gesunden Menschen und von Patienten mit einem Barrett-Ösophagus beziehungsweise einem Adenokarzinom. Der Vergleich spezifischer microRNA-Sequenzen zeigte deutliche Unterschiede: In kanzerösen Zellen befand sich häufig ein bestimmtes Muster mit schwacher Expression von miR-375. Gleichzeitig wurde die Expression von Nukleinsäuren der miR-17-92-Familie hochreguliert. Sollten Gewebe eines Barrett-Ösophagus entsprechende „Fingerabdrücke“ aufweisen, ist Gefahr im Verzug. Labordiagnostische Untersuchungen könnten das bisherige Spektrum an Methoden ergänzen, heißt es im Beitrag.

Enttäuschende Resultate

Von der Diagnostik zur Prophylaxe: Seit Jahren suchen Heilberufler nach vorbeugenden Maßnahmen, etwa bei Patienten mit Refluxösophagitis. Grund genug, offensiv PPI zu verordnen. Asbjørn Mohr Drewes aus dem dänischen Aalborg fragte sich, inwieweit PPI tatsächlich vor Krebs schützen. Eine nationale Populationsstudie mit 9.883 Teilnehmern, allesamt am Barrett-Ösophagus erkrankt, kam da wie gerufen. Der Wissenschaftler verglich Patienten ohne Progression mit Menschen, die bereits hochgradig intraepitheliale Neoplasien (HG-IEN) beziehungsweise Adenokarzinome entwickelt hatten. Im Rahmen eines Follow-ups von 10,2 Jahren fand Drewes 140 neue Karzinome beziehungsweise HG-IEN. Nahmen Patienten regelmäßig PPI ein, lag das Risiko bei 2,2 bis 3,4, je nach Therapietreue. Schützende Einflüsse ließen sich nicht nachweisen, ganz im Gegenteil: Wer seine Medikation konsequent einnahm, war stärker gefährdet. Bleiben noch methodische Fragen: Ein Bias durch die Selektion von Patienten ist denkbar. Drewes will Effekte der Pharmaka selbst aber nicht ausschließen, bis Resultate einer randomisierten placebokontrollierten Studie vorliegen.

Bessere Daten, bessere Empfehlungen

Deshalb läuft seit 2005 die „Study of Aspirin and Esomeprazole Chemoprevention in Barrett’s Metaplasia“ (AspECT). Ziel ist, chemoprotektive Effekte von Esomeprazol und / oder ASS bei Patienten mit Barret-Ösophagitis zu untersuchen. Erste Daten sollen in 2019 vorliegen. Bis dahin bleibt als Empfehlung, PPI nur zu verordnen, falls Ärzte erosive beziehungsweise ulzeröse Läsionen diagnostizieren. Zur Dauermedikation sind entsprechende Präparate nicht geeignet – auch unter weiteren Gesichtspunkten: Wissenschaftlich bestehen keine Zweifel, dass häufig Vitamin-B12-Mangelerscheinungen auftreten. Gleichzeitig haben Patienten ein höheres Risiko für Osteoporose und Hüftfrakturen. Greifen Ärzte zu Alendronsäure, erweisen sie Betroffenen keinen Gefallen. Bei Patienten mit Barrett-Ösophagus soll das Bisphosphonat nur nach individueller Abwägung von Nutzen und Risiken verordnet werden, heißt es vom Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM).

Neues von einem alten Bekannten

PPI sind aber nur die halbe Wahrheit. Bei Plattenepithel-Tumoren des Ösophagus spielt neben anderen Faktoren Helicobacter pylori eine wichtige Rolle. Bislang war die Datenlage äußerst widersprüchlich. Jetzt hat Wen-sheng Li von der Universität in Shantou, China, eine neue Arbeit veröffentlicht. Der Untersuchung liegen Gewebeproben von rund 200 Patienten zu Grunde. In Summe ließ sich H. pylori bei rund 63 Prozent aller Tumoren nachweisen, und angrenzendes Gewebe war zu 74 Prozent infiziert. Rund 80 Prozent aller bakteriellen Genotypen exprimierte das zytotoxin-assoziierte Gen A (CagA) – inklusive eines kanzerogenen Genprodukts. Um gegen den berühmt-berüchtigten Keim vorzugehen, setzen Ärzte nach wie vor auf Tripeltherapien mit Amoxicillin, Clarithromycin und PPI. Durch zunehmende Resistenzen versagt dieses Regime mehr und mehr. Bleibt noch eine Option: In den Guidelines „Management of Helicobacter pylori infection—the Maastricht IV/ Florence Consensus Report“ raten Wissenschaftler zur Quadrupeltherapie mit Bismut, Metronidazol, Tetrazyklin und PPI.

56 Wertungen (4.55 ø)

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12 Kommentare:

Zahnarzt
Zahnarzt

Habe sehr gute Ergebnisse bei der Behandlung eines Helicobacter pylori erreicht mit Spenglersan G der Firma Meckel-Spenglersan GmbH. Der Spenglersan Report 1/01 11. Jahrgang verwies auf eine Studie Nummer 817 der Sp. Schriftenreihe. Bin nach dieser Studie vorgegangen.
Jahrelange gute Ergebnisse bei der Behandlung von Mundschleimhautproblemen hatte ich bereits bei vielen Patienten.

#12 |
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Dr.Bayerl
Dr.Bayerl

Noch mal an @Heinz Brettschneider die Heliobacter- Infektion begünstigt selbst die gastrale Schleimhausatrophie und damit die Verminderung der Säuresekretion des Magens.
Das ist kein Vorteil, sondern erhöht das Risiko des viel häufigeren Magenkarzinoms.
Z.B.hier ganz aktuell:
Curr Opin Gastroenterol. 2014 Jul;30(4):402-7. doi: 10.1097/MOG.0000000000000085.

#11 |
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Dr.Bayerl
Dr.Bayerl

Hallo Herr Kollege @Heinz Brettschneider, das zeigt nur, dass saurer Reflux für die Speiseröhre aggressiver ist. Das ist jedoch absolut kein Grund Magensäure auch bei der Mehrheit der Menschen ohne pathologischen Reflux zu reduzieren. Schon gar nicht mit aluminiumhaltigen Antacida.
Im übrigen soll für die maligne Entartung das Bilirubin (im Reflux) eine Rolle spielen.
Es ist daher erforderlich statt blinder Gießkannentherapie auf Dauer, die Frage des pathologischen Refluxes zuerst zu klären.

#10 |
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Gast123
Gast123

@#7:
Heilerde? Oh, das sollten die Aluminium-Sensiblen lieber nicht lesen.
Wenn schon wegen eines Deodorants ein riesen Aufriss gestartet wird… :-)

Generell steht einer versuchsweisen Umstellung von Nahrung und Lebensumständen ja nichts entgegen. Das sollte man aber vorzugsweise machen, bevor der Magen in Fetzen hängt. Dann hilft ein Säckchen Heilerde auch nix mehr.

#9 |
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Heinz Brettschneider
Heinz Brettschneider

Noch am 9.6.2014 wurde hier publiziert: Die H.-pylori-Infektion ist deutlich mit einer niedrigeren Wahrscheinlichkeit eines Barrett-Ösophagus assoziiert. Besonders
ausgeprägt ist dieser negative Zusammenhang bei Patienten bei denen zusätzlich die Azidität des Magens niedriger ist.
Autor: Prof. Dr. med. M. Storr, Medizinische Klinik II, Klinikum Großhadern
basierend auf: Fischbach LA et al. Association between Helicobacter pylori and Barrett’s Esophagus: A Case–Control Study Am. J. Gastroenterology 2014; 109: 357-368
Also wäre es ja schon erwähnenswert, dass sich die Wissenschaftler dauernd so fundamental einander widersprechen.
Heinrich Brettschneider, Internist, Landsberg am Lech

#8 |
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Dr. med. Susanne Bihlmaier
Dr. med. Susanne Bihlmaier

Wirksame Hilfe, vielleicht zu preiswert?: Luvos Heilerde. Abends ein Beutel Granulat, bindet über die Oberfläche des Lös nur das, was wirklich zu viel ist.
Erst ausprobieren, dann urteilen. Und staunen, wie wirksam Naturheilverfahren sein können. Und dann zum Gesundheits-Gourmet werden, statt Müll in den Magen zu schaufeln, so dass dieser zu recht sauer wird….

#7 |
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Dr.Bayerl
Dr.Bayerl

Der “Barret-Ösophagus” ist die Folge von Reflux.
Krankheiten haben es an sich, dass sie Ausnahmen von der Regel (Gesundheit) darstellen.
Sicher kann man Reflux nicht durch mehr Säure bessern.
zu#2 nicht jeder hat zu viel Säure, bei dem das unklug wäre
und nicht jeder hat zu wenig Säure, bei dem das klug wäre,
wenn es da nicht die Ausnahme Reflux gäbe.
zu #1 Es ist auch eine Minderheit die auf Ärger (Stress) mit mehr Säureproduktion reagieren, die anderen bekommen auch bei noch soviel Ärger einfach kein Ulkus duodeni.
Solange kein Reflux vorliegt ist Säure bis auf die Minderheit #1 natürlich gesundheitsfördernd, aber möglichst ohne Reflux.
Man kann auch den Reflux operativ beseitigen und dann einen Barret-Ösophagus vermeiden und dann auf irgendwelche Säureblocker ganz verzichten.

p.s. der Barret-Ösophagus führt potentiell zum Adeno-Ca, nicht zum Plattenepithel-Ca., denn die Metaplasie ist ja die Umwandlung von Plattenepithel zu “magenähnlichem” zylinder-Epithel.

mfG

#6 |
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Annette Gleicke
Annette Gleicke

Danke, das gibt mir den Glauben wieder zurück, den Uwe Karstädt in mir “geweckt” hat.
Also doch lieber keine Magensäure ausgleichen, sondern lieber hinzugeben!

#5 |
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Biochemiker

‘Warum’ es zu einem Reflux kommt, ist ja weitestgehend klar, insoweit sehr haeufig eine Hernie / Protrusion / Sphinktermalfunktion vorliegt.

Weshalb H. Pylori in einigen Faellen Neoplasien foerdert bedarf wahrscheinlich einer genaueren Betrachtung des Micro-Environments, so konnte etwa ein Zusammenhang zwischen der Oralflora und dem Pankreaskarzinom nachgewiesen werden (Strep. mitis & Neisseria Elongata waren unterrepraesentiert, waehrend Granulicatella adjacens vermehrt vorkamen). Freilich sollte man hier Synchronizitaet und Causalitaet nicht gleichsetzen, dennoch deutet einiges darauf hin, dass die Mikroflora einen nicht unerheblichen Einfluss auf benachbarte Epithelzellen ausuebt. Wobei die Selektion deren Zusammensetzung sehr wahrscheinlich auch umwelt (ie. nahrungsmittel-) beeinflusst ist.

#4 |
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Dr. med. Michael Traub
Dr. med. Michael Traub

Sehr wichtige Erkenntnis, daß PPIs nichts bringen. Was die Helicobacter-Assoziation
anbelangt, sind weitere Untersuchungen über andere Kofaktoren wie zB Alkohol u/o
Nikotin bei der Kanzerogenese vonnöten.

#3 |
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Sonstige

Sehr geehrter Herr van den Heuvel,

in der Tat, wie mein Vorkommentator schon geschrieben hat, lesen sich die ersten zwei Drittel Ihres Artikels ohne Bauchgrimmen. Nur dazu will ich einiges hinzufügen.
Es ist ja schön, daß wir einmal lesen können, daß PPIs kontraproduktiv sind. Ich spreche immer von der “Säure des Lebens” (nach HP Uwe Karstädt), die wir keineswegs auslöschen dürfen, weil sonst alles andere nicht mehr funktioniert, wie z.B. B12-Resorption, etc.
Wenn man dann noch zu dem Schluß kommt, daß es nicht mehr darum geht, angeblich zuviel Magensäure zu binden, sondern darum, um bestimmte Prozesse überhaupt zu ermöglichen, die Magensäure anzuregen bzw. sogar zu substituieren (Betain), dann sind wir auf dem richtigen Weg.

#2 |
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Gast
Gast

Der Artikel war recht gut – bis zum Ende. Da kam wieder der alte Helicobacter Unsinn auf den Tisch. Anstatt die alte Pasteursche Infektionshypothese wieder aufzuwärmen – wäre es nicht gut zu fragen, WARUM dieser Keim dort wächst und WARUM der Magen den Inhalt in den Oesophagus ausstößt? Nach meiner Beobachtung verschwinden die Symptome bei einer Umstellung auf geeignete Nahrung sehr schnell. Die gute alte Breuss Diät wirkt hier Wunder. Noch eine Frage: Warum verschwinden die Symptome einer “Helicobacter” Gastritis oder auch eines ulcus, wenn man den Chef oder die Frau wechelt? Der “Keim” scheint psychosensitiv zu sein.

#1 |
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