Fifa fordert Defis

18. Juni 2012
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Nach mehreren tragischen Todesfällen durch plötzlichen Herztod propagiert die FIFA jetzt Defibrillatoren auf allen Fußballfeldern dieser Erde. Ob Sportler wirklich häufiger einen plötzlichen Herztod erleiden als andere ist allerdings umstritten.

Der Frühling war keine gute Jahreszeit für Fußballspieler mit Herzproblemen. Am 17. März 2012 schockierte der Mittelfeldspieler Fabrice Muamba von den Bolton Wanderers die fußballinteressierte Öffentlichkeit. Er erlitt während eines Spiels gegen Tottenham Hotspur einen Herzstillstand und wurde angeblich 78 Minuten lang reanimiert. Der Fußballprofi überlebte. Nur vier Wochen später hatte der italienische Fußballprofi Permario Morasini während eines Spiels für seinen Verein Livorno weniger Glück: Er verstarb am plötzlichen Herztod.

Ist Fußball ein kardialer Risikofaktor?

Der Weltfußballverband FIFA hat diese Ereignisse zu einer Bestandsaufnahme genutzt. Bei der zweiten medizinischen Konferenz der FIFA, die Ende Mai in Budapest stattfand, berichtete der Chairman des FIFA Medical Committee, Dr. Michel D’Hooghe, über das Ergebnis dieser Untersuchung, die per Fragebogen bei den nationalen Fußballverbänden durchgeführt wurde. „Wir sind zu dem Ergebnis gekommen, dass es in den letzten fünf Jahren zu 84 Fällen von plötzlichem Herztod auf Fußballfeldern gekommen ist“, so D’Hooghe. Bei weiteren 24 Fußballern trat ein plötzlicher Herzstillstand auf, der unter Reanimation reversibel war.

Ob das jetzt viel oder wenig ist, darüber gehen die Meinungen etwas auseinander. Einige teilweise recht öffentlichkeitsaffine Sportmediziner in Deutschland sind der Auffassung, dass das Risiko eines plötzlichen Herztods bei Profisportlern tatsächlich höher ist als in der Durchschnittsbevölkerung. Das soll unter anderem daran liegen, dass Infektionserkrankungen häufiger verschleppt beziehungsweise vor erneuter sportlicher Höchstbelastung nicht richtig auskuriert werden.

Andere sehen das etwas anders. Dazu gehört auch der Chief Medical Officer der FIFA, Professor Jiri Dvorak. Bei der Veranstaltung in Budapest rechnete er vor, dass die Inzidenz des plötzlichen Herztods in der Allgemeinbevölkerung bei etwa eins zu 200000 liege. Werde das auf geschätzt 300 Millionen Fußballspieler weltweit hochgerechnet, müssten jährlich 1500 Todesfälle in dieser Population auftreten, also wesentlich mehr als die 84, die die FIFA ermittelt hat. Das ist allerdings eine Milchmädchenrechnung. Selbst Dvorak gibt zu, dass es wohl eine gewisse Dunkelziffer gibt. Vor allem aber unterstellt diese Berechnung, dass Fußballer – und hier geht es nicht nur um Profis – den größten Teil ihrer Lebenszeit auf dem Feld verbrächten, was natürlich nicht der Fall ist.

Kein Anpfiff ohne Defi!

Wie dem auch sei, die FIFA will dem plötzlichen Herztod auf dem Spielfeld jetzt nicht länger tatenlos zusehen. Zum einen fordert sie, dass Defibrillatoren nicht nur in den großen Fußballstadien, sondern auch auf den Feldern von Amateurvereinen installiert werden. Dieser Forderung liegt die ebenfalls aus der genannten Befragung destillierte Erkenntnis zugrunde, dass nur bei jedem fünften der insgesamt 108 Herzstillstände, die der FIFA gemeldet wurden, ein Defibrillator in der Nähe war. „Wir brauchen deswegen Defibrillatoren auf jedem Fußballfeld. Das ist eine Frage von Leben und Tod“, so D’Hooghe etwas theatralisch.

Nun kann die FIFA nicht selbsttätig den Fußballplaneten mit Defibrillatoren überschwemmen. Es bleibt deswegen zunächst bei der Forderung. Zusätzlich investiert der Weltfußballverband allerdings auch in die Erforschung des plötzlichen Herztods bei Sportlern. Hierbei gehe es vor allem um genetische Prädispositionen, so Dvorak in Budapest. Dazu ist bisher noch relativ wenig bekannt, wenn man mal von den Genen für eine hypertrophe Kardiomyopathie absieht, die in den letzten Jahren beschrieben worden sind.

Der Hintergrund dieser „FIFA-Forschung“ ist eine Debatte, die schon länger geführt wird, nämlich die Debatte um ein kardiales Screening für (Profi-)Sportler. Bisherige Versuche, solche Screening-Programme zu initiieren, waren nur punktuell erfolgreich. Wären genetische Risikofaktoren bekannt, könnten die Screening-Aktivitäten sehr viel gezielter erfolgen. Dvorak erwähnte in Budapest übrigens auch noch einen ganz anderen Punkt: Die Spieler sollten aufhören, ständig schwere Stürze oder Verletzungen zu simulieren. Dies könne dazu führen, dass ein Spiel bei wirklich ernsten Situationen versehentlich weitergeführt werde, weil der Schiedsrichter von Simulantentum ausgehe.

52 Wertungen (4.25 ø)

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14 Kommentare:

Prof. Dr. Werner Schregel
Prof. Dr. Werner Schregel

Die Defi-Platzierung allein löst das Problem plötzlicher Herztod nicht. Wichtig wäre, allen Bundesbürgern wiederholt klarzumachen, dass von den 100000 Opfern des plötzlichen Herztods pro Jahr in der BRD ca. die Hälfte gerettet werden könnten, wenn die “Bystander” vor Ort, also Angehörige, Arbeits- oder Sportkollegen unverzüglich mit den sehr einfachen Basismassnahmen der Wiederbelebung beginnen würden. Plötzliche Bewusstlosigkeit und gestörte Atmung sichern schon die Diagnose, der Notruf 112 von jedem Handy ohne Vorwahl ist in jedem Fall Indiziert und der Leitstellendisponent kann die letzten Zweifel beseitigen. Dann sollte sofort mit einer Herzdruckmassage begonnen werden, die effektiv (>5 cm) und schnell (>100/min) sein muss. DIe Herzdruckmassage ksnn “Zeit einkaufen” für das empfindlichste Organ des Menschen, das Gehirn, bis der Kreislauf durch die Defibrillation oder Mediksmente wiederhergestellt ist. Eigene Erfahrungen belegen, dass ein Kurs von ca. 2 Stunden ausreichend zur Vermittlung der Wiederbelebung und zum Abbau der Hemmschwellen ist! Jeder Sportler ein Lebensretter! Bildet sie aus!

#14 |
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Als jahrzehntelang tätiger Notarzt und Vereinsarzt im Eishockeysport kann ich diese Forderung nur unterstützen.Auch hier gab es immer wieder Fälle von plötzlichem Herztod, vor allem, weil Atemwegsinfekte nicht ausreichend lang auskuriert werden ( dürfen!!).
Genauso wäre auch wichtig, dass Sportler nicht nur von Orthopäden, sondern auch von Internisten regelmäßig vor Saisonbeginn untersucht werden.
Gute AED-Geräte gibt es heute schon für ca. 1000.-¿ !Dies sollte sowohl für Vereine, aber auch für Gemeinden, die Sportstätten gegen Entgeld zur Verfügung stellen,keine unüberwündliche Hürde darstellen.

#13 |
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In Davos in der Schweiz hat jeder öffentliche Bus solch ein Gerät gut sichtbar bei sich. Da dort die Busse häufig fahren, ist auch schnell ein Gerät verfügbar. Außerdem hat es die Bevölkerung oft vor Augen. Je höher die Dichte von AED’s ist, desto größer die Wahrscheinlichkeit, dass ein Menschenleben dadurch gerettet werden kann. Schulungen sind natürlcih auch wichtig, könnte aber z.B. auch in Werbepausen im Fernsehen mal gezeigt werden. Die Geräte sind so einfach, dass eigentlich nur die Anfangsscheu überwunden werden muss. Dann erzählt das Gerät schon alles, was man machen muss.

#12 |
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Rettungssanitäter

Also wer schon einmal einen Herzinfarkt hatte oder die Behandlung durchgeführt hat kann hier auch einen sinnvollen Kommentar abgeben.
In der Bundeshauptstadt Berlin ist es mittlerweile schon so geregelt (per Zwang) , dass jeder private Krankentransportwagen ein Gerät mit sich führt für solche med. Notfälle. Diese Geräte sind so einfach zu bedienen, dass damit auch jeder Laie klarkommt.
Als erstes muss die natürlich auch in den 1.Hilfe Kursen aufgenommen werden. Dann muss man wissen wo überall solche Geräte im Notfall bereitstehen. Und das sind viel zu wenig.
Meine persönliche Forderung wäre, das jedes öffentliche Gebäude und jedes durch den Staat, Bundesland, Stadt oder Landkreis geführte Kfz solch ein Gerät mitführt.
Somit wären viele Geräte verfügbar.
Der Nutzen läßt sich nicht ausrechnen, da es für nur ein damit gerettetes Menschenleben ja bekanntlich kein Preis gibt. Hier wäre einfach mal die Politik gefragt und sollte für sein Volk entsprechend handeln.
P.S. Die privaten Krankentransporte in Berlin wurden Verpflichtet auf eigene Kosten pro Wagen ein Gerät anzuschaffen und mit sich zu führen. Wenn aber ein Notfall eintritt müssen auch diese Kräfte noch die feuerwehr rufen, weil nur die Feuerwehr das Rettungsrecht hat.
Ein Gerät kostet zwischen 1400.- und 1800.- ¿.

#11 |
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Gesundheits- und Krankenpfleger

Man sollte noch deutlich weiter gehen!

Nicht nur bei irgendwelchen Sportveranstaltungen sollte ein Defi dabei sein, es sollte z.B. für Firmen mit Publikumsverkehr und / oder einer gewissen Belegschaftsgröße verpflichtend sein, einen AED vorzuhalten und das entsprechend geschulte Personal.

Ich erinnere mich an die Aussage einer Mitarbeiterin in der Deutschen Rentenversicherung (sic!) vor einigen Jahren:
Ich stellte (damals noch sehr positiv überrascht) fest, dass sie einen AED im Gebäude haben und deutete auf das Schild hinter ihr am Schrank.
Antwort: “Der ist nur für den Arzt!”

Jedes Auto muss zum TÜV, nur die Lenker werden nicht überprüft… Ich wäre für eine Kombination aus EH-Schulung, Seh-, Hör- und Reaktionstest bei ALLEN Autofahrern, egal welcher Altersgruppe! Dabei könnte man auch dann, wie es ja in den EH-Kursen vorgesehen ist, die breite Öffentlichkeit mit den Geräten und deren Anwendung vertraut machen.

Eventuell sollte auch in Kontoauszugsdrucker ein AED eingebaut werden, der vor der Entnahme der Auszüge verpflichtend angelegt werden muss? …

Wie dem auch sei, ich bin für eine deutlich bessere Verfügbarkeit der “Back-to-life-Maschinen” in Deutschland, analog zur Verfügbarkeit z.B. von Feuerlöschern.

#10 |
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Rettungsassistent

http://flexikon.doccheck.com/de/Myokarditis
Siehe 2.2 …nach Pathogenese
Und niemand wird den Leistungsdruck bei Sportlern kleinreden können.
Ob diese Gruppe wirklich die ist, bei denen AED den größten Nutzen (weil höchste Fallzahlen) haben, wäre noch zu überdenken.
Aber man könnte z.B. Festlegen, was bei eienr Sanitätsbetreuung an Material mitgeführt werden muss, ähnlich wie dies bei Springreitturnieren der Fall ist. Nicht jedes Grüppchen DRKler hat einen AED, der mitgebracht werden kann, so traurig das auch ist.

#9 |
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Dirk Reske
Dirk Reske

Welcher Defi-Hersteller zieht da die Fäden im Hintergrund? Trau Schau Wem wie Mamma immer sagte. Das Minimax Prinzip lässt grüßen!

#8 |
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Dr. Alex Mitterhofer
Dr. Alex Mitterhofer

Eine vielleicht naive Frage: könnte da nicht auch der Gebrauch von unerlaubten Regenerations- und Leistungsförderer eine gewisse Rolle spielen????

#7 |
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Wundert mich, daß das Millardenunternehmen Fifa und somit der “allmächtige Herr Blatter” diese Geschichte noch nicht in die Wege geleitet hat…
…ein Schelm, wer Böses dabei denkt…

Vielleicht ist bisher zu viel Geld in die “VIP-Lounges” und die Hotels für Fifamitglieder geflossen, wenn sie sich mal wieder (zu welchem Anlass auch immer) treffen…

Gruß aus dem sonnigen Münsterland.
HP. Ralf Hoffmannbeck

#6 |
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“Die Spieler sollten aufhören, ständig schwere Stürze oder Verletzungen zu simulieren. Dies könne dazu führen, dass ein Spiel bei wirklich ernsten Situationen versehentlich weitergeführt werde, weil der Schiedsrichter von Simulantentum ausgehe

Finde ich prinzipiell auch, dass die nicht bei jeder Kleinigkeit gleich nach Mama rufen sollten, allerdings eher, weil die Diskrepanz zwischen dem Geheule und dem aus der Zeitlupe eines Fouls oder einer Schwalbe zu erwartenden Schmerzes den ganzen Sport wirklich unerträglich lächerlich zu machen droht.
Plötzlicher Herztod sieht aber anders aus (mal abgesehen vom Herzinfarkt als Ursache)

#5 |
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Herr Max Hess
Herr Max Hess

Es ist wie immer eine Frage der Relation. Einige Defis am richtigen Ort genügen. Völlig egal ob bei den Zuschauern oder den Spieler. Der schnelle Zugriff zählt!

#4 |
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@ Herr Vaith:
Ohne es genau zu wissen – aber ich behaupte mal, dass zumindest der FC Bayern und andere große deutsche Clubs längst mit Defis ausgestattet sind. Immerhin gibt es hier auch eine Verpflichtung, bei Profi-Spielen einen eigenen Sanitätsdienst und Mannschaftsarzt zu stellen… Es geht hier ja aber um den Breitensport, sprich die Amateure. Da finde ich das schon teils etwas überzogen.

#3 |
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“… müssten jährlich 1500 Todesfälle in dieser Population auftreten, also wesentlich mehr als die 84, die die FIFA ermittelt hat.” Ein Missverhältnis von 1:20!

“Wie dem auch sei…”

Na, das ist ja das schlagendste Argument, das ich je gehört habe! Passt immer!

#2 |
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Weitere medizinische Berufe

Es geht hier doch mehr um die Herzinfarkte der Zuschauer die häufiger auftreten.
Wenn ich an die pralle Kasse des FC Bayern denke, müßte es doch möglich sein,einige Defi´s zu placieren.
Der FC Hollywood unterstützt ja auch viele soziale Einrichtungen.

Auch die Spieler mit den Millionen Gehältern könnten hier ein gutes Werk verrichten.

#1 |
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