Darmkrebsprävention: Ein ASS im Ärmel?

23. Juni 2014
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Bereits seit vielen Jahren verdichten sich die Hinweise, dass ASS bei manchen Menschen Darmkrebs vorbeugen kann. Wissenschaftler konnten nun erstmals zeigen, wer von dem Blutverdünner profitiert – ein erster Schritt in die personalisierte Darmkrebsprävention.

Seit vielen Jahren schon gibt es Hinweise, dass die regelmäßige Einnahme von ASS Darmkrebs vorbeugen kann. In zahlreichen Studien zeigte sich jedoch immer wieder dasselbe Bild: Während manche Patienten offenbar von dem Blutverdünner profitierten, war er für andere bei der Darmkrebsprävention wirkungslos. Wissenschaftler aus mehreren US-amerikanischen Instituten haben nun gemeinsam untersucht, bei welchen Menschen ASS das Risiko, an Darmkrebs zu erkranken, senken kann. Ihre Studie erschien im Fachmagazin Science Translational Medicine.

Auf die Menge eines Enzyms kommt es an

Ein dauerhaft aktives Enzym namens Cyclooxygenase-2 (COX-2), auch Prostaglandinsynthase-2 (PTGS2) genannt, gehört zu den Schlüsselereignissen bei der Entstehung von Darmkrebs. Das Enzym wandelt Arachidonsäure zu Prostaglandin um, das wiederum Entzündungsreaktionen stimuliert. ASS kann dieses Enzym hemmen, zumindest, wenn der Wirkstoff in hohen Dosen eingenommen wird. Doch offenbar braucht es dazu einen körpereigenen Komplizen. Während der Onkogenese ist die 15-Hydroxyprostaglandin Dehydrogenase (15-PGDH) ein Gegenspieler der Cyclooxygenase-2. Denn 15-PGDH sorgt für den Abbau von Prostaglandin und kommt in Darmkrebsgewebe nur in geringen Mengen vor.

15-PGDH + Entzündungshemmer = Darmkrebsprävention

Aus früheren Untersuchungen war bereits bekannt, dass das Enzym 15-PGDH bei Mäusen und bei 16 getesteten Menschen die Wirkung des Entzündungshemmers Celecoxib (Celebrex) bei der Prävention von Darmkrebs verstärkt. War 15-PGDH allerdings nur in geringen Mengen oder gar nicht im Darm vorhanden, wirkte auch Celecoxib weder bei Mäusen noch beim Menschen präventiv.

Daran anknüpfend untersuchten die Wissenschaftler nun, ob die beobachteten Effekte auch für ASS zutreffen würden. Denn der Blutverdünner scheint Celecoxib, zumindest was die Nebenwirkungen betrifft, überlegen zu sein. Dazu prüften sie, in welchen Konzentrationen das Enzym 15-PGDH im Darm von Patienten vorkommt, die trotz einer prophylaktischen Einnahme von ASS Darmkrebs entwickelt hatten.

Auf die Mengen an 15-PGDH kommt es an

Die Forscher konnten zeigen, dass der positive Effekt von ASS bei der Prävention von Darmkrebs tatsächlich von der Menge an 15-PGDH im Darm der Probanden abhängt. Bei Menschen mit großen Mengen 15-Hydroxyprostaglandin Dehydrogenase im Darm wirkt ASS, bei Menschen mit geringen Mengen dieses Enzyms offenbar nicht. Tröstlich dabei: „Etwa die Hälfte der Bevölkerung hat große Mengen an 15-PGDH im Darm“, schreiben die Forscher. In ihrer Studie untersuchten die Wissenschaftler Darmgewebe von 270 Patienten mit Darmkrebs. Diese Patienten gehörten entweder zur Harvard-based Nurses’ Health Studie (NHS) oder zur Health Professionals Follow-up Studie (HPFS), in der 127.865 Teilnehmer über 30 Jahre beobachtet wurden.

Personalisierte Darmkrebsvorsorge

„Unsere Arbeit zeigt ganz klar, wer von einer regelmäßigen ASS-Einnahme profitiert und wer nicht“, so Studienautor Sanford Markowitz. Die Forscher hoffen, damit die Grundlage für personalisierte Entscheidungen bei der Darmkrebsvorsorge geschaffen zu haben. Denn ASS ist nicht frei von Nebenwirkungen. Magenblutungen und andere unangenehme Nebeneffekte könnten vermieden werden, wenn klar ist, dass sich der Patient aufgrund seines 15-PGDH-Status ohnehin nicht für eine ASS-Darmkrebsprävention eignet.

Praxistest in Entwicklung

Nun arbeiten die Wissenschaftler daran, ihre Vision von einer personalisierten Darmkrebsvorsorge in die Praxis umzusetzen. Ein möglichst kostengünstiger und einfacher Test soll möglichst zeitnah Einzug in Praxen und Krankenhäuser erhalten, so ihre Vorstellung. „Während einer Darmspiegelung könnte der Gastroenterologe einfach und sicher eine zusätzliche Gewebeprobe für den 15-PGDH-Test entnehmen“, spekuliert Co-Autor Andrew Chan. Auf der To-do-Liste der Forscher steht außerdem noch eine prospektive klinische Studie, in der die Erkenntnisse aus diesen Beobachtungen an Risikopatienten überprüft werden sollen. Denkbar wäre außerdem, dass neben 15-PGDH auch andere Faktoren eine Rolle spielen, wenn es darum geht, Darmkrebs effektiv mit ASS vorzubeugen.

140 Wertungen (4.22 ø)

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15 Kommentare:

Arzt
Arzt

Ein bischen mehr Gemüse (Dickdarmballast) ist wirksamer als Aspirin,
das ein Medikament mit Nebenwirkungen ist, einschließlich Tod.

mfG

#15 |
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Dr. Elisabeth Pommé
Dr. Elisabeth Pommé

Wenn ich das richtig verstanden habe, hilft Aspirin “zumindest, wenn der Wirkstoff in hohen Dosen eingenommen wird”? Wie hoch soll die Dosierung des Aspirins denn sein? Sind da die Nebenwirkungen des Aspirins nicht gefährlicher, als die Gefahr, an Darmkrebs zu erkranken? Kann ich bei Aspirineinsatz dann noch einen aussagekräftigen Hämoculttest durchführen? Welche Menschengruppe (Patienten sind es ja noch nicht, wenn man präventiv irgend etwas gibt) soll denn Aspirin bekommen? Steckt da die Farmalobbie hinter?

#14 |
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Arzt
Arzt

J.S. Besser als Medikamente sind Stützstrümpfe und Beine bewegen.
Merke Medikamente nur für Kranke

#13 |
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J. S.
J. S.

Vielen Dank. Vorhin fand ich den nächsten Bericht über eine Wirkung von ASS… eine andere Baustelle und wieder hervorragend.

M. e. ist die beste Tablette eine, die man nicht braucht/nimmt.

ASS ist für mich in erster Linie ein Schmerzmittel. Zugegebenermaßen habe ich es auch schon als Gerinnungshemmer (besserer Begriff) mißbraucht. Das vor ein paar Flügen, wissend, dass eigentlich Heparin gespritzt besser wäre. Aber in der Not frißt der Deibel Fliegen.

#12 |
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Arzt
Arzt

@J Simon, aber nein!, Sie lagen doch mit Ihrer Einschätzung in #6 recht gut.
Ja was soll der arme Laie auch denken, wenn sich Ärzte schon nicht einig sind?
Zumindest tief in die Augen schon, ob er glaubwürdig wirkt, wenn er eine Behandlung vorschlägt.

#11 |
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Nichtmedizinische Berufe

Also sind Nichtmediziner “saublöd”? Sorry, aber diese Art Überheblichkeit sollte der Vergangenheit angehören.

#10 |
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Medizinphysiker

Na ja “Blutverdünnung”, da weiß doch jeder was gemeint ist, was soll die Schelte?

#9 |
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Gast
Gast

Auch bei der cardiolvaskulären “Prävention” hat eine Studie mit ca. 50000 Teilnehmern gezeigt, dass der Schaden größer ist als der Nutzen bei Teilnehmern, die noch keinen Herzinfarkt erlitten hatten.
Nur nach einem erlittenen Infarkt ist die statistische Wahrscheinlichkeit für einen Reinfarkt verringert.
Da die Diskussion hier eh nicht sonderlich “professionell” ist würde ich mich nicht so über die “Blutverdünnung” echoffieren. Gerade bei der verbreiteten und imho übertriebenen Anwendung von Aspirin hat die Laienpresse kräftig mitgeholfen (Spiegel etc.), scheint ein neues Marketingkonzept zu sein.
Dagegen wurde zum Beispiel das WESENTLICH harmlosere Novalgin öffentlich in den Boden gestampft, hier ist das Risiko TÖDLICHER Nebenwirkung mindestens um den Faktor 10 geringer.
Zu#1 Alle COX-Hemmer, auch Diclophenac erhöhen das Herzinfarktrisiko deutlich,
wahrscheinlich mit einem erhöhtem Blutgerinnungsmechanismus, das sollte man als Arzt wissen.

#8 |
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Blutverdünner ist wirklich ein saublöder Laienbegriff. Wer sich sprachlich von Thrombozytenaggregationshemmer überfordert fühlt, kann ja wenigstens Gerinnungshemmer sagen.

#7 |
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Nichtmedizinische Berufe

Aspirin scheint ein völliges Wundermittel zu sein. Doch irgendwie fehlt mir immer mehr der Glaube dabei. Sicher hat es gute Wirkungen. Nur: Kann so ein Mittel, dass scheinbar fast alles kann, wirklich das alles?

Je mehr ich darüber lese, desto mehr habe ich Zweifel.

#6 |
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Gast
Gast

Gerade der “Coloskopeur” hat als Komplikationsrisiko Nr.1 die Nachblutung, wenn er eine PE macht oder einen Polyp entfernt.
Würde er das nicht machen wäre die Coloskopie sinnlos.

Leidtragende Ärzte, natürlich nach den betroffenen Patienten, sind meist nicht die, die das verordnen (Kardiologen), sondern die Chirurgen, die die Blutung stillen müssen, auch nach banalen Stürzen. Das schlimmste ist ein blutendes Ulcus duodeni.

Also dann forscht mal noch ein bischen,
ASS ist alles andere als harmlos!

#5 |
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Christian Beyer
Christian Beyer

Dann müsste ja auch Weihrauch als Schutz möglich sein, da dort die Prostaglandin 2 Synthese gehemmt wird, ohne 1 und 3 zu hemmen.

Wie es mit der Hemmung bei Celecoxib auf die Prostaglandine 1 u 3 aussieht ist mir leider nicht bekannt. Sollte dort aber auch alle 3 gehemmt werden ist der Weihrauch vorzuziehen.

Und wie sieht die Verbindung mit 15-PGDH ASS bzw. Celecoxib bei CED aus? Wobei ASS bei einer CED ja auf dauer nicht empfehlenswert ist.

#4 |
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Ich verwende es auch bei Pat. mit vielen Polypen und konnte durch die regelmaessige Einnahme von ASS 100 viele meiner Patienten auf 0-1 Polyp reduzieren.

#3 |
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Laura Münch
Laura Münch

Bitte vermeidet diesen dummen Begriff des “Blutverdünners”, er ist nicht nur unprofessionell, sondern schlichtweg falsch. ASS ist ein Thrombozytenaggregationshemmer. Wenn man Blut verdünnen wollen würde, müsste man Flüssigkeit hinzugeben um das Volumen zu steigern und eine Konzentrationsänderung zu schaffen. ASS greift in die Blutgerinnung ein, ist also etwas vollkommen anderes.

#2 |
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Dr. med. Michael Traub
Dr. med. Michael Traub

Die Studie mit Vioxx, die seinerzeit mit gleichem Ziel durchgeführt worden war, ist
abgebrochen worden, obwohl durchaus deutliche Hinweise für eine dem ASS mindestens
ebenbürtige protektive Wirkung bestanden. Meiner Erinnerung nach waren aber zu viele
Zwischenfälle im kardiovaskulaeren Bereich aufgetreten bei gleichzeitiger Gabe von
ACE-Hemmern u/o Sartanen. Diese Nebenwirkung dürfte dosisabhaengig auch ein Problem
bei der Gabe von ASS darstellen.

#1 |
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