Infantile Amnesie: Frühnebel im Gehirn

26. Juni 2014
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Erinnerungen an früheste Erlebnisse der Kindheit reichen lediglich bis zum Alter von drei bis fünf Jahren. Die Ausreifung von Nervenzentren ist eine neurologische Erklärung dafür, dass die Zeit davor „verschwindet“. Aber auch der Kulturkreis bestimmt das Ausmaß der infantilen Amnesie.

„Erinnerst Du Dich noch, als Du Dich nicht zwischen Teddybär und Bilderbuch entscheiden konntest?“ Die meisten Menschen werden diese Frage mit „Nein“ beantworten. Auch wenn die schwierige Entscheidung damals im Leben als Kleinkind fundamentale Bedeutung hatte.

Ausgeblendete Zeit

Mit zunehmendem Alter vergessen wir immer mehr aus dem Erlebnisschatz unseres Lebens. Nach den Erkenntnissen von Douwe Draaisma von der Universität Groningen betreffen mehr als 70 Prozent unserer geistigen Rückblicke Erinnerungen an das erste Drittel unseres bisherigen Daseins. Entsprechend scheint das Leben immer schneller mit immer weniger bedeutenden Vorkommnissen zu vergehen. Und doch bleibt die Spanne der ersten drei bis fünf Jahre fast vollständig aus unserem Geist ausgeblendet. „Infantile Amnesie“ ist der Ausdruck, den Sigmund Freud prägte, als er dieses Phänomen der Dunkelheit der ersten Jahre beschrieb. Dabei ist das fehlende Erinnerungsvermögen für diese Zeit kein typisch menschliches Phänomen. Bei Maus und Ratte lässt es sich ebenso studieren.

Erinnerungsvermögen schon kurz nach der Geburt

Schon das Gehirn von Kleinkindern kann Erlebnisse speichern und bei Bedarf auch wieder abrufen. Säuglinge, deren Mütter in der Schwangerschaft regelmäßig Fernsehsendungen mit einer charakteristischen Kennmelodie gesehen hatten, lassen sich mit diesen Tonfolgen beruhigen – und erinnern sich möglicherweise an ihre wunderbar ruhige Zeit vor dem postnatalen Stress. Willentlich kann das Kind Eindrücke und Erfahrungen jedoch erst ab dem Alter von zwei Jahren wieder hervorholen. Das Stoffspielzeug, das die Mutter in einer von vielen Schubladen einer Kommode versteckt hatte, finden viele Kinder schon sehr früh im Leben wieder. Mark Howe von der City University in London konnte in diesen Studien zeigen, dass die Voraussetzung für dieses Erinnerungsvermögen das „kognitive Selbst“ ist, das Wissen um die eigene Persönlichkeit und ihre Erfahrungen. Charakteristisches Symptom dafür: Die Kinder erkennen sich im Spiegel selbst wieder.

Ab dem Alter von vier bis fünf Jahren können Heranwachsende ihre Erinnerungen dann in Worte fassen, mit sieben entstehen erste Erzählungen über frühere Kindheitserlebnisse. In diesem Alter, so fand Patricia Bauer von der amerikanischen Emory University in Atlanta heraus, sind noch deutlich mehr Erinnerungen an die frühe Kindheit vorhanden als etwa bei Neunjährigen. Gespräche über gemeinsame bedeutende Erlebnisse im Alter von drei Jahren zwischen Kind und Mutter sind für die Siebenjährigen noch zu etwa 60 Prozent präsent, zwei Jahre später hingegen nur mehr zu 35. Ereignisse davor jedoch nur mehr in Ausnahmefällen. Je jünger das Kind, desto schneller und intensiver das Vergessen – so beschreibt Bauer die Dynamik bei der infantilen Amnesie. Am besten geht das Zurückerinnern noch bei Ereignissen, bei denen das Mutter-Kind Gespräch sehr intensiv war – oder mit starken Gefühlen verbunden.

Variables Ausmaß der Amnesie

Die „Erinnerungsgrenze“ für die frühe Kindheit ist allem Anschein nach unabhängig vom Lebensalter, das in den letzten Generationen immer mehr zunahm. Die Berichte vor etwa einhundert Jahren nennen ganz ähnliche Zahlen für die infantile Amnesie wie jene im 21. Jahrhundert. Aber es gibt auch Unterschiede: Der Erlebnisspeicher bei Erstgeborenen reicht weiter zurück als bei den Geschwistern, das Gleiche gilt für Frauen, die sich besser an die Zeit vor dem Kindergarten erinnern als Männer. Jedoch scheinen Kultur und das Umfeld einen ebenso wichtigen Einfluss auf das Vergessen zu haben. So endet bei Europäern die Phase der„vergessenen Jahre“ mit etwa dreieinhalb Jahren, bei Ostasiaten reicht sie dagegen bis ins sechste Lebensjahr. Die Ureinwohner Neuseelands, die Maori, können dagegen schon Erlebnisse im Alter von 2,5 Jahren aus den Schubladen ihres Gedächtnisses holen.

Gesprächstraining fürs Erinnern

Möglicherweise, so spekulieren Amnesie-Experten, hängt das mit der Erzählkultur zwischen Mutter und Kind in den ersten Lebensjahren zusammen. Europäer und Nordamerikaner besprechen gemeinsame Erlebnisse ausführlicher als das etwa Chinesen tun. Bei den Maori gehören Erzählungen über die Familie und über deren Vergangenheit zu deren Traditionen. Schon vor mehr als zehn Jahren entdeckte Qi Wang von der amerikanischen Cornell University, dass nicht nur die Erinnerung von Amerikanern weiter zurückreicht als jene von Chinesen, sondern dass ihre US-Kollegen auch mehr Details aus dieser Zeit wussten als etwa Menschen jenseits des Pazifik. Wer sich als Mutter in Gesprächen intensiv mit dem Kleinkind beschäftigt, sorgt auch dafür, dass sich der Nachwuchs später im Gegensatz zu wortkargen Eltern viel besser an seine Kindheit erinnert – eine Erkenntnis der Arbeitsgruppe von Patricia Bauer.

Neue Nerven sorgen fürs Vergessen

Die neurologischen Prozesse, die zum Vergessen der frühen Kindheit führen, liegen zum Teil noch im Dunkeln. Es scheint jedoch so, dass die Neurogenese im Bereich des Hippocampus dabei eine bedeutende Rolle spielt. Die Region gilt als Sitz des Langzeitgedächtnisses. Der Gyrus dentatus, ein Teil des Hippocampus, reift erst mit vier bis fünf Jahren aus. Ohne ihn können Erinnerungen nicht ins Langzeitgedächtnis einwandern. Vor einigen Wochen erschien in „Science“ ein Artikel der Arbeitsgruppe von Paul Frankland und Sheena Josselyn von der University of Toronto, der deutlich machte, wie das „Vergessen“ im Gehirn vor sich gehen dürfte. Demnach sind die gespeicherten Informationen durch das „Remodelling“, den Einbau neuer Neuronen im Bereich des Hippocampus, nicht mehr verfügbar. Als die Forscher bei Mäusen die Neurogenese erhöhten, wurden diese automatisch „vergesslicher“. Umgekehrt blieben ihre Erinnerungen länger wach, wenn die Bildung neuer Nerven abnahm.

Bei Meerschweinchen und Strauchratten (Degus) sind die meisten Granularzellen des Hippocampus schon vor der Geburt ausgebildet. Bei diesen Nestflüchtern kommt es kaum mehr zur Neusynthese von Neuronen. Ihr Gedächtnis ist weitaus besser als das von Nesthockern. Stimuliert man bei diesen Tieren jedoch die Nervenneubildung, setzt auch dort die Vergesslichkeit der frühen Kindheit ein.

Keine Erinnerung ohne Gefühl

Ob die gespeicherten Erinnerungen damit vollkommen verloren sind oder nur sehr schwer zugänglich, steht bisher noch nicht fest. Ganz wichtig für das Abspeichern von Erinnerung in Zusammenhang mit starken Gefühlen scheint eine Verbindung mit der Amygdala, dem „Gefühlszentrum“, zu sein. So sagt etwa der Hirnforscher Wolf Singer von der Universität Frankfurt, dass Erinnerungen nur im Zusammenhang mit Emotionen möglich seien, ein „objektives Erinnern“ gäbe es nicht. Werden die Verbindungen zwischen Hippocampus und Amygdala unterbrochen, sind auch die Erinnerungen ausgelöscht.

Ist die Datenrettung möglich?

Lassen sich Erinnerungen an Ereignisse der frühen Kindheit wieder zweifelsfrei und detailliert hervorholen? Und wenn ja, wie? Diese Frage interessiert nicht nur Neurologen und Psychologen, sondern etwa auch Anwälte und Richter bei Prozessen, die Verbrechen viele Jahre später aufarbeiten sollen, bei denen ein Kind Zeuge oder Betroffener war. Wie zuverlässig die gespeicherten Eindrücke sind und ob sie sich möglicherweise manipulieren lassen, ist ein Thema, an dem intensiv geforscht wird. Die Kenntnis über die Prozesse bei der infantilen Amnesie könnte aber auch Erwachsenen nützen, die ein Trauma, sei es in der Kindheit oder dem späteren Leben, einfach nur vergessen möchten. Und je klarer es wird, warum und wie wir Ereignisse in unserem frühen Leben aus unserem Gedächtnis löschen, desto mehr steigen die Chancen, vielleicht auch einmal die Vergesslichkeit in der zweiten Hälfte des Lebens zumindest zu bremsen.

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Medizin, Neurologie, Psychiatrie

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17 Kommentare:

Studentin der Humanmedizin

Psychologie erklärt alles mit Modellen, wie als wäre es eine Art von Mathematik.
Deswegen schneidet die Psychologie sich die Realität zurecht, damit sie in Modellen und Schemata hineinpasst. So habe ich die Psychologie wenigstens erfahren vor etwa 15 Jahren. Von der Psychoanalyse bis zur Daseinsanalyse und Verhaltenspsychologie, sie unterscheiden sich theoretisch wesentlich, aber dennoch haften sie im Modell ihres Denkstils, was dem Feinsinnspotential des Seins mit seinen nicht-mathematisch erklärbaren Inspirationen schaden kann. Die Psychologie will zuviel Uebersicht.

#17 |
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Arzt
Arzt

Lieber Heipraktiker #15 Gerne hören wir Ihre Märchen aus 1000 und eine Nacht:
ich habe als Student mehrere Semester Hauptvorlesungen in Psychologie gehört, sicher gute Lehrer und die sog. Entwicklungsspychologie, die Sie selbst zitieren ist ja dabei ein echter Schwerpunkt.
Nur hat sie leider einen kleinen Haken:
Die verschiedenen Theorien, angefangen von Genetik (Konrad Lorenz) bis zum modernen amerikanischen behaviourism, (der Mensch ist ein reaktiver Automat aller augenblicklich auf ihn einwirkenden Faktoren) schließen sich gegenseitig aus.
Es kann nur eine davon richtig sein, wenn die andere falsch ist,
oder bösartig formuliert, sind alle falsch. Psychologen haben sich offensichtlich an diese “Schwäche” gewöhnt und tun halt so, als ob ihre “Arbeitshypothese” Realität wäre.
Ich bin übrigens auch eine “Ausnahme”, weil ich mich an einige Vorkommnisse (“Bilder”) bis unter 2 Jahre erinnere, die allerdings das Umfeld der Erwachsenen mehr belastet haben als mich Knirps, vielleicht war das die “emotionale Komponente”,
jedenfalls fühle ich mich dadurch IN KEINER WEISE “belastet”.
Wenn mir jedoch jemand erzählt, dass sich ein Mensch an sein “Embryonalleben” erinnern würde, halte ich ihn für einen Spinner.

mfG

#16 |
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Gast
Gast

Solange wir “nur” unser Gehirn “befragen”, stoßen wir selbstverständlich an das Phänomen der sog. infantilen Amnesie, weil je mehr unser kindl. Gehirn alles aufnehmen muss, was Erziehung, Schule, Umwelt usw. verlangt, desto mehr “vergisst” es ökonomisch gesehen, die Dinge der Vergangenheit, die im Hier und Heute nicht mehr gebraucht werden.
Typisch ist das große “Vergessen” allen Geschehens vor dem 6. Lebensjahr. Nur wissen wir aus der Entwicklungspsychologie, dass gerade in dieser Zeit zwischen Zeugung, der 9 Monaten im Mutterleib, der Geburt selbst und der folgenden 4,5,6 Jahre das Fundment von uns Menschen gelegt wird und Kinder erleben hier oft Schreckliches, was im späteren leben dann oft zu allen möglichen Ängsten, Depressionen und org. Krankheiten führen kann.

Aber es gibt keine kindl. Amnesie!
Wenn wir nämlich das Unterbewusstsein von Patienten dazu in der Hypnosetherapie öffen und abfragen (was es ja für viele nicht gibt), dann kann man diese Probleme sehen, aufdecken und bearbeiten, bis zurück in den Mutterleib. Klar, unser Gehirn, unser Praktiker des lebens, ist dazu nicht fähig, also wird ´”hier wissenschaftlich”von kindl. Amnesie gesprochen.
Aber meine Erfahrung in gut 20 Jahre Hypnosetherapie widerspricht dieser sog. Kindl Amnesie entschieden.
Lesen Sie dazu mein Buch: “spirituelle Hypnose”, indem ich diese Dinge mit vielen Beispielen erkläre
Carlo L. Weichert, Heilpraktiker, Gesprächs- u. Hypnosetherapeut

#15 |
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Kristina Walker
Kristina Walker

Frau Fränzel, ich kann Sie bestätigen. Ich fing mit 9 Monaten das Laufen an und lief mit 1 Jahr frei. Als ich anfing zu laufen, hangelte ich mich von Stuhl zu Stuhl um einen runden Esstisch und einmal griff ich strauchelnd nach den langen Fransen der Häkeldecke, die kam mir, samt Kristallobstschale, entgegen. Als ich als Teenager diese Erinnerung berichtete, bestätigte meine Oma: “Stimmt, hatte ich längst vergessen.” Es ist mir also nicht erzählt worden. Auch an nicht traumatische Erlebnisse wie das mühsame Erklimmen der Küchenbank mit ewig rutschender Kissenauflage – daran erinnerte sich keiner außer mir.

Kristina Walker
Ärztin

#14 |
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Gast
Gast

@Dr Paul-Ulrich Eckhoff, also die Verspannung im rechten Oberschenkel sagen ihnen dass während der Schwangerschaft (Embryogedächtnis) der Onkel Paul Pfingsten mit der Mamma geschimpft hat, weil die Katze eingesperrt war?

So, so

#13 |
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Dr. Wolfgang Zysk
Dr. Wolfgang Zysk

Beim Lesen des Artikels und der Kommentare, erstaunt nur eines: die schlechte Kenntnis der Fachliteratur zu diesem Thema bezüglich der Neurobiologie. Lesen Sie doch bitte – zum Beispiel – einen Artikel aus den 1980er Jahren: Jacobs, W.J. & Nadel, L. (1985). Stress-induced recovery of fears and phobias. Psychological Review 92, 512-53. — Und die Meinungen (!) – um mehr handelt es sich nicht – eines Hr.Singers sollten besser dem Tatsachenwissen ernsthafter Wissenschaftler weichen.— Der Artikel zeigt eher heutige wissenschaftssoziologische Probleme auf, als dass er über Neues journalistisch informiert.

#12 |
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Sabine Fränzel
Sabine Fränzel

Sabine Fränzel
Dipl-Biologin

Keine Regel ohne Ausnahme? Die Aussage, wir Menschen erinnern Ereignisse erst nach dem 3 Lebensjahr, ist nicht generalisierbar. Ich persönlich erinnere nachgewiesenermaßen Erlebnisse, die ich im Alter von 1,2 und 1,5 Monaten gemacht habe.

#11 |
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In der Kinesiologie erhalten wir durchaus Antworten auf die Frage, ob ein Erlebnis vor, waährend oder nach der Geburt einen störenden Inhalt im Unterbewußten ( C.G.Jung) enthält. Also gibt es eine – unbewußte – Erinnerung. Man muß eben die Technik der Kinesiologie beherrschen, dann eröffnen sich auch Bereiche der Erinnerung außerhalb des Bereiches, der dem Bewußtsein zugänglich ist. Ich ist eben weniger als Selbst.

#10 |
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Davon gibt es definitiv Ausnahmen, ich persönlich habe Erinnerungen, die bis in mein 2. Lebensjahr reichen!

#9 |
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Arzt
Arzt

Das mit dem “im Mutterleib” halte ich für ein Gerücht.
Wie will man das bitte wissen?

#8 |
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Gast
Gast

Interessant… ich arbeite gerade mit einer Person, die ihre ersten 5 Lebensjahre in einem rumänischen Kinderheim verbracht hat, dann nach Deutschland adoptiert wurde und keine Erinnerung an die Zeit in Rumänien hat. Das könnte mit der “Sprachlosigkeit” dieser Zeit zusammenhängen.

#7 |
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Solange nur verbale Erinnerungen abgefragt werden ist es klar, dass erst ab dem Spracherwerb Erinnerungen aufgezeigt werden. Es gibt aber auch Körpererinnerungen die sehr präzise sogar bis zurück in die Gebärmutter reproduziert werden können.

#6 |
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Arzt
Arzt

@Bärbel Sühle, nein, das ist für mich eher “Geschäftemacherei” der Psychologen.
“Vergessen” und zwar selektiv negatives, ist eher eine nützliche Leistung des “Systems”, die auch bei Erwachsenen prinzipiell funktioniert. Nicht vergessen (können), ist eher ein Problem, wie ja schon der gesunde Menschenverstand formuliert.
Hierzu gibt es einen interessanten “Feldversuch” bei “Traumatisierten”, so nennt man das heute, Überlebenden vom 11.September 2001 in NewYork, auf die sich ein Heer von “Therapeuten” gestürzt hat. Hierzu gab es später eine Nachuntersuchung, die wegen der großen Fallzahl statistische Beweiskraft erlangte (Signifikanz), bei der die sog. Konfrontationstherapie am schlechtesten abgeschnitten hat.
Es gibt ja einige Video-Mitschnitte von dem damaligen Ereignisse. Die Patienten sollten sich bei der Konfrontationstherapie mit dem Geschehen noch einmal in der größt möglichen Erinnerung “auseinandersetzen”, was denen aber vergleichsweise schlecht bekommen ist.
Ich denke mir (nicht als einziger) die Funktion von “Erinnerung” nicht so isoliert, sondern eher als “Baustein” eines subjektiven inneren Weltbildes, an dem beständig gebastelt wird um es einerseits zu vervollständigen und andererseits auch den durchaus wechselnden äußeren Bedingungen anzupassen, ein allgemeines Talent des Menschen, er ist lern- und wandelfähig. Der zu intensive Blick zurück ist da nicht immer nützlich.

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Medizinjournalist

Liebe Frau Sühle,

Die Erinnerungen an frühkindliche Ereignisse sind beim Kind schon auch vor dem Spracherwerb vorhanden. (Z.B. Wenn es auf die Schublade zeigen soll, in der jemand das Spielzeug versteckt hat. ) Wie oben erwähnt “erinnert” sich auch der Säugling noch an Geräusche (und wohl auch an starke Empfindungen), die er im Mutterleib wahrgenommen hat.
In Sprache fassen geht natürlich erst viel später.
Trotzdem verschwinden auch diese Erinnerungen in überproportional hohem Mass Jahre später. Ob sie gelöscht oder nur sehr schwer zugänglich sind, ist wohl noch nicht endgültig klar. (Aber dass traumatische Erlebnisse auch unbewusst das spätere Leben beeinflussen, dürfte offensichtlich sein.)

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Ich kann Herrn Jardon nur zustimmen: Sehr guter Artikel!

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Bärbel Sühle
Bärbel Sühle

Interessanter Artikel.
Was ist mit Erinnerungen, die nicht in Worte gefasst werden können, weil das Sprachvermögen erst nach dem 1. Lebens-Jahr möglich ist? Sind nonverbale Erinnerungen wirklich fort – oder können Sie nur nicht ‘benannt’ werden?
Brauchen wir um Erinnerungen abzurufen die Verknüpfung mit der Sprache?
Ist es nicht vielleicht so, dass etwas Belastendes oder Schönes nicht ‘erfassbar und erklärbar’ ist, weil es zur Zeit des Erlebens (noch) keine Worte dafür gab?
Beeinflussen traumatische Erlebnisse im Babyalter – Unfälle, Missbrauch, Schmerzen, wirklich nicht doch irgendwie nachhaltig?

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Nichtmedizinische Berufe

Sehr guter Artikel!

Die Frage, wie sich infantile Erinnerungen wieder hervorholen lassen, könnte damit gelöst werden, wenn ein Modell vom Hippocampus vor der Neurogenese nachgebildet wird und danach im Hirn dazwischen zugeschaltet wird. Dies wäre aber wohl nur Fiktion.

Dennoch angesichts der Tatsache, daß der Gyrus Dentatus erst im Alter von bis 5 Jahren reift, steht das o. g. Argument schon auf den Kopf. Demzufolge könnten wir davon ausgehen, daß infantile Erinnerungen kaum im Langzeitgedächtnis gespeichert werden konnten. Unter anderem Wort werden meiste infantile Erinnerungen aus dem Kurzzeitgedächtnis für immer gelöscht.

Fraglich wäre es natürlich, wie lang werden Informationen in diesem labilen Bereich gespeichert, sei es vielleicht nicht nur für Tage, Wochen oder Monate sondern auch für nur sehr wenige Jahre, ganz vom Arbeitsgedächtnis zu schweigen.

Meines Wissens ist die (anatomische) Grenze im Hirn zwischen Langzeit- und Kurzzeitgedächtnis aber recht fließend.

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