Dyslexie-Therapie: Phonämenale Buchstabensuppe

27. Juni 2014
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Viele Kinder mit einer Lese-Rechtschreibstörung im Grundschulalter fielen bereits im Vorschulalter durch eine Sprachbeeinträchtigung auf. Forscher untersuchten, ob ein 18-wöchiges, tägliches spezielles Phonem-Training die Lesefähigkeit von Dyslexie-gefährdeten Grundschülern verbessert.

Phoneme sind die kleinsten Einheiten der Worte, aus denen die Bedeutung des Wortes hervorgeht. Zum Beispiel ist der Laut |t| im Wort „tot“ ein Phonem, denn stünde am Anfang ein |r|, hieße es „rot“ und hätte somit eine vollkommen neue Bedeutung. Viele Kinder mit einer Sprach- oder Lese-Rechtschreibstörung haben nur ein geringes Bewusstsein für Phoneme. Auf dem Erkennen von Phonemen liegt ein Schwerpunkt vieler Sprach- und Lesetrainings. Einige Studien haben jedoch gezeigt, dass die Lesefähigkeit der von Dyslexie betroffenen Kinder durch solche Trainings auf Dauer nur wenig beeinflusst werden kann – sie hinken in der Grundschule den gleichaltrigen Kindern oftmals hinterher. Eine Studie von Elbro und Petersen (2004) hingegen kam zu dem Ergebnis, dass das tägliche Training mit Buchstabenlauten und Phonemen über 17 Wochen im Kindergarten einen nachhaltigen Effekt bis zur 7. Klasse hat: Ehemals von Dyslexie betroffene Kinder konnten genauso gut lesen wie nicht-betroffene Schüler.

„Wellcome Language and Reading Project“

Fiona J. Duff und Kollegen der University of Oxford, Großbritannien, untersuchten nun in einer randomisierten kontrollierten Studie die Effekte eines Sprach- und Lesetrainings bei Grundschulkindern. Die Studie ist Teil einer größeren Längsschnittstudie namens „Wellcome Language and Reading Project“. Teilnehmer der Studie waren 6-jährige Kinder, bei denen aufgrund einer familiären Vorbelastung und/oder Sprachschwierigkeiten im Vorschulalter ein Risiko für eine Dyslexie bestand. Außerdem nahmen zum Vergleich nicht vorbelastete Kinder des gleichen Alters teil. Die Studienteilnehmer teilten sich in vier verschiedene Subgruppen auf: Es gab zwei vorbelastete Kerngruppen, von denen eine Gruppe eine 18-wöchige Behandlung (zweimal 9 Wochen) und eine Gruppe eine 9-wöchige Behandlung erhielt. Ebenso nahmen die nicht-belasteten Kinder entweder an dem 18-wöchigen oder dem 9-wöchigen Training teil. Die Intervention bestand aus täglichen Einheiten: Dreimal pro Woche erhielten die Kinder eine Einzelbehandlung à 20 Minuten und zweimal pro Woche eine 30-minütige Behandlung in kleinen Gruppen bestehend aus zwei bis vier Kindern. Die Kinder der Kontrollgruppe warteten zunächst 9 Wochen lang ab und erhielten dann 9 Wochen lang dieselbe Intervention. Die Forscher wollten mit diesem Modell unter anderem herausfinden, ob die Dauer der Therapie einen Einfluss auf den Erfolg hat.

Zum Lesetraining gehörten Übungen zur phonologischen Bewusstheit und zum Lesen selbst. Im Sprachteil der Intervention übten die Kinder das Erzählen und erhielten ein Vokabeltraining. Die Behandlung wurde von geschulten Assistenten durchgeführt und die Therapietreue wurde streng überwacht. Die Autoren konnten schließlich die Daten von 56 Kindern im Alter von 6 Jahren mit einem Dyslexie-Risiko und von 89 Grundschulkindern ohne Risiko auswerten. 29 Dyslexie-gefährdete Kinder waren Teilnehmer der Experimentalgruppe und 27 gefährdete Kinder gehörten der Kontrollgruppe an. Außerdem gehörten 48 Kinder ohne Risiko zur Experimentalgruppe und 41 Kinder ohne Risiko zur Kontrollgruppe.

Nur wenig Effekt feststellbar

Die Autoren stellten nach der Intervention kleine bis mäßige Effekte hinsichtlich der Buchstabenkenntnisse, der Bewusstheit für Phoneme und der Sicherheit im Umgang mit gelernten Wörtern fest. Dabei spielte es keine Rolle, ob es sich bei den risikobelasteten Kindern um Kinder mit einem familiären Risiko handelte oder um Kinder, bei denen ohne familiäre Vorbelastung eine Sprachbehinderung festgestellt wurde. Die positiven Ergebnisse waren jedoch sehr brüchig und kurzlebig. Es zeigte sich kein bedeutsamer Effekt auf das Lesen einzelner Wörter. Die Autoren gingen zunächst davon aus, dass die Intervention zu kurz war. Zum Beispiel zeigte eine Studie von Fricke et al. (2013), dass ein 30-wöchiges Training sowohl in Bezug auf die Sprach- als auch auf die Lesefähigkeit effektiv war.

Allerdings sei die Kürze der Intervention nicht das einzige Problem, vermuten die Autoren. Der Leseteil basierte auf einem effektiven Trainingsprogramm von Hatcher et al. (2006). Hier war in der Experimentalgruppe eine Zunahme von 4,59 Standardpunkten beim Parameter „Wortlesen“ nach nur 10-wöchiger Intervention zu verzeichnen. Die Kontrollgruppe verbesserte sich um nur 0,86 Punkte. Somit lag die Effektstärke bei d = 0,69, was einem mittleren bis starken Effekt entspricht. In der aktuellen Studie von Fiona Duff et al. verbesserte sich die Experimentalgruppe in den ersten 9 Wochen zwar auch um 4,13 Standardpunkte im Einzelwort-Lesetest, doch auch in der Wartegruppe war eine Zunahme von 3,49 Standardpunkten zu verzeichnen. Daraus ergibt sich eine äußerst kleine Effektstärke von d = 0,10.

Fiona Duff und Kollegen kommen zu dem Schluss, dass die angebotene Intervention nicht effektiv war. Sie betonen, dass es wichtig ist, auch Null-Effekte gut durchdachter und sorgfältig durchgeführter Therapiestudien zu veröffentlichten, um verlässliche Standards zu entwickeln.

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9 Kommentare:

Sehr geehrtes Forums-Publikum,
aus den vielen Zuschriften, die ich außerhalb des Forums docchec bekam, schließe ich, dass die mir bekannten Forschungsergebnisse doch nicht so weit verbreitet sind, wie ich dachte.

Studiert habe ich das alles bei Herrn Professor Dr. Bruno Preilowski, Neuro- und Psychophysiologie, der in den USA Mitarbeiter des Medizin-Nobelpreisträgers Roger Sperry war, und schon als ganz junger Forscher seine Eigenen Versuchsanordnungen entwickelt hat. Nach dem Amerikaaufenthalt ging er nach Konstanz, danach nach Tübingen. Damals hatte er eigentlich sein Interessengebiet auf Left brain – Right brain verlegt. Er ist leider leider schon emeritus. Ich zehre heute noch jeden Tag in meiner Praxis von dem, was ich bei ihm lernen durfte.
http://preilowski.net/brain-preilowski.de/Curriculum_Vitae.html
Er hielt damals ein ganzes Semester lang ein Seminar über Dyslexie. Auch im Doktoranden-Colloquium war es Thema.

In meiner derzeitigen Praxis habe ich mit der Problematik nur bei Erwachsenen zu tun, die als Kinder nicht richtig diagnostiziert und überhaupt nicht behandelt wurden und somit….siehe mein Artikel, #4, vom 29.06.14.

An der Uni-Kinderklinik war Diagnostik und Therapie streng getrennt. Wir übernahmen den Part der Diagnostik, das Testen und die gutachterliche Tätigkeit.
Die Therapie wurde unabhängig extern geleistet.

Den Part mit den Überweisungen übernahm immer meine Vorgesetzte Frau Dr. Isabella Brintzinger (Ambulanz der Universitätskinderklinik). Dass sie schon im Ruhestand ist, ist ein großer Verlust für die Kinder.

Die Adressen der Institutionen wurden nach geographischer Nähe ausgesucht, damit die Therapie auch machbar ist.
Wir hatten bei uns nur die Adressen der Tübinger Region, obwohl unser Einzugsgebiet bis Ulm ging.
Vielleicht suchen Sie vielleicht mal in einem Internetforum, wer damals mit Tübingen zusammen gearbeitet hat.
Vielleicht haben sich die Therapie-Institutionen mit Filialen weiterentwickelt.

Wenn alle Stricke reißen, d.h. wenn Sie in Ihrer Region niemand finden können, der spezialisiert ist, versuchen Sie doch das Computer-Spiel AUTRIS zu bekommen. Es hilft zumindest teilweise, das ZNS nachzutrainieren.
http://www.lernwerk-therapien.de/produkte.php

Wir haben sogar einmal eine über dreißigjährige Frau getestet, die den Verdacht auf ihre Diagnose selbst herausfand…Sie begann ebenfalls eine neuropsychologische Therapie.

Ich wünsche Ihnen allen bei Ihren Vorhaben ganz herzlich gutes Gelingen.

Mit freundlichem Gruß
Katharina Gutsche

#9 |
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Gast
Gast

Zunächst ist es ja sehr erfreulich, wenn verschiedene Berufsgruppen auf die Problematik hinweisen. Die Tatsache, dass auch spezielle Trainings nicht wirklich besonders fruchten, sollte aber bei Forschern dazu führen nach anderen Erklärungsmodellen zu suchen. Die Probleme in der Verarbeitung bei Kindern mit LRS, Dyskalkulie oder neudeutsch jetzt vielleicht auch Dyslexie haben sehr auffällige parallelen zu den neuronalen Verarbeitungsstörungen von hyperaktiven und autistischen Kindern. Hier wird von weltweit von vielen Forschern davon ausgegangen, dass neurotoxisch wirkende Umweltschadstoffe Auslöser sind. Die Schwermetallbelastung wurde am häufigsten untersucht. Leider beschäftigt sich die Neurowissenschaft noch viel zu wenig mit den Auswirkungen von Neurotoxinen. Dazu würde ich mir fundierte Untersuchungen wünschen.

#8 |
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Ich leide zwar nicht an einer LRS, hatte dennoch Probleme den Text zu lesen, aufgrund von Werbeeinblendungen, die über den Text gehuscht sind. Man kanns auch übertreiben!

#7 |
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andreas steinhilber
andreas steinhilber

Hallo zusammen,

meine Beobachtung ist aber auch, dass der Status der Eltern (Akademiker, Lehrer, Beamte usw.) sehr hilfreich ist, um die Diagnose der “Neuropsychologen” zu festigen.

Sie werden niemals einem Arbeiterkind das Zugeständnis einer Dyslexie, Legasthenie ohne umfangreiche Bemühungen der Eltern zugestehen.

Es ist ja unbedingt wichtig, für die Zukunft noch Sklaven zu haben, welche man Ihr Leben lang ausgebeuten kann.

#6 |
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Dorothee Kühne-Zürn
Dorothee Kühne-Zürn

Bei ansonsten altersgemäßer kognitiver Entwicklung (z. B. gute oder befriedigende Leistungen im mathmatischen Bereich) sollte bei phonologischen Problemen eine Innenohr-Fehlhörigkeit abgeklärt werden (in spezialisierten audiologischen Zentren)

#5 |
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Dyslexie ist neuropsychologisches Spezialgebiet

Früher sagte man Legasthenie oder LRS Lese-Rechtschreib-schwäche. Heute ist die korrekte Bezeichnung Entwicklungsdyslexie.
Hierbei sind weder die Augen noch die Ohren gehandicapt, sondern es handelt sich um eine Verzögerung in der Entwicklung des ZNS (Gehirn), genauer gesagt der Funktion des Striatums im CGL. Die Diagnostik und Therapie gehört also in die Hände von Neuropsychologen.

Entwicklungsdyslexie wird vererbt, wesentlich häufiger auf der männlichen Linie.

Es gibt spezialisierte computergestützte therapeutische Einrichtungen um Tübingen herum.
Die Therapie, genauer: eine Nachschulung des Zentralen Nervensystems dauert ca. zwei Jahre lang, bei wöchentlich einer Sitzung. Mit dieser Therapie fassen die Kinder wieder Tritt mit den anderen und können jede Schulart besuchen.
Ohne diese Therapie gehen die Kinder in der Schule unter und werden vollkommen verkannt und falsch eingeschätzt. Wenn es ganz schlecht läuft, werden sie von den Lehrern gemobbt, weil die gekränkt sind, dass nichts fruchtet (Fallgeschichte vorhanden!!). Die Kinder entwickeln (sekundär) große Ängste, weil sie nicht verstehen, warum sie nicht so lernen können wie die anderen.
Die Intelligenz ist regelmäßig entweder ganz normal, also durchschnittlich, oder aber sogar überdurchschnittlich. Manche werden zu Klassenkaspern, manche ziehen sich vollkommen in sich selbst zurück. Die Kinder werden von den Psychologen auch auf sekundäre psychische Schwierigkeiten getestet. Aufgrund der Ergebnisse (falls bei Nicht-Behandlung eine seelische Behinderung droht) bezahlt das Jugendamt die ganze Therapie gemäß dem Bundesjugendschutzgesetz. Dazu müssen die Kinder und Eltern mit einem Gutachten eines Neuropsychologen ausgestattet dort vorsprechen.

Alles dieses ist schon seit ca. zwanzig Jahren in Fachkreisen bekannt.
Ich hoffe das hilft einigen Kindern und ihren Eltern weiter.
Katharina Gutsche
29.06.14

#4 |
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Zuständig für LRS sind speziell ausgebildete LRS-Trainer. Phonematisches Training machen LogopädInnen ab dem 5. Lebensjahr. Reines “üben, üben, üben” schadet sehr viel mehr als es nützt.

Laut ICD-10 ist die LRS eine krankheitswertige Entwicklungsstörung und muss von den Kassen bezahlt werden. Sie tun es trotzdem nicht.

#3 |
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BSc. (Hons.) Speech Pathology Studies Birgit Garthe
BSc. (Hons.) Speech Pathology Studies Birgit Garthe

Die Ursache kann visuell bedingt sein, aber meiner Erfahrung nach liegt es eher an der auditiven Verarbeitung und dann hilft auch kein Hörgerät. Frühes Erkennen und Fördern ist wohl die beste Maßnahme. Jedoch müssen leider Kinder oftmals zu lange auf einen Therapieplatz warten, da leider LRS immer noch nicht in den Heilmittelkatalog aufgenommen wurde und eine Förderung daher nicht von den Krankenkassen bezahlt wird. Sie kann bei dem Sozialamt als Eingliederungshilfe beantragt werden. Leider darf sich auch jeder Lerntherapeut nennen. Es kann leider für besorgte Eltern ziemlich teuer werden.

#2 |
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Augenoptiker / Optometrist

Meist ist es ein Zusammenspiel von Auge und Ohr, was nicht optimal funktioniert.
Wenn Sehprobleme beseitigt werden, ist fast immer eine LRS verschwunden. Bei Hörproblemen sind die Erfolge deutlich geringer.

#1 |
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