Wikipedia: Wissenssprudel mit Schönheitsfehlern

20. Juni 2014
Teilen

So alt wie die Online-Enzyklopädie selbst sind Diskussionen um die Qualität medizinischer beziehungsweise pharmazeutischer Texte. Jetzt haben Heilberufler Artikel zu verschiedenen Krankheitsbildern untersucht. Der erhoffte Konsens blieb jedoch aus.

Seit dem Start im Jahre 2001 hat sich Wikipedia schnell zu einem der beliebtesten Online-Angebote gemausert, auch bei Heilberuflern. Robert T. Hasty von der Jerry M. Wallace School of Osteopathic Medicine, North Carolina, wollte jetzt wissen, wie es um die Qualität entsprechender Inhalte bestellt ist.

Teure Krankheiten im Fokus der Experten

Hasty wählte für seine Untersuchung die laut Agency for Healthcare Research and Quality zehn kostspieligsten Leiden in den USA. Dazu gehören Herzerkrankungen, Krebs (speziell Lungenkrebs), mentale Erkrankungen (speziell Depressionen), körperliche Traumen (speziell Gehirnerschütterungen), Osteoarthritis, Chronisch-obstruktive Lungenerkrankungen (COPD) / Asthma, Bluthochdruck, Diabetes, Rückenprobleme und Hyperlipidämien. Der passende Wikipedia-Eintrag wurde jeweils zwei Koryphäen des entsprechenden Fachgebiets zur Analyse gegeben. Ziel war, Online-Artikel mit medizinischen Fachbeiträgen, die im Peer-Review-Verfahren erstellt worden waren, zu vergleichen. Zur Recherche evidenzbasierter Quellen arbeiteten Gutachter mit UpToDate®, PubMed, Google Scholar und mit weiteren Suchmaschinen.

Wenn zwei sich streiten

Neun von zehn Texten enthielten im Vergleich zur medizinischen Fachliteratur etliche Fehler, schreibt Hasty. Doch ganz so einfach ist die Sache nicht: In vielen Fällen bemängelten Gutachter unterschiedliche Aspekte. So war ein Experte mit 44 von 148 Aussagen im Beitrag zu Lungenkrebs nicht einverstanden, der Kollege hatte Anmerkungen zu 20 von 120 Aspekten. Beim Thema Gehirnerschütterung kreidete ein Fachmann 50 von 112 Aussagen an, der zweite Experte elf von 58. Solche Diskrepanzen ziehen sich in mehr oder minder großem Maße durch alle untersuchten Texte. Weitere Schönheitsfehler kommen mit hinzu. Fachleuten mussten beispielsweise nicht nach Unvollständigkeiten suchen. Ob alle Texte hinsichtlich Diagnostik, Therapie und Prävention ein vollständiges Bild abgeben, bleibt damit offen.

Mehrere Quellen anzapfen

Hastys Fazit: „Health Professionals, Studierende und Patienten sollten vorsichtig sein, wenn sie Wikipedia verwenden, um Fragen rund um die Versorgung zu klären.“ Wegen der Fehlerpotenziale rät er Ärzten und Apothekern, das Online-Nachschlagewerk nicht als einzige Referenz zu nutzen. Angesichts methodischer Schwächen der Studie ist anzumerken, dass gerade Lehrbücher am Tage des Drucks bereits veraltet sind und Heilberufler nicht zu jeder Fragestellung Originalartikel sichten können. Bleibt der alte journalistische Grundsatz, mehrere Quellen anzuzapfen.

9 Wertungen (4.44 ø)
Forschung, Pharmazie

Die Kommentarfunktion ist nicht mehr aktiv.

9 Kommentare:

Arzt
Arzt

Der entzündete Blinddarm wird auch systemisch entfernt.

#9 |
  0
Gast
Gast

@Dr. Richard Pfeiffer
Am Beispiel der systemischen Therapie wird doch die gesamte Perversion des Gesundheitssystem deutlich. Lange Jahre gab es keine wissenschaftliche Anerkennung der systemischen Therapie in Deutschland, was sich aber einfach irgendwann nicht mehr halten ließ, weshalb es inzwischen ja auch gnädigerweise wissenschaftliche Anerkennung gefunden hat. Was wiederum nicht heißt, dass systemische Therapie dem Kassenpatienten offiziell zur Verfügung steht, was praktisch natürlich auch wieder nicht stimmt, weil rein praktisch die Verhaltenstherapie inzwischen alle systemischen Konzepte unter anderem Namen zur VT erklärt hat. Aber viele als VT-Therapeuten zugelassene haben auch eine systemische Ausbildung und so kommen doch einige Patienten doch wieder in den Genuß der wissenschaftlich nachweisbaren effektivsten Therapieform. Die analytischen Verfahren lasse ich mal ganz außen vor, denn bei Effektivitätsstudien fallen die sowieso immer hinten runter.

Da haben die Verhaltenstherapeuten doch tatsächlich viel aus dem NLP gelernt. Im NLP ist es ja auch so, dass alle wirksamen Methoden unter der neuen Überschrift NLP “verpackt” und “verkauft” werden. Der Unterschied zur VT besteht ja glücklicherweise noch darin, dass in der VT sehr viele eigene Konzepte entwickelt wurden, was man beim NLP nun leider gänzlich vermißt.

#8 |
  0

@#5 Welche weltweit anerkannten Psychotherapieverfahren werden denn in Deutschland ausgegrenzt? Und von wem?

@ Dipl.-Psych Kunkel: Nein, viele Homepages der Ärzte sind nicht besser, aber infolgedessen heisst das aber auch nicht, dass Wikipedia um soviel besser ist. Hinzu kommt ja der demo.

Insgesamt kann ich mich der Vorredner anschließen und Pubmed empfehlen.

#7 |
  0
Arzt
Arzt

zu#3 mit der “Abhängigkeit von der Pharmaindustrie” wird es als Schlagwort sicher übertrieben. Denn was genau soll den damit gemeint sein? Zweifellos wirken Arzneimittel ja, auch wenn man sie noch so kritisch betrachtet und entsprechen vorsichtig einsetzt. Ein Diabetiker (TypI) benötigt zunächst einmal Insulin, heute Gott sei Dank gentechnisch hergestellt (Humaninsulin).
Ich habe von den Pharmakologievorlesungen als Medizinstudent zum Beispiel so viel profitiert, dass ich den früher noch viel aktiveren Pharmareferenten (Probemuster) immerhin in Einzelfällen sagen konnte, dass er Unsinn erzählt. Deswegen muss man nicht das Kind mit dem Bade ausschütten,
was auch für Wikipedia gilt,
in dem immer noch dieser verrückte CO2-Treibhauseffekt zu finden ist, den man bei vorhandenem Interesse mit physikalischen Argumenten aus genau diesem Wikipedia leicht widerlegen kann.
Hier hat die Politik auf Wikipedia Einfluss genommen. Das ist bekannt.
zu#5 pub med. ist immer dann zu empfehlen, wenn man seine eigenen “Fachgesellschaften” und deren “Leitlinien” überprüfen möchte.
Der Aufwand lohnt sich und ist durch kostenlosen Internetzugang unvergleichlich einfacher geworden gegenüber früheren Generationen,
die sich dazu wochenlang in Bibliotheken herumtreiben mussten.
Der beste Schutz gegen falschen Glauben ist immer noch das Wissen.

#6 |
  0
Gast
Gast

@Dipl. Psychologin Vera Kunkel
Wenn man im Psychologiestudium mit Wikipediawissen glänzt, fällt man durch jede Prüfung. In Bereichen, hinter denen keine kommerzielle Interessen stecken, mag Wikipedia brauchbar erscheinen. Im Bereich der Medizin und auch den anderen heilkundlichen Gebieten, also auch der Schnittstelle zur Psychologie ist von Objektivität leider keine Spur. Die Alternative ist da sicher ‘pubmed’.
In der Psychotherapie haben wir doch ähnliche Perversionen. Weltweit anerkannte Verfahren werden in Deutschland im Bereich der Psychotherapie ausgegrenzt, aber gleichzeitig von den praktizierenden tagtäglich angewendet.

#5 |
  0

Wikipedia ist keine seriöse Quelle??? Was dann? Sind es Leserbriefe oder tausende Hompages von tausend Ärzten, von denen jeder seine eigene Heilmethode für die richtige hält. Sind das wirklich die glücklichen Alternativen?

#4 |
  0
Gast
Gast

Das mit dem Medizinstudium ist ja prinzipiell ein guter Ansatz. Wäre da nicht die Abhängigkeit der Ausbildungseinrichtingen von der Pharmaindustrie.
Wenn mal mal ehrlich die Abläufe in unseren Arztpraxen anschaut wird man doch feststellen, dass es hier im Wesentlichen um Profit geht. Für Krankheiten gegen die es kein Medikament gibt, gibt es auch keinen Eintrag im ICD und damit auch keine Abrechnungsnummer. Das ist dann meist psychosomatisch!
Woher kommen denn die Fachinformationen mit denen die Praktiker regelmäßig “gefüttert” werden?

#3 |
  0
Gast
Gast

Das Wikipedia keine seriöse Quelle ist kann jeder medizinische Laie relativ leicht feststellen. Es ist doch eine hervorragende Werbeplattform für die Pharmaindustrie und wird doch auch fleißig von deren Profis überarbeitet. Es gibt auf Wikipedia keinen Hinweis auf irgendwelche nützlichen Heilalternativen.

Aber es gibt glücklicherweise Alternativen um fundiertes Wissen zu erlangen. Praktizierende Ärzte, die ein echtes Interesse daran haben, es also wirklich ernst mit dem Heilen meinen, publizieren auf ihren eigenen Homepages dankenswerterweise gut recherchierte Informationen.

#2 |
  0
Arzt
Arzt

Grundsätzlich ist vieles in der realen Natur indeterminiert (chaotisch), was bekanntlich nicht ausschließt, dass solche autonomen Zustände nicht eine stabile Situation anstreben. Nicht medizinische “Küchenrezepte”, ohne Kenntnisse kausaler Zusammenhänge sind deshalb nicht ausreichend.
Wer es ernst meint mit dem Heilen wollen,
sollte daher erst mal Medizin studieren.

#1 |
  0


Copyright © 2017 DocCheck Medical Services GmbH
Sprache:
DocCheck folgen: