Organspende: Konfrontation statt Kuschelkurs

20. Juni 2012
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Über 12.000 Menschen warten in Deutschland auf ein Spenderorgan, jeden Tag sterben 3 von ihnen ohne den lebensrettenden Eingriff. Ein Grund für diese Entwicklung ist die Konfrontationsmüdigkeit der Allgemeinbevölkerung. Ein neuer Beschluss soll das nun ändern.

Wie DocCheck Campus bereits berichtete, ist das alt bekannte Thema Organspende derzeit wieder in aller Munde. Ausschlaggebend war sicher auch der aktuelle Negativtrend in puncto Spenderbereitschaft und Entscheidungsfreude. Konnten bundesweite Kampagnen in den letzten Jahren zeitweise die Verfügbarkeit von Spenderorganen positiv beeinflussen, lässt sich jetzt wieder ein Rückgang beobachten. Aber warum fällt es uns Deutschen eigentlich so schwer, uns bewusst mit diesem Thema auseinander zu setzen und in Form eines standardisierten Ausweises eine klare Stellungnahme zu dokumentieren? Ganz klar: Wer sich über die Weitergabe der eigenen Organe Gedanken macht, wird unweigerlich mit dem eigenen Tod konfrontiert. Und seien wir mal ehrlich, es gibt sicher nettere Gedankengänge!

Wirksame Strategie oder Nötigung?

Der neue Beschluss des Bundesrates lässt uns von nun an keine Fluchtwege mehr offen. Jeder Bundesbürger ab einem Alter von 16 Jahren wird ab sofort regelmäßig von seiner gesetzlichen oder privaten Krankenkasse über das Thema Organspende informiert und mit der Beilage eines kostenlosen Spenderausweises um eine Stellungnahme gebeten. Darüber hinaus soll die entsprechende Antwort später auch elektronisch, zum Beispiel auf einer elektronischen Gesundheitskarte, gespeichert werden. Klingt also erstmal nach einer harmlosen und erfolgversprechenden Strategie. Aber was sagen die Betroffenen eigentlich zum neuen „Konfrontationsbeschluss“?

Ich habe mich auf dem Campus der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH) einmal umgehört und bin hierbei auf sehr interessante und kritische Ansichten gestoßen. So bemängelt eine Studentin im 3. Studienjahr u.a. die Speicherung der Entscheidung pro oder contra Organspende: „Obwohl es ja heißt, dass meine Entscheidung widerrufen und meine medizinische Versorgung davon nicht beeinflusst werden kann, hätte ich im Falle einer negativen Entscheidung doch Angst vor Nachteilen“, gibt die Studentin zu bedenken. „Schließlich kann es ja auch mal passieren, dass ich selbst ein Organ brauche. Ich hätte dann Angst vor Benachteiligung, da ich mich selbst gegen eine Spende meiner Organe entschieden habe“, erklärt sie ihren Gedankengang.

Ein Kommilitone spricht sogar von Nötigung: „Es ist doch meine Entscheidung, ob ich spenden möchte oder nicht. Der Papierterror der Krankenkasse könnte das ganze Thema sogar in ein negatives Licht rücken“, so seine kritische Haltung zum aktuellen Bundestagsbeschluss. Ganz anders dagegen klingt die Einstellung einer Studierenden im vorklinischen Abschnitt, die es sehr begrüßt, dass wir uns von nun an intensiver mit der Problematik Organspende auseinander setzen müssen. „Schließlich kann es zum Beispiel bei Verkehrsunfällen jeden treffen. Schon allein deshalb sollten wir zumindest darüber nachdenken, ob wir bereit wären, mit unseren Organen Leben der Mitmenschen zu retten“, verdeutlicht sie ihre positive Meinung und trifft damit den Ton vieler Befürworter der neuen Regelung.

Angst vorm „Ausschlachten“

Wie anhand dieser Stimmen schnell deutlich wird, gibt es noch reichlich Diskussionsbedarf. Das Spektrum der Argumentationsinhalte reicht von der Nächstenliebe bis hin zu Ängsten vorm „Ausschlachten“ des geliebten Körpers nach dem eigenen Ableben. Ob sich der neue Beschluss des Deutschen Bundesrates als wirksames Rezept gegen den Mangel an Spenderorganen erweisen wird, können nur die nächsten Jahre, deren Erfahrungswerte und statistische Erhebungen zeigen. Ein wichtiger Schritt ist aber bereits getan: Das Thema Organspende ist wieder in aller Munde!

Ist der neue Beschluss ein Schritt in die richtige Richtung oder geht er Euch zu weit? Diskutiert in den Kommentaren!

14 Wertungen (4.36 ø)
Humanmedizin, Studium

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1 Kommentar:

Student der Humanmedizin

Wenns nach mir ginge müsste die Wiederspruchslösung her, die es in fast ALLEN anderen Ländern ohnehin gibt…
Diejenigen, die wirklich absolut gegen eine Spende sind, könnten sich ja wohl die Mühe machen, zu widersprechen. Und alle anderen würden automatisch als Spender zählen.
Würde viele Organe bringen, nicht jeden gezwungenermaßen konfrontieren, widersprechen wäre aber trotzdem leicht.
Und man stelle sich die Kosten vor, die dadurch eingespart werden könnten. Was glaubt ihr, was die “Kampagne”, jeden anzuschreiben wohl an wertvollen Geldern verschwendet, die für unsere medizinische Versorgung herhalten könnten?

#1 |
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