Psychoaktive Substanzen: Kommt nicht in die Tüte

13. Juni 2014
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Einst als bewusstseinserweiternde Droge der Hippie-Generation verfemt, entdecken Forscher jetzt den pharmakologischen Mehrwert von LSD und Psilocybin neu. Firmen haben kein allzu großes Interesse einzusteigen - was vor allem an fehlenden Möglichkeiten der Vermarktung liegt.

Eigentlich war er auf der Suche nach neuen Kreislaufstimulanzien, als Albert Hofmann (1906-2008) vor 70 Jahren Lysergsäurediethylamid (Lysergid, LSD) entdeckte. Kurze Zeit als Psychopharmakon Delysid® zugelassen, entwickelte sich Hofmanns „Sorgenkind“ rasch zur Modedroge der Blumenkinder. Neue Arbeiten zeigen, dass in LSD weitaus mehr steckt als vermeintliche Bewusstseinserweiterung – bei geringeren Gefahrenpotenzialen als angenommen.

Stoppt die Sucht

Bereits 2012 gingen Teri S. Krebs und Pål-Ørjan Johansen aus Norwegen der Frage nach, ob LSD beim Alkoholabusus positive Effekte zeigt. Etablierte Pharmakotherapien stoßen nach wie vor an ihre Grenzen. Die Forscher werteten sechs kontrollierte Studien mit insgesamt 536 alkoholabhängigen Patienten aus. Ihr Resultat: LSD führte zu einer signifikant höheren Rate an dauerhafter Abstinenz. Grund genug für Michael Bogenschutz, University of New Mexico, das Thema weiter zu verfolgen. Bei seiner Phase-II-Studie verwendet er jedoch Psilocybin, einen Inhaltsstoff aus Pilzen, der LSD-ähnliche Effekte zeigt. Alle Teilnehmer erhalten die Substanz in verträglicher Dosierung unter ärztlicher Kontrolle. Ergänzend kommt eine Verhaltenstherapie mit hinzu. In einer weiteren Studie untersucht Peter Hendricks von der University of Alabama, Birmingham, ob Patienten mit Kokainabhängigkeit von Psilocybin profitieren.

Wertvoll am Lebensende

Palliativmediziner beginnen ebenfalls, psychedelische Substanzen für ihre Arbeit neu zu entdecken. Charles Grob nahm zwölf Patienten in eine Doppelblindstudie auf. Alle Teilnehmer litten an Tumorerkrankungen im Endstadium und hatten mit Angststörungen zu kämpfen. Sie erhielten gemäß Cross-Over-Design Psilocybin oder Placebo. Dabei wurden wichtige Vitalparameter überwacht. Zwar erhöhten sich Herzfrequenz und Blutdruck, zu gefährlichen Komplikationen kam es aber nicht. Um erwünschte Effekte zu quantifizieren, griff Grob zum Beck Depression Inventory (BDI), zum Profile of Mood States (POMS) und zum State-Trait Anxiety Inventory (STAI). Die Resultate: Im Vergleich zu Placebo nahmen Angst und Depression über Monate signifikant ab – wohlgemerkt nach der einmaligen Gabe von Psilocybin. Die Forschergruppe sieht im Naturstoff große Potenziale, um Menschen palliativ bei Angststörungen zu unterstützen. Eine weitere Studie, für die gerade Teilnehmer rekrutiert werden, geht Fragen zur Dosisfindung nach. Auch Peter Gasser, Psychiater und Psychotherapeut aus der Schweiz, bekam die Erlaubnis, mit LSD zu forschen. Er führte eine doppelblinde, randomisierte, Placebo-kontrollierte Pilotstudie durch, um Sicherheit und Wirksamkeit von Lysergsäurediethylamid zu prüfen. Alle zwölf Teilnehmer litten unter lebensbedrohlichen Erkrankungen und Angststörungen. Sie erhielten neben dem Wirkstoff oder Placebo Psychotherapie-Sitzungen. Anhand des State-Trait Anxiety Inventory (STAI) zeigte Gassner eine signifikante Verringerung der Angst – und zwar für bis zu zwölf Monate. Schwerwiegende Nebenwirkungen traten auch hier nicht auf. „Diese Ergebnisse zeigen, dass LSD in einer sicheren Umgebung zusammen mit Psychotherapien Ängste reduzieren kann“, kommentiert Gasser. Ausgehend von seiner Pilotstudie hält er größere kontrollierte Studien für gerechtfertigt.

Das Hirn bleibt heil

Trotz vielversprechender Resultate stoßen Arbeiten mit Psychedelika auf Kritik – wegen vermeintlich schädigender Effekte. Teri S. Krebs und Pål-Ørjan Johansen gaben sich damit nicht zufrieden. Sie werteten über das National Survey on Drug Use and Health Daten von 130.152 US-Amerikanern aus. Nach eigenen Angaben konsumierten 21.967 regelmäßig LSD, Psilocybin oder Mescalin. Weitere Risikofaktoren für psychische Erkrankungen wurden ebenfalls berücksichtigt. Ihr Fazit: Bei Konsumenten traten fortbestehende Wahrnehmungsstörung nach Halluzinogen-Gebrauch (Hallucinogen Persisting Perception Disorders HPPD) nicht häufiger auf. Krebs und Johansen fanden sogar Hinweise, dass Patienten seltener auf Psychopharmaka zurückgreifen und weniger mit Angststörungen zu kämpfen haben. Hier stoßen retrospektive Studien schnell an ihre Grenzen. Bleibt als Kernaussage, dass psychedelische Substanzen allein keine psychischen Störungen auslösen, resümieren die Autoren.

Hersteller lehnen ab

Trotz dieser hoffnungsvollen Datenlage zeigen Arzneimittelhersteller kein großes Interesse, sich mit entsprechenden Wirkstoffen zu befassen. Liegt es wirklich nur an der Stigmatisierung? Peter Gasser vermutet in einem Interview ganz andere Beweggründe, Stichwort Palliativtherapie: „Warum soll ein Unternehmen einen lizenzfreien, extrem günstig herstellbaren Wirkstoff produzieren, der dann nur zwei- oder dreimal am Ende des Lebens genommen wird?“

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Pharmazie

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15 Kommentare:

Horst Rieth
Horst Rieth

der fluch des anästhesisten :)

#15 |
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Gast
Gast

Liebe Silke Schuster, ad hominem, auch damit haben Sie Unrecht, ist kein Ersatz für Sachargumente.
Wenn Sufentanil prokonvulsiv wäre, könnte es wohl kaum das Wahlanalgetikum der Narkose schlechthin sein. Oder haben Sie das nur ein einziges mal in Ihrem Leben einschl. Umfeld erlebt? Das hat man auch mit systematischer kontinuierlicher EEG-Ableitung getestet.
1) Absence of Seizures during Induction of Anesthesia with High‐Dose Fentanyl, John M. Murkin, et. al. 1984, Internati- onal Anesthesia Research Society
2) Seizures during opioid anesthetic induction–are they opioid-induced rigidity? Smith NT et.al., Anesthesiology. 1989 Dec;71(6):852-62.
Dabei kann es bei schneller Injektion klinische VERWECHSLUNG von Muskelrigidität mit Krämpfen geben, was aber durch diese EEG-Untersuchungen ausgeschlossen wurde.
Die moderne Schmerz-und Notfallmedizin fordert allerdings eher Narkose zu machen und zu beatmen, als auf suffiziente Schmerztherapie zu verzichten.
Mit Diazepinen haben Sie völlig Recht, aber schon im Waschzettel von Ketamin können Sie Krämpfe und Alkohol, insbesondere A-Entzug als Kontraindikation lesen (prokonvulsiv). Hat inzwischen auch in der Geburtshilfe, Gehirn des Babies einen schlechten Ruf.

An einem heftigen Entzugsdelir kann man trotz Intensivstation auch heute noch sterben. Alkohol bleibt die Droge Nr.1,
die man im Hinterkopf behalten muss.

#14 |
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Felix Schuldt
Felix Schuldt

Liebe Silke Schuster!

Einerseits freut mich, dass sie sachlich antworten; andererseits – da sie hier ja schon andere Poster bezüglich ihrer Qualifikation angehen: Sie haben mir /ihrer/ Qualifikation nicht nur einen starken Bias (bezüglich ihrer Wahrnehmung der Wirkung psychoaktiver/psychedelischer Substanzen), sondern reden&denken mit ihrem Background auch am Thema des Artikels vorbei. Dieses ist im Bereich Psychotherapie und (mehr aber auch nicht ganz in ihre Richtung) Neuropsychopharmakologie angesiedelt.
Leider haben sie den thread mit ihrem spin “gekapert” und sind auch nicht verlegen anekdotisches Wissen zu generalisieren oder gleich mit Halbwissen/”Drogenmythen” zu argumentieren. Beides ist unwissenschaftlich. Und gerade in dem Bereich haben/hatten wir genug (moralisierende und/oder hysterisierende) Unwissenschaftlichkeit und diese ist ein Hauptgrund für die gesellschaftlichen Probleme mit Psychoaktiva.

Pardon, aber solche Sachen kann man einfach nicht unkommentiert in einem öffentlichen Forum stehen lassen:
“Im Gegensatz zu LSD führt Ketanest nicht zu strukturellen Veränderungen des Gehirns, d.h. der Patient hat eine Chance dem Trip irgendwann wieder zu entkommen. Kein Patient der einen “bad trip” hatte möchte in seinem Leben so etwas noch einmal erleben! LSD-Abusus, vor allem nach mehrfachem “Genuss” , hat schon häufig zu Suiziden auf Grund optischer und oder akustischer Halluzinationen, welche bedrohlich erlebt wurden, geführt. Da LSD die Struktur des Gehirns verändert (irreversible neue synaptische Verbindungen herstellt) wurden die Betroffenen von Horror-flash backs heimgesucht. Wer nicht suizidierte landete in der Psychatrie. Wie die Droge wirkt ist von der Grundstimmung des Konsumenten und dessen Struktur seines Gehirns abhängig. Wer gut “drauf” war konnte Glück haben und berauschende Glückserlebnisse feiern. Die sind aber keineswegs sicher!
Auch auf Ketanest können beide Reaktionen beobachtet werden. Die Wirkung ist reversibel, weshalb das Medikament überhaupt zugelassen werden konnte……Prinzipiell ist die Wirkung einem Alkoholentzugsdelir sehr ähnlich und lässt sich mit den gleichen Medikamenten durchbrechen mit denen auch das Entzugsdelir durchbrochen werden kann- und ja: im Delir hat der Patient kein Bedürfnis nach Alkohol. Aber ist das genug Rechtfertigung einem alkoholkranken Menschen mit “Delirersatz” den “Saufdruck” (so nennen die Betroffenen es selbst) zu nehmen? Ein cerebrales “Ablenkungsmanöver”, ein Transmittersturm mit neuen Qualitäten? ”

Ich zweifle ihrer Qualitäten und Kenntnisse als Anästhesistin nicht an aber hier lehnen sie sich deutlich zu weit aus dem Fenster.
Mit fehlt hier Zeit und Enerige da im Detail dagegen zu argumentieren; was sie schreiben ist jedenfalls entweder (deutlich spürbar) anekdotisch und unzulässig generalisiert oder schlichtweg falsch bzw. mit wissenschaftlichen Erkenntnissen (empirisch und theoretisch) unvereinbar.
Wenn sie das Thema interessiert: Ich habe ihnen Papers verlinkt und der Artikel oben geizt auch absolut nicht mit Links.

“Nicht jede set/ setting-Situation in der Anästhesie/Intensivmedizin/Notfallmedizin/Schmerztherapie ist problematisch.”

Naja, glauben sie ein Ort und Zustand, in dem eine anästhetische Dosis Ketamin indiziert ist, kann irgendwie “nicht problematisch” sein um in einen völlig ungekannten, unerwarteten und äußerst intensiven veränderten Bewusstseinszustand zu gehen?

“Sind Sie der Meinung, dass Sucht – und Palliativsituationen eine gute set/setting-Ausgangssituation für LSD-artige Wirkmechanismen darstellen?”

Schlaue und hervorragend ausgebildete Menschen machen sich genau darüber ausgesprochen viele Gedanken. :) Ein geeignetes Set&Setting kann man mit dem nötigen Grundlagenwissen /herstellen/. Natürlich wird man entsprechend screenen müssen, das steht außer Zweifel – aber die Kontraindikationen sind nicht so breit, wie sich vielleicht denken.
Wie gesagt: es gibt genug Papers dazu, wenn sie die Frage interessiert, lesen sie sie.

“Substanzen mit bekanntem Missbrauchspotential und hohem Nebenwirkungsspektrum”

Substanzen wie LSD und Psilocybin sind vor allem mal illegalisiert. Sowohl über deren tatsächliches Missbrauchspotential als auch über deren Nebenwirkungsspektrum kann man streiten (Oder sich entsprechende Papers ansehen). V.a. auch, wenn man sie gegen die äußerst verbreiteten Benzodiazepine, Opioide und anästhetische Dissoziativa (= Ketanest) in den Ring schickt. Selbst und insbesondere, wenn man sie mal aus dem klinischen Setting ausbrechen sollten, ist das ein unfairer Kampf…

Aber dass sie nicht vermarktet werden können, ist leider ein tatsächlicher Faktor. :(
Da wird man auch radikal neue Wege der Vermarktung (bzw. eben nicht-Vermarktung) finden müssen.

#13 |
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Ärztin

Lieber “Gast”
in welchem Fachgebiet sind Sie denn unterwegs? In Anästhesie und Notfallmedizin jedenfalls nicht! Arzt sind sie auch nicht.
Selbstverständlich gibt es Situationen in denen Opiate kontraindiziert sind, bzw Mittel der zweiten Wahl darstellen, denn auch Opiate haben unerwünschte Nebenwirkungen. Ketanest kann in solchen Situationen eine gute Alternative darstellen und wird üblicherweise zusammen mit einem Benzodiazepin, meist Midazolam (Dormicum, kurz wirksam) verabreicht. Benzodiazepine schützen (meist) vor der psychotropen Nebenwirkung.
Sufentanil steht auf vielen Rettungsmitteln nicht zur Verfügung und hat auch seine Kontraindikationen. Krampfanfälle können nach Ketanestgabe, aber auch nach Opiatgabe vorkommen. In beiden Fällen steht Midazolam zum Durchbrechen des Anfalls zur Verfügung, im Gegensatz zu Thiopental kann man mit ein bisschen Glück mit Midazolam den Krampfanfall durchbrechen und der Patient bleibt atemsuffizient.

#12 |
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Gast
Gast

in der Notfallmedizin sind Opiate KEINESWEGS kontraindiziert,
eher Ketamin, gerade bei Älteren mit unklarer Anamnese (Alkohol).
Sinnvollerweise nimmt man ein kurzwirksames und damit gut steuerbares Opiat wie Sufentanil, schön langsam injizieren natürlich.
Wer versucht hat der Dopamin-Wirkung auf den Grund zu gehen wird merken, dass das bisher unmöglich ist, es ist zu komplex.
Auch Parkinson hat was mit Dopamin zu tun.
Ich hab einen älteren Herrn gesehen, notfallmäßig nach SH-Fraktur, der hat nach 20mg Ketamin richtig angefangen zu krampfen.

#11 |
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Ärztin

@ Felix Schuldt
Nicht jede set/ setting-Situation in der Anästhesie/Intensivmedizin/Notfallmedizin/Schmerztherapie ist problematisch. Am häufigsten erleben wir “bad trips” bei der akuten Schmerztherapie, wenn Opiate kontraindiziert sind (Notfallmedizin). Auf der Intensivstation spielen psychotrope Nebenwirkungen in hypnotischer Dosierung eine eher untergeordnete Rolle; hier kämpft man bei Anwendung von Ketanest eher gegen die Hypersalivation, die therapielimitierend werden kann.
Aber gerade das setting war ja auch mein Argument. Sind Sie der Meinung, dass Sucht – und Palliativsituationen eine gute set/setting-Ausgangssituation für LSD-artige Wirkmechanismen darstellen? Da habe ich meine Zweifel.
Ich unterstelle ürigens nicht, dass für die von Ihnen genannten Substanzen ein Abhängigkeitspotential vorliegt.
Bezüglich der in meinem Fachgebiet nicht gebräuchlichen Substanzen möchte ich mich auch nicht auslassen.
Auch bezüglich der Amphetaminderivate habe ich nicht kommentiert, ihre Anmerkung gilt wahrscheinlic dem “Gast.”
Dennoch habe ich im Rahmen der Notfallmedizin auch mit diesen Substanzen so meine Erfahrungen gemacht- und erfreulich für die Patienten/Konsumenten waren diese nicht.
Auch mir ist klar dass die Dosis das Gift macht, trotzdem kann ich nachvollziehen, dass von Seiten der Pharmaindustrie an Substanzen mit bekanntem Missbrauchspotential und hohem Nebenwirkungsspektrum (welches im Beipackzettel ja ausgewiesen werden muss), die zudem wahrscheinlich nicht teuer vermarktet werden können, wenig Interesse besteht.

#10 |
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Chemiker

Es ist natürlich nicht schwer, herauszufinden, dass LSD, Psilocybin und Mescalin kein Abhängigkeitspotential haben und auch nicht zu dem Amphetaminen gehören. Dass auch die erwähnten Stoffe mit Vorsicht und kontrolliert verwendet werden müssen (wie es ja auch im Bericht steht), versteht sich von selbst.

Aber es ist ja auch viel einfacher, ALLE psychoaktiven Stoffe in einen Topf zu werfen, außer Alkohol, Nicotin und Coffein…

#9 |
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Felix Schuldt
Felix Schuldt

@Silke Schuster/”Gast”: Ihre Wahrnehmung ist aus der Sicht einer Anästhesistin/Intensivmedizinerin nachvollziehbar. Sie vergessen aber eine essentielle Besonderheit psychedelischer Substanzen: die Wirkung ist nicht durch die pharmakologischen Eigenschaften determiniert, sie konstituiert sich viel mehr zwischen Eigenschaften des Patienten (set) und den Umwelteinflüssen (setting) (siehe z.B. Zinberg, 1984). Die Pharmakologie der Substanz liefert viel mehr die Form, in der die Erfahrung stattfindet. Das können sie sich so ähnlich vorstellen, wie die “Wirkung” eines Placebos – diese steckt ja nicht im Placebo, sondern in den Bedeutungszusammenhängen, die darum “gesponnen” sind. Ein Psychedelikum wirkt wie eine Art Lupe auf Bedeutungszusammenhänge (und bekanntnermaßen ja auch auf die sinnliche und die Selbst-Wahrnehmung).

Ketamin in der Intensivmedizin ist hier also ein denkbar schlechtes Beispiel. Erstens sind set und setting quasi maximal ungünstig, zweitens treten die Effekte von Ketamin äußerst rapide und intensiv ein. Ketamin ist als Dissoziativum auch nicht vergleichbar mit klassischen Psychedelika und wird aus gutem Grund für substanzgestützte PT nicht in Betracht gezogen. Es gibt Studien zur Anwendung als major depression-“Brecher”; aber das ist ein eher pharmazeutisches Paradigma.

Übrigens sind klassische 5-HT2A-Psychedelika weder abhängigkeitserzeugend, noch (neuro)toxisch. Die meisten Nebenwirkungen sind peripher und vernachlässigbar – das A&O ist die Kontrolle von Set und Setting, dann sind auch die bei unkontrolliertem Gebrauch möglichen (und dann ggf. gravierenden) psychischen “Nebenwirkungen” in den Griff zu bekommen (dafür gibt es mittlerweile auch zunehmend bessere Evidenz).
Die Wirkung ist mit der Wirkung anderer Psychoaktiva wie oben angedeutet grundsätzlich nicht zu vergleichen – bei der substanzunterstützten Behandlung von Alkoholismus über eine “Suchtverschiebung” zu spekulieren, zeugt von mangelnder Sachkenntnis. Und bevor sie über die palliativmedizinische Gabe von Psychedelika die Lanze brechen, wäre es vielleicht auch hier angebracht, die entsprechenden Papers zu lesen (z.B. http://archpsyc.jamanetwork.com/data/Journals/PSYCH/5307/yoa05049_71_78.pdf oder http://journals.lww.com/jonmd/Abstract/publishahead/Safety_and_Efficacy_of_Lysergic_Acid.99925.aspx) oder sich statements von Studienteilnehmern zu Gemüte zu führen ( http://www.youtube.com/results?search_query=psilocybin+cancer ).
Die unzweifelhaft vorliegende neurotoxische Wirkung (bei hochdosiertem/chronischem Gebrauch) des ebenfalls therapeutisch nutzbaren Amphetaminderivats MDMA ist bei klinischer Anwendung nach derzeitiger Studienlage zu vernachlässigen (bzw. weder histologisch, noch durch Bildgebung, noch funktionell nachweisbar) – insbesondere im Hinblick auf die in den bisherigen RCT-Studien erzielten Effekte bei therapieresistenten Fällen von PTSD.

Wir haben hier Mittel&Methoden, die das Potential für einen Paradigmenwechsel in der Psychiatrie haben – und zwar hin zu kurativ wirksamer Medikation in Form eines Adjuvans für Psychotherapie. Obwohl es aufgrund des “Forschungsverzugs” noch gröbere Lücken gibt, haben wir mittlerweile das theoretische wie praktische Wissen, für eine sichere und zuverlässige Anwendung. Was für mich in der Medizin unethisch und äußerst verwerflich ist, ist Ignoranz.

#8 |
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Ärztin

Unglaublich!
@ Medizinjournalist: F. Fuchs:
bitte belesen Sie sich zum Begriff “Suchtverschiebung”. Keineswegs ist es erforderlich die Sucht auf eine andere süchtig machende Substanz zu verschieben. Auch das excessive betreiben von Sport oder die excessive Hingabe zur Religion nach Alkoholrestriktion kann eine Suchtverschiebung darstellen, dies sind die harmlosen Varianten. Haben sie persönlich Erfahrung mit Süchtigen oder ist das eher ein Wort für Sie? Kennen Sie die Reaktion auf Ketanest, welche der des LSD sehr ähnlich ist persönlich? Hatten sie schon einmal einen “bad trip” oder haben persönlich einen Patienten mit einem “bad trip” erlebt?
Im Gegensatz zu LSD führt Ketanest nicht zu strukturellen Veränderungen des Gehirns, d.h. der Patient hat eine Chance dem Trip irgendwann wieder zu entkommen. Kein Patient der einen “bad trip” hatte möchte in seinem Leben so etwas noch einmal erleben! LSD-Abusus, vor allem nach mehrfachem “Genuss” , hat schon häufig zu Suiziden auf Grund optischer und oder akustischer Halluzinationen, welche bedrohlich erlebt wurden, geführt. Da LSD die Struktur des Gehirns verändert (irreversible neue synaptische Verbindungen herstellt) wurden die Betroffenen von Horror-flash backs heimgesucht. Wer nicht suizidierte landete in der Psychatrie. Wie die Droge wirkt ist von der Grundstimmung des Konsumenten und dessen Struktur seines Gehirns abhängig. Wer gut “drauf” war konnte Glück haben und berauschende Glückserlebnisse feiern. Die sind aber keineswegs sicher!
Auch auf Ketanest können beide Reaktionen beobachtet werden. Die Wirkung ist reversibel, weshalb das Medikament überhaupt zugelassen werden konnte. Selbstverständlich hat auch Ketanest ein positives Wirkprofil als Analgetikum und Hypnotikum bei erhaltener Kreislaufstabilität und Atemsuffizienz,, sonst wäre es nicht mehr auf dem Markt.
Prinzipiell ist die Wirkung einem Alkoholentzugsdelir sehr ähnlich und lässt sich mit den gleichen Medikamenten durchbrechen mit denen auch das Entzugsdelir durchbrochen werden kann- und ja: im Delir hat der Patient kein Bedürfnis nach Alkohol. Aber ist das genug Rechtfertigung einem alkoholkranken Menschen mit “Delirersatz” den “Saufdruck” (so nennen die Betroffenen es selbst) zu nehmen? Ein cerebrales “Ablenkungsmanöver”, ein Transmittersturm mit neuen Qualitäten?

@ S. Falkenhain : Ich habe den Artikel sehr wohl gelesen, verfüge aber offensichtlich über ein paar Erfahrungen die Ihnen fehlen. Deshalb glaube ich den Studienergebnissen nicht uneingeschränkt, so wie sie. -Don’t worry be happy” – so kann man es natürlich auch halten!
Und ich verspreche Ihnen auch Ketanest zu nehmen, wenn ich Ihnen mal die Schmerzen nehmen muss!

#7 |
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Ergänzend möchte ich darauf hinweisen, dass Albert Hofmann über 100 geworden ist und das bei offenbar guter geistiger Gesundheit. Und der hat LSD sicher mehr als einmal genommen…

#6 |
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Ich habe das Gefühl, dass Frau Schuster den Artikel gar nicht gelesen hat. Vielleicht ist gerade der letzte Abschnitt etwas tendenziös geschrieben. Aber wenn es stimmt, was da herausgefunden wurde, dann sind doch gerade die Schwere und das Spektrum der Nebenwirkungen bei den psychotropen Medikamenten offenbar gering und gerade bei Menschen am Lebensende als hinnehmbar anzusehen. Und wieso soll man also erst einmal ein Medikament, dessen Nebenwirkungen bekanntermaßen potenziell schwer sind (und welches aus irgenwelchen Gründen trotzdem zugelassen ist), überhaupt erst “in die Hand nehmen”? Und warum soll die Forschung mit diesen Medikamenten in der Palliativmedizin (deren Gegenstand nun einmal häufig Menschen am Lebensende sind, bei denen es allein um die Beherrschung von Symptomen geht) so äußerst verwerflich sein? Das kann ich überhaupt nicht nachvollziehen. Auch der “Drogenersatz” bei Alkoholismus ist nicht haltbar. Glaubt man den Studien, macht das Zeug nicht abhängig, die Frage, ob es zu schwerer Leber-, Nerven-, Hirnschädigung, Ösophaguskarzinom, Pankreatitis, etc. kommt, wird zwar im Artikel nicht konkret beantwortet, ist aber wohl eher zu verneinen. Der Alkohol macht das sehr wohl.

Und “Gast” argumentiert vollkommen am Thema vorbei. Da werden die Substanzgruppen ersteinmal in einen Topf geworfen und ordentlich durchgeschüttelt.

#5 |
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Gast
Gast

Es geht hier nicht nur um die “banale” Abhängigkeit,
sondern um das Überleben von Hirnzellen! Auch das bekannte Ketamin ist potentiell neurotoxisch und bei entspr. Disposition z.B. auch epilepsieauslösend (proconvulsiv).
Die Neorotoxizität der ganzen riesigen Amphetamin-Gruppe hat den Charm, dass sie subjektiv kaum wahrgenomen wird und einen langfristigen irreversiblen Effekt darstellt. Simpel formuliert wird eine “Verblödung” vom Betroffenen kaum als solche empfunden und dem Beobachter fallen eher nur schwere Formen auf.
Psychotrope Substanzen sind ein Spiel mit dem Feuer.
Hier wird schon viel zu viel herumgespielt.
Das einzig ungefährliche schein hier noch das Coffein (Kaffee) zu sein.

#4 |
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Medizinjournalist

Hallo Frau Schuster, Zitat: “Wie bei anderen Halluzinogenen auch kommt es [bei LSD] zu keiner Abhängigkeit.” Quelle und weitere Informationen über LSD: http://www.emcdda.europa.eu/publications/drug-profiles/lsd/de

#3 |
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Medizinjournalist

Danke für diese Informationen! Mir fehlt darin allerdings ein Hinweis auf die mögliche Wirkung von Psilocybin, LSA, LSD und des nicht halluzinogenen 2-Bromo-LSD auf Cluster-Kopfschmerz. Siehe dazu z.B.

Karst M, Halpern JH, Bernateck M, Passie T (September 2010). “The non-hallucinogen 2-bromo-lysergic acid diethylamide as preventative treatment for cluster headache: an open, non-randomized case series”. Cephalalgia 30 (9): 1140–4. http://dx.doi.org/10.1177%2F0333102410363490

Eine Zusammenfassung: http://www.ck-wissen.de/ckwiki/index.php?title=Wirkung_von_Psilocybin_und_LSD_auf_Cluster-Kopfschmerz

#2 |
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Ärztin

Ausnahmsweise kann ich die Zurückhaltung der Pharmaindustrie verstehen. Wer mit psychoaktiven Substanzen arbeitet, kennt die teilweise dramatischen Nebenwirkungen zur Genüge. In der Anästhesie und der Notfallmedizin wird regelmäßig mit Ketanest bzw S-Ketanest gearbeitet. Zu dieser Substanz gibt es eine umfangreiche Studienlage.
Trotz abschirmender Beimedikation mit Midazolam kommt es immer wieder bei einigen Patienten zu ausgeprägten Horrortrips, selbst bei S-Ketanest. Diese Nebenwirkung ist nicht sicher auszuschließen. Wer mit psychoaktiven Substanzen arbeiten möchte kann sich zunächst am Ketanest versuchen, bevor er LSD in die Hand nimmt. Tatsächlich gibt es wahrscheinlich keinen Markt für die im Artikel genannten Substanzen, da das Nebenwirkungsspektrum zu umfangreich ist.
Im übrigen finde ich Untersuchungen mit Substanzen wie LSD oder Mescalin an schwer kranken Patienten und Menschen am Ende ihres Lebens unethisch und äußerst verwerflich. Auch die Untersuchungen an alkoholkranken Menschen erscheinen mir äußerst fragwürdig. Hat hier möglicherweise nur eine Suchtverschiebung stattgefunden?

#1 |
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