Dr. med. Twitter: Niederlande sind weiter

25. Juni 2012
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In den Niederlanden leisten zwei Ärzte mit einer medizinischen Beratung via Twitter seit zweieinhalb Jahren einen Beitrag zur Volksgesundheit. Und das Beste: Sie werden nicht einmal mit Schlamm beworfen.

Als einen Twitter-Pionier würde sich Bart Brandenburg nicht gerade bezeichnen. „Ich habe Twitter im Jahr 2009 eher zufällig kennengelernt. Aber ich war sofort begeistert, weil man dort gerade zum Thema E-Health unheimlich viele Informationen bekommt.“ Aus der Begeisterung entwickelte sich eine Idee: Warum sollte die Kommunikationsplattform Twitter nicht auch bei der medizinischen Beratung von Patienten gute Dienste leisten?

Beratung quer durchs medizinische Spektrum

Gesagt getan. Der ehemalige Hausarzt, der mittlerweile als Berater im E-Health-Umfeld arbeitet, tat sich mit dem noch praktizierenden Hausarzt Erik Jansen und dem IT-Spezialisten Filip van Dijk zusammen, gründete den Twitter-Account @tweetspreekuur – und wurde damit schlagartig bekannt. Das erstaunt ihn heute noch ein wenig: „Das war damals eine nachrichtenarme Zeit. Wir gaben Mitte Oktober 2009 den offiziellen Startschuss und kamen damit sofort in die nationalen Nachrichten.“ Dass da zwei Ärzte ankamen und behaupteten, auf Basis von 140-Zeilen-Nachrichten sowie gelegentlich einem Foto sinnvolle medizinische Aussagen treffen zu können, erregte Aufmerksamkeit.

Nachdem sowohl Brandenburg als auch Jansen einen hausärztlichen Hintergrund haben, war der inhaltliche Fokus von @tweetspreekuur von vornherein klar: „Wir präsentieren uns als Hausärzte und decken damit letztlich alle Indikationsgebiete ab.“ Die Tweets spiegeln diese Breite wider. Werden die 17 Abschnitte der International Classification of Primary Care zugrunde gelegt, dann gab es bereits Anfragen zu allen 17 Kapiteln. Erkrankungen des Bewegungsapparats, Hautprobleme und respiratorische Erkrankungen werden relativ häufig besprochen. Aber auch gastrointestinale Erkrankungen, neuropsychiatrische Erkrankungen und Erkrankungen aus dem gynäkologischen und urologischen Kontext sind immer wieder Thema. Foto- und Videoübertragungen sind möglich, etwa bei Hautbefunden, und davon wird auch immer wieder Gebrauch gemacht.

Schon rund 5000 Tweets

Den Anspruch, eine „echte“ hausärztliche Therapie zu ersetzen, haben Brandenburg und Jansen nicht. Das erwarten die Patienten, die bei @tweetspreekuur anfragen, aber auch gar nicht: „Die drei wichtigsten Gründe, aus denen wir kontaktiert werden, sind Beratung, Rückversicherung und Triage“, so Brandenburg. Bei „Triage“-Fragen geht es in der Regel darum, ob ein Arzt aufgesucht werden sollte oder nicht, und falls ja welcher. Häufig empfehlen die Twitter-Doktoren letztlich den Arztbesuch. Und oft machen die Patienten das dann auch: „Wir erheben kein systematisches Follow-up, fragen aber gelegentlich nach, was aus einzelnen Patienten geworden ist“, so Brandenburg.

Insgesamt haben Jansen und Brandenburg in den vergangenen zweieinhalb Jahren annähernd 5000 Tweets bearbeitet, pro Konsultation im Durchschnitt 8 Tweets. Die Anfragefrequenz war nach den ersten Medienberichten sehr hoch, hat sich dann aber bei 5 bis 10 Anfragen pro Woche eingependelt. Das ist handhabbar. Geld nehmen die beiden für ihre Twitter-Beratung nicht. Das ist möglicherweise auch einer der Gründe, warum das medizinische Establishment in den Niederlanden erstaunlich positiv reagiert hat. Wütendes Gepolter, wie es das deutsche Gesundheitswesen nach dem Start der Online-Praxis DrEd in London zum Besten gegeben hat, haben die Twitter-Ärzte nicht erlebt. Im Gegenteil: „Wir wurden sogar zu einem E-Health-Forum der niederländischen Ärztegesellschaft KNMG eingeladen, und unsere Präsentation war eine der am besten bewerteten Präsentationen der ganzen Veranstaltung.“

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Medizin

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4 Kommentare:

Ärztin

Wie im Text zu lesen sind Triage, Rückversicherung und Beratng die drei häufigsten Kontaktgründe.
Gerade die Triage, also in diesem Umfeld die Beratung ob und welchen Arzt man mit seinen Problemen konsultieren soll halte ich für einen nicht uninteressanten Aspekt.
Ein Koordinator oder gar ein Koordinatiosteam im Gesundheitssystem, der/das selbst nicht behandelt, könnte Arzt und Patient zusammenführen ohne dass Patienten vorher eine Odysse hinter sich gebracht haben und das Gesundheitssystem so sinnvoll entlasten. Ein solcher Koordiantor/team sollte aber nicht von der Krankenkasse gestellt werden sondern wie ein unabhängiger Gutachter funktionieren. Nach ausführlicher Anamnese sollte er den Patienten der richtigen Fachabteilung zuführen. Mehr nicht. Eine solche Aufgabe könnte auch per Internet erfüllt werden, es wird doch der Patient zum Arzt weitergeleitet. Eine Serviceleistung sollte das aber nicht sein sondern ein Bestandteil des Gesundheitssystems.

#4 |
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Rettungssanitäter

Über Sinn oder Unsinn läßt sich auch hier wieder stark diskutieren. Wenn man letztendlich den Arztbesuch als Abschluß bekommt bei einer Anfrage. mehr kann man natürlich auch nicht erwarten im Internet.
Das persönliche Gespräch und eine köperliche Untersuchung ist sowieso unumgänglich.
Eine Beratung per Internet ist absolut nichts neues. das machen sehr viele und man weiß nie wer wirklich hinter dem Rat oder Hinweis sitzt.
Also ich bin sehr zweigeteilt, was Beratung über das Internet geht.
Gesundheitliche Selbstverantwortung eines jeden Patienten ist wichtig und muss gefördert werden. Ebenso muss noch viel mehr Aufklärung betrieben werden, da können solche Plattformen enorm helfen.
Trotzdem danke an die Doc´s, gute Arbeit. Der Willen zählt.

#3 |
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Die Beratungsidee wird von mir als Integrationsmediziner selbst seit Jahrzehnten vertreten , aber zur Praxis über Internet ist folgendes noch zu verdeutlichen :
Bedenklich ist , daß hiermit der wichtigen Funktion der Eigenverantwortung der Patienten ( am besten auch mit Kosten ! ) nicht gedient ist ! Sie können sich wieder auf ” Ärzteführung ” berufen und ihre Bringpflicht zur Gesundheit vernachlässigen !
2. Heilerfolge gibt es v.a. , weil der Arzt Person ist ! Beratungspraxen durch qualifizierte Universalärzte sollten stattdessen diese Aufgabe übernehmen !
Hier wird einfach nicht genügend beachtet , daß keine ” Behandlung ” ( Handwerker-Philosophie ) sondern Heilung an Geist , Leib und Seele am meisten nottut !
In diesem Sinne Grüße an alle
Dr. Hoyme

#2 |
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Dr. med. Rolf Thelen
Dr. med. Rolf Thelen

Gute Idee –
Jedoch in DE vermutlich schwierig, da sich sofort jeder auf den Schlips getreten fühlt (vergleiche Reaktion DrED)

Gruß aus Frankreich

#1 |
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