Kariestherapie: Heilen statt heulen

2. Juni 2014
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Amalgam ist out und Komposite haben vor allem bei größeren Kavitäten ihre bekannten Defizite. Deshalb setzen Forscher auf unterschiedliche Konzepte. Ihre Ideen reichen von Photosensibilisatoren zur besseren Aushärtung bis hin zu Ansätzen der regenerativen Zahnmedizin.

Klassische Materialien zur Füllung von Kavitäten haben vor allem einen Nachteil. Zahnärzte starten die Aushärtung photochemisch. Müssen sie größerer Läsionen füllen, kostet das im Vergleich zu Amalgam deutlich mehr Zeit. Es gilt, mehrere Schichten aufzutragen, um einerseits unerwünschte Polymerisationsschrumpfungen zu kompensieren. Andererseits dringt die Strahlung handelsüblicher Polymerisationslampen nicht tief genug in das Material ein, um Komposite durchgängig auszuhärten.

Gutes aus Germanium

Professor Robert Liska vom Institut für angewandte Synthesechemie der Technischen Universität Wien sieht ein Problem vor allen in den Lichtquellen. Er erklärt, derzeit kämen vor allem Polymerisationslampen mit Emissionen im ultravioletten und sichtbaren Spektralbereich zum Einsatz. Kurze Wellenlängen bedeuten energiereiche Lichtquanten und kurze Eindringtiefen in das Füllmaterial. Längerwellige Strahlung wäre geeigneter, löst die photochemische Reaktion aber nicht mehr aus. Liskas Arbeitsgruppe hat jetzt eine Strategie entwickelt, um diese Probleme elegant zu lösen. Chemiker synthetisierten eine spezielle Germanium-Verbindung. Germanium hat ähnliche Eigenschaften wie Silicium, beide Elemente stehen in der gleichen Hauptgruppe des Periodensystems der Elemente. Die künstliche Germaniumverbindung ist nur zu 0,3 Prozent in Füllstoffen enthalten, hat aber eine zentrale Bedeutung. Der Trick: Blaues Licht führt zur Bildung von Radikalen, die eine Kettenreaktion im gesamten Kunststoffmix auslösen. Tests haben gezeigt, dass Durchhärtungstiefen praktisch verdoppelt wurden – und Patienten kürzer auf dem Behandlungsstuhl ausharren müssen. In reiner Form kostet die künstliche Germaniumverbindung viel Geld – ein Kilogramm schlägt mit etwa 20.000 Euro zu Buche. Da aber nur Spuren zum Start der chemischen Reaktion benötigt werden, sehen Forscher darin kein KO-Kriterium. Fragen zur Toxizität müssen noch geklärt werden. Hier gibt es bei marktüblichen Füllungsmaterialien aber auch zahlreiche Unklarheiten. So diskutieren Wissenschaftler, TEGDMA (Triethylenglycol-dimethacrylat) könne zumindest in sehr hohen Konzentrationen mutagen reagieren. Entsprechende Tests werden auch für Germaniumverbindungen vor der kommerziellen Verwertung erforderlich sein.

Selbstheilung ohne Zauberkraft

Bleibt noch der Wunschtraum von Patienten, Selbstregenerationsprozesse in Zähnen auszulösen anstatt mit Bohrern und Kompositen traktiert zu werden. Schweizer Biotechnologen haben sich seit einigen Jahren auf die Suche nach entsprechenden Faktoren gemacht und wurden tatsächlich fündig. Das synthetische Peptid p11-4 („Curodont“) könnte in Zukunft klassische Behandlungsstrategien überflüssig machen. Es simuliert natürliche Prozesse, wie sie bei der Odontogenese ablaufen. Das geht so: Zunächst wandert p11-4 in kleine Läsionen und vernetzt sich molekular, so dass ein faserartiges Netzwerk entsteht. Über Calciumphosphat aus dem Speichel bilden sich anschließend mikroskopisch kleine Zahnschmelzkristalle, und die Läsion regeneriert sich. Mittlerweile hat Jennifer Kirkham erste wissenschaftliche Resultate im „British Dental Journal“ veröffentlicht. Um Sicherheit und Effektivität unter Beweis zu stellen, wählte die Forscherin 15 Erwachsene mit White-Spot-Läsionen aus. Patienten erhielten einmalig das Peptid P11-4. Bereits nach 30 Tagen konnte Kirkham Remineralisierungsprozesse nachweisen, und die Größe von Läsionen verringerte sich signifikant. Bei elf Personen traten Nebenwirkungen auf, von denen sich zwei auf die Proteingabe zurückführen ließen. Zusätzlich untersuchten Professor Dr. Anahita Jablonski-Momeni und Dr. Monika Heinzel-Gutenbrunner, Marburg, extrahierte und künstlich entmineralisierte Zähne im Labor. Mit Hilfe von Fluoreszenzmessungen wiesen sie in der Testgruppe signifikant höhere Remineralisierungsraten nach als ohne P11-4.

Zellen einfach umprogrammiert

Das praktisch Machbare geht aber noch deutlich weiter. Beispielsweise gingen chinesische Wissenschaftler um Duanqing Pei der Frage nach, ob induzierte pluripotente Stammzellen (iPS) Potenziale für die Zahnmedizin besitzen. Sie isolierten Zellen ableitender Harnwege aus dem Urin von Probanden. Nach der Umprogrammierung und der Fusion mit Mesenchymgewebe aus Mäusen bildeten sich zahnähnliche Strukturen inklusive Pulpa, Dentin und Zahnschmelz, die sich hinsichtlich ihrer Härte allerdings von menschlichen Vorbildern unterschieden. Professor Chris Mason, Wissenschaftler am University College London, kritisiert die Arbeit wegen möglicher Verunreinigungsgefahren bei der Gewinnung von Zellen aus Urin. Trotzdem sehen Arbeitsgruppen Potenziale, Läsionen oder extrahierte Zähne über regenerative Ansätze zu behandeln. Vom Labor bis zum Behandlungsstuhl werden aber noch etliche Jahre, wenn nicht Jahrzehnte, vergehen.

81 Wertungen (4.37 ø)

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9 Kommentare:

Studentin der Humanmedizin

Welche Nahrung nun gesünder ist für die Zähne, die Frage stellt sich in zusammenhang mit Konsum vieler Gemüsen & Früchte: Die sorgen zwar für ein gutes basisches Milieu im Mund und somit eine gute Speichelqualität, aber sie verursachen Erosionen, die sehr schädigend sind. Im Vergleich zu Rohrohrzucker nicht besser, sondern anders…
Vielleicht kommt zu guter Letzt nur die Zahnpflegequalität zum Tragen beim Vermeiden des Verschleisses: Eben die weiche Zahnbürste, eine beste Zahnpaste, und die besten Zahnputzzeiten zwei Mal pro Tag.
Das P11-4 finde ich wunderbar, insofern es die Zahnärzte nicht erübrigen wird im Laufe der zeit. Sie sind Künstler, schöne Arbeiten liefernd. Es entspricht Aesthetik, und was hätte Urin-Material dabei verloren? Ich würde nie im Leben mit Urin im Mund herum laufen.

#9 |
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Man schaue sich nur mal das Gebiss von Menschen mit hereditärer Fruktoseintoleranz an. Die meisten Betroffenen entwickeln bereits im Kindesalter eine Aversion gegen Süßes (irgendwie merkt der Körper bei entsprechender Heftigkeit der Auswirkungen doch recht oft, was ihm nicht gut tut). Entsprechend gering ist das Risiko für Karies.

#8 |
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Gast
Gast

@Dr. Norbert Guggenbichler, völlig richtig!
Zuerst bitte Schadensvermeidung, dann erst Schadensbehandlung.
Beim Kleinkind liegt es wirklich noch in der Hand der Eltern.
Dazu braucht es wirklich keine “Alternativmedizin”.

#7 |
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Manfred OCH
Manfred OCH

Die Rohrohrzucker-Lobby steckt in praktisch jedes BIO-Produkt diese extrem kariesfördernde Zuckerart.

Bereits vor 30 Jahren wurde im Fernsehen vor Rohrzucker gewarnt.

Probanden waren die Inselbewohner in Mittel- und Südamerika, die den Rohrzucker
wie ein Grundnahrungsmittel verspeisen…

Die Zahnärzte frohlocken!

#6 |
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ZMP Claudia Löffler
ZMP Claudia Löffler

Bemüht man kurz Google zum Thema fermentierter Lebertran kann man erfahren, dass Frau Sarah Schmid ein Buch übersetzt hat über natürliche Kariesbehandlung. Dort ist bestimmt alles gut beschrieben.

#5 |
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Renate Tschur
Renate Tschur

Renate Tschur
Heilpraktikerin
Frage an Sarah Schmid: Wie nehmen Sie den fermentierten Lebertran ein und über welchen Zeitraum? Daß die gesunde Ernährung und eine regelmäßige Zahnpflege, bzw. Reinigung mitberücksichtigt werden müssen ist selbstverständlich.

#4 |
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Und wie beugen Vegetarier der Karies vor? Was empfehlen Sie gegen die Überfischung der Meere? Haben nicht vor allem raffinierte Kohlehydrate etwas mit Karies bzw. Kariesfreiheit zu tun?

#3 |
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Heilpraktikerin

Farge an Sarah Schmid: Ist “normaler Lebertran” identisch mit dem fermentierter Lebertran ? Wenn ich Ihen Kommentar richtig lese, das sind fermentierter Lebertran und eine gesunde, traditionelle Ernährung völlig ausreichend?

#2 |
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Sarah Schmid
Sarah Schmid

Die beste und simpelste Lösung fehlt: fermentierter Lebertran und eine gesunde, traditionelle Ernährung. Bringt Karies ganz natürlich zum Stillstand und weiche Stellen zum Aushärten. Der Zahnarzt Weston Price hat das bereits in den 30er erforscht und erfolgreich angewandt. Das hat auch mir das lästige Problem nach Jahren unzählicher Zahnarztbesuche endlich und dauerhaft vom Hals geschafft.

#1 |
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