Arthritis: Medikamentöse Doppelwirkung entdeckt

4. Juni 2014
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Entzündungshemmende Medikamente, die zur Behandlung von rheumatoider Arthritis eingesetzt werden, sowie Präparate, die die Immunreaktion steigern und zur Melanom-Therapie verabreicht werden, schützen bzw. schädigen das Knochengerüst. So das Ergebnis einer aktuellen Studie.

Die meisten Vorgänge im menschlichen Körper werden von Enzymen kontrolliert. In experimentellen Untersuchungen und anhand der Datenauswertung von Patienten, die an rheumatoider Arthritis oder einem Melanom erkrankt waren, fanden die Forscher heraus, dass die Aktivierung oder Hemmung des körpereigenen Enzyms IDO (Indolamin-2,3-Dioxygenase) nicht nur Entzündungsreaktionen stoppt bzw. steigert, sondern auch die Anzahl der knochenfressenden Zellen beeinflusst. „IDO ist für das Immunsystem und den Knochen von entscheidender Bedeutung“, betont Prof. Dr. Aline Bozec vom Universitätsklinikum Erlangen.

Im menschlichen Körper stellt IDO das wichtigste Enzym für den Abbau der Aminosäure Tryptophan in die Hormone Serotonin und Melatonin dar. Die Aminosäure kann nicht vom Körper selbst gebildet werden, sondern muss durch Nahrungsmittel, wie z.B. Schokolade, aufgenommen werden. „Wir konnten zeigen, dass Medikamente, die das Enzym IDO anregen, knochenfressende Zellen im Körper hemmen und somit den Knochen schützen“, erklärt Prof. Dr. Bozec. Solche Arzneimittel werden aktuell gegen überschießende Immunreaktionen, wie bei Arthritis oder gegen Abstoßungsreaktionen nach Transplantationen, eingesetzt.

Aktivierung von IDO

Die Präparate ahmen dabei das körpereigene Eiweiß CTLA-4 nach, regen das Enzym IDO an, wodurch die Anzahl der Osteoklasten reduziert wird. Dass durch die Aktivierung von IDO der Knochenabbau gemindert wird, war bisher unbekannt. Im gesunden Körper halten sich knochenbildende Osteoblasten die Waage mit knochenabbauenden Osteoklasten. „Diese medikamentöse Regulierung des Immunsystems erweitert unser Wissen über die Wirkungsweisen von immununterdrückenden Medikamenten gegen entzündliche Knochen- und Gelenkerkrankungen und Osteoporose“, erklärt Prof. Dr. Georg Schett vom Universitätsklinikum Erlangen.

Kommunikationsweg aufgedeckt

Ins Visier der Forscher gelangte damit auch ein Krebsmedikament, das zur Behandlung des schwarzen Hautkrebses eingesetzt wird. „Wir können beim metastasierten Melanom zum Teil verblüffende Behandlungserfolge mit Hemmern von CTLA-4 erreichen“, erklärt Prof. Dr. Lucie Heinzerling von der Hautklinik Universitätsklinikum Erlangen. Ziel dieser Medikamente ist es, die Immunantwort zu steigern. „Wir haben vermutet, dass IDO eine Rolle bei der Wirkung gegen Tumore in der Behandlung mit CTLA-4-Hemmern spielt. Sie reduzieren die Aktivität des Enzyms. Gleichzeitig wird die Anzahl der knochenabbauenden Zellen erhöht. Das ist eine sehr wichtige Erkenntnis und langfristig für die Behandlung unserer Patienten von großem Interesse“, hebt Prof. Dr. Heinzerling hervor. Mit dieser Arbeit ist es Prof. Dr. Aline Bozec gelungen, einen wesentlichen Kommunikationsweg zwischen Immunsystem, Tumor und Knochen im menschlichen Körper aufzudecken.

Originalpublikation:

T Cell Costimulation Molecules CD80/86 Inhibit Osteoclast Differentiation by Inducing the IDO/Tryptophan Pathway
Aline Bozec et al.; Science Transl. Med., doi: 10.1126/scitranslmed.3007764; 2014

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Medizin, Onkologie, Orthopädie

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2 Kommentare:

Medizinische Dokumentarin

Ob diese Erkenntnis auch auf die Kombination von indoleamine 2,3-dioxygenase und tryptophan 2,3-dioxygenase (TDO) und tranylcypromine für die Behandlung einer Depression übertragbar ist und ebenfalls die Anzahl der knochenabbauenden Zellen erhöht würde mich sehr interessieren.

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Gast
Gast

Das heißt also, CTLA-4-Hemmer führen zur Osteoporose,
sensationell.

#1 |
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